{"id":2561,"date":"2026-07-31T15:50:14","date_gmt":"2026-07-31T13:50:14","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=2561"},"modified":"2026-07-31T15:50:15","modified_gmt":"2026-07-31T13:50:15","slug":"binge-media-statt-social-media-wie-verlage-darauf-reagieren-sollten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/binge-media-statt-social-media-wie-verlage-darauf-reagieren-sollten\/","title":{"rendered":"Binge Media statt Social Media: Wie Verlage darauf reagieren sollten"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-weight: 400;\">In die Reihe \u201eTrends, die man als Medienmanager nicht verpassen sollte\u201c, geh\u00f6rt auf jeden Fall der folgende: Die \u00c4ra der Sozialen Netzwerke k\u00f6nnte irgendwann vorbeigehen. Zahlen zufolge, die im Oktober 2025 von der <em>Financial Times<\/em> ver\u00f6ffentlicht wurden, ist die Anzahl der auf den entsprechenden Plattformen verbrachten Stunden in allen Altersgruppen seit 2022 r\u00fcckl\u00e4ufig. Und w\u00e4hrend die FT noch sch\u00fcchtern mit Fragezeichen titelte: <a href=\"https:\/\/www.ft.com\/content\/a0724dd9-0346-4df3-80f5-d6572c93a863\">\u201eHaben wir den H\u00f6hepunkt von Social Media \u00fcberschritten?\u201c<\/a>, legte sich <em>The Atlantic<\/em> wenig sp\u00e4ter mit etwas anderem Zungenschlag fest: <a href=\"https:\/\/www.theatlantic.com\/magazine\/2025\/12\/ai-companionship-anti-social-media\/684596\/\">\u201eDas Zeitalter der Anti-Social Media ist da\u201c<\/a>.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eWie bitte?\u201c, wird jetzt manch einer denken. Hatte man nicht gerade den letzten Widerst\u00e4ndigen in der Gesch\u00e4ftsleitungsrunde davon \u00fcberzeugt, dass sich die nachfolgenden Generationen nur an die Marke binden lassen, wenn man auch auf Insta, TikTok oder YouTube unterwegs ist? Und wenn das stimme, was hie\u00dfe das f\u00fcr das mittlerweile leidlich eingeschwungene Social Media Team?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nun gut, Eile ist in diesem Fall nicht geboten, eher strategisches Denken. Die von der FT pr\u00e4sentierten Zahlen zeigen schlie\u00dflich auch, wie massiv der Anstieg der Social-Media-Nutzung in den vergangenen zehn Jahren war. Und auch der im Juni 2026 ver\u00f6ffentlichte Digital News Report hat dokumentiert: Erstmals kommt die Mehrheit der Weltbev\u00f6lkerung \u00fcber Social Media in Kontakt mit Nachrichten. Man ist also noch auf hohem Niveau. Au\u00dferdem bedeutet das noch lange nicht, dass die Menschen, vor allem die jungen, Medien wieder ganz altmodisch \u00fcber die Website oder App konsumieren (nein, auch nicht in Print!). Aber die Entwicklung ist sichtbar, schl\u00fcssig und von mehreren Faktoren beeinflusst.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zun\u00e4chst einmal beg\u00fcnstigen die Gesch\u00e4ftsmodelle der Plattform-Konzerne den Trend weg von Social Media, auf denen die Nutzenden interagieren und teilen, hin zu etwas, das man \u201eBinge Media\u201c nennen k\u00f6nnte. Die Algorithmen von TikTok oder YouTube versuchen, die Konsumenten so lange wie m\u00f6glich auf ihren Plattformen zu halten, indem sie besonders popul\u00e4re Inhalte priorisieren und personalisieren. Das Ergebnis \u2013 stundenlanges passives <em>Bingen<\/em> \u2013 erinnert ein bisschen an das Zeitalter des linearen Fernsehens, in dem manch einer kraftlos bis zum Testbild an der Glotze hing, weil keine andere Form der Freizeit- und Lebensgestaltung mehr Entspannung zu versprechen schien. Auch in Zukunft wird nicht alles \u201eon demand\u201c und interaktiv sein sondern vieles, wie es immer schon war. \u00a0<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zweitens ist es mittlerweile nicht nur in repressiven Regimen zu den Nutzenden durchgedrungen, dass allzu gro\u00dfe Offenherzigkeit auf Social Media unangenehme Konsequenzen haben kann \u2013 sei es bei der Job-Suche oder beim Grenz\u00fcbertritt in L\u00e4nder, in denen Regierungschefs gerne Jagd auf Kritiker machen. Je weniger man aktiv postet, um so geringer ist das Risiko, sich zur Angriffsfl\u00e4che zu machen. Es ist nicht komplett abwegig, dass sich Menschen irgendwann wieder h\u00e4ufiger Briefe schicken oder pers\u00f6nlich treffen, wenn sie etwas Wichtiges zu besprechen haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Drittens tritt ein gewisser \u00dcberdruss zutage. In vielen L\u00e4ndern machen sich Initiativen von Eltern, Lehrern und Politikern mittlerweile dar\u00fcber Gedanken, was \u00fcberm\u00e4\u00dfiger Social Media Konsum bei Kindern und Jugendlichen anrichtet. Einschr\u00e4nkungen wie Altersbegrenzungen sind zwar nicht \u00fcberall durchzusetzen, aber zumindest ist eine laute