{"id":1983,"date":"2025-01-11T13:30:19","date_gmt":"2025-01-11T12:30:19","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1983"},"modified":"2025-01-11T13:31:20","modified_gmt":"2025-01-11T12:31:20","slug":"klimakrise-lieber-nicht-warum-wortwahl-wichtig-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/klimakrise-lieber-nicht-warum-wortwahl-wichtig-ist\/","title":{"rendered":"Vorsicht mit der &#8222;Klimakrise&#8220;: Warum Wortwahl z\u00e4hlt"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-weight: 400;\">Journalisten glauben gew\u00f6hnlich, dass sie mit Sprache die Welt ver\u00e4ndern k\u00f6nnen. Dinge pr\u00e4zise zu benennen, geh\u00f6rt immerhin zum Handwerk, das manch einer als Kunsthandwerk versteht. Deshalb f\u00fchren gro\u00dfe Redaktionen Stil-B\u00fccher. Diese geben nicht nur Schreibweisen vor, sondern legen auch fest, mit welchen Begriffen Reporter welche Ph\u00e4nomene beschreiben sollten, welche sie keinesfalls verwenden sollten, und mit welchen sie riskieren sich im Kollegenkreis l\u00e4cherlich zu machen (\u00e4ndert sich bei Chefredakteurswechsel). Organisationen geben Empfehlungen zu diskriminierungsfreier (-armer) Sprache ab, wie die Neuen Deutschen Medienmacher mit ihrem <a href=\"https:\/\/glossar.neuemedienmacher.de\/\">Glossar zur Einwanderungsgesellschaft<\/a>. Und wenn es um polarisierende Themen geht wie das Gendern, werden Debatten schnell leidenschaftlich. Wo die einen die Sprachpolizei f\u00fcrchten, wittern die anderen den unverbesserlichen Sexisten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In der Klimaberichterstattung ist die Aufregung zwar nicht ganz so gro\u00df, dennoch machen sich einige Redaktionen Gedanken dar\u00fcber, wie man \u00fcber die Erderw\u00e4rmung schreiben sollte, um dem Publikum die Dringlichkeit des Ganzen nahezubringen. Der britische <em>Guardian<\/em> hatte 2019 mit <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/environment\/2019\/oct\/16\/guardian-language-changes-climate-environment\">neuen Regeln zum Sprachgebrauch in Sachen Klima<\/a> f\u00fcr Aufsehen gesorgt. Auf Weisung der Chefredaktion ersetzen Redakteure und Reporter seitdem das gebr\u00e4uchliche <em>climate change<\/em> mit <em>climate crisis<\/em> oder <em>climate emergency<\/em>, statt<em> global warming<\/em> schreiben sie <em>global heating<\/em>.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was bei den traditionell eher linksliberalen Lesern des <em>Guardian<\/em> gut ankam, k\u00f6nnte allerdings am breiten Publikum vorbeigezielt haben, wie eine neue Untersuchung nahelegt. Die im <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/article\/10.1007\/s10584-024-03786-3\">Fachmagazin Climatic Change ver\u00f6ffentlichte Studie<\/a> hat f\u00fcr den amerikanischen Markt ergeben: Wenn Redaktionen das Publikum f\u00fcr Klimathemen interessieren und dazu motivieren m\u00f6chten, etwas zu tun, sollten sie gebr\u00e4uchliche Begriffe wie Klimawandel oder Erderw\u00e4rmung nutzen. Andere Ausdr\u00fccke zeigten weniger Effekte oder k\u00f6nnten sogar polarisieren, so zum Beispiel das politisch links konnotierte <em>climate justice<\/em>. Das Autorenteam der University of California Los Angeles schloss daraus: \u201cBegriffe zu ver\u00e4ndern, ist wahrscheinlich kein Schl\u00fcssel zu vermehrter Aktivit\u00e4t in Sachen Klima. Wir empfehlen andere Kommunikationsstrategien.\u201d In einem <a href=\"https:\/\/theconversation.com\/if-you-want-americans-to-pay-attention-to-climate-change-just-call-it-climate-change-235002\">Artikel des popul\u00e4rwissenschaftlichen Magazins <em>The Conversation<\/em><\/a> schrieben dieselben Forscher: Es sei generell ratsam aufgeheizte, politisch aufgeladene Begriffe zu vermeiden und Sprache einfach zu halten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Tats\u00e4chlich decken sich diese Erkenntnisse mit Erfahrungen aus Redaktionen, wie sie Medien-F\u00fchrungskr\u00e4fte im 2023 erschienenen EBU News Report <a href=\"https:\/\/www.ebu.ch\/guides\/open\/report\/news-report-2023-climate-journalism-that-works\">Climate Journalism