{"id":2326,"date":"2026-02-17T17:27:58","date_gmt":"2026-02-17T16:27:58","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=2326"},"modified":"2026-02-17T17:27:59","modified_gmt":"2026-02-17T16:27:59","slug":"endlich-mal-vorne-warum-europas-medienhaeuser-die-amerikaner-in-sachen-ki-abhaengen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/endlich-mal-vorne-warum-europas-medienhaeuser-die-amerikaner-in-sachen-ki-abhaengen\/","title":{"rendered":"Endlich mal vorne: Warum Europas Medienh\u00e4user die Amerikaner in Sachen KI abh\u00e4ngen"},"content":{"rendered":"\n<div>\n<p>In Europa neigt man dazu, den eigenen Beitrag zum weltweiten technologischen Fortschritt eher versch\u00e4mt zu kommentieren. B\u00fcro- statt Garagen-Geist, Br\u00fcssel statt Silicon Valley, Verbot statt Versuch, so etwa geht das mit der Selbst-Gei\u00dfelung. Aber Achtung: Was das Feld K\u00fcnstliche Intelligenz und Journalismus angeht, ist so ein Understatement nicht angebracht. Schon seit geraumer Zeit schauen KI-Spezialisten aus amerikanischen Medienh\u00e4usern mit gewissem Neid Richtung Europa, speziell nach Skandinavien. Was Anwendungen von KI im Journalismus angehe, sei man hier deutlich weiter und offener als im Land von Open AI und Google, grummelten US-Experten schon beim <a href=\"https:\/\/www.nordicaijournalism.com\/nams-2025\">Nordic AI in Media Summit<\/a> im April in Kopenhagen. Den von schwedischen und d\u00e4nischen Initiatoren ins Leben gerufenen Gipfel kann man getrost als f\u00fchrendes Event zum Thema Medien und KI deklarieren.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>Auch ein k\u00fcrzlich vom <i>Nieman Lab<\/i> der Harvard University ver\u00f6ffentlichtes <a href=\"https:\/\/www.niemanlab.org\/2025\/08\/the-good-the-bad-and-the-completely-made-up-newsrooms-on-wrestling-accurate-answers-out-of-ai\/\">Feature \u00fcber KI-Verifizierungs-Tools<\/a> nennt \u00fcberwiegend europ\u00e4ische Anwender; die dpa kommt prominent darin vor. Und wie zur Best\u00e4tigung ist die Craig Newmark Graduate School of Journalism an der City University New York nun eine <a href=\"https:\/\/www.journalism.cuny.edu\/2025\/09\/announcing-two-new-ai-journalism-labs-at-the-newmark-j-school-in-2026-and-an-unprecedented-partnership-with-the-network-nordic-ai-journalism-naij\/\">Partnerschaft mit Nordic AI Journalism <\/a>eingegangen. Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin Marie Gilot begr\u00fcndet das auf Nachfrage so: Die nordeurop\u00e4ischen Medienh\u00e4user seien nicht nur offener, sie blickten st\u00e4rker auf die M\u00f6glichkeiten von KI f\u00fcr den Journalismus. Sie h\u00e4tten fr\u00fcher als andere KI-Tools f\u00fcr interne und externe Anwendungen gebaut und bereits viele Erfahrungen damit. Bei solchen Komplimenten f\u00fchlt man sich gleich ein bisschen nordischer. Auch im EBU News Report <a href=\"https:\/\/www.ebu.ch\/guides\/open\/report\/news-report-2025-leading-newsrooms-in-the-age-of-generative-ai\">Leading Newsrooms in the Age of Generative AI<\/a> sind viele Beispiele aus Europa zusammengetragen.