{"id":2243,"date":"2025-12-07T17:03:12","date_gmt":"2025-12-07T16:03:12","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=2243"},"modified":"2025-12-07T17:03:13","modified_gmt":"2025-12-07T16:03:13","slug":"chefs-redet-ueber-eure-aengste","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/chefs-redet-ueber-eure-aengste\/","title":{"rendered":"Chefs, redet \u00fcber eure \u00c4ngste!"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-weight: 400;\">Angeblich sind die Zeiten vorbei, in denen Redaktionen Macho-Buden waren, Kriegsreporter coole Typen mit Seelen-Panzern und Journalisten den Burnout eines Kollegen nur an der L\u00e4nge einer Krankschreibung erahnen konnten. Zumindest sieht das Phil Chetwynd so, Global News Director bei der Nachrichtenagentur AFP. W\u00e4hrend vor zehn, 15 Jahren noch eine Kultur des \u201efrage nicht nach und rede nicht dar\u00fcber\u201c herrschte, habe seitdem nicht nur die Diskussion um arbeitsbedingte psychische Belastungen ein anderes Niveau erreicht; es seien auch entsprechende Strukturen eingezogen worden, so Chetwynd im April 2025 <a href=\"https:\/\/www.journalismfestival.com\/programme\/2025\/lessons-from-writing-a-book-about-mental-health-for-journalists\">auf einem Podium beim International Journalism Festival in Perugia<\/a>. Das sei auch n\u00f6tig, denn Journalisten st\u00fcnden dieser Tage unter nie gekanntem Druck \u2013 und zwar weltweit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Tats\u00e4chlich liefert allein das Scrollen durch das Festivalprogramm einen guten \u00dcberblick \u00fcber all die Schmerzpunkte: Angez\u00e4hlte Gesch\u00e4ftsmodelle dr\u00fccken auf die Etats und KI beschleunigt das Innovationstempo, w\u00e4hrend autorit\u00e4re Politiker und ihre Vasallen Journalismus diskreditieren, Journalisten bedrohen und in der Bev\u00f6lkerung Misstrauen oder gar Feindseligkeit gegen\u00fcber dem Berufsstand s\u00e4en, die sich on- und offline ausdr\u00fcckt. Trotzdem ist es keine allzu verwegene Annahme, dass dies einige Medien-F\u00fchrungskr\u00e4fte noch nicht mit allen Konsequenzen verstanden haben.<\/p>\n<h2>Auch in Startups schadet es nichts, sich schon fr\u00fch Gedanken \u00fcber das Thema mentale Gesundheit zu machen<\/h2>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dabei lassen sich Gesch\u00e4ftsmodelle nur resilient machen, wenn man sich um diejenigen sorgt, die das tun sollen. Denn die Medienbranche hat aus all den genannten Gr\u00fcnden Anziehungskraft verloren. Viele Journalisten und Medienmanager stellen ihre Berufswahl infrage oder verabschieden sich in ruhigere Fahrwasser, wenn sie das k\u00f6nnen. Und die nachfolgenden Generationen winken gleich ab. In Redaktionen, die nach dem alten Prinzip operieren, \u201ewer die Hitze nicht abkann, sollte die K\u00fcche meiden\u201c, k\u00f6nnte es deshalb bald luftig zugehen. Selbst gr\u00fcnden ist zwar eine Alternative. Sie eignet sich allerdings eher f\u00fcr Workaholics und Selbstausbeuter, wie auf dem einen oder anderen Panel deutlich wurde. Auch in Startups schadet es also nichts, sich schon fr\u00fch ein paar Gedanken \u00fcber das Thema mentale Gesundheit zu machen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Journalistin und Beraterin Hannah Storm \u2013 mit Chetwynd auf der B\u00fchne \u2013 hat dazu 2024 ein Buch ver\u00f6ffentlicht. \u201e<a