{"id":2239,"date":"2025-12-07T16:33:04","date_gmt":"2025-12-07T15:33:04","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=2239"},"modified":"2025-12-07T16:33:04","modified_gmt":"2025-12-07T15:33:04","slug":"zeitenwende-wie-journalismus-nun-reagieren-muss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/zeitenwende-wie-journalismus-nun-reagieren-muss\/","title":{"rendered":"Zeitenwende: Wie Journalismus nun reagieren muss"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-weight: 400;\">Glaubte man an Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen, k\u00e4me einem das vor, wie von langer Hand geplant: Von der einen Seite her diskreditieren Politiker im Dauerfeuer etablierte Medien und damit den unabh\u00e4ngigen Journalismus; von der anderen pushen Tech-Konzerne \u00fcber entsprechende Plattformen und gro\u00dfz\u00fcgige F\u00f6rderung die \u201eCreator Economy\u201c. Das Prinzip \u201eTeile und herrsche!\u201c l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen. Und pl\u00f6tzlich stehen beide Seiten eintr\u00e4chtig auf dem Balkon und grinsen hinab zu denjenigen, die den einen gew\u00e4hlt und den anderen ihre Daten \u00fcberlassen haben. Mehr Symbolik als das Foto von den Tech-Jungs mit Trump bei dessen Amtseinf\u00fchrung im Januar 2025 geht kaum.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ach, wenn es doch nur Symbolik w\u00e4re! Aber die neue amerikanische Regierung zeigt an allen Ecken und Enden, dass sie von Pressefreiheit (und demokratischer Gewaltenteilung generell) nichts h\u00e4lt. Journalisten der weltweit gr\u00f6\u00dften <a href=\"https:\/\/www.cbsnews.com\/news\/white-house-bars-associated-press-oval-office-air-force-one\/\">Nachrichtenagentur AP wird der Zugang zum Pr\u00e4sidenten verwehrt<\/a>, weil sie den Golf von Mexiko nicht wie von ihm vorgeschrieben Golf von Amerika nennen. <a href=\"https:\/\/rsf.org\/en\/usa-trump-s-vengeful-lawsuits-against-media-lack-legal-basis-harm-american-press-freedom\">Sender und Regionalzeitungen werden f\u00fcr faktentreue Berichterstattung verklagt<\/a>. Und gleichzeitig regeln die Plattform-Konzerne Facebook und X den Anteil der seri\u00f6sen Nachrichten in den Newsfeeds ihrer Kunden herunter, Job erledigt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wer jetzt sagt, wir werden auch nach der Bundestagswahl nicht von Trump regiert, hat zwar faktisch Recht. Dennoch ist es allerh\u00f6chste Zeit, sich in den etablierten Redaktionen ein paar Gedanken mehr dar\u00fcber zu machen, wie man die Loyalit\u00e4t seiner Nutzer in Zeiten des politischen Gegenwindes erh\u00e4lt und pflegt \u2013 und wom\u00f6glich neue gewinnt. Denn die Anti-Medien-Erz\u00e4hlung und die Mechanismen der Plattform-\u00d6konomie mit ihren Aufmerksamkeits-Spiralen wirken auch hierzulande. Sp\u00e4testens seit klar ist, dass kritisch-aufkl\u00e4rende Berichterstattung allein Menschen nicht davon abh\u00e4lt, Zersetzer der Demokratie zu unterst\u00fctzen, muss sich vor allem der Politikjournalismus hier und dort ein paar unangenehme Fragen stellen, darunter jene: Hat man wom\u00f6glich manch einen Kandidaten durch permanentes Scheinwerferlicht erst w\u00e4hlbar gemacht?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auch der Journalismus in der Demokratie erlebt eine Zeitenwende. Und lange erprobte Praktiken eignen sich wom\u00f6glich nicht mehr zur Bew\u00e4ltigung der Zukunft. Was also lie\u00dfe sich tun? Zun\u00e4chst k\u00f6nnten drei Strategien helfen:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Erstens, von Journalisten aus unfreien Regimen lernen. <\/em>Was bringt es zum Beispiel, das pr\u00e4sidentielle Pressebriefing zu besuchen, wenn es den Veranstaltern nur um das Verbreiten ihrer Propaganda geht und kritische Journalisten-Fragen umgehend zu Waffen gemacht werden, die sich gegen die Fragesteller richten? Wom\u00f6glich w\u00fcrde es wirken, blieben alle Kolleginnen und Kollegen, die etwas von Pressefreiheit halten, solchen Briefings und auch der Pr\u00e4sidentenmaschine fern, bis beispielsweise die AP-Kollegen wieder zugelassen werden. So wie es journalistische Arbeit manchmal verlangt, sich Menschen mit Einfluss von au\u00dfen anzun\u00e4hern und lediglich ihr Umfeld zu befragen, wenn sie partout nicht mit einem sprechen wollen, gibt es f\u00fcr Reporter auch und gerade jenseits offizieller Termine und Verlautbarungen ausreichend viel zu recherchieren.