{"id":2573,"date":"2026-08-01T14:26:33","date_gmt":"2026-08-01T12:26:33","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=2573"},"modified":"2026-08-01T14:26:33","modified_gmt":"2026-08-01T12:26:33","slug":"klimajournalismus-im-backlash-von-der-kunst-die-pflicht-zur-kuer-zu-machen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/klimajournalismus-im-backlash-von-der-kunst-die-pflicht-zur-kuer-zu-machen\/","title":{"rendered":"Klimajournalismus im Backlash: Von der Kunst, die Pflicht zur K\u00fcr zu machen"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-weight: 400;\">Den prominenten Chefredakteuren, die vor nicht allzu langer Zeit behauptet haben, der Klimawandel sei &#8222;die wichtigste Story unserer Zeit&#8220;, m\u00fcsste folgende Erhebung eigentlich peinlich sein: Seit 2021 haben Redaktionen weltweit die Menge an <a href=\"https:\/\/grist.org\/language\/global-heating-climate-news-drought-chaos\/\">Berichterstattung \u00fcber den Klimawandel um 38 Prozent reduziert<\/a>. Dies berichtet das Media and Climate Change Observatory an der University of Colorado in Boulder, das die Daten seit 22 Jahren erhebt und damit eine aussagekr\u00e4ftige Zahlenbasis vorweisen kann.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nun gut, m\u00f6gen Schlaumeier argumentieren, die Menge sagt noch nichts \u00fcber die Qualit\u00e4t aus. H\u00e4tten einem Experten nicht stets geraten, man solle dem Publikum <a href=\"https:\/\/constructiveinstitute.org\/explorer-product-page\/\">weniger und daf\u00fcr eindrucksvollere St\u00fccke<\/a> bieten? Als Autorin des 2023 erschienenen Reports \u201e<a href=\"https:\/\/www.ebu.ch\/guides\/open\/report\/news-report-2023-climate-journalism-that-works\">Climate Journalism That Works<\/a>\u201c habe ich h\u00e4ufig \u00e4hnliches empfohlen, und wer diese Regel beherzigt hat, mag sich hier weniger angesprochen f\u00fchlen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Fakt ist aber, dass Journalisten ihre Scheinwerfer mittlerweile auf so viele akute Bedrohungslagen richten (m\u00fcssen), dass in den meisten H\u00e4usern das Thema Klima schon aus Personalnot heruntergefahren wurde. Bei Medien wie der <a href=\"https:\/\/www.climatecoloredgoggles.com\/p\/washington-post-climate-bezos\"><em>Washington Post<\/em><\/a> und den gro\u00dfen <a href=\"https:\/\/earth.org\/climate-coverage-on-major-us-commercial-broadcast-tv-networks-down-35-in-2025\/\">amerikanischen TV Sendern <\/a>wurde es aus politischen Gr\u00fcnden wenn nicht abger\u00e4umt, so doch in eine weniger beleuchtete Ecke geschoben. Auch Geldgeber und damit Forschungseinrichtungen ziehen sich zur\u00fcck. So hat das Reuters Institute for the Study of Journalism sein Trainings- und Netzwerk-Programm <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/oxford-climate-journalism-network\">Oxford Climate Journalism Network<\/a> Ende 2025 eingestellt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">W\u00e4hrenddessen <a href=\"https:\/\/www.bbc.com\/news\/articles\/c203rdxkezwo\">bereitet die UN die Menschen<\/a> auf eine vom El-Nino-Effekt verst\u00e4rkte Rekord-Hitzeperiode vor. Die<a href=\"https:\/\/wmo.int\/news\/media-centre\/earths-climate-swings-increasingly-out-of-balance\">World Meteorological Organization (WMO) warnte Ende M\u00e4rz<\/a>, das Klima gerate zunehmend aus den Fugen. Das World Economic Forum (WEF) nennt klimabedingte Effekte ganz oben auf seiner Skala der <a href=\"https:\/\/www.weforum.org\/publications\/global-risks-report-2026\/\">globalen Risiken<\/a>. Und bei einem Gro\u00dfteil der Weltbev\u00f6lkerung ist die Bedrohungslage ohnehin l\u00e4ngst angekommen. Das gilt sogar f\u00fcr das Energieverbraucher-Kernland USA, wie das <a href=\"https:\/\/climatecommunication.yale.edu\/publications\/climate-change-in-the-american-mind-beliefs-attitudes-fall-2025\/toc\/4\/\">Yale Center for Climate Change Communication regelm\u00e4\u00dfig erhebt<\/a>.