That Works \u2013 Between Knowledge and Impact<\/a> schildern. Zum Beispiel berichteten Nora Zimmett und Angie Massie, Top-Managerinnen bei der amerikanischen Weather Group, sie w\u00fcrden bei Reportagen \u00fcber Klimaph\u00e4nomene zum Teil sogar den Begriff Klimawandel vermeiden, um konservative Zuschauer nicht zu vertreiben. Von sauberer Luft zu sprechen, funktioniere oft besser. Das Etikett \u201eKlima\u201c sperre zudem entsprechende Berichterstattung in ein Ghetto. Sinnvoller sei es, Fakten zum Thema \u00fcberall einflie\u00dfen zu lassen, so wie man Kindern Gem\u00fcse in allerlei Gerichten unterschiebe, ohne daraus ein gro\u00dfes Ding zu machen. Andere Interviewpartner meinten, wer politisch aufgeladene Begriffe verwende, mache sich eher angreifbar. Jon Williams, fr\u00fcher Chefredakteur des irischen Senders RTE sagte: \u201eEs ist wichtiger, mit den Menschen ins Gespr\u00e4ch zu kommen.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nach diesem Credo richten auch Unternehmen ihre Kommunikation aus, die Kunden dazu bewegen wollen, f\u00fcr hochwertigere Ware mehr Geld auszugeben. Aldi S\u00fcd hat sich zum Beispiel zum Ziel gesetzt, bis <a href=\"https:\/\/www.aldi-sued.de\/de\/nachhaltigkeit\/tierwohl.html?utm_source=google&amp;utm_medium=paid_search&amp;utm_content=text_aldi-sued_public_na_v3_2213528875&amp;utm_campaign=uf_nc-always-on-24_phd_googleads&amp;gad_source=1&amp;gbraid=0AAAAACjh9jTD_dGTjp--SkErUnWfEVVjh&amp;gclid=CjwKCAjw8rW2BhAgEiwAoRO5rCgnb89mHiY2JEU2S-zC17eiqLUxWavGxqk574lbmtD88yubgmioPRoCjH4QAvD_BwE&amp;gclsrc=aw.ds\">2030 bei gek\u00fchlten Fleisch- und Milchprodukten nur noch solche aus den Haltungsstufen 3 und 4<\/a> im Angebot zu haben. Es empfehle sich, Menschen zu erkl\u00e4ren, dass sie beim Kauf solcher Produkte der Gesundheit ihrer Familie etwas Gutes tun, sagt Aldi S\u00fcds Nachhaltigkeitschefin Julia Adou dazu. Mit dem Klimawandel zu argumentieren, funktioniere deutlich schlechter.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sprachgebrauch sollte sich vor allem am Gegen\u00fcber orientieren. Dies betonen auch <a href=\"https:\/\/constructiveinstitute.org\/constructive-climate-journalism-words-matter-heres-how-to-use-them-accurately-when-covering-climate-change\/\">Liam Mannix und Mahima Jain in ihrer Empfehlung<\/a> zum Klima-Vokabular; beide haben am Climate Explorer Program des Constructive Institutes in Aarhus teilgenommen. Wer sich verst\u00e4ndlich machen m\u00f6chte, sollte in der Sprache des Publikums sprechen und sich vorher dar\u00fcber informieren, welche Bedeutungen bestimmte Begriffe haben k\u00f6nnten. In manchen Weltregionen wissen die Einwohner zum Beispiel sehr viel \u00fcber die Folgen des Klimawandels, auch wenn sie den Ausdruck nie benutzen. Das Wichtigste sei, wissenschaftlich pr\u00e4zise zu bleiben \u2013 und das Publikum nicht zu untersch\u00e4tzen: \u201eRespektieren Sie die Intelligenz Ihrer Zielgruppen.\u201c \u00a0<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dieser Respekt bedeutet aber nicht, Dinge komplizierter als n\u00f6tig zu machen. Experimente mit verschieden komplexen \u00dcberschriften haben ergeben, dass \u201enormale\u201c Leser mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die simplere Variante klicken, w\u00e4hrend Journalisten das nicht unbedingt tun. Dies geht aus einer weiteren Studie hervor, die im August in der Fachzeitschrift <a href=\"https:\/\/www.science.org\/doi\/10.1126\/sciadv.adn2555\">Science Advances<\/a> ver\u00f6ffentlich wurde. Als Beispiel nannten die Autoren <a href=\"https:\/\/theconversation.com\/readers-prefer-to-click-on-a-clear-simple-headline-like-this-one-236664\">in einem Beitrag f\u00fcr <em>The Conversation<\/em><\/a> eine \u00dcberschrift aus der <em>Washington Post<\/em>: \u201cMeghan and Harry are talking to Oprah. Here\u2019s why they shouldn\u2019t say too much\u201d zog deutlich mehr Leser an als \u201cAre Meghan and Harry spilling royal tea to Oprah? Don\u2019t bet on it.