{"id":1981,"date":"2025-01-11T13:20:15","date_gmt":"2025-01-11T12:20:15","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1981"},"modified":"2025-01-11T13:20:16","modified_gmt":"2025-01-11T12:20:16","slug":"die-besserwisser-spirale-warum-journalisten-mehr-ueber-die-wirkung-ihrer-arbeit-nachdenken-sollten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/die-besserwisser-spirale-warum-journalisten-mehr-ueber-die-wirkung-ihrer-arbeit-nachdenken-sollten\/","title":{"rendered":"Die Besserwisser-Spirale: Warum Journalisten mehr \u00fcber die Wirkung ihrer Arbeit nachdenken sollten"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nur wenige Journalisten konnten nach dem Mordanschlag auf Donald Trump am 13. Juli der Versuchung widerstehen, in Interviews diese eine Frage zu stellen: \u201eIst die US-Wahl jetzt gelaufen?\u201c Jeder Experte, der von Demokratie etwas h\u00e4lt, h\u00e4tte nun eigentlich die Pflicht gehabt, das Ganze mit einem beherzten \u201eNein\u201c zu beantworten. Ganz einfach, weil die Wahl erst im November gelaufen sein wird. Aber nat\u00fcrlich inspirierte das die meisten Befragten dazu, den Kenner heraush\u00e4ngen zu lassen. Und so folgten l\u00e4ngliche Erl\u00e4uterungen, warum dieses \u201eikonographische Foto\u201c des blutverschmierten, faustreckenden Trump diesen nun praktisch bis kurz vor den Wahlsieg katapultiert habe.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Angst, im Welterkl\u00e4rer-Wettbewerb von Kollegen abgeh\u00e4ngt zu werden, ist bei vielen erkennbar gr\u00f6\u00dfer als der Respekt vor dem demokratischen Prozess. Dabei verhallen Aussagen wie \u201eWahl gelaufen\u201c nicht nur im Raum. Sie wirken auf Menschen. Und wenn diese Menschen W\u00e4hler sind, entscheiden sie sich wom\u00f6glich daf\u00fcr, nicht zu einer Wahl zu gehen, bei der ihre Stimme vermeintlich ohnehin nichts mehr drehen kann. Was dem einen oder anderen Kollegen in der Nachschau das befriedigende Gef\u00fchl geben d\u00fcrfte, Recht gehabt zu haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zum Gl\u00fcck funktionieren viele Menschen nicht so und stimmen im November trotzdem ab. Historisch ist sogar belegt, dass Attentate selten Wahlen beeinflusst haben, wie der\u00a0 <em>The Atlantic<\/em>-Redakteur Derek Thompson unter dem Titel \u201e<a href=\"https:\/\/www.theatlantic.com\/politics\/archive\/2024\/07\/assassination-attempt-election-predictions\/679025\/\">Stop Pretending You Know How This Will End<\/a>\u201c darlegte. Aber Medien funktionieren so. Nicht nur w\u00e4hlten unz\u00e4hlige Bildredakteure unter Dutzenden Trump-Fotos zielsicher das mit der Faust aus, aus \u00e4hnlichen Motiven, aus denen weltweit Konzertg\u00e4nger nach Taylor-Swift-Karten Schlange stehen: Man will einfach dabei sein. Im Journalisten-Sprech wurde es dann noch zu einem \u201eikonografischen Bild\u201c erkl\u00e4rt, an dem Kollegen in Interviews folglich kaum mehr vorbeikamen.\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mit dieser Art Besserwisser-Spirale, dem Effekt der selbsterf\u00fcllenden Prophezeiung, setzen sich die wenigsten Journalisten gerne auseinander. \u201eIch recherchiere nur die Fakten\u201c, sagen sie dann, die Wirkung ihrer Worte m\u00fcsse ihnen von Berufswegen egal sein. Aber die Wahrheit ist, dass es ohne den Herdentrieb der Medien, die journalistische Zuspitzung und die Lust an der Rechthaberei manche gesellschaftlichen Ph\u00e4nomene gar nicht in der Auspr\u00e4gung g\u00e4be, wie sie nun zu beobachten sind.