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was hei\u00dft das f\u00fcr den Journalismus? Ist es Zeit f\u00fcr eine gro\u00dfe Emp\u00f6rungs-Rede? Oder machen Redaktionen doch etwas richtig (siehe oben: weniger kann mehr sein)? Auf jeden Fall k\u00f6nnen die Medien von den Wellen der Klima-Berichterstattung etwas f\u00fcr andere Dauerbrenner-Themen lernen, wie sie sich mit Ukraine und Nahost bereits manifestiert haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Erstens, zun\u00e4chst einmal darf man loben.<\/em> Das mag diejenigen \u00fcberraschen, die hier eine Tirade erwarten. Aber die Tatsache, dass die meisten Menschen bei ungew\u00f6hnlichen Wetterlagen wissend vom Klimawandel sprechen \u2013 ob das nun im Einzelfall stimmt oder nicht \u2013 ist der kundigen und regelm\u00e4\u00dfigen Berichterstattung von Journalisten zu verdanken. Selbst wenn diese mal mehr und mal weniger intensiv ist: den Effekt der Aufkl\u00e4rung hat sie in vielen Regionen der Erde erzielt. Es kann deshalb der paradoxe Effekt einsetzen, dass Nutzer weiterscrollen, wenn sie irgendwo \u201eKlima\u201c lesen. Das ist weniger Ignoranz als der \u201e<em>Ich<\/em> wei\u00df das doch\u201c-Effekt. Leser des <em>Guardian<\/em> begr\u00fcnden ihre freiwilligen Zahlungen zum Beispiel h\u00e4ufig damit, dass sie wollen, das \u201edie Anderen\u201c die gute Klimaberichterstattung kostenfrei lesen k\u00f6nnen, wie CEO Anna Bateson einmal erz\u00e4hlte.\u00a0 \u00a0\u00a0<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Zweitens, die Masse macht es nicht, die Qualit\u00e4t entscheidet.<\/em> Zu viel des immer Gleichen f\u00fchrt zu Nachrichtenverdruss, gut recherchierte, aufbereitete und menschennahe Geschichten in den zum Publikum passenden Formaten hingegen fesseln. Aber diese Qualit\u00e4t kostet. F\u00fcr eine exzellente Berichterstattung \u00fcber das Klima, \u00fcber geopolitische Gro\u00dflagen und andere sich hinziehende, aber bedeutsame Entwicklungen werden Fachleute gebraucht, die Zeit investieren d\u00fcrfen, im KI-Zeitalter allemal. Diese Reporter k\u00f6nnen sich bei entsprechenden Talenten und Kenntnissen selbst als Personenmarken etablieren, oder sie stehen Kolleginnen und Kollegen beratend zur Seite, die Formate mit Reichweite betreuen und betreiben. Es hilft, wenn die F\u00fchrungsspitze eine Erwartungshaltung kommuniziert. \u201eWir wollen in jeder Woche eine Klima- (Ukraine-\/Gaza-)Geschichte unter den t\u00e4glichen Top 10 der meistempfohlenen St\u00fccke haben\u201c ist dabei als Signal zielf\u00fchrender als, \u201ewir d\u00fcrfen das Klimathema nicht vergessen\u201c. \u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Drittens, Zielgruppen bedienen hei\u00dft nicht, ihnen nach dem Mund zu reden, sondern ihnen wichtige Inhalte mundgerecht zu vermitteln<\/em>. Was den Fokus auf das Publikum und seine Bed\u00fcrfnisse angeht, ist in den vergangenen Jahren in Redaktionen viel Gutes passiert. War Journalismus fr\u00fcher weit \u00fcberwiegend das, was die Journalisten berichtenswert fanden \u2013 sei es, \u201eweil man das so macht\u201c, sie Spa\u00df dabei hatten oder um den Chefredakteur zu beeindrucken \u2013 haben Konzepte wie \u201eAudiences first\u201c oder \u201eUser Needs\u201c den Fokus vom Sender zum Empf\u00e4nger verschoben. Dabei wurde allerdings manchmal \u00fcberdreht \u2013 auch, weil es letztlich oft doch nicht um Empf\u00e4nger-Bed\u00fcrfnisse sondern um die eigene Hoffnung auf Abos, Mitgliedschaften oder Geldgeber ging. \u201eSex, Partnerschaft, Crime und Geldanlage laufen immer\u201c, hei\u00dft eben nicht, dass man sich in jedem Fall mit dem spiegelbildlichen \u201edas liest niemand\u201c zufrieden geben darf. Amalie Kestler, die Chefredakteurin der d\u00e4nischen Tageszeitung \u201ePolitiken\u201c, hat das einmal f\u00fcr das Thema Klimaberichterstattung etwa so formuliert: Die Redaktion definiere, welche Geschichten wichtig zu vermitteln aber wom\u00f6glich trocken und komplex seien und analysiere, welche gut bei den Nutzenden ank\u00e4men. Und dann versuche sie, sich von den letzteren abzuschauen, wie man den ersteren mehr Leben einhauchen k\u00f6nne. Es ist eine Kunst, die journalistische Pflicht zur K\u00fcr zu machen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Viertens, auch bei jedem Dauerbrenner-Thema gibt es blinde Flecken, die in der Masse der Berichterstattung untergehen.