<\/p>\n<h2>Vor allem in Politikredaktionen herrscht eine bemerkenswerte Resistenz gegen den Wandel<\/h2>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zu Beginn der ersten Amtszeit Donald Trumps vor exakt acht Jahren hatte das Reuters Institute dazu eine Umfrage unter Journalisten mit dem Titel \u201eHow to cover powerful people who lie\u201c gestartet. Mehr als 100 Kollegen aus aller Welt hatten mit Tipps beigetragen, die in einer <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/news\/we-asked-people-all-over-world-how-journalists-should-cover-powerful-people-who-lie-here-0\">immer noch brandaktuellen Liste der Do\u2019s and Don\u2019ts<\/a> zusammengefasst sind. Dazu geh\u00f6ren, sich nicht vom endlosen Strom der Social-Media-Zitate ablenken lassen, den Geldstr\u00f6men hinterherrecherchieren (\u201eFollow the money\u201c)\u00a0 \u2013 und zusammenhalten. Und f\u00fcr alle au\u00dferhalb der Medien gilt: Jeder kann sich f\u00fcr Pressefreiheit stark machen, vor allem Menschen mit Macht, Einfluss und \u00f6ffentlicher Pr\u00e4senz sind hier gefragt.\u00a0<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Zweitens, das journalistische Angebot auf die Bed\u00fcrfnisse der Nutzer ausrichten.<\/em> In den etablierten Medien, vor allem deren Politikredaktionen, herrscht eine bemerkenswerte Resistenz gegen den Wandel. Obwohl man Nutzer langfristig binden will, feilt man am Clickbait-Journalismus, f\u00fcr den niemand ein Abo abschlie\u00dft. Obwohl man um Nachrichtenm\u00fcdigkeit und -verweigerung wei\u00df, springt man \u00fcber jedes St\u00f6ckchen und setzt auf immer mehr News und diese m\u00f6glichst schneller. Obwohl man vom tiefgr\u00fcndigen Journalismus, exzellentem Storytelling und investigativen Recherchen schw\u00e4rmt, verlangt man seinen Leuten die schnelle Geschichte ab und bringt sie dazu, die Erstversion ChatGPT zu \u00fcberlassen \u2013 wird schon keiner merken. Obwohl man Social Media in Sonntagsreden verachtet, zwingt man Politiker in TV-Duelle, die genau die gleichen Mechanismen bedienen wie knackige Posts. Und obwohl Lokaljournalismus fast \u00fcberall und bei allen Altersgruppen zu den Top-Interessen geh\u00f6rt \u2013 ein Blick in den <a href=\"http:\/\/digitalnewsreport.org\/\">Digital News Report 2024<\/a> bietet sich an \u2013, d\u00fcnnt man Lokalredaktionen aus und setzt auf \u00fcberregionale Inhalte, die schon heute jede KI-Suche zutage f\u00f6rdern kann. Ein Angebot, das den durchaus verschiedenen Bed\u00fcrfnissen der Kunden entspricht, sieht sehr h\u00e4ufig sehr anders aus: es ist selektiver, konstruktiver und begegnet den Menschen, statt sie zu belehren. Medienh\u00e4user t\u00e4ten gut daran, sich mehr mit Psychologie, \u00a0Verhaltensforschung und den Bed\u00fcrfnissen ihrer Zielgruppen zu besch\u00e4ftigen und ihre Produkte entsprechend zu gestalten. <a href=\"https:\/\/www.niemanlab.org\/2024\/12\/newsrooms-reinvent-their-political-journalism\/\">Der politische Journalismus muss sich als Dienstleistung f\u00fcr sein Publikum neu erfinden<\/a>. \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<h2>Manchmal f\u00e4llt es einem schwer, die eigene Branche zu lieben<\/h2>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Drittens, unabh\u00e4ngige Medienmarken st\u00e4rken \u2013 auch wenn es manchmal schwerf\u00e4llt.