{"id":2588,"date":"2026-08-12T12:39:45","date_gmt":"2026-08-12T10:39:45","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=2588"},"modified":"2026-08-12T12:39:45","modified_gmt":"2026-08-12T10:39:45","slug":"wie-nutzwert-im-ki-zeitalter-seinen-wert-behaelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wie-nutzwert-im-ki-zeitalter-seinen-wert-behaelt\/","title":{"rendered":"Wie Nutzwert im KI-Zeitalter seinen Wert beh\u00e4lt"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-weight: 400;\">Eigentlich liegt das auf der Hand: Wenn Menschen \u2013 und sie tun es! \u2013 ChatGPT und Co. in allen Lebenslagen zurate ziehen, warum sollten Redaktionen dann noch in Nutzwert-Angebote investieren? Schlie\u00dflich ist es relativ unwahrscheinlich, dass die KI-Tools ausgerechnet die jeweils eigene Geschichte als Quelle ausweisen. In der j\u00e4hrlichen <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/journalism-media-and-technology-trends-and-predictions-2026\">Trends-Umfrage des Reuters Institutes<\/a> gaben die befragten Medienf\u00fchrungskr\u00e4fte folgerichtig an, in diesem Jahr sehr viel weniger in Service Journalismus und daf\u00fcr mehr in zum Beispiel investigative Geschichten und Recherchen vor Ort zu investieren. Marie Gilot, Leiterin des Executive Education Programms an der Craig Newmark Graduate School of Journalism, formulierte es in ihrer diesj\u00e4hrigen Vorhersage f\u00fcr Harvards Nieman Lab pr\u00e4gnant: \u201e<a href=\"https:\/\/www.niemanlab.org\/2025\/12\/sorry-the-explainer-is-dead\/\">Sorry, the explainer is dead<\/a>\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein bisschen traurig ist es schon. Seitdem Redaktionen <em>Conversions<\/em> messen, die Umwandlungsrate von St\u00fccken in Abos, ist das Ansehen von mit Service Themen befassten Journalisten in der internen Hackordnung merklich gestiegen. Klar, sie sitzen nie im Regierungsflieger, aber ihre Geschichten tragen in der Regel mehr zur wirtschaftlichen Gesundheit des Unternehmens bei als das sorgsam ausgeleuchtete Zitat des Bundeskanzlers mit hohem \u201ek\u00f6nnte, sollte, d\u00fcrfte\u201c Gehalt. Service ist dabei ein dehnbarer Begriff: Was tun bei Heuschnupfen geh\u00f6rt genauso dazu wie Tipps zum Investment in ETFs oder zum Wiederbeleben in die Jahre gekommener Partnerschaften. Praktisch jeder, der die Zahlen kennt, wird zumindest f\u00fcr Letzteres best\u00e4tigen: Das Zeug konvertiert (weshalb sogar die FAZ ein beachtliches Angebot dazu einspeist). Und wenn Berater regelm\u00e4\u00dfig herunterbeten, Menschen zahlten nur f\u00fcr digitalen Journalismus, wenn er ihnen einen Mehrwert f\u00fcr ihr t\u00e4gliches Leben biete, dann ist dies zwar keine originelle aber eine zutreffende Erkenntnis. Hier, voila, kommt Nutzwert gro\u00df raus. Und das soll nun vorbei sein? Wie bl\u00f6d ist das denn.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Immer mit der Ruhe, m\u00f6chte man intervenieren. Denn was perspektivisch stimmen mag, wird nicht morgen passieren. Wie f\u00fcr Social Media, deren Niedergang aus guten Gr\u00fcnden prognostiziert aber noch nicht materiell sichtbar ist \u2013 <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/kolumne-alexandra-borchardt-binge-media-social-media\/26687\/\">siehe Medieninsider-Kolumne vom November 2025<\/a>, gilt auch f\u00fcr den Nutzwert-Journalismus: Die Welle wird sich noch eine Weile ausk\u00f6mmlich reiten lassen. