{"id":2565,"date":"2026-07-31T16:23:28","date_gmt":"2026-07-31T14:23:28","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=2565"},"modified":"2026-07-31T16:23:28","modified_gmt":"2026-07-31T14:23:28","slug":"medien-trends-2026-die-unertraegliche-langsamkeit-des-seins","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/medien-trends-2026-die-unertraegliche-langsamkeit-des-seins\/","title":{"rendered":"Medien-Trends 2026: Die unertr\u00e4gliche Langsamkeit des Seins"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Medienbranche ist mit ungew\u00f6hnlich viel Pessimismus ins Jahr 2026 gestartet. K\u00fcnstliche Intelligenz wirkt sich in kaum absehbarem Ausma\u00df auf die Sichtbarkeit von Journalismus aus, Politiker \u2013 <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/our-research\/how-young-people-consume-news-and-implications-mainstream-media\">wie zuletzt New Yorks neuer B\u00fcrgermeister Zohran Mamdani<\/a> \u2013 meiden kritische Journalisten und machen ihr eigenes Ding, und Creator, die eher aufwiegeln als zu informieren, binden die Aufmerksamkeit und Emotionen vieler Medienkonsumenten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">All das f\u00fchrt dazu, dass nur 38 Prozent der f\u00fcr den j\u00e4hrlichen <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/journalism-media-and-technology-trends-and-predictions-2026\">Trends-Report des Reuters Institutes<\/a> befragten Medien-F\u00fchrungskr\u00e4fte zuversichtlich sind, was die Zukunft des Journalismus angeht. Das sind ganze 22 Prozentpunkte weniger als 2022; damals hatte Autor Nic Newman diese Frage zum ersten Mal gestellt. Man erinnert sich dunkel an ein anderes Zeitalter: Die Pandemie mit ihren hohen Zugriffszahlen auf Medienprodukte war am Abflauen, Putin plante seinen \u00dcberfall auf die Ukraine im Verborgenen, statt Donald Trump wohnte Joe Biden im Wei\u00dfen Haus, und das Potenzial von ChatGPT war nur wenigen Entwicklern im Silicon Valley ein Begriff.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nun ist alles anders. Nur in den Redaktionen geht es in weiten Teilen noch zu wie zuvor. Die gleiche Abfolge von Schnellmeldungen, Live-Tickern und Politiker-Interviews, der Fokus auf \u201eschneller und mehr\u201c statt auf \u201ebesser\u201c, die Neigung zum Predigen, statt den Kunden zuzuh\u00f6ren, die Hybris von Gro\u00df-Autoren, die denken, die Welt warte allein auf ihren n\u00e4chsten Leitartikel \u2013 all das macht viele F\u00fchrungskr\u00e4fte nerv\u00f6s. \u201eWarum transformiert sich die Medienbranche so viel langsamer als andere?\u201c, lautet eine oft gestellte Frage in den Kreisen derjenigen, die einen Blick f\u00fcr das sich ver\u00e4ndernde Umfeld haben. \u201eWie k\u00f6nnen wir schneller werden?\u201c, war dann auch die mit Abstand am st\u00e4rksten nachgefragte Breakout-Gruppe beim News Innovation Forum in Oxford, das in der ersten Januarwoche jedes Jahr ein gutes Stimmungsbarometer f\u00fcr die Branche ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Trends-Report, der stets zu diesem Anlass vorgestellt wird, baut auf den Einsch\u00e4tzungen von 280 Medienmanagerinnen und -managern aus einer Vielzahl von L\u00e4ndern auf, darunter in diesem Jahr etwa jeder zehnte aus Deutschland. \u00a0Und die nannten eine ganze Liste an Ursachen f\u00fcr diese unertr\u00e4gliche Langsamkeit des Seins. An erster Stelle standen fehlende Ressourcen, um Innovation durchzusetzen (was immer jeder darunter verstehen mag), gefolgt von der Schwierigkeit, verschiedene Kr\u00e4fte in der Organisation auf eine Linie einzuschw\u00f6ren. Au\u00dferdem fehle es an Kompetenzen und Strategie.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber auf Zusammenk\u00fcnften wie dem News Innovation Forum wird deutlich, wie sehr die Welten in Medienh\u00e4usern auseinanderklaffen. Da gibt es diejenigen, die sich Ver\u00e4nderungsprojekten wie der KI-Transformation verschrieben haben und zu solchen Konferenzen gehen. Wenn man ihnen zuh\u00f6rt, ist man als erfahrene F\u00fchrungskraft beeindruckt vom Ver\u00e4nderungstempo in manchen H\u00e4usern. Und dann gibt es diejenigen, die vor lauter Druck im Tagesgesch\u00e4ft kaum Zeit haben, w\u00e4hrend der Schicht aufs Klo zu gehen. Das Problem ist, dass die einen oft nicht einmal wissen, dass es die anderen gibt. Die Kommunikation zwischen Innovatoren, Entscheidern und Machern ist vielerorts ausbauf\u00e4hig.