{"id":1986,"date":"2025-01-11T13:40:49","date_gmt":"2025-01-11T12:40:49","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1986"},"modified":"2025-01-11T13:40:49","modified_gmt":"2025-01-11T12:40:49","slug":"antworten-gesucht-faqs-zur-zukunft-des-journalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/antworten-gesucht-faqs-zur-zukunft-des-journalismus\/","title":{"rendered":"Antworten gesucht? FAQs zur Zukunft des Journalismus"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn man Geld damit verdient, auf Veranstaltungen \u00fcber Journalismus zu reden, sollte man das Folgende vielleicht nicht ver\u00f6ffentlichen, denn wom\u00f6glich macht man sich damit sein Gesch\u00e4ft kaputt. Aber Fakt ist, dass Medienmenschen und ihre Freunde immer wieder dieselben Fragen stellen oder Annahmen formulieren. Nat\u00fcrlich findet man Unternehmen verwerflich, die es darauf anlegen, ihre Kunden mit den ber\u00fchmten \u201eFrequently Asked Questions\u201c (FAQs) abzuwimmeln, statt ihnen geduldig zuzuh\u00f6ren. Aber dann bastelt man doch an einer pers\u00f6nlichen Hitliste von FAQs, von denen man ahnt, was die fragenden Journalisten wirklich damit sagen wollen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Stichwort Nutzerbed\u00fcrfnisse: <em>Wenn man den Kunden nur gibt, was sie lesen oder sehen wollen, darf man dann nur noch Katzenvideos bringen?<\/em> (Wirklich gemeint ist: Wo bleibt dann unser wichtiger Politikjournalismus?)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Antwort: Zun\u00e4chst einmal geht es nicht darum, den Kunden mehr davon zu bieten, worauf sie klicken, sondern dar\u00fcber nachzudenken, was sie brauchen k\u00f6nnten, um ihr Leben und ihren Alltag besser zu bew\u00e4ltigen. Wer sich wirklich mit den Bed\u00fcrfnissen verschiedener Nutzergruppen besch\u00e4ftigt, erlebt n\u00e4mlich immer wieder \u00dcberraschungen. Leser lesen ein 250-Zeilen-St\u00fcck \u00fcber den Nahost-Konflikt bis zum Ende, rufen \u00fcber Wochen regelm\u00e4\u00dfig einen 45-Minuten-Podcast ab, teilen eine Infografik mit vielen Zahlen. Bei sperrigen Stoffen hilft es, sich besonders viele Gedanken zum Format zu machen und M\u00fche in die Ausf\u00fchrung zu stecken. Die Chefredakteurin der d\u00e4nischen Zeitung <em>Politiken, <\/em>Amalie Kestler, erl\u00e4utert am Beispiel des Klimajournalismus, man m\u00fcsse von den St\u00fccken lernen, die beim Publikum punkten, um mit entsprechenden Elementen jene Stoffe zu bereichern, von deren politischer Bedeutung die Redaktion \u00fcberzeugt ist (zum Beispiel Verhandlungen bei Klimagipfeln). Im \u00dcbrigen sind die Beitr\u00e4ge mit den meisten Klicks \u00fcblicherweise nicht jene, f\u00fcr die Nutzer Abos abschlie\u00dfen \u2013 was ja das eigentliche Ziel vieler Redaktionen ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Stichwort Qualit\u00e4tsjournalismus: <em>Die Leser haben heute eine wahnsinnig kurze Aufmerksamkeitsspanne, vor allem die Jungen wollen nur noch H\u00e4ppchenware. Was tun? <\/em>(Wirklich gemeint ist: Fr\u00fcher waren die Leser gebildeter und die Journalismus-Welt war noch in Ordnung.)