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>Aus diesen zun\u00e4chst erfreulichen Botschaften kann man zwei sehr unterschiedliche Schl\u00fcsse ziehen. Der eine w\u00e4re: Nach dem kr\u00e4ftezehrenden Weg vom Print zum Online-Journalismus sind die Europ\u00e4er dieses Mal ganz wach. Sie wollen die Chancen des technologischen Wandels nicht noch einmal verpassen und gehen das Thema KI beherzt an. Ziel ist es den Journalismus besser und zug\u00e4nglicher zu machen und, wer wollte es Verlagsmanagern ver\u00fcbeln, hoffentlich Kosten zu sparen. Die zweite Lesart w\u00e4re weniger best\u00e4rkend: Die Europ\u00e4er sind naiv. Ohne Not machen sie sich noch st\u00e4rker von Dritt-Plattformen abh\u00e4ngig, die Nutznie\u00dfer sitzen weitgehend im Silicon Valley. Sie geben bereitwillig und im gro\u00dfen Stil Copyright und damit die Chance auf, ihre Inhalte teuer an die Tech-Konzerne zu verkaufen. Sie riskieren das Vertrauen des Publikums in ihren Journalismus und f\u00fcttern eine Maschinerie mit dem Potential, zu den gr\u00f6\u00dften Strom-, Wasser- und Rohstoff-Fressern zu werden.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>Tats\u00e4chlich ist an beiden Interpretationen etwas dran. Die Europ\u00e4er sind tats\u00e4chlich vergleichsweise erfahren im Testen von KI-Tools f\u00fcr den Redaktionsalltag und in journalistischen Produkten, und das liegt nicht nur an schlechten Erfahrungen mit Tr\u00e4gheit. Sie haben einiges zu gewinnen \u2013 und viel zu verlieren. W\u00e4hrend kommerzielle Verlage sich von KI vor allem mehr Effizienz versprechen und darauf hoffen, mit st\u00e4rkerer Personalisierung mehr Abonnenten gewinnen und halten zu k\u00f6nnen, steht bei den \u00f6ffentlich-rechtlichen Anbietern das Ansinnen im Mittelpunkt, den Journalismus im weiten Sinne barrierefrei und damit auftragsgem\u00e4\u00df f\u00fcr alle zug\u00e4nglich zu machen. Wenn KI-Tools dabei helfen, k\u00fcnftig m\u00fchelos zwischen Formaten zu wechseln und trockene Stoffe zu veranschaulichen, k\u00f6nnte jeder Nutzer Inhalte nach seinen Bed\u00fcrfnissen abrufen. Der Bayerische Rundfunk, mit Chief AI Officer Uli K\u00f6ppen ein KI-Vorreiter unter den \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien in Europa, nutzt die Technologie zum Beispiel unter anderem zum Moderieren von Online-Kommentaren \u2013 Auftrag: demokratische Debatte \u2013 und zur Regionalisierung \u2013 Auftrag: in die Fl\u00e4che gehen.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>Die europ\u00e4ischen Medienh\u00e4user haben aber auch allen Grund, fr\u00fch und ausf\u00fchrlich zu testen und damit Schw\u00e4chen zu entdecken und auszumerzen. Denn f\u00fcr alle steht ihr gr\u00f6\u00dftes Kapital auf dem Spiel: das Vertrauen ihres Publikums (oder im Fall von dpa das ihrer Kunden). Falsche Informationen, verursacht durch KI-immanente Halluzinationen oder KI-Agenten, die Fakten verquirlen und verdrehen, r\u00fchren direkt an der Glaubw\u00fcrdigkeit der Medien. Gerade die \u00f6ffentlich-rechtlichen Anbieter k\u00f6nnen es sich nicht leisten, Zweifel an ihrer Existenzberechtigung aufkommen zu lassen. Deshalb wird hier besonders penibel getestet, wie sich die Faktentreue erhalten und wom\u00f6glich st\u00e4rken l\u00e4sst (auch Journalisten machen Fehler). Eine <a href=\"https:\/\/www.bbc.com\/mediacentre\/2025\/bbc-research-shows-issues-with-answers-from-artificial-intelligence-assistants\">BBC-Studie hatte in diesem Jahr ergeben<\/a>, dass jedes zweite von externen KI-Assistenten erstellte Nachrichtenst\u00fcck BBC Informationen nicht akkurat wiedergibt. Medienmarken anderer L\u00e4nder haben \u00e4hnliche Erfahrungen gemacht.