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und nat\u00fcrlich hat es noch andere Gr\u00fcnde, warum in Medienh\u00e4usern alles so langsam geht. In Redaktionen zum Beispiel ist Ver\u00e4nderung einerseits der Normalzustand, die Nachrichtenlage sieht zu jeder Stunde anders aus. Andererseits erfordert gerade dies gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Stabilit\u00e4t: Jeder wei\u00df genau, was sie oder er in einer <em>Breaking News<\/em> Situation zu tun hat. Hier sind einge\u00fcbte Handgriffe gefragt, das kann man nicht heute so angehen und morgen so. Und jeder wei\u00df: Es ist wahnsinnig schwer, antrainiertes Verhalten zu \u00e4ndern \u2013 andere dazu zu bewegen, ist noch anspruchsvoller. Da gen\u00fcgen weder Ansagen von oben noch Handb\u00fccher, die im Zweifel niemand liest. Der Wandel gelingt nur, wenn die Sich-wandeln-M\u00fcssenden vom Sinn des Ganzen \u00fcberzeugt sind, die Ressourcen und Werkzeuge dazu bekommen und den Umgang damit praktizieren. Das dauert.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hinzu kommt die nach wie vor vielerorts recht eingeschliffene Trennung von Redaktion und Verlag. Diese f\u00fchrt dazu, dass auf der einen Seite Management-Kompetenzen unterentwickelt sind \u2013 man hat schlie\u00dflich Journalismus gelernt \u2013 und auf der anderen oft das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr den Journalismus fehlt. Dessen Basis ist eben gerade nicht \u201emove fast and break things\u201c, wie Facebook das einst proklamierte. Journalismus hei\u00dft, Fakten zu checken und die Zwei-Quellen- und Vier-Augen-Prinzipien anzuwenden. Man geht nicht mit der Betaversion live, sondern erst, wenn alles stimmt. Denn was bei Fehlern als erstes bricht, ist das Vertrauen zum Publikum. Und darauf baut die Legitimit\u00e4t des gesamten Gesch\u00e4fts. (Die Breakout-Gruppe zum Thema Vertrauen kam \u00fcbrigens mangels Interesses nicht zustande.)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Au\u00dferdem l\u00e4sst sich nicht alles, was Innovation genannt wird, ohne Verluste nachahmen. Nicht hinter jeder neuen Plattform verbirgt sich ein Gesch\u00e4ftsmodell. Und anders als das Creatoren-Dasein, zum Beispiel, ist Journalismus ein Team-Sport. Ja, man sch\u00e4tzt sie, die charismatischen Anchor-M\u00e4nner und -Frauen, die Edelfedern und Star-Kommentatoren. Aber an starken investigativen Recherchen, aufwendigen Daten-Projekten oder aufkl\u00e4renden Film- oder Audio-Formaten sind \u00fcblicherweise viele H\u00e4nde beteiligt, und das muss so sein. Journalismus braucht Tiefe, Kontinuit\u00e4t und Verl\u00e4sslichkeit und keine Sterne, die vergl\u00fchen, sobald ihnen die Energie ausgeht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Trotzdem gibt es nat\u00fcrlich ein paar Rezepte, um Ver\u00e4nderungen rascher voranzutreiben. Das wichtigste stammt aus Clayton Christensens Klassiker \u201eThe Innovators Dilemma\u201c. Neue Produkte und Gesch\u00e4ftsmodelle lassen sich am besten in agilen, extra daf\u00fcr gegr\u00fcndeten Organisationen austesten, die ohne den Ballast der alten Kultur durchstarten k\u00f6nnen. Der niederl\u00e4ndisch-belgische Konzern Mediahuis hat zum Beispiel Spil News gegr\u00fcndet, eine Marke, in der Journalisten unter 25 Jahren Journalismus f\u00fcr GenZ entwickeln \u2013 ohne f\u00fcr eine der vielen etablierten Publikationen arbeiten zu m\u00fcssen und dort von der herrschenden Kultur vereinnahmt zu werden. Die Unf\u00e4higkeit zur Innovation liege nicht an schlechtem Management, schrieb Christensen damals, sondern im Gegenteil an gutem Management: Organisationen und ihre s\u00e4mtlichen Belohnungs- und Karrierestrukturen seien darauf getrimmt, die besonders wichtigen und lukrativen Kunden immer besser zu bedienen. Da werde schnell \u00fcbersehen, welche Potenziale au\u00dferhalb davon schlummerten.