{"id":2085,"date":"2025-05-15T12:26:41","date_gmt":"2025-05-15T10:26:41","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=2085"},"modified":"2025-05-15T12:26:41","modified_gmt":"2025-05-15T10:26:41","slug":"trends-2025-journalismus-braucht-chemische-verbindungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/trends-2025-journalismus-braucht-chemische-verbindungen\/","title":{"rendered":"Trends 2025: Journalismus braucht chemische Verbindungen"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist nicht leichter geworden f\u00fcr den Journalismus im Jahr 2025. Politiker und Tech-Oligarchen diskreditieren Medien, das Publikum ist nachrichtenm\u00fcde oder folgt Influencern, die (nach)l\u00e4ssig mit Fakten umgehen, und der digitale Wandel klappt zwar leidlich, kann aber weder die Verluste aus dem Niedergang von Print kompensieren noch jene wettmachen, die ihnen die Herren Musk und Zuckerberg einbrocken, weil sie nichts von Journalismus halten und ihre Social Media Plattformen entsprechend gestalten. Wenn man den neuen Report \u201e<a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/journalism-media-and-technology-trends-and-predictions-2025\">Journalism and Technology Trends and Predictions 2025<\/a>\u201c des Reuters Institutes studiert, schaut man selbst als Optimistin eher in ein halbleeres Glas.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vielen in der Branche gilt der stets im Januar erscheinende Trend-Report aus Oxford als Pflichtlekt\u00fcre. Er basiert auf einer Befragung von handverlesenen Medien-F\u00fchrungskr\u00e4ften aus aller Welt. Dieses Mal haben 326 geantwortet, und nur 41 Prozent von diesen zeigten sich optimistisch f\u00fcr die Zukunft des Journalismus \u2013 vor zwei Jahren waren es bei sehr \u00e4hnlicher Zusammensetzung noch 60 Prozent. Die Realit\u00e4t d\u00fcrfte eher noch tr\u00fcber aussehen, denn wer sich weder international vernetzt noch f\u00fcr die Zukunft des Journalismus oder wenigstens seines Hauses einsetzt, wird gar nicht erst erfasst. Zus\u00e4tzlich startet das Reuters Institute das Jahr traditionell mit seinem \u201eNews Innovation Forum\u201c, bei dem ein kleiner Kreis von \u00fcberwiegend europ\u00e4ischen Medienmachern Erfahrungen austauscht und Stimmungen abgleicht. Die folgenden Erkenntnisse beruhen sowohl auf dem Report als auch auf den Diskussionen in Oxford und sind so subjektiv, wie sich das f\u00fcr eine Kolumne geh\u00f6rt.\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die erste Einsicht ist keine \u00dcberraschung: <em>F\u00fcr Medienh\u00e4user sind direkte Verbindungen zu ihren Nutzern der Schl\u00fcssel zum Erfolg.<\/em> Was haben Redaktionen in den vergangenen zwei Jahrzehnten nicht alles daf\u00fcr getan, um \u00fcber soziale Netzwerke in die Feeds ihrer Nutzer zu gelangen. Nun stellen sie fest, dass X unbrauchbar und Facebook zum weitgehend nachrichtenfreien Raum geworden ist. Die Reichweite, die Medienmarken \u00fcber die beiden Plattformen erzielen, ist in den vergangenen beiden Jahren massiv eingebrochen. Die meisten setzen deshalb auf Einnahmen \u00fcber Digital-Abos oder Mitgliedschaften sowie die \u00fcblichen Gesch\u00e4ftsmodelle inklusive neuer Produkte, aber auch da geht es sehr h\u00e4ufig um direkten Kundenkontakt, der gepflegt werden will. Um es mit einer nunmehr vier Jahre alten <em>Medieninsider<\/em>-Kolumne zu sagen: \u201e<a href=\"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/print-hat-gewonnen-warum-die-zeitung-stirbt-und-trotzdem-ueberlebt\/\">Print hat gewonnen<\/a>\u201c \u2013 zumindest dessen Prinzip der festen, auf Gewohnheit und Zuneigung beruhenden Beziehung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Vordringen von generativer KI als Such-Werkzeug macht den Ausbau dieser Verbindungen noch dringlicher. Denn abgesehen von den gro\u00dfen Verlagen erwartet kaum ein Medienhaus, von Deals mit den gro\u00dfen KI-Konzernen zu profitieren. Zwar w\u00fcnschen sich viele Manager \u2013 in der Umfrage fast drei Viertel \u2013, dass die Branche solche Vertr\u00e4ge im Schulterschluss aushandelt, in der Realit\u00e4t k\u00e4mpft aber jeder f\u00fcr sich allein, was ein klassisches Collective Action Dilemma abbildet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auf der Suche nach Rezepten f\u00fcr die beschriebene Beziehungspflege dr\u00e4ngt sich eine weitere Erkenntnis auf: <em>Journalismus ist eine Frage der Chemie.