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>In den USA liegen die Dinge etwas anders. Zun\u00e4chst einmal haben dort m\u00e4chtige H\u00e4user wie die <i>New York Times<\/i> Open AI wegen Copyright Verst\u00f6\u00dfen verklagt. Im Moment laufen <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2025\/09\/05\/technology\/anthropic-settlement-copyright-ai.html\">landesweit etwa 40 Klagen, der Anbieter Anthropic einigte sich Anfang September mit einigen Verlagen und Autoren auf einen Vergleich<\/a> in H\u00f6he von 1,5 Milliarden Dollar. In Europa ist mit gerichtlichen Auseinandersetzungen in der Regel nicht so viel zu holen wie in Amerika, weshalb man hier wom\u00f6glich einen weniger konfrontativen Weg eingeschlagen hat. Zudem scheint das Thema KI auf der anderen Seite des Atlantiks in den Z\u00fcndstoff f\u00fcr politische Polarisierung eingeflossen zu sein. Sprich: Wer KI begr\u00fc\u00dft, steht f\u00fcr ungebremsten Fortschritt und damit f\u00fcr den Geist des Silicon Valley, das sich bekannterma\u00dfen zumindest in der Au\u00dfenwirkung auf die Seite der Trump-Regierung geschlagen hat. Wer eher demokratisch denkt und w\u00e4hlt, nimmt wom\u00f6glich eine eher technikkritische Haltung ein. Das Thema hat somit Potential, die Gesellschaft weiter zu spalten.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>Ein derartiger ideologischer Ballast beschwert die europ\u00e4ische Debatte nicht, hier darf man weiterhin pragmatisch sein. Hinzu kommt, dass die Europ\u00e4er zunehmend darum k\u00e4mpfen, in Sachen Tech auf eigenen F\u00fc\u00dfen zu stehen. Digitale Souver\u00e4nit\u00e4t ist das Ziel. Ein j\u00fcngster Ausdruck davon ist die Initiative europ\u00e4ischer Banken, mit dem Zahlungstool Wero eine Paypal-Alternative zu schaffen. Eine Verweigerungshaltung st\u00fcnde solchen Bem\u00fchungen entgegen. Aus hiesiger Perspektive war es eher Naivit\u00e4t, sich von US-Konzernen mit allerlei digitalen Segnungen \u00fcberrollen zu lassen.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>Dass die Skandinavier in Sachen KI und Medien in den Lead gehen, verwundert nicht. Tats\u00e4chlich ist das schwedische Spotify der einzige europ\u00e4ische Anbieter, der es mit den Gro\u00dfen der Plattform-Wirtschaft in Sachen Einfluss und Endkundenn\u00e4he aufnehmen kann. Ganz vorne bei der Nordic AI Journalism Initiative spielen auch Kollegen der d\u00e4nischen Mediengruppe JP Politiken mit, deren CEO Stig Orskov vom kommenden Jahr an die World Association of News Publishers anf\u00fchren wird.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>K\u00fcnstliche Intelligenz wird die Informations-, Kommunikations-, Bildungs- und damit die Medienlandschaft tiefgreifend ver\u00e4ndern und uns alle herausfordern \u2013 unter anderem unsere Analysef\u00e4higkeit und Kreativit\u00e4t. Um diese Ver\u00e4nderungen mitgestalten zu k\u00f6nnen, muss man sie verstehen. Und damit verbindet sich die harte Arbeit des Testens, Anpassens, Implementierens und Evaluierens. Je fr\u00fcher Medienh\u00e4user herausfinden, welche St\u00e4rken der Mensch in dieser neuen Welt ausspielen kann und muss, umso mehr dient das dem Journalismus. KI ist nichts f\u00fcr Feiglinge. Dass die Europ\u00e4er dieses Mal mutig zugepackt haben, sollte einen freuen.\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p><em>Diese Kolumne erschien bei <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/kolumne-alexandra-borchardt-kuenstliche-intelligenz-usa-europa-endlich-mal-vorne\/26371\/\">Medieninsider am 22. September 2025<\/a>. Aktuelle Kolumnen kann man dort mit einem Abo lesen.\u00a0<\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Europa neigt man dazu, den eigenen Beitrag zum weltweiten technologischen Fortschritt eher versch\u00e4mt zu kommentieren. 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