\u201d Man ahnt \u2013 leicht besch\u00e4mt \u2013 , wie sich Kollegen bei der Referenz zum k\u00f6niglichen Tee an der eigenen Originalit\u00e4t erfreut haben k\u00f6nnten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">All dies bedeutet keinesfalls, dass sich Redaktionen nicht mit Sprache auseinandersetzen sollten. Zum Beispiel ist es ein Unterschied, ob Journalisten von Terror oder \u00dcberfall, von Kampf oder Krieg sprechen. Debatten \u00fcber solche Definitionen sind wichtig. Sie tragen aktiv zur Ver\u00e4nderung von Sprache bei, wie es das <a href=\"https:\/\/www.oed.com\/discover\/the-language-of-climate-change\/\">Oxford English Dictionary am Beispiel Klimawandel<\/a> dekliniert. Manche setzen gesellschaftliche Diskussionen und damit Ver\u00e4nderungen in Gang.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wer Regeln erl\u00e4sst, muss sich aber dar\u00fcber klar sein, was sie bewirken sollen: Sind sie ein politisches oder moralisches Signal an Kunden? Das ist durchaus legitim; der Axel Springer Verlag praktizierte dies zum Beispiel zu Zeiten des Kalten Krieges, indem er seine Redaktionen \u201eDDR\u201c stets in Anf\u00fchrungszeichen setzen lie\u00df. Sollen die Regeln allerdings vor allem dem jeweiligen Publikum dabei helfen, etwas besser zu verstehen, helfen Vereinfachung, Flexibilit\u00e4t und Anpassung mehr als ein sprachliches Korsett. Zurecht handhaben das auch viele \u00f6ffentlich-rechtlichen Sender so. In Programmen mit jungen Zielgruppen wird gegendert und geduzt, w\u00e4hrend anderswo die traditionellen Formen mehr Vertrauen vermitteln. Nur faktisch richtig sollten Begriffe immer sein. Dar\u00fcber, dass Journalisten ziemlich h\u00e4ufig Prozent sagen, wenn sie Prozentpunkte meinen, muss es zum Beispiel keine Debatte geben. Das ist einfach falsch.<\/p>\n<p><em>Diese Kolumne erschien bei <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/kolumne-alexandra-borchardt-keine-klimakrise-darum-sollten-journalisten-bei-der-wortwahl-genau-uberlegen\/23017\/\">Medieninsider am 30. August 2024<\/a>. Mit einem Medieninsider-Abo kannst du dort aktuelle Kolumnen von mir lesen.\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Journalisten glauben gew\u00f6hnlich, dass sie mit Sprache die Welt ver\u00e4ndern k\u00f6nnen. Dinge pr\u00e4zise zu benennen, geh\u00f6rt immerhin zum Handwerk, das manch einer als Kunsthandwerk versteht. Deshalb f\u00fchren gro\u00dfe Redaktionen Stil-B\u00fccher. Diese geben nicht nur Schreibweisen vor, sondern legen auch fest, mit welchen Begriffen Reporter welche Ph\u00e4nomene beschreiben sollten, welche sie keinesfalls verwenden sollten, und mit &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/klimakrise-lieber-nicht-warum-wortwahl-wichtig-ist\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eVorsicht mit der &#8222;Klimakrise&#8220;: Warum Wortwahl z\u00e4hlt\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[952,951,102,950,949,947,52,953,704,322,315,60,314,329,479,948,946,954],"class_list":["post-1983","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-unkategorisiert","tag-aldi-sued","tag-climate-journalism-that-works","tag-digital","tag-ebu-news-report-2","tag-globale-erwaermung","tag-guardian","tag-journalismus","tag-julia-adou","tag-klima","tag-klimakrise","tag-klimawandel","tag-medien","tag-neue-deutsche-medienmacher","tag-publikum","tag-sprache","tag-the-conversation","tag-wortwahl","tag-zielgruppe"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1983\/"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/"}],"about":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post\/"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3\/"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments\/?post=1983"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1983\/revisions\/"}],"predecessor-version":[{"id":1985,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1983\/revisions\/1985\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/?parent=1983"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories\/?post=1983"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags\/?post=1983"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}