<\/em> Erfolgreiche Medienh\u00e4user und Einzelk\u00e4mpfer begreifen, dass es in einer Welt der \u00dcber-Information zunehmend auf die emotionalen Verbindungen ankommt, die zwischen Sendern und Empf\u00e4ngern entstehen. Da geht es st\u00e4rker um N\u00e4he, Authentizit\u00e4t und Identifikation als um Faktenf\u00fclle, Geschwindigkeit und Chronistenpflicht, wie sie etablierte Medienh\u00e4user in den Mittelpunkt stellen. Tony Pastor, Mitgr\u00fcnder der gr\u00f6\u00dften unabh\u00e4ngigen britischen Podcast-Firma <a href=\"https:\/\/www.goalhanger.com\/\">Goalhanger<\/a>, beschreibt das Casting der jeweils zwei Hosts als wichtigsten Erfolgsfaktor seiner Produkte: \u201eDie Chemie zwischen den beiden muss stimmen.\u201c \u00c4hnliches gilt f\u00fcr <em>slow journalism<\/em> Marken wie das d\u00e4nische <em>Zetland<\/em>, das in dieser Woche eine neue Marke in Finnland launcht, oder eben jene polarisierenden Politik-Kommentatoren der so genannten alternativen Medien: Allen geht es in erster Linie um einen bestimmten Ton der Ansprache, der beim jeweiligen Publikum verf\u00e4ngt. Wer den trifft, der kann auch mit \u00fcberlangen St\u00fccken und auch bei jungen Nutzern punkten. Der traditionelle Journalismus muss sich diesem Trend stellen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die neuen Vorlieben d\u00fcrften auch etwas mit dem Zeitgeist zu tun haben, zum Beispiel in Deutschland. War der Hunger nach N\u00fcchternheit, Fakten und Neutralit\u00e4t nach dem Propaganda-Gebr\u00fcll der Nazi-Zeit gro\u00df, erleben Generationen, die nicht mehr mit den Kriegsgeschichten ihrer Gro\u00dfeltern aufgewachsen sind, die gleiche Art der Ansprache als b\u00fcrokratisch, kalt und lebensfern. Wer Vereinzelung und Fl\u00fcchtigkeit von Beziehungen als bedr\u00fcckendste Probleme der Zeit wahrnimmt, sucht eher nach Identifikation, Emotionalit\u00e4t und Menschlichkeit. Journalismus muss also etwas wie ein guter Freund werden, ohne seine Grundwerte zu verraten. Das gilt auch f\u00fcr faktenreiche, n\u00fcchtern erkl\u00e4rende St\u00fccke, die oft dann gut funktionieren, wenn sie das Informationsbed\u00fcrfnis der Nutzer ernst nehmen, sie also weder \u00fcber- noch untersch\u00e4tzen, mit passenden, attraktiven Formaten arbeiten und auch mal klarstellen, etwas (noch) nicht zu wissen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Noch keine befriedigenden Antworten gibt es auf die Frage, ob KI mehr N\u00e4he zum Publikum schaffen kann \u2013 oder gar das Gegenteil bewirkt. Viele H\u00e4user arbeiten derzeit daran, ihre Angebote mit Hilfe von KI zu personalisieren und erhoffen sich davon mehr N\u00e4he. Aber im direkten Kundenkontakt k\u00f6nnte dann doch der Mensch w\u00f6rtlich genommen die Nase vorn haben. Roboterstimmen zum Beispiel kl\u00e4ngen zu perfekt, hatte <em>Zetland<\/em>-CEO <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/zetland-daenemark-journalismus-interview\/24418\/\">Tav Klitgaard k\u00fcrzlich in einem Interview mit <em>Medieninsider<\/em><\/a> gesagt, die Nutzer wollten aber Menschlichkeit: \u201eWir m\u00f6gen keine Perfektion, weil Perfektion nicht vertrauensw\u00fcrdig ist.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auch das ist eine Erkenntnis aus Report und Innovation Forum: <em>KI sucht in vielen Redaktionen noch ihren Platz.<\/em> Zwar gibt es kaum ein Haus, das noch nicht an und mit entsprechenden Werkzeugen arbeitet, mehr als 80 Prozent der Befragten berichten von laufenden KI-Projekten. Man habe es aber noch zu h\u00e4ufig mit \u201eL\u00f6sungen zu tun, die nach Problemen suchen\u201c, wie es ein Teilnehmer der Diskussionsrunde formulierte. Sprich, es wird viel experimentiert, aber es ist unklar, was man mit Hilfe K\u00fcnstlicher Intelligenz wirklich erreichen will und kann. Noch ist KI in Redaktionen mehr Handwerkszeug als Heilsbringer, sie transkribiert, \u00fcbersetzt, fasst zusammen und schl\u00e4gt Text-Bausteine vor. Auch Effizienz-Versprechen werden noch nicht eingel\u00f6st \u2013 jedenfalls dort, wo man Journalismus ernst nimmt und das Vertrauen seines Publikums nicht durch \u00fcberm\u00e4\u00dfige Fehler riskieren will. Stattdessen sind Investitionen n\u00f6tig, auch in neue Talente. Fazit: F\u00fcr Medienh\u00e4user wird das KI-Rennen zum Marathon, auf der Strecke steht manch qu\u00e4lender Abschnitt noch bevor.<\/p>\n<p><em>Diese Kolumne erschien bei <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/kolumne-alexandra-borchardt-trends-2025-warum-journalismus-chemische-verbindungen-braucht\/24739\/\">Medieninsider<\/a> am 14. Januar 2025. 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