Debatte dar\u00fcber zu erwarten. Zumal viele junge Leute selbst kritisch mit ihrer eigenen Smartphone-Nutzung umgehen. Nach einer im September 2025 ver\u00f6ffentlichten <a href=\"https:\/\/www.vodafone-stiftung.de\/jugendstudie-2025-social-media\/\">Studie der Vodafone Stiftung<\/a> w\u00fcrden die H\u00e4lfte der daf\u00fcr befragten Jugendlichen Social Media gerne weniger nutzen, schafft es aber nicht. Die Jungen sind dabei von den Netzwerken oft genervter als ihre Eltern. Kein Wunder, denn wer am Tag auf 100 WhatsApp-Nachrichten antworten soll, kommt schneller an seine Grenzen als \u00c4ltere, die sich vielleicht \u00fcber eine Handvoll digitale Kontaktaufnahmen pro Tag freuen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Viertens wird K\u00fcnstliche Intelligenz die Nutzung digitaler Kan\u00e4le in vielerlei Hinsicht ver\u00e4ndern. Hierauf zielt <em>Atlantic<\/em>-Autor Damon Beres im oben erw\u00e4hnten St\u00fcck ab, wenn er von \u201eAnti-Social Media\u201c spricht. Die Hypothese: Menschen werden gerade in kritischen Situationen zunehmend lieber mit Bots interagieren statt mit Freunden und Familienmitgliedern, denn die KI geht sanfter und affirmativer mit ihnen um. Schon jetzt sei soziale Vereinsamung ein Thema, der stete Zugriff auf digitale \u201eGespr\u00e4chspartner\u201c werde diesen Trend verst\u00e4rken. Hinzu kommt die schlichte Masse an mit Hilfe von KI oder g\u00e4nzlich automatisiert fabriziertem Content, die sich wiederum nur mit KI bew\u00e4ltigen l\u00e4sst. Wenn der KI-Agent k\u00fcnftig das Netz nach Inhalten absucht, aus der er (sie? es?) automatisch attraktive, algorithmusgerechte Social Media Posts generiert, die wiederum von anderen KI-Agenten gelesen werden, spart das echten Menschen Arbeitszeit. Die sind dann aber auch raus aus dem Social Media Spiel. Dies d\u00fcrfte sich vor allem auf beruflich genutzte Plattformen wie LinkedIn auswirken. \u00a0\u00a0<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was hei\u00dft das f\u00fcr Medienh\u00e4user? Zun\u00e4chst einmal: wachsam bleiben. Nicht alles, was heute Trend ist, wird es morgen noch geben. Es ist deshalb zwingend, konsequent in die Kraft des eigenen Journalismus und der eigenen Marke zu investieren, um direkte Beziehungen zu den Nutzenden aufzubauen und zu halten. Nur so kann man nicht nur seine Fans, sondern auch gelegentliche und potenzielle Kunden mitnehmen, wenn die Begeisterung f\u00fcr eine Plattform br\u00f6ckelt und es stattdessen anderswo weitergeht. Dazu geh\u00f6rt auch, das direkte Gespr\u00e4ch zu suchen und im Austausch zu bleiben. Medien haben nicht zuletzt eine gesellschaftliche Verantwortung. Sie m\u00fcssen f\u00fcrs Verbinden und Vernetzen von Menschen stehen, nicht f\u00fcrs Vereinzeln. \u00a0<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es gilt zudem, Journalismus und Medienmarken im KI-Zeitalter sichtbar zu machen, was eine Herausforderung ist. Um in der Welt der Bots und KI-Zusammenfassungen durchzudringen, werden echte Menschen gebraucht, die Emotion und N\u00e4he vermitteln, statt Authentizit\u00e4t und Empathie nur vorzut\u00e4uschen. Wie die <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/news-creators-influencers\/2025\/mapping-news-creators-and-influencers-social-and-video-networks\">wachsende Popularit\u00e4t von News-Creators<\/a>zeigt, werden Personenmarken wichtiger. Und beide, Menschen und Marken, m\u00fcssen f\u00fcr das geradestehen, was sie tun. Wie die Intendantin des Schwedischen Fernsehens SVT, Anne Lagercrantz in einem Gespr\u00e4ch sagte: \u201eVersuchen Sie mal, einen Konzern aus dem Silicon Valley und deren Algorithmen zur Rechenschaft zu ziehen. Wir sind hier, und wir \u00fcbernehmen Verantwortung.\u201c \u201eWir sind hier\u201c hei\u00dft aber auch, dort aufzuschlagen, wo die Nutzenden sind. Es hilft also nicht, das Social Media Team muss noch eine ganze Weile ordentlich schuften. \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p><em>Diese Kolumne <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/kolumne-alexandra-borchardt-binge-media-social-media\/26687\/\">erschien bei Medieninsider<\/a> am 11. November 2025.\u00a0<\/em><\/p>\n\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In die Reihe \u201eTrends, die man als Medienmanager nicht verpassen sollte\u201c, geh\u00f6rt auf jeden Fall der folgende: Die \u00c4ra der Sozialen Netzwerke k\u00f6nnte irgendwann vorbeigehen. Zahlen zufolge, die im Oktober 2025 von der Financial Times ver\u00f6ffentlicht wurden, ist die Anzahl der auf den entsprechenden Plattformen verbrachten Stunden in allen Altersgruppen seit 2022 r\u00fcckl\u00e4ufig. 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