<\/em>Ein Grund daf\u00fcr liegt im ausgepr\u00e4gten journalistischen Herdentrieb. \u201eDie schreiben alle voneinander ab\u201c ist eine berechtigte Publikumsklage. Die Klagenden kennen zwar die Mechanismen der Branche nicht, wundern sich aber, warum sie pl\u00f6tzlich \u00fcberall Interviews mit einem bestimmten Filmstar lesen (ihr neuer Film kommt raus, juhu, es gibt es Gespr\u00e4chstermine), zuf\u00e4llig Stimmungsbilder aus dem gleichen ukrainischen Dorf bekommen (ein Pool wird in sichere Entfernung der Front gef\u00fchrt), oder erfahren, warum Krafttraining im Alter wichtig ist (es gab eine Studie oder etwas lief auf TikTok). Andere Themen haben es dagegen schwer, weil sie es nie in die Reichweiten-Spirale schaffen. Nach den Angriffen auf Iran dauerte es zum Beispiel erstaunlich lange, bis \u00fcber die wirtschaftlichen Auswirkungen des Krieges inklusive Folgen f\u00fcr den Tourismus aufgekl\u00e4rt wurde. Verkehrs- und Logistik-Reporter brauchten offenbar eine Weile, um zu ihren Politik-Kollegen mit der \u201eDer hat gesagt, die hat gesagt\u201c-Routine durchzudringen. Und bei aller Aufregung um KI und ihre Folgen geht es auch im Jahr vier nach dem Launch von ChatGPT unter, welchen Fu\u00dfabdruck die Technologie f\u00fcrs Klima hat. In den Chefetagen der Tech-Firmen ist das sehr wohl bekannt, in jenen der Redaktionen wird dies vor lauter Hype um KI-Tools geflissentlich ignoriert \u2013 selbst von Chefs, die sich zuvor f\u00fcr mehr Klima-Journalismus eingesetzt haben. Starker Journalismus hei\u00dft auch, danach zu fahnden, wor\u00fcber aus guten Gr\u00fcnden nicht berichtet wird.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>F\u00fcnftens, es gibt Dauerbrenner-Themen, die Klicks generieren, obwohl sie das Publikum nerven.<\/em> Wer hat in seinem Bekanntenkreis noch nicht die Klage geh\u00f6rt, man m\u00fcsse \u201eimmer nur \u00fcber Trump\u201c lesen \u2013 an manchem Oster-Fr\u00fchst\u00fcckstisch \u00fcbrigens als Thema Tabu. Wenn redaktionsinterne Daten belegen, dass die Leser trotzdem auf entsprechende Schlagzeilen klicken, hat das meistens mit Personalisierung zu tun. Nur ein Gedankenspiel: W\u00e4re das Klima eine m\u00e4chtige Person, die gro\u00dfes Ungl\u00fcck \u00fcber die Menschheit bringen k\u00f6nnte \u2013 wie s\u00e4he dann die Berichterstattung aus? Offenbar schafft es so manch ein einflussreicher Mensch, mit erratischem Verhalten trotz aller Erwartbarkeit immer wieder jene \u00dcberraschungseffekte zu erzielen, die zum Reinlesen verleiten. Trump ist f\u00fcr die t\u00e4gliche Politik-Berichterstattung, was die Feuersbrunst, das Erdbeben, die \u00dcberschwemmung f\u00fcr den Klimajournalismus sind: eine einzige, schaurige Katastrophe, die einen immer wieder neu in den Bann zieht. Trotz aller Aufkl\u00e4rungs-M\u00fchen hat es der Journalismus nicht geschafft, einen Trump zu verhindern. Beim Klimawandel muss das besser laufen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Diese Kolumne <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/wie-der-klimajournalismus-an-temperatur-verliert\/27507\/\">erschien bei Medieninsider<\/a> am 10. April 2026.<\/p>\n\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den prominenten Chefredakteuren, die vor nicht allzu langer Zeit behauptet haben, der Klimawandel sei &#8222;die wichtigste Story unserer Zeit&#8220;, m\u00fcsste folgende Erhebung eigentlich peinlich sein: Seit 2021 haben Redaktionen weltweit die Menge an Berichterstattung \u00fcber den Klimawandel um 38 Prozent reduziert. 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