{"id":1890,"date":"2024-10-11T11:59:05","date_gmt":"2024-10-11T09:59:05","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1890"},"modified":"2024-10-11T11:59:05","modified_gmt":"2024-10-11T09:59:05","slug":"junge-nutzer-die-unbekannten-wesen-und-warum-journalismus-sie-doch-erreichen-kann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/junge-nutzer-die-unbekannten-wesen-und-warum-journalismus-sie-doch-erreichen-kann\/","title":{"rendered":"Junge Nutzer, die unbekannten Wesen &#8211; und warum Journalismus sie doch erreichen kann"},"content":{"rendered":"\n<p>Wenn Verlagsmanager und Senderverantwortliche \u00fcber junge Menschen sprechen, kommt einem zuweilen der Titel eines Aufkl\u00e4rungsbestsellers aus den sechziger Jahren in den Sinn: <em>Meine Frau, das unbekannte Wesen.<\/em> Vielen Verantwortlichen in den Medienh\u00e4usern scheinen die jungen Nutzer so nah und doch so fern zu sein, wie damals offenbar dem einen oder anderen die Ehefrau. Dabei k\u00f6nnte man so viel lernen, w\u00fcrde man den Objekten der Begierde einfach mal zuh\u00f6ren.\u00a0<\/p>\n<p>Das hat nun eine Gruppe von Medienforschern im Auftrag von FT Strategies und dem Knight Lab getan. Der Report <a href=\"https:\/\/www.next-gen-news.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>Next Gen News: understanding the audiences of 2030<\/em><\/a> eignet sich durchaus, nun ja, als Aufkl\u00e4rungslekt\u00fcre.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Einige Erkenntnisse aus der Studie, die keine Umfrage ist, sondern sich mit tats\u00e4chlichem Verhalten besch\u00e4ftigt, d\u00fcrften f\u00fcr die Medienbranche schmerzhaft sein. Etliche sind aber nur unangenehm, wenn man sich vor Arbeit dr\u00fccken m\u00f6chte. Denn die jungen Nutzer in den drei untersuchten M\u00e4rkten USA, Nigeria und Indien sch\u00e4tzen Journalismus durchaus. Sie k\u00f6nnen oft nur nichts mit jenem Journalismus anfangen, der in vielen Redaktionen jahrzehntelang als Goldstandard galt und sich wohl schon damals nicht ausreichend verkauft h\u00e4tte, w\u00e4re er nicht in lukrative Gesch\u00e4ftsmodelle verpackt gewesen.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Junge Menschen wollen kein Geschwurbel<\/h2>\n<p>Zun\u00e4chst also zu den wom\u00f6glich nicht so willkommenen Wahrheiten. Die erste ist, dass der so genannte Qualit\u00e4tsjournalismus schon immer eine Sache f\u00fcr Eliten war. Er erreichte eine relativ kleine Schicht gebildeter Menschen, vorrangig M\u00e4nner. Wer dazugeh\u00f6ren wollte, empfand einen gewissen Stolz dabei, sich durch Bleiw\u00fcsten qu\u00e4len zu k\u00f6nnen oder Nachrichten auszusitzen, von denen vielleicht zehn Prozent mit dem eigenen Leben zu tun hatten \u2013 darunter der Wetterbericht.\u00a0<\/p>\n<p>Die junge Generation hingegen ist selbstbewusster als ihre Vorg\u00e4nger. Sie findet sich mit Geschwurbel nicht mehr ab, da sie dank Digitalisierung wei\u00df, dass man alles auch einfacher, anschaulicher, respektvoller oder lustiger erkl\u00e4ren kann. Dies gilt insbesondere in M\u00e4rkten und f\u00fcr Menschen, denen der Zugang zu vielf\u00e4ltigen Informationen fr\u00fcher verschlossen war.