{"id":2081,"date":"2025-05-15T12:16:12","date_gmt":"2025-05-15T10:16:12","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=2081"},"modified":"2025-05-15T12:20:10","modified_gmt":"2025-05-15T10:20:10","slug":"ki-siegel-im-journalismus-wenn-ja-dann-richtig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/ki-siegel-im-journalismus-wenn-ja-dann-richtig\/","title":{"rendered":"KI-Siegel im Journalismus? Wenn, dann richtig"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-weight: 400;\">Im Fall <em>Sports Illustrated<\/em> war die Sache eindeutig. Als durchsickerte, dass nicht hinter jedem Kolumnisten und Reporter des traditionsreichen amerikanischen Sportmagazins ein kluger Kopf sondern zuweilen nur ein Sprachmodell steckte, kostete das etliche Abos und am Ende auch <a href=\"https:\/\/edition.cnn.com\/2023\/12\/11\/media\/sports-illustrated-ai-articles-ceo\/index.html\">CEO Ross Levinsohn seinen Job<\/a>. Redaktionen, die Journalisten-Imitate aus k\u00fcnstlicher Intelligenz einsetzen, machen das also besser selbstbewusst mit eindeutigem Transparenz-Hinweis, wie dies zum Beispiel der K\u00f6lner <em>Express<\/em> mit seiner <a href=\"https:\/\/www.express.de\/autor\/klara-indernach-594809\">Avatar-Reporterin Klara Indernach<\/a> (abgek\u00fcrzt KI!) tut. Und selbst dann kann die Sache schief gehen. Der <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/europa\/polen-radio-kuenstliche-intelligenz-100.html\">Radio-Sender Off Radio aus Krakau<\/a>, der zun\u00e4chst stolz verk\u00fcndet hatte, seinen H\u00f6rern ein allein von KI gesteuertes Programm vorzusetzen, musste das Experiment nach kurzer Zeit abbrechen. Eine Avatar-Moderatorin hatte ein fiktives Interview mit der Literatur-Nobelpreistr\u00e4gerin Wislawa Szymborska gef\u00fchrt und sie zu aktuellen Themen befragt \u2013 nur lebt die Autorin schon seit 2012 nicht mehr. Das Publikum war entsetzt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Derzeit gilt Transparenz und eine offene Debatte dar\u00fcber, ob, wann und in welchem Ma\u00dfe Redaktionen beim Erstellen von Inhalten KI einsetzen, in der Branche dennoch als eine Art K\u00f6nigsweg. In den meisten Ethik-Leitlinien zum redaktionellen Umgang mit KI d\u00fcrfte sich dazu der eine oder andere Absatz finden. Die Furcht ist gro\u00df, durch unbedachten KI-Gebrauch die eigene Marke zu besch\u00e4digen und das vielerorts angeknackste Medienvertrauen weiter auszuh\u00f6hlen. Da schreibt man dann lieber mal dazu, dass diese oder jene Zusammenfassung oder \u00dcbersetzung von Sprachmodellen generiert wurde. Wie das bei den Lesern und Nutzern ankommt, ist allerdings noch kaum erforscht \u2013 und auch unter Branchen-Experten umstritten. W\u00e4hrend die einen sich f\u00fcr Kennzeichnungen aussprechen, wie man sie von Nahrungsmitteln kennt, verweisen die anderen darauf, <a href=\"https:\/\/www.niemanlab.org\/2023\/12\/most-readers-want-publishers-to-label-ai-generated-articles-but-trust-outlets-less-when-they-do\/\">dass Label das Publikum erst recht misstrauisch stimmen k\u00f6nnten<\/a>. Immerhin k\u00f6nnte der Hinweis \u201eKI-unterst\u00fctzt\u201c auch so interpretiert werden, dass sich die Redaktion aus der Verantwortung stehlen m\u00f6chte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aus anderen Bereichen wei\u00df man zudem: zu viel Transparenz kann Vertrauen ebenso schm\u00e4lern wie zu wenig. Eine vollst\u00e4ndige Liste aller Pannen und Kunstfehler, im Foyer eines Krankenhauses ausgeh\u00e4ngt, w\u00fcrde Patienten vermutlich eher abschrecken als zuversichtlich stimmen. Gleiches gilt f\u00fcr Defekte an Flugzeugen oder Missgeschicke in Restaurantk\u00fcchen. Wer \u00fcberall einen Warnhinweis liest, ergreift entweder die Flucht oder schaut nicht mehr hin. Rachel Botsman, eine f\u00fchrende Expertin zum Thema, definiert Vertrauen als \u201e<a href=\"https:\/\/time.com\/6957741\/rachel-botsman-trust-interview\/\">eine selbstbewusste Beziehung zum Unbekannten<\/a>\u201c. Transparenz und Kontrolle st\u00e4rkten Vertrauen nicht, sondern machten es weniger notwendig, weil sie das Unbekannte reduzierten, argumentiert sie.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Viel wichtiger f\u00fcr die Vertrauensbildung sind gute Erfahrungen mit der Marke oder Individuen, die sie repr\u00e4sentieren. Dazu sollte eine Organisation offen dar\u00fcber kommunizieren, welche Schritte sie unternimmt und welche Prozesse sie installiert hat, um Pannen zu verhindern. In Flugzeugen geh\u00f6ren dazu Redundanz von Technik, die doppelte Besetzung des Cockpits und feste Abl\u00e4ufe, in Redaktionen das Vier-Augen- und das Zwei-Quellen-Prinzip. Wenn Menschen einer Medienmarke vertrauen, gehen sie schlicht davon aus, dass dieses Haus <em>alle<\/em> Abl\u00e4ufe nach bestem Wissen und Gewissen strukturiert und regelm\u00e4\u00dfig \u00fcberpr\u00fcft. Wird KI als Sonderfall herausgestellt, k\u00f6nnte sich der Eindruck einschleichen, dass die Redaktion der Sache selbst nicht so richtig traut.