{"id":2324,"date":"2026-02-17T17:21:23","date_gmt":"2026-02-17T16:21:23","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=2324"},"modified":"2026-02-17T17:21:23","modified_gmt":"2026-02-17T16:21:23","slug":"raus-aus-der-community-blase-es-geht-ums-zusammenraufen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/raus-aus-der-community-blase-es-geht-ums-zusammenraufen\/","title":{"rendered":"Raus aus der Community-Blase: Es geht ums Zusammenraufen"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wer in einschl\u00e4gigen Foren zur Zukunft des Journalismus unterwegs ist, kann leicht den Eindruck gewinnen, dass die Sache ganz einfach ist: Man m\u00fcsse nur endlich selbst die Klappe halten, seinen \u201eCommunities\u201c zuh\u00f6ren und f\u00fcr diese Inhalte und Produkte entwickeln, dann sei das Ganze eine \u2013 wie man in Bayern so sch\u00f6n sagt \u2013 \u201egmahde Wiesn\u201c (Hochdeutsch: gem\u00e4hte Wiese, also eine sichere Sache). Dies proklamieren ergraute Gro\u00dfdenker wie Jeff Jarvis genauso wie diejenigen, die sich in der Diversity-Bubble der Branche einen Namen gemacht haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zun\u00e4chst einmal: An der Vernachl\u00e4ssigungs-Hypothese ist etwas dran. Im Auftrag der BBC hatte ein Autoren-Team um Shirish Kulkami f\u00fcr die Studie <a href=\"https:\/\/media.cymru\/research\/news-for-all-participatory-research-report\/\">News for All<\/a>recherchiert, wie sich marginalisierte Gruppen von dem \u00f6ffentlich-rechtlichen Sender beachtet und betreut f\u00fchlen. Das Ergebnis: so gut wie gar nicht. Kulkami sagt deshalb, <a href=\"https:\/\/www.niemanlab.org\/2025\/02\/the-bbc-asked-marginalized-groups-how-it-could-do-better-they-didnt-hold-back\/\">er lehne den Ausdruck <em>News Avoidance<\/em> komplett ab<\/a>. Viele \u201eCommunities\u201c f\u00e4nden im Journalismus einfach nicht das, was sie br\u00e4uchten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Thema Nachrichtenvermeidung wurde in den vergangenen Jahren vom Reuters Institute aus Oxford derma\u00dfen popularisiert, dass es sogar in Redaktionen ein Begriff geworden ist, die normalerweise mit Erkenntnissen aus der Forschung das Gleiche tun: sie vermeiden. Doch wenn die Kunden wegbleiben, liest man sogar mal Studien. Und siehe da: Laut dem <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/digital-news-report\/2025\/dnr-executive-summary\">j\u00fcngsten Digital News Report<\/a> machen ungef\u00e4hr 40 Prozent der Nutzer dann und wann einen Bogen um das journalistische Geschehen. Zu deprimierend, zu viel \u2013 oder eben nicht relevant genug f\u00fcr das eigene Leben, lauten die Begr\u00fcndungen. Das bedeutet f\u00fcr Redaktionen: Diese Menschen bestellen wom\u00f6glich demn\u00e4chst ihr Abo ab, oder sie sind gar nicht erst f\u00fcr ein solches zu erw\u00e4rmen. Ein st\u00e4rkerer Fokus auf seine Zielgruppen \u2013 oder \u201eCommunities\u201c (im Marketing-Sprech beliebt) \u2013 soll es deshalb richten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ach, wenn es doch nur so einfach w\u00e4re. Denn das Rezept ist ja nicht neu. Tats\u00e4chlich bedient Journalismus schon immer Communities \u2013 vor allem derjenige, der sich Qualit\u00e4tsjournalismus nennt. Nur haben vor allem die Abo-Medien schon immer eine recht kleine Gruppe der Gesellschaft angesteuert. Sie wenden sich weitgehend an besser ausgebildete Menschen oder soziale Aufsteiger-Haushalte, bei denen es fr\u00fcher zum Standard geh\u00f6rte, wenigstens die Lokalzeitung, als Bildungsb\u00fcrger auch ein \u00fcberregionales Medium zu abonnieren. Es traf sich gut, dass dies auch die kaufkr\u00e4ftigen Schichten waren, und so lebte man jahrzehntelang formidabel vom Anzeigengesch\u00e4ft. An Gruppen, denen es an finanziellen Mitteln, Sprachkenntnissen und Identifikationsfiguren in der Berichterstattung mangelte, ging der Journalismus dagegen schon immer weitgehend vorbei.