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wirkungsvoll kann es au\u00dferdem sein, Neues in besonders willigen und innovationsbereiten Abteilungen auszuprobieren, um schnelle Erfolge zu produzieren. Die Chancen stehen gut, dass dann andere nachziehen wollen; jeder ist gerne bei den Gewinnern. Gebraucht wird dazu allerdings eine Strategie. Es muss klar sein, welche Zielgruppe man bedienen m\u00f6chte, auf welche Kompetenzen man sich konzentrieren will \u2013 und was man k\u00fcnftig nicht mehr macht. In vielen H\u00e4usern werden neue Projekte neben alten Praktiken aufgebaut. Oft fehlt der Fokus. Am Ende nehmen sich Altes und Neues die Luft zum Atmen und alle sind ersch\u00f6pft. Dazu geh\u00f6rt: Jeder im Haus muss wissen, wo die Reise hingeht. Das Was der Kommunikation ist genauso wichtig wie das Wie und das Wie oft. F\u00fchrungskr\u00e4fte m\u00fcssen wieder und wieder \u00f6ffentlich bekunden, dass sie es mit ihren Ansagen ernst meinen, sonst nimmt sie keiner ernst.\u00a0<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Eine klare Strategie vorgeben hei\u00dft aber auch, Mitarbeitenden liebgewonnene oder zumindest einge\u00fcbte Praktiken wegzunehmen \u2013 und damit oft Anerkennung, Status und Privilegien. Auch das ist eine F\u00fchrungsaufgabe, und die ist hart. Laut dem Reuters Trends-Report geben die befragten F\u00fchrungskr\u00e4fte zum Beispiel am h\u00e4ufigsten an, die Redaktion im KI-Zeitalter st\u00e4rker auf exklusiven Journalismus einschw\u00f6ren zu wollen. In einer Umfrage ist das leicht angekreuzt. Was das im Alltag hei\u00dft, haben sich vermutlich nur wenige verdeutlicht. Der Chefredakteur einer norwegischen Medienmarke hatte auf einer Branchenkonferenz im November gesagt: Bei einer Analyse des eigenen Angebots h\u00e4tten sich nur f\u00fcnf Prozent einer Inhalte-Stichprobe als origin\u00e4rer Journalismus des Hauses erwiesen. Alles andere h\u00e4tte also genauso gut eine KI produzieren k\u00f6nnen. Willkommen zur <a href=\"https:\/\/www.niemanlab.org\/2025\/12\/editors-will-start-tackling-the-5-challenge-and-it-wont-be-fun\/\">F\u00fcnf-Prozent-Challenge<\/a> \u2013 die genaugenommen eine 95-Prozent-Challenge ist. Es gilt, einer Redaktion beizubringen, dass 95 Prozent ihres Journalismus nicht \u00fcberlebensf\u00e4hig sind. \u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Will man Journalisten f\u00fcr neue Tools und Praktiken begeistern, beginnt man am besten mit solchen, die allt\u00e4gliche Probleme l\u00f6sen. Die Kollegen interessierten sich nicht f\u00fcr neue Tools, sie wollten Arbeitserleichterungen, sagte ein KI-Verantwortlicher eines gro\u00dfen Senders beim Innovation Forum. Wer glaubhaft vermitteln k\u00f6nne, dass Innovationen den Arbeitsalltag besser machen, habe gute Chancen, geh\u00f6rt zu werden. Deshalb geh\u00f6ren KI-Tools auch zu jener Art Innovation, die recht gute Chancen hat, bei Anwendern Abnehmer zu finden \u2013 solange es nur um mehr Arbeitseffizienz und Kreativit\u00e4t bei gewohnten Abl\u00e4ufen geht. Sind g\u00e4nzlich neue Produkte und Prozesse gefragt, sieht das schon anders aus. Die <a href=\"https:\/\/radicallyinformed.substack.com\/p\/beyond-the-artifact-the-brutal-economics?just_subscribed=true\">Entwertung von Content \u2013 was viele Journalisten f\u00fcr ihr Kerngesch\u00e4ft halten \u2013 ist ein Trend<\/a>, der im KI-Zeitalter kaum aufzuhalten ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zum Gl\u00fcck hat Journalismus mehr zu bieten als pure Inhalte \u2013 was auch der Grund f\u00fcr jene 38 Prozent sein d\u00fcrfte, die sich im Trends-Report als Optimisten outeten. Glaubw\u00fcrdigkeit, Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl, Interessen-Repr\u00e4sentation, ein von Ritualen gepr\u00e4gtes Konsumerlebnis voller Aha-Momente und Unterhaltung, all das empfinden Menschen, wenn sie zu Medienprodukten greifen. Und wom\u00f6glich werden sie im Maschinen-Zeitalter auch immer h\u00e4ufiger eins erwarten: Menschlichkeit. \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p><em>Diese Kolumne <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/trends-2026-die-unertraegliche-langsamkeit-des-seins\/27027\/\">erschien bei Medieninsider<\/a> am 13. Januar 2026.<\/em>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Medienbranche ist mit ungew\u00f6hnlich viel Pessimismus ins Jahr 2026 gestartet. 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