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Beim Thema Desinformation zum Beispiel haben Forscher <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/article\/10.1007\/s11109-024-09911-3\">wie Andreas Jungherr<\/a> von der Universit\u00e4t Bamberg, Ralph Schr\u00f6der und <a href=\"https:\/\/misinforeview.hks.harvard.edu\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/simon_generative_AI_fears_20231018.pdf\">Felix Simon<\/a> von der Universit\u00e4t Oxford wiederholt nachgewiesen, dass das Ph\u00e4nomen in der Realit\u00e4t deutlich weniger ausgepr\u00e4gt ist, als dies die mediale Debatte dar\u00fcber vermuten lassen k\u00f6nnte. Der Journalismus, nicht die Fakten l\u00f6sten eine \u201emoralische Panik\u201c aus. Doch solche Erkenntnisse \u00e4ndern nichts daran, dass rund um das Thema im Zusammenspiel zwischen Regulierern und Geldgebern eine Art <a href=\"https:\/\/internationalepolitik.de\/de\/gesellschaft-des-misstrauens\">\u201eFake-News\u201c-Bek\u00e4mpfungs-Komplex<\/a> entstanden ist, der <a href=\"https:\/\/innovating.news\/article\/most-fake-news-legislation-risks-doing-more-harm-than-good-amid-a-record-number-of-elections-in-2024\/\">zum Teil mehr Schaden anrichtet, als dass er nutzt<\/a> \u2013 in dem Regierungen dies zum Beispiel zum Anlass nehmen, Pressefreiheit einzuschr\u00e4nken.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein anderes Beispiel ist K\u00fcnstliche Intelligenz. Ob die Bev\u00f6lkerung die Technologie als potenziell hilfreich oder als bedrohlich wahrnimmt, richtet sich sehr stark danach, wie Medien das Thema angehen, ob sie M\u00f6glichkeiten erl\u00e4utern oder Risiken d\u00e4monisieren. Sind \u00c4ngste erst einmal ges\u00e4t, helfen Fakten kaum noch dabei die Wahrnehmung zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Im vergangenen Jahr konnte man diese Dynamik in Deutschland rund um das Thema W\u00e4rmepumpe nachverfolgen. Die \u201eHeiz-Hammer-Debatte\u201c lie\u00df viele Menschen in \u00d6l-Heizungen investieren, was etliche Immobilien perspektivisch unverk\u00e4uflich machen d\u00fcrfte. Viele Redaktionen werden trotzdem auf ihre Pflicht zur kritischen Berichterstattung verweisen. Es ist leichter, Menschen kurzfristige Folgen nahezubringen (es wird teuer), als langfristige (Wertverfall, Klimafolgen) korrekt zu prognostizieren. Berichterstattung beeinflusst aber nicht nur die \u00d6ffentlichkeit, sondern auch die Wahrnehmung von F\u00fchrungskr\u00e4ften in Politik und Wirtschaft. Deshalb wirkt sie sich auf Unternehmensstrategien, Investitionen, Regulierung und allt\u00e4gliche Praxis aus.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Letztlich bezwecken Journalisten genau das: Sie wollen beeinflussen. Dennoch reflektieren Redaktionen viel zu selten \u00fcber die potenziellen Folgen von geballter Nachrichten-Aufmerksamkeit (oder deren Entzug) \u2013 manchmal auch aus Angst, die \u00d6ffentlichkeit k\u00f6nnte dies als Zensur verstehen. Eine <a href=\"https:\/\/www.ft.com\/content\/c2d50f1c-b18c-11e8-8d14-6f049d06439c\">interessante Debatte<\/a> gab es dar\u00fcber nach der Finanzkrise von 2008: Wann ist es die Pflicht von Finanzjournalisten, Berichterstattung zur\u00fcckzuhalten, um zum Beispiel zu vermeiden, dass Menschen die Banken st\u00fcrmen und das System damit weiter destabilisieren?