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Felix Simon, Wissenschaftler am Reuters Institute in Oxford, h\u00e4lt deshalb allgemeine Transparenz-Regeln f\u00fcr ebenso wenig praxistauglich wie auch den Grundsatz, es m\u00fcsse immer ein Mensch die Endkontrolle \u00fcbernehmen. Es sei eine Fehlannahme, dass man allein mit diesen Ma\u00dfnahmen das Vertrauen des Publikums zur\u00fcckgewinnen k\u00f6nne, <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/news\/neither-humans-loop-nor-transparency-labels-will-save-news-media-when-it-comes-ai\">schreibt er in einem Essay<\/a>.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Viele Journalisten machen sich zudem nicht bewusst, wie stark ihre eigene redaktionelle Berichterstattung \u00fcber K\u00fcnstliche Intelligenz das Verh\u00e4ltnis ihres Publikums dazu pr\u00e4gt. Wer in Interviews, Essays und Podcasts st\u00e4ndig liest und h\u00f6rt, was f\u00fcr einem Teufelszeug sich die Menschheit da ausliefert, wird der Technologie kaum aufgeschlossen gegen\u00fcberstehen, wenn die sonst so gesch\u00e4tzte Redaktion pl\u00f6tzlich \u00fcberall KI-Hinweise anbringt. In Umfragen \u00e4u\u00dfern sich Befragte deshalb erwartungsgem\u00e4\u00df eher skeptisch, wenn sie zum Einsatz von KI im Journalismus um Auskunft gebeten werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es gilt deshalb, die Kompetenz der eigenen Reporter zu st\u00e4rken, damit sie das Thema KI vielschichtig angehen und konstruktiv begleiten, statt zwischen Hype und Weltuntergang zu m\u00e4andrieren. Auch die Vermenschlichung von KI \u2013 sei es \u00fcber Avatar-Reporter oder nur in der Sprache (streng genommen ist schon Intelligenz ein unpassendes Wort) \u2013 tr\u00e4gt nicht gerade dazu bei, dem Publikum ein realistisches Bild davon zu vermitteln, was Sprach- und Rechenmodelle k\u00f6nnen und was eben nicht. \u00a0\u00a0<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Eindruck, den Menschen von KI haben, wird zudem stark davon gepr\u00e4gt werden, welche Erfahrungen sie selbst damit machen. Unter Studierenden gibt es wohl schon gegenw\u00e4rtig kaum jemanden mehr, der nicht dann und wann Hilfsmittel wie ChatGPT nutzt. Auch wer von Berufs wegen programmiert, greift auf die blitzschnellen Rechenmodelle zur\u00fcck, und f\u00fcr B\u00fcroarbeiter wird KI in zunehmendem Ma\u00dfe zum allt\u00e4glichen Werkzeug, ganz so wie Rechtschreibkontrolle, Excel Kalkulationen oder Spracheingabe. Allerdings wird es immer weniger offensichtlich werden, hinter welchen Tools welche KI steckt, da die Tech-Anbieter sie ins Leistungspaket stecken wie den Autofokus beim Fotografieren mit dem Smartphone. KI-Labels k\u00f6nnten deshalb schon bald wirken wie ein Relikt aus vergangener Zeit.\u00a0<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bei einer Konferenz, zu der das in Washington ans\u00e4ssige <a href=\"https:\/\/innovating.news\/\">Center for News, Technology &amp; Innovation<\/a> j\u00fcngst nach Br\u00fcssel eingeladen hatte, schlug ein Teilnehmer vor, man sollte wom\u00f6glich \u00fcber eine Kennzeichnung von menschengemachtem Journalismus nachdenken. Was im ersten Moment nach einem Scherz klingt, hat tats\u00e4chlich einen ernsthaften Hintergrund. Die Branche muss sich z\u00fcgig dar\u00fcber klar werden, wie sich Journalismus in einer Welt der rasant skalierenden automatisierten Inhalte-Produktion seine Einzigartigkeit und Relevanz bewahrt. Sonst hat sie bald gr\u00f6\u00dfere Probleme als die Frage, wie man KI-unterst\u00fctzten Journalismus im Einzelfall kennzeichnen soll.\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Diese Kolumne erschien bei <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/kolumne-alexandra-borchardt-ki-siegel-fur-journalismus-wenn-dann-richtig\/24233\/\">Medieninsider<\/a> am 28. November 2024. Aktuelle Kolumnen von Alexandra dort lesen Sie mit einem Abo.\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Fall Sports Illustrated war die Sache eindeutig. Als durchsickerte, dass nicht hinter jedem Kolumnisten und Reporter des traditionsreichen amerikanischen Sportmagazins ein kluger Kopf sondern zuweilen nur ein Sprachmodell steckte, kostete das etliche Abos und am Ende auch CEO Ross Levinsohn seinen Job. 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