<\/p>\n<p>Zu diesem Blick von oben herab geh\u00f6rt auch die recht willk\u00fcrliche Einteilung in harte und weiche Nachrichten, Stoffe oder Ressorts. Als hart galten Politik und Wirtschaft, als weich, oder zumindest weicher, eben der Rest. Nicht einmal die in den Siebzigerjahren gepr\u00e4gte Aussage, das Private sei politisch, konnte Nachrichtenchefs f\u00fcr die l\u00e4ngste Zeit davon \u00fcberzeugen, dass die Wortblase eines Ministerpr\u00e4sidenten mehr Nachrichtenwert hat als Debatten um die Aufteilung der Familienarbeit, der ewige Stau auf der Bundesstra\u00dfe oder der \u00f6kologische Fu\u00dfabdruck des Skiurlaubs. Zwar wunderten sich Redaktionsleiter ab und an, dass \u00fcberwiegend M\u00e4nner Zeitung lasen, aber selten dachten sie dar\u00fcber nach, woran das lag \u2013 und noch seltener taten sie etwas dagegen.\u00a0<\/p>\n<p>Die j\u00fcngere Generation, in der M\u00e4nner und Frauen zumindest versuchen, sich mit \u00e4hnlichem Einsatz ums Familienleben zu k\u00fcmmern, h\u00e4lt pl\u00f6tzlich Themen f\u00fcr relevant, die Chefredakteure \u00e4lterer Jahrg\u00e4nge \u2013 \u00fcberwiegend ehemalige Politikreporter \u2013 maximal in Frauenzeitschriften geduldet h\u00e4tten. Aber f\u00fcr die Jungen ist das Private eben politisch, das Weiche zuweilen ziemlich hart.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Auch unter Jungen gilt: Klasse statt Masse \u2013 nur eben anders<\/h2>\n<p>Besonders unpopul\u00e4r d\u00fcrfte die Einsicht sein, dass die Branche im Digitalen fr\u00fch falsch abgebogen ist und auf Masse statt Qualit\u00e4t gesetzt hat. Denn das r\u00fcttelt am Selbstbild von Digitalchefs, die sich \u00fcblicherweise als Chef-Innovatoren betrachten. Aber Hingucker schaffen selten Loyalit\u00e4t, sorgf\u00e4ltiges Kuratieren ist journalistisches Kerngesch\u00e4ft. Zu sp\u00e4t d\u00e4mmerte es vielen Verantwortlichen, dass verl\u00e4ssliche, vertrauensvolle Beziehungen zu den Nutzern das Kapital erfolgreicher Medienunternehmen sind \u2013 wie schon zur Bl\u00fctezeit des Zeitungsabos. Junge Menschen empfinden das ganz genauso. Sie sch\u00e4tzen Tiefe, Augenh\u00f6he \u2013 auch im Umgang mit Fehlern \u2013 , Sorgfalt in der Auswahl und Ansprache. Keinesfalls wollen sie von Meldungen erdr\u00fcckt werden. Erfolgsgeschichten wie die d\u00e4nische Online-Marke <em>Zetland<\/em>, die mit ihrem \u201eslow journalism\u201c bei einem vergleichsweise jungen Publikum gut ankommt und profitabel ist, belegen das.\u00a0<\/p>\n<p>In der Untersuchung von FT Strategies gaben viele zu Protokoll, dass sie Push-Mitteilungen zwar als Informationsquellen nutzten, aber nie \u00f6ffneten. (Zu Papierzeiten las man schlie\u00dflich oft auch nur die Schlagzeilen.) \u201eSifting through the noise\u201c: Aus dem Nachrichtenstrom das herauszufischen, was f\u00fcr sie N\u00e4hrwert hat, ist f\u00fcr die Jungen zur Kulturtechnik geworden. Und weil Ablenkung und Unterhaltung \u00fcberall sind, erwarten sie vom Journalismus einen Mehrwert. Zwei Drittel w\u00fcnschen sich, er solle konstruktiv und l\u00f6sungsorientiert sein.\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der vertrauensvolle News-Anchor ist heute Influencer \u2013 und Experte auf seinem Gebiet<\/h2>\n<p>Vertrauensvolle Beziehungen h\u00e4ngen oft an Pers\u00f6nlichkeiten. \u00c4hnlich wie die Alten Ulrich Wickert, Anne Will oder Peter Kloeppel sch\u00e4tzten, folgen die J\u00fcngeren \u201eihren\u201c Influencern, wie Mai Thi Nguyen-Kim oder (international) Sophia Smith Galer. Der Unterschied ist, dass journalistische Influencer auf Kan\u00e4len unterwegs sind, auf denen die Linien zwischen Journalismus, Meinung und Marketing verschwimmen, die Studie nennt das \u201einformation context collapse\u201c. Aber es w\u00e4re pure Arroganz zu behaupten, junge Menschen seien zu dumm, das zu erkennen. Sie betrachten stattdessen alle Ver\u00f6ffentlichungen mit einer ausgepr\u00e4gten Skepsis. Auch bei den traditionellen Medienmarken wittern sie zuweilen Interessen, die nicht ganz mit dem Pressekodex zu vereinbaren sind \u2013 wer mag es ihnen verdenken?