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Antwort: Die Aufmerksamkeitsspanne im Digitalen ist k\u00fcrzer, weil die Nutzer verw\u00f6hnter sind. Sie m\u00fcssen sich nicht mehr durch Bleiw\u00fcsten qu\u00e4len, um herauszufinden, was los ist in der Welt. Sie sind trotzdem einigerma\u00dfen informiert, weil sich irgendwo immer jemand findet, der einen Stoff anschaulich und packend pr\u00e4sentiert. Auch Schulkinder lernen mit YouTube Videos nicht selten besser als im Unterricht, und das liegt weniger an ihrer Aufmerksamkeitsspanne als an schlechten Lehrern und Schulb\u00fcchern. Daten zeigen, dass Nutzer auch auf dem Handy sehr lange Reportagen lesen, wenn sie spannend sind. Junge Leute h\u00f6ren regelm\u00e4\u00dfig 30-Minuten-Podcasts zu politischen Themen bis zum Ende, weil die Hosts sie begeistern. Dass Leser gedruckter Zeitung fr\u00fcher geduldig die Politikteile von Tageszeitungen in G\u00e4nze studiert haben, ist eher Wunschdenken als Realit\u00e4t. Auch da ging die Aufmerksamkeit oft nicht \u00fcber die Schlagzeile hinaus. Nur hat das niemand messen k\u00f6nnen. Die Journalismus-Welt war fr\u00fcher nicht wegen der Reichweite von Qualit\u00e4t in Ordnung, sondern weil die Gesch\u00e4ftsmodelle funktioniert haben. Wer auf die investigative Arbeit von Rechercheverb\u00fcnden und das Angebot an Datenjournalismus, Visualisierungen oder Podcasts schaut, muss zugeben:\u00a0 Noch nie gab es im Journalismus Qualit\u00e4t in einer solchen Vielfalt wie heute.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Stichwort Objektivit\u00e4t: <em>Warum haben \u00e4ltere Journalisten solche Probleme mit der Ich-Form? Journalismus ist doch immer subjektiv.<\/em> (Was wirklich gemeint ist: Ich schreibe am liebsten Ich-Geschichten \u2013 da kann ich mir auch Recherche sparen.)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Antwort: Es gibt wunderbare, packende und wichtige Geschichten in der Ich-Form. Es gibt aber auch eine ganze Menge Befindlichkeits-Journalismus, der eher Schulaufsatz-Charakter hat. Das sind dann Geschichten, die Perspektive mit Fakten verwechseln, die eigene Erfahrung als allgemeing\u00fcltig betrachten und damit ebenso bevormundend her\u00fcberkommen wie manch ein Politik-Kommentator der alten Schule. Tats\u00e4chlich unterscheidet sich Journalismus vom meinungsstarken Influencer-Post und vom subjektiven Blog dadurch, dass er sich um Perspektiven-Vielfalt und Fakten bem\u00fcht, dass er sich auf die Suche nach etwas macht, das manche Wahrheit nennen. Und das gelingt nur mit einer gewissen professionellen Distanz. Die kann man auch einnehmen, wenn man das in der Ich-Form tut. Aber es geht auch gut ohne. Das Publikum wird es sch\u00e4tzen. In der Definition von Journalismus steckt das Konzept der Unabh\u00e4ngigkeit. Ohne diese ist er nicht mehr als Content, Meinung, wom\u00f6glich sogar Propaganda \u2013 und verspielt damit seine Daseinsberechtigung. Wer unabh\u00e4ngig berichten will, tut gut daran, von der Selbstbeschau auf die Beobachterperspektive zu wechseln.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Stichwort Desinformation: <em>Was kann man nur gegen diese \u201eFake News Epidemie\u201c machen?<\/em> (Was wirklich gemeint ist: Das Problem ist nicht unser Journalismus sondern diese L\u00fcgengeschichten, die das Netz verstopfen.)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Antwort: <a href=\"https:\/\/internationalepolitik.de\/de\/gesellschaft-des-misstrauens\">Das Problem Desinformation wird h\u00e4ufig falsch eingesch\u00e4tzt<\/a> und \u00fcbersch\u00e4tzt. Deshalb werden darauf auch unwirksame Antworten gefunden. Ohne Zweifel gibt es staatliche Desinformation als Mittel der hybriden Kriegsf\u00fchrung. Aber Forschung zum Beispiel des Reuters Institutes in Oxford zeigt: <a href=\"https:\/\/www.ft.com\/content\/5da52770-b474-4547-8d1b-9c46a3c3bac9\">Der