href=\"https:\/\/www.routledge.com\/Mental-Health-and-Wellbeing-for-Journalists-A-Practical-Guide\/Storm\/p\/book\/9781032382456?srsltid=AfmBOooTivU-XQdLInx7w12kbHIuEKwYCxnrasjff8KQIOCYTo3IONtP\">Mental Health and Wellbeing for Journalists<\/a>\u201c basiert auf Interviews mit 45 Gespr\u00e4chspartnern aus aller Welt, darunter nicht nur Medienleute sondern auch Trauma-Experten. Es gehe darum, zun\u00e4chst einmal R\u00e4ume f\u00fcr Gespr\u00e4che \u00fcber das Thema zu schaffen, sagte Storm. Und wer bei posttraumatischer Belastungsst\u00f6rung vor allem an Kriegs-Korrespondenten denkt, untersch\u00e4tzt das Ausma\u00df des Themas. Diejenigen zum Beispiel, die tagein tagaus verst\u00f6rendes Bildmaterial sichten, seien unter Umst\u00e4nden st\u00e4rker betroffen als diejenigen, die mitten im Geschehen arbeiten, so Storm. <em>Vicarious trauma<\/em>, ist der englische Fachbegriff daf\u00fcr, die Psychologin Sian Williams hat dazu <a href=\"https:\/\/www.mind.org.uk\/media\/4tybnie0\/headlines-guide-to-vicarious-trauma.pdf\">Handlungs-Empfehlungen f\u00fcr Redaktionen<\/a>erarbeitet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Solche Leitlinien d\u00fcrften auch f\u00fcr Lokalredaktionen interessant sein, denn Kollegen, die h\u00e4ufig von Unfallorten berichten oder bei Gerichtsverhandlungen mit grausigen Details von Verbrechen konfrontiert werden, bekommen in der Regel weniger Aufmerksamkeit als solche, die in Krisengebiete geschickt werden. Und Fakten-Checker werden online besonders heftig bedroht \u2013 so stark, wie Chetwynd berichtet, dass sie bei AFP ihre Texte nicht mehr mit Namen zeichnen. Das gemeinn\u00fctzige Unternehmen The Self Investigation hat speziell f\u00fcr diese Gruppe <a href=\"https:\/\/theselfinvestigation.com\/new-toolkit-for-fact-checkers-prioritizing-mental-health\/\">ein Toolkit zum Thema Mental Health<\/a> zusammengestellt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Manchmal verursacht zudem nicht das Nachrichtengeschehen einen Burnout sondern die beschleunigte Taktzahl in Redaktionen gepaart mit wirtschaftlichem Druck und der Sorge, KI k\u00f6nnte den Job \u00fcberfl\u00fcssig machen \u2013 all das neben dem normalen Wahnsinn des Familien-Managements, der viele Kollegen in wichtigen Berufsjahren besch\u00e4ftigt. Und das gilt nicht nur in Kulturen, in denen Selbstverwirklichung und Freizeit eine gro\u00dfe Rolle spielen. Bei einem Change-Management Workshop f\u00fcr ein Medienunternehmen in Malaysia \u2013 ich war Seminarleiterin \u2013 nannten Teilnehmende Work-Life Balance und mentale Gesundheit als Top-Herausforderungen f\u00fcr die Branche.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Emma Thomasson, heute Beraterin und zuvor B\u00fcroleiterin und Senior Korrespondent bei Reuters, hat das Thema in der Nachrichtenagentur offensiv angesprochen und war damit auf so viel Resonanz gesto\u00dfen, dass sie ein entsprechendes internes Angebot aufbaute. Heute arbeitet sie unter anderem bei der <a href=\"https:\/\/netzwerkrecherche.org\/helpline\/\">Journalisten-Helpline<\/a> des Netzwerks Recherche mit, bei der sich all diejenigen Hilfe holen k\u00f6nnen, denen die Belastungen des Jobs \u00fcber den Kopf zu wachsen drohen.<\/p>\n<h2>&#8222;Die einzige Barrieren zu einer potenziell unbegrenzten Menge an Arbeit sind die Manager.