{"id":1892,"date":"2024-10-11T12:25:04","date_gmt":"2024-10-11T10:25:04","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1892"},"modified":"2024-10-11T12:25:05","modified_gmt":"2024-10-11T10:25:05","slug":"alb-traumberuf-journalist-so-koennten-verlage-der-nachwuchskrise-begegnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/alb-traumberuf-journalist-so-koennten-verlage-der-nachwuchskrise-begegnen\/","title":{"rendered":"(Alb-)Traumberuf Journalist &#8211; So k\u00f6nnten Verlage der Nachwuchskrise begegnen"},"content":{"rendered":"\n<p>Es ist eine Weile her, da galt der \u201eVolont\u00e4rsbeauftragte\u201c als eine Art W\u00e4chter vor dem Paradies. Die Journalistenausbildung war begehrt, und wer sich bewarb, musste daf\u00fcr einiges tun \u2013 zum Beispiel zum \u201eProbearbeiten\u201c antreten. Mittlerweile hat sich die Dynamik ins Gegenteil verkehrt.<\/p>\n<p>Assessment Center m\u00f6ge er das gar nicht mehr nennen, sagte ein f\u00fcr die Ausbildung verantwortlicher Kollege einer deutschen Regionalmarke k\u00fcrzlich auf dem Forum Lokaljournalismus. \u201eEs ist mittlerweile so, dass wir uns bei denen bewerben.\u201c\u00a0<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Branche steckt in der Talentekrise<\/h2>\n<p>Zun\u00e4chst hatte man sich \u2013 typisch Journalistin \u2013 gewundert, im April 2024 wegen einer f\u00fcnf (!) Jahre alten Studie zu der Veranstaltung der Bundeszentrale f\u00fcr Politische Bildung eingeladen worden zu sein. Im Workshop-Raum wurde allerdings schnell klar: Der Titel der Studie <em><a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/our-research\/are-journalists-todays-coal-miners-struggle-talent-and-diversity-modern-newsrooms\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Are Journalists Today\u2019s Coal Miners?<\/a><\/em> hat keinerlei an Aktualit\u00e4t verloren und beschreibt die gegenw\u00e4rtige Situation in den Regionalverlagen recht genau. Zusammengefasst: Immer weniger junge Menschen interessieren sich f\u00fcr Journalistenjobs, die Qualit\u00e4t der Bewerbungen sinkt \u2013 und etliche von denen, die dann doch anheuern, sind schnell wieder weg. Die Branche steckt mitten in der Talente-Krise.<\/p>\n<p>Dabei habe man die Anforderungen doch schon gesenkt, lamentierten einige Diskutanten. Fr\u00fcher habe man Anschreiben mit Rechtschreibfehlern sofort weggelegt oder m\u00fcde abgewunken, wollte jemand das Abenteuer Journalistenberuf ohne F\u00fchrerschein wagen. Heute versuche man, jegliche Homeoffice-W\u00fcnsche mit den Anforderungen des aktuellen Gesch\u00e4fts zu verbinden. Aber wo nicht Berlin, Hamburg, Leipzig, oder K\u00f6ln in der N\u00e4he seien, winkten heute die meisten jungen Leute ab.\u00a0<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnde f\u00fcr das mangelnde Interesse am einstigen Traumberuf sind vielf\u00e4ltig. Einstiegsgeh\u00e4lter nach dem Volontariat \u201eknapp unter Busfahrer in M\u00fcnchen\u201c (so ein Teilnehmer), hohe Arbeitsbelastung, die schwierige Situation der Branche und zunehmende Anfeindungen geh\u00f6ren dazu. Der wichtigste d\u00fcrfte aber das sein, was ein Chefredaktionsmitglied so beschrieb: \u201eDie jungen Leute haben keinen Produktkontakt mehr\u201c.<\/p>\n<p>Wer sich vorwiegend auf Instagram und TikTok \u00fcber das Weltgeschehen auf dem Laufenden h\u00e4lt, dem fehlen nicht nur die Vorbilder, die mit dem Wei\u00dfen Haus im Hintergrund die Lage erkl\u00e4ren, in Schutzweste vor Tr\u00fcmmern in Charkiw stehen oder als sonor plaudernde Radiomoderatorin den morgendlichen Erstkontakt zur Au\u00dfenwelt herstellen. Der potenzielle Nachwuchs fragt sich auch, warum er f\u00fcr etwas, das heute jeder selbst produzieren kann, eine Ausbildung und eine Marke als Ausspielkanal baucht, die jeder mit seinen Gro\u00dfeltern assoziiert. Wer dann noch auf F\u00fchrungskulturen aus dem vergangenen Jahrhundert trifft, schaltet ab.