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jetzt allerdings wird \u00fcberall verzweifelt nach zahlender oder zumindest wohlwollender Kundschaft gesucht; die \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien f\u00fcrchten um politische Unterst\u00fctzung, wenn Menschen sie als nicht besonders relevant einstufen. Folglich erinnert man sich auf Journalisten-Konferenzen gerne gegenseitig daran, endlich den Communities zuh\u00f6ren zu m\u00fcssen, statt besserwisserisch nur die durchaus community-taugliche Gruppe der Besserwisser zu bedienen. Das klingt kuschelig nach Inklusivit\u00e4t und Menschenfreundlichkeit, hat aber einen knallharten Business-Hintergrund. Denn die Erfinder des Community-Begriffs sitzen ja nicht in Redaktionsr\u00e4umen. Ins Gesch\u00e4ft gebracht haben das Konzept die Social-Media-Konzerne, die um \u201ecommunities of interests\u201c ihre Gesch\u00e4ftsmodelle gebaut haben. Auf der Suche nach maximaler Ausbeute f\u00f6rdern sie das Bilden von Gruppen und steuern diese gezielt mit Werbung an \u2013 vom Konsumprodukt \u00fcber das dubiose Bildungsangebot bis hin zu Pamphleten politischer Parteien.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nun ist es grunds\u00e4tzlich richtig, wenn Journalismus sich bei den Tech-Konzernen etwas abschaut und nutzerorientiert arbeitet. Man kann den Gewinn-Maximierern schlie\u00dflich etwas entgegensetzen: Aufkl\u00e4rung, Erkl\u00e4rung, Blicke dorthin, wo der B\u00fcrger im Alltag selten oder nie vorbeikommt. Idealerweise verstehen sich Journalisten schlie\u00dflich als Demokratie-Maximierer. Beim Orientieren an Communities tritt allerdings ein Effekt ein, den der Journalismus-Professor Charlie Beckett von der London School of Economics in einem Gespr\u00e4ch so beschrieben hat: \u201eDie Medien werden ihren Nutzern immer \u00e4hnlicher.\u201c \u00a0Der Londoner <em>Telegraph<\/em> oder die <em>Times<\/em> w\u00fcssten zum Beispiel, dass ihr (zahlungsbereites) Publikum eher in den \u00e4lteren Jahrg\u00e4ngen zu finden ist. Die Folge sei eine endlose Zahl an Beitr\u00e4gen zu sich \u00e4hnelnden Themen, wie Gesundheit und Fitness im Alter, Partnerschaft und Sex im Alter, Geldverdienen und -ausgeben im Alter. Mit Blick auf andere Gruppen schienen die Marken aufgegeben zu haben, so Beckett.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Eine Bedingung f\u00fcr eine gesunde Demokratie ist es allerdings, Menschen aus ihren Wohlf\u00fchl-R\u00e4umen und Community-Blasen abzuholen und es ihnen manchmal ungem\u00fctlich zu machen. Denn Ver\u00e4nderung entsteht nur bei entsprechendem Druck. Anders ausgedr\u00fcckt: In der Demokratie muss man sich zusammenraufen, es hilft nichts, nur zusammen zu raufen. In einem Informationsraum, in dem alles nach Bed\u00fcrfnissen, Interessen, politischen Einstellungen und Alterskohorten sortiert ist, finden diese wichtigen Prozess nicht statt. Es sollte Medien also vor allem an Formaten gelegen sein, die Gruppenbildung (Communities) durchbrechen. Die \u00d6ffentlich-Rechtlichen haben hier nicht nur wegen ihres Mandats eine besondere Verantwortung, denn sie m\u00fcssen nicht in den immer gleichen Zielgruppen nach Abonnenten fischen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das KI-Zeitalter d\u00fcrfte die Community-Bildung allerdings eher versch\u00e4rfen. Aus den vielf\u00e4ltigen nun technisch darstellbaren M\u00f6glichkeiten, den Kunden in Chat- und anderen Formaten individuell zu begegnen, ist es nicht mehr weit zum \u201eAudience of one\u201c, dem komplett vereinzelten Nachrichten-Erlebnis. Und nat\u00fcrlich kann man mit KI beliebige Versionen des gleichen Inhalts anbieten. Auf Knopfdruck entstehen