&#8220;<\/h2>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber F\u00fchrungskr\u00e4fte machen ihren Job nicht, wenn sie solche Angebote allein externen Stellen und der Eigeninitiative von potenziell Betroffenen \u00fcberlassen. Es sei wichtig, eine Kultur zu schaffen, in der die Mitarbeitenden ohne Angst \u00fcber solche Erfahrungen reden k\u00f6nnen, sagte Chetwynd. Dazu geh\u00f6re, dass die Chefs auch sich selbst als verletzlich zeigten. Diese Herausforderung m\u00fcssten alle annehmen, die in F\u00fchrungsverantwortung stehen. Bei AFP mit ihren 150 B\u00fcros in aller Welt seien das eine ganze Menge Leute, aber nur so funktioniere es. Chetwynd: \u201eDie einzigen Barrieren zu einer potenziell unbegrenzten Menge an Arbeit sind die Manager.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Fachleute halten vor allem zwei Dinge f\u00fcr wichtig, um Belastungen abzumildern: gute Vorbereitung und regelm\u00e4\u00dfige Pausen. Nicht jeder Journalist eignet sich zum Beispiel allein von seinem Charakter und der pers\u00f6nlichen Geschichte her f\u00fcr jeden Einsatz, und F\u00fchrungskr\u00e4fte sollten die potenziellen Risiken ansprechen, bevor jemand eine Aufgabe \u00fcbernimmt \u2013 sei es ein Katastrophen-Einsatz oder das Moderieren von Online-Kommentaren. Auch wenn das nach Kita klingt: Eingew\u00f6hnungsphasen helfen. AFP l\u00e4sst Reporter zum Beispiel in Krisengebieten erst an die Front, wenn sie das Umfeld und die Kultur in weniger exponierten Funktionen kennengelernt haben. Und nach ein paar Wochen m\u00fcssen sie sich Zeit zum Durchatmen nehmen. Das klingt simpel, doch sowohl in vielen traditionellen Redaktionen als auch in Startups geh\u00f6rt es zur Kultur, Workaholics stillschweigend machen zu lassen, wenn sie ungeliebte Arbeit aus dem Weg schaffen oder den Ruhm der Marke mehren. Kurzfristig mag das funktionieren, langfristig kann solch eine Nachl\u00e4ssigkeit teuer werden \u2013 von den menschlichen Kosten ganz abgesehen. \u00a0<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00dcberhaupt sind Medienh\u00e4user gut beraten, sich offensiv Gedanken \u00fcber die gegenw\u00e4rtige und erw\u00fcnschte Unternehmens- oder Redaktionskultur zu machen, sie in Worte zu fassen und Mitarbeitenden pr\u00e4zise zu vermitteln. Lea Korsgaard, Chefredakteurin der d\u00e4nischen Erfolgsmarke Zetland, zeigte <a href=\"https:\/\/www.journalismfestival.com\/programme\/2025\/designing-the-newsroom-of-2025-rethinking-structure-culture-and-leadership\">auf einem anderen Podium<\/a> klare Grunds\u00e4tze, mit denen sie jedem Neueinsteiger die Unternehmenskultur erkl\u00e4rt. Wenn man ein an den Bed\u00fcrfnissen von Menschen orientiertes Produkt erstelle, brauche man eine an Menschen orientierte Unternehmenskultur, so Korsgaard. Wer im Ringen um Talente k\u00fcnftig noch eine Rolle spielen will, mag sich diesen Rat zu Herzen nehmen.<\/p>\n<p><em>Diese Kolumne erschien bei <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/kolumne-alexandra-borchardt-chefs-redet-uber-eure-angste\/25512\/\">Medieninsider am 15. April 2025<\/a>. Um dort neue und \u00e4ltere Kolumnen zu lesen, braucht man ein Abo.\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Angeblich sind die Zeiten vorbei, in denen Redaktionen Macho-Buden waren, Kriegsreporter coole Typen mit Seelen-Panzern und Journalisten den Burnout eines Kollegen nur an der L\u00e4nge einer Krankschreibung erahnen konnten. Zumindest sieht das Phil Chetwynd so, Global News Director bei der Nachrichtenagentur AFP. 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