gr\u00f6\u00dfte Teil der Falschinformationen wird bewusst von Politikern verbreitet<\/a>, um Meinung zu machen. Zudem ist der Einfluss von Desinformation auf das Verhalten von Menschen geringer, als dies oft angenommen wird. Das gilt auch f\u00fcr <a href=\"https:\/\/misinforeview.hks.harvard.edu\/article\/misinformation-reloaded-fears-about-the-impact-of-generative-ai-on-misinformation-are-overblown\/\">L\u00fcgengeschichten, die mit Hilfe K\u00fcnstlicher Intelligenz erstellt werden<\/a>. Medien sind gut beraten, sich erst einmal darauf zu konzentrieren, eigene Themen zu recherchieren und damit die Agenda zu setzen, statt Falschmeldungen hinterherzujagen und sie damit wom\u00f6glich gr\u00f6\u00dfer zu machen, als sie sind. Faktenchecks k\u00f6nnen gro\u00dfe Organisationen wie Nachrichtenagenturen am besten liefern. Zum Thema Desinformation gibt es viel Forschung, es empfiehlt sich vor dem Lamentieren \u00fcber das Problem einen Blick hineinzuwerfen. Ungl\u00fccklicherweise stecken Geldgeber, die ein Interesse an der Eind\u00e4mmung des Themas haben, viel Geld in Projekte zum Kampf gegen \u201eFake News\u201c \u2013 deutlich mehr, als sie in den Journalismus als solchen investieren. Der h\u00e4tte es aber n\u00f6tiger, vor allem der Lokaljournalismus.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Stichwort konstruktiver Journalismus: <em>So etwas wie konstruktiver Journalismus klingt ja gut, aber verfehle ich damit nicht meine Aufgabe als Journalist?<\/em> (Was wirklich gemeint ist: Echt jetzt, die wollen MIR Journalismus neu erkl\u00e4ren?)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Antwort: Diese Frage kommt praktisch ausschlie\u00dflich von \u00e4lteren, gestandenen Kollegen. Junge Journalisten, insbesondere solche, die neue Medienmarken gr\u00fcnden wollen, sehnen sich nach konstruktiven Formaten. F\u00fcr sie ist der etablierte \u201eer hat gesagt, sie hat gesagt\u201c-Journalismus wie Wei\u00dfbrot: stopft irgendwie, macht aber nicht satt. Sie wissen: In einer digitalen Informationswelt, die voll ist von Content, suchen sie und ihre Altersgenossen nach jenen Stoffen, von denen sie etwas Neues, \u00dcberraschendes mitnehmen k\u00f6nnen \u2013 und vielleicht sogar etwas Zuversicht. Und nein, konstruktiver Journalismus bedeutet nicht, die Welt in rosarot zu malen, sondern Nuancen abzubilden und Perspektiven aufzuzeigen. Er ist ein Versuch, den Bed\u00fcrfnissen der Nutzer n\u00e4her zu kommen und sie wieder f\u00fcr Journalismus zu begeistern. Der AFP-Journalist Ivan Couronne formulierte es k\u00fcrzlich auf einer Tagung so: \u201eMenschen vermeiden keine Nachrichten, sie vermeiden schlechten Journalismus.\u201c Und sie vermeiden solchen, den sie nicht brauchen.\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Diese Kolumne erschien bei <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/faqs-zur-zukunft-des-journalismus\/23644\/\">Medieninsider am 3. Oktober 2024<\/a>. Mit einem Medieninsider-Abo kannst du dort aktuelle Kolumnen von mir lesen.<\/em><\/p>\n\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man Geld damit verdient, auf Veranstaltungen \u00fcber Journalismus zu reden, sollte man das Folgende vielleicht nicht ver\u00f6ffentlichen, denn wom\u00f6glich macht man sich damit sein Gesch\u00e4ft kaputt. Aber Fakt ist, dass Medienmenschen und ihre Freunde immer wieder dieselben Fragen stellen oder Annahmen formulieren. 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