<\/p>\n<p>All dies wurde in der oben genannten, 2019 vom Reuters Institute in Oxford und der Universit\u00e4t Mainz herausgegebenen und von der Deutsche Telekom Stiftung finanzierten Studie thematisiert. Dort ging es auch um mangelnde Vielfalt in Redaktionen Deutschlands, Schwedens und Gro\u00dfbritanniens, was damals vielen als das dr\u00e4ngende Thema erschien. Beim Stichwort Talentekrise hatten noch viele abgewunken. Ein Grund ist, dass die Debatte \u00fcber Journalismus und Medien vorwiegend von den gro\u00dfen Marken dominiert wird, bei denen sich der Bewerbermangel in Grenzen hielt. Aber nun, da viele Baby-Boomer in Rente gehen, wissen Regionalverlage kaum noch, wo der Nachwuchs herkommen soll. Und viele derjenigen, die dann doch einsteigen, wollen arbeiten wie die Alten, statt dem Verlagshaus den Weg in die Zukunft zu zeigen. Sie wollen lange Geschichten recherchieren und schreiben, statt TikToks zu produzieren (oder der \u201ehuman in the loop\u201c bei der KI-assistierten Produktion zu sein).<\/p>\n<p>Viele in der Branche scheinen verzweifelt, doch die Lage ist nicht aussichtslos. Es gibt Mittel und Wege, die Attraktivit\u00e4t des Journalistenberufs und der Branche zu steigern.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">L\u00f6sung eins: Diversit\u00e4t<\/h2>\n<p>Man kann gleich zwei Probleme l\u00f6sen, in dem man sie miteinander kombiniert. Viele H\u00e4user ringen ohnehin um mehr Vielfalt in den Redaktionen, um die Gesellschaft abzubilden und hoffentlich neue Zielgruppen zu erreichen. Das hei\u00dft: Theoretisch k\u00f6nnten sie aus einem deutlich gr\u00f6\u00dferen Kandidaten-Pool sch\u00f6pfen als fr\u00fcher, wo \u00fcberwiegend die sehr gute Deutschnote Voraussetzung f\u00fcr eine Journalistenkarriere war. Zweitens haben etliche Verlage das erkannt und tun eine ganze Menge, um sich attraktiver f\u00fcr junge Kollegen zu machen. Leider ist dies anstrengend.\u00a0<\/p>\n<p>Mit dem \u00d6ffnen der Tore f\u00fcr junge Menschen, deren Herkunft, Bildung, Hautfarbe, Muttersprache oder Religionszugeh\u00f6rigkeit nicht der Mehrheit entsprechen, ist es n\u00e4mlich nicht getan. Man muss zun\u00e4chst aktiv um sie werben und sie dann auch entsprechend ermutigen, begleiten, zum Teil extra ausbilden. Gerade Kinder aus Einwandererfamilien werden oft von ihren Familien vom Weg in den Journalismus abgehalten. Gro\u00dfeltern oder Eltern h\u00e4tten viel daf\u00fcr riskiert und geopfert, hei\u00dft es dort, um den Kindern den Aufstieg zu erm\u00f6glichen. Im Gegensatz zur Medizin, zur Juristerei oder dem Ingenieurwesen gilt der Journalismus nicht als Aufstiegsberuf \u2013 zumal Pressefreiheit in einigen Herkunftsl\u00e4ndern nicht vorgelebt werden konnte.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">L\u00f6sung zwei: Anpassungsdruck abbauen\u00a0<\/h2>\n<p>Die n\u00e4chste H\u00fcrde ist die Redaktionskultur. Wer zu einer Minderheit geh\u00f6rt und trotzdem brilliert, tut das oft unter erheblichem Anpassungsdruck. Diese Kandidaten haben ein exzellentes Gesp\u00fcr f\u00fcr die Mehrheitsnormen und werden sich diesen eher anpassen, als dagegenzuhalten. Das hei\u00dft dann f\u00fcr die Redaktionen, dass sie zwar optisch besser aussehen, aber inhaltlich nicht von der Vielfalt profitieren. Eine wertsch\u00e4tzende Kultur, in der man abweichende Stimmen ermutigt, ihnen zuh\u00f6rt und ihre Ideen auch mal umsetzt, ist die Grundvoraussetzung f\u00fcr ein inklusives Klima.\u00a0<\/p>\n<p>Es geht darum, die St\u00e4rken der jungen Kollegen zu erkennen, zu nutzen und darin zu investieren, nicht darum, sie in das alte Schema zu pressen. Wer das hinbekommt, entwickelt nicht nur loyale Mitarbeiter, sondern hilft auch dem Produkt und damit letztlich dem Publikum. Beim Birminghamer Ableger der gr\u00f6\u00dften britischen Regionalzeitungsgruppe Reach war es zum Beispiel eine muslimische Volont\u00e4rin, die <a href=\"https:\/\/www.thepressawards.com\/finalists\/birminghamlive-birmingham-mail-m0009\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">den preisgekr\u00f6nten Newsletter <em>\u00a0Brummie Muslims<\/em><\/a> entwickelt und zu einer Erfolgsgeschichte gemacht hatte.