dann aus einer News praktisch gleichzeitig der Text f\u00fcr die 50-J\u00e4hrige und das Kurzvideo f\u00fcr den 15-J\u00e4hrigen. Mit so einem technischen Filter zwischen Inhalt und Empf\u00e4nger erreicht man potenziell mehr Nutzende, was zun\u00e4chst ein hehres Ziel ist. Aber, so gibt es Laura Ellis von der BBC im Report <a href=\"https:\/\/www.ebu.ch\/guides\/open\/report\/news-report-2025-leading-newsrooms-in-the-age-of-generative-ai\">Leading Newsrooms in the Age of Generative AI<\/a> zu Bedenken: Wom\u00f6glich verlieren Redaktionen dann noch schneller den direkten Kontakt zu ihren Nutzern. \u201eDann hat man niemanden mehr, der die Sprache der Zielgruppe versteht oder gar spricht.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00dcbrigens bedient der Journalismus der Stunde zwei Communities weit \u00fcberproportional. Die eine ist die politische Blase, die vom Streit mit dem Gegner lebt \u2013 was leicht den Eindruck erweckt, dass alles im Land im Argen liegt. Und die zweite ist die Bubble der Journalisten. Denn bei genauer Betrachtung wird Vieles nur berichtet, um die Kollegen von der Konkurrenz (und den Chefredakteur) mit immer neuen Volten und Scoops zu beeindrucken. Nur so lassen sich endlose Schleifen um Themen erkl\u00e4ren, bei denen ein Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung l\u00e4ngst abgeschaltet hat. Von einem bisschen mehr Offenheit f\u00fcr die Interessen anderer Communities w\u00fcrde das allgemeine journalistische Angebot sehr profitieren. \u00a0<\/p>\n<p><em>Diese Kolumne erschien bei <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/raus-aus-der-community-blase-es-geht-ums-zusammenraufen\/26109\/\">Medieninsider am 11. August 2025<\/a>. Aktuelle Kolumnen dort kann man mit einem Abo lesen.\u00a0<\/em><\/p>\n\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer in einschl\u00e4gigen Foren zur Zukunft des Journalismus unterwegs ist, kann leicht den Eindruck gewinnen, dass die Sache ganz einfach ist: Man m\u00fcsse nur endlich selbst die Klappe halten, seinen \u201eCommunities\u201c zuh\u00f6ren und f\u00fcr diese Inhalte und Produkte entwickeln, dann sei das Ganze eine \u2013 wie man in Bayern so sch\u00f6n sagt \u2013 \u201egmahde Wiesn\u201c &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/raus-aus-der-community-blase-es-geht-ums-zusammenraufen\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eRaus aus der Community-Blase: Es geht ums Zusammenraufen\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[174,1071,846,1065,45,102,1069,52,1072,60,921,93,1012,329,533,153,1068,1070,954],"class_list":["post-2324","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-unkategorisiert","tag-bbc","tag-blase","tag-charlie-beckett-2","tag-community-2","tag-demokratie","tag-digital","tag-jeff-jarvis","tag-journalismus","tag-laura-ellis","tag-medien","tag-nachrichtenvermeidung","tag-oeffentlich-rechtlich","tag-personalisierung","tag-publikum","tag-qualitaetsjournalismus","tag-reuters-institute","tag-shirish-kulkami","tag-tech-2","tag-zielgruppe"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2324\/"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/"}],"about":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post\/"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3\/"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments\/?post=2324"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2324\/revisions\/"}],"predecessor-version":[{"id":2325,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2324\/revisions\/2325\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/?parent=2324"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories\/?post=2324"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags\/?post=2324"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}