\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Was junge Nutzer wirklich von \u00e4lteren unterscheidet: Sie erwarten mehr Authentizit\u00e4t. Dem Chefredakteur, der in der Konferenz regelm\u00e4\u00dfig murmelte, man m\u00fcsse nicht im Krieg gewesen sein, um dar\u00fcber zu schreiben, w\u00fcrden sie ein fr\u00f6hliches \u201edoch!\u201c zurufen. Immerhin gibt es ausreichend Menschen mit allen m\u00f6glichen Erfahrungen, warum l\u00e4sst man sie nicht zu Wort kommen? Weniger als fr\u00fchere Generationen verlassen sie sich auf Seniorit\u00e4t und Hierarchie. Dies stellt Redaktionen vor ein Problem. Denn woher soll man all die jungen Kollegen nehmen, die \u201eauthentisch\u201c mit ihren Alterskohorten auf Augenh\u00f6he kommunizieren \u2013 und was tun sie mit den anderen? Schlie\u00dflich sp\u00fcren junge Reporter schnell, was sie liefern m\u00fcssen, um ihre Chefs zu beeindrucken, manch einer schreibt schon mit 30 so, wie er es sich beim 50-j\u00e4hrigen, intern hochgelobten Kollegen abgeschaut hat. Hier sind eine aktive Personalpolitik und eine wertsch\u00e4tzende Redaktionskultur gefragt. Gestandene Redakteure brauchen Offenheit und eine gewisse Demut. Sie sollten ihre alten Glaubenss\u00e4tze auch mal hinterfragen und in Sachen Angriffslustigkeit und W\u00f6rter-Verliebtheit abr\u00fcsten, ohne sich den Jungen anzubiedern und journalistische Grunds\u00e4tze aufzugeben.\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Junge Menschen zu verstehen und mit journalistischen Produkten zu erreichen ist also gar nicht so schwer. Man muss sich aber M\u00fche geben. Und das scheuen viele, die lieber mit alten Gesch\u00e4ftsmodellen Geld verdienen als Beziehungen aufbauen wollen. Eine wichtige Erkenntnis der Studie sollte ihnen jedoch zu denken geben: Auch \u00e4ltere Nutzer integrieren moderne Technologie gerne in ihren Lebensstil \u2013 nur mit Zeitverzug. Gro\u00dfeltern kommunizieren heute selbstverst\u00e4ndlich mit WhatsApp, verschicken digitale Fotos, nutzen Facebook oder gar TikTok. Wer die Jungen gewinnt, sichert sich deshalb wom\u00f6glich auch die Loyalit\u00e4t der Alten \u2013 auch wenn die sich nur ungern duzen lassen. Helje Solberg, Chefredakteurin beim norwegischen Fernsehsender <em>NRK<\/em>, beobachtet zudem einen positiven Nebeneffekt, den sie in Interviews f\u00fcr den EBU News Report skizziert hat: Formate, die bei jungen Leuten ankommen, erwiesen sich h\u00e4ufig als inklusiver, sie erreichten Menschen verschiedener Bildungsgrade, Herk\u00fcnfte und Gesellschaftsschichten. Wom\u00f6glich sollte das die Definition von Qualit\u00e4tsjournalismus sein.<\/p>\n<p><em>Diese Kolumne erschien bei <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/der-junge-nutzer-das-unbekannte-wesen\/21050\/\">Medieninsider am 28. M\u00e4rz 2024<\/a>. Aktuelle Kolumnen lassen sich mit einem Abo lesen.\u00a0<\/em><\/p>\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn Verlagsmanager und Senderverantwortliche \u00fcber junge Menschen sprechen, kommt einem zuweilen der Titel eines Aufkl\u00e4rungsbestsellers aus den sechziger Jahren in den Sinn: Meine Frau, das unbekannte Wesen. Vielen Verantwortlichen in den Medienh\u00e4usern scheinen die jungen Nutzer so nah und doch so fern zu sein, wie damals offenbar dem einen oder anderen die Ehefrau. 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