\u00a0<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">L\u00f6sung drei: Weg von den Muster-Ausbildungen<\/h2>\n<p>Verlage haben einige interessante, zum Teil sogar erfolgreiche Versuche in der Mache, um den Trend zu drehen. Die einen <a href=\"https:\/\/www.swp.de\/lokales\/ulm\/lust-auf-journalismus_-wir-suchen-helle-koepfe-fuer-unser-volontariat-29217059.html\">setzen Karriereseiten<\/a> auf, die barrierefrei konzipiert sind, also Bewerber nicht mit \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Anforderungen abschrecken. Die anderen haben Quereinsteiger eingestellt: die ehemalige Versicherungskauffrau, die jetzt Service-St\u00fccke schreibt, die ehemalige Kinderg\u00e4rtnerin, die es versteht, mit verschiedensten Menschen ins Gespr\u00e4ch zu kommen; den Instagramer mit den vielen Followern, der die Marke bei jungen Leuten bekannt macht \u2013 wenngleich er niemals als Blattmacher im Sonntagsdienst einsetzbar sein wird. Die <em>WAZ<\/em> br\u00fcstet sich damit, Deutschlands erstes Klimavolontariat anzubieten. Und dann gibt es tats\u00e4chlich solche Arbeitgeber, die mehr zahlen \u2013 ein Deutschland-Ticket gibt es obendrauf. Die Ausbildungsbeauftragte der Freien Presse Chemnitz, Jana Klameth, brachte es beim Forum Lokaljournalismus auf den Punkt: \u201eWir brauchen viele zugeschnittene Volontariate. Eines f\u00fcr alle, das geht nicht mehr.\u201c<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Diese Herausforderung bleibt<\/h2>\n<p>Mit etwas M\u00fche, der richtigen Verkaufe und ein paar Anreizen d\u00fcrfte das Werben eigentlich gelingen. Ist \u201ePurpose\u201c nicht angeblich eines der wichtigsten Themen f\u00fcr die j\u00fcngeren Generationen? Einige Verlage beobachten das; allerdings zieht dieses Argument wohl vor allem bei Frauen. Der Nachwuchs sei \u00fcberwiegend weiblich, hei\u00dft es. Und das hat man ja schon in anderen Berufen beobachtet, in denen Status und Geh\u00e4lter in gleichem Ma\u00dfe sanken wie die Arbeitsanforderungen stiegen.<\/p>\n<p>Was aber noch \u00fcberzeugender sein sollte als das Sinnstiftende am Beruf ist die Aussicht auf eine Top-Qualifikation. Journalisten m\u00fcssen heute so viel mehr k\u00f6nnen als fr\u00fcher: Es geht nicht nur ums Geschichtenerz\u00e4hlen, sondern um Produktentwicklung, Datenanalyse, den Umgang mit KI, das Verst\u00e4ndnis von Gesch\u00e4ftsmodellen und Distributionskan\u00e4len \u2013 alles F\u00e4higkeiten, die Bewerber auch in anderen Branchen hoch attraktiv machen. Und hiermit tut sich f\u00fcr die Medienh\u00e4user das n\u00e4chste Problem auf.<\/p>\n<p><em>Dieser Text erschien bei <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/kolumne-alexandra-borchardt-branche-nachwuchskrise-talentekrise\/21598\/\">Medieninsider am 30. April 2024<\/a>. Aktuelle Kolumnen lassen sich mit einem Abo lesen.\u00a0<\/em><\/p>\n\n\n\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist eine Weile her, da galt der \u201eVolont\u00e4rsbeauftragte\u201c als eine Art W\u00e4chter vor dem Paradies. Die Journalistenausbildung war begehrt, und wer sich bewarb, musste daf\u00fcr einiges tun \u2013 zum Beispiel zum \u201eProbearbeiten\u201c antreten. Mittlerweile hat sich die Dynamik ins Gegenteil verkehrt. Assessment Center m\u00f6ge er das gar nicht mehr nennen, sagte ein f\u00fcr die &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/alb-traumberuf-journalist-so-koennten-verlage-der-nachwuchskrise-begegnen\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e(Alb-)Traumberuf Journalist &#8211; So k\u00f6nnten Verlage der Nachwuchskrise begegnen\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[897,501,898,102,207,52,896,758,60,895,131,153,836,833],"class_list":["post-1892","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-unkategorisiert","tag-assessment-center","tag-bewerber","tag-bundeszentrale-fuer-politische-bildung","tag-digital","tag-diversitaet","tag-journalismus","tag-kandidaten","tag-karriere","tag-medien","tag-nachwuchs","tag-redaktion","tag-reuters-institute","tag-talente","tag-volontariat"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1892\/"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/"}],"about":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post\/"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3\/"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments\/?post=1892"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1892\/revisions\/"}],"predecessor-version":[{"id":1893,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1892\/revisions\/1893\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/?parent=1892"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories\/?post=1892"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags\/?post=1892"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}