<\/em> Wer im Journalismus einen gro\u00dfen Namen und Unternehmergeist hat, f\u00fcr den mag es verlockend sein, vom Influencer-Trend zu profitieren. Das Vertrauen vor allem junger Menschen wandert eindeutig weg von Institutionen hin zu Individuen, die nahbarer, authentischer und irgendwie ehrlicher r\u00fcberkommen, als dies der traditionelle Journalismus tut. Dieser wiederum hat einiges dazu beigetragen. Erwartbare Inhalte, formelhafte Sprache, Clickbait, \u201eCopy and Paste\u201c-Nachrichten, \u201eder hat gesagt, die hat gesagt\u201c-Verlautbarungen \u2013 manchmal f\u00e4llt es einem schwer, die eigene Branche zu lieben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Viele Nutzer, die die Welt da drau\u00dfen nur durch TikTok und YouTube erleben, wissen zudem nicht einmal mehr, was journalistische Prinzipien sind und was Pressefreiheit bedeutet. KI-Portale werden die Pr\u00e4senz von zur Unabh\u00e4ngigkeit verpflichteten Quellen weiter zur\u00fcckdr\u00e4ngen. Und diverse digitale Plattformen erm\u00f6glichen es Einzelk\u00e4mpfern, sich dort ein loyales Publikum heranzuziehen. Einerseits erfrischt und beeindruckt das. Anderseits haben und hatten die Tech-Konzerne offenbar genau das im Sinn: Individuen lassen sich leichter korrumpieren oder einsch\u00fcchtern als gro\u00dfe Medienmarken mit der Macht vieler Reporter und ihren Rechtsabteilungen, die den M\u00e4chtigen recht l\u00e4stig werden k\u00f6nnen. Die Konsequenz: Etablierte Marken k\u00f6nnen sich von Influencern abschauen, was sie so attraktiv macht und ihre eigenen Personenmarken aufbauen und binden, ohne journalistische Prinzipien aufzuweichen. Und reichweitenstarke Solo-Unternehmer m\u00f6gen sich \u00fcberlegen, ob sie nicht doch mit Marken kooperieren wollen, die f\u00fcr Pressefreiheit stehen. Die Demokratie wird es ihnen danken. \u00a0<\/p>\n<p><em>Diese Kolumne erschien <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/kolumne-alexandra-borchardt-zeitenwende-wie-journalismus-nun-reagieren-muss\/25058\/\">am 18. Februar bei Medieninsider<\/a>. Um neue und fr\u00fchere Kolumnen zu lesen, empfiehlt sich ein Abo dort.\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Glaubte man an Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen, k\u00e4me einem das vor, wie von langer Hand geplant: Von der einen Seite her diskreditieren Politiker im Dauerfeuer etablierte Medien und damit den unabh\u00e4ngigen Journalismus; von der anderen pushen Tech-Konzerne \u00fcber entsprechende Plattformen und gro\u00dfz\u00fcgige F\u00f6rderung die \u201eCreator Economy\u201c. Das Prinzip \u201eTeile und herrsche!\u201c l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen. Und pl\u00f6tzlich stehen beide Seiten &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/zeitenwende-wie-journalismus-nun-reagieren-muss\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eZeitenwende: Wie Journalismus nun reagieren muss\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1028,1006,45,102,52,98,60,1029,868,162,329,153,69,920,1027],"class_list":["post-2239","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-unkategorisiert","tag-clickbait","tag-creator","tag-demokratie","tag-digital","tag-journalismus","tag-lokaljournalismus","tag-medien","tag-personenmarken","tag-politikjournalismus","tag-pressefreiheit","tag-publikum","tag-reuters-institute","tag-social-media-2","tag-tech-konzerne","tag-trump-2"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2239\/"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/"}],"about":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post\/"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3\/"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments\/?post=2239"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2239\/revisions\/"}],"predecessor-version":[{"id":2240,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2239\/revisions\/2240\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/?parent=2239"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories\/?post=2239"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags\/?post=2239"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}