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00c4hnliche \u00dcberlegungen gibt es in Redaktionen, wenn Nachahmer-Effekte zu bef\u00fcrchten sind, zum Beispiel bei Suiziden. G\u00e4ngige Praxis ist es mittlerweile, dann auf Hilfsangebote hinzuweisen, wenn die Berichterstattung \u00fcber spezielle F\u00e4lle im \u00f6ffentlichen Interesse ist. Auch bei Erkenntnissen \u00fcber individuelles Verhalten, das gegen Normen verst\u00f6\u00dft, w\u00e4gen Journalisten ab (heute eher weniger als fr\u00fcher): Beeinflusst es zum Beispiel die Amtsf\u00fchrung eines Politikers oder einer Wirtschaftsf\u00fchrerin, wenn er oder sie eine Beziehung neben der Ehe pflegt oder sich regelm\u00e4\u00dfig betrinkt? Oder, um wieder nach Amerika zu schauen: Wann wurden Jo Bidens Aussetzer so gravierend, dass die Bev\u00f6lkerung Aufkl\u00e4rung verdient hatte? Nicht \u00fcber alles, was man erf\u00e4hrt, muss zwingend und sofort berichtet werden. Journalisten st\u00fcnde es gut an, auch in anderen Feldern mehr Verantwortung f\u00fcr die Folgen ihrer Arbeit zu \u00fcbernehmen. \u00a0<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wer nun erkl\u00e4rt, der Journalismus habe die Kraft des Agenda-Setzens ohnehin l\u00e4ngst eingeb\u00fc\u00dft, in den sozialen Netzwerken verbreiteten sich massentaugliche Bilder wie jenes vom angeschossenen Trump schlie\u00dflich viel schneller, st\u00fctzt damit einen Abgesang auf das Metier, der eindeutig zu fr\u00fch kommt. Denn tats\u00e4chlich ist die Macht der traditionellen Medien immer noch enorm. Dazu verst\u00e4rken sie die auf Social Media geteilten Inhalte massiv. Studien des Berkman Klein Centers for Internet and Society an der Universit\u00e4t Harvard hatten dies f\u00fcr die US-Wahlen von 2016 <a href=\"https:\/\/dash.harvard.edu\/bitstream\/handle\/1\/37365484\/Benkler-etal-Mail-in-Voter-Fraud-Anatomy-of-a-Disinformation-Campaign.pdf?sequence=1\">und 2020 \u00fcberzeugend belegt<\/a>. Politiker, die Propaganda verbreiten wollen, profitieren von dieser Art Doppel-Effekt: Sie posten in den sozialen Netzwerken, setzen aber darauf, dass Politikjournalisten diese Beitr\u00e4ge aufsp\u00fcren und zum Inhalt ihrer Berichterstattung machen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Polarisierung war f\u00fcr Medien schon immer ein lukratives Gesch\u00e4ftsmodell, auch wenn die Vertreter traditioneller Marken dies gerne allein den Plattform-Konzernen ankreiden. Der Unterschied zu diesen ist jedoch, dass sich Facebook, Insta, YouTube und TikTok nicht den strengen ethischen Grunds\u00e4tzen unterwerfen, wie Presseorgane dies tun. Journalisten haben deshalb die besondere Verpflichtung, auch nach dem zu suchen, was Menschen verbindet und Gesellschaften zusammenh\u00e4lt. Dazu geh\u00f6rt, immer wieder nach dem Gegenargument zu suchen, Nuancen und die andere Seite auszuleuchten, nicht nur den Konflikt sondern auch die L\u00f6sung hervorzuheben und eben \u00fcber die Folgen von Ver\u00f6ffentlichungen nachzudenken. Manchmal kann das sogar bedeuten, dann und wann auf Inhalte zu verzichten, selbst wenn man noch so \u00fcberzeugt von einer guten Schlagzeile oder einer rei\u00dferischen Interpretation ist.<\/p>\n<p><em>Diese Kolumne erschien <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/trump-attentat-journalisten-sollten-mehr-ueber-die-wirkung-ihrer-arbeit-nachdenken\/22711\/\">am 22. Juli 2024 bei Medieninsider<\/a>. Aktuelle Kolumnen kann man dort mit einem Abo lesen.<\/em>\u00a0<\/p>\n\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nur wenige Journalisten konnten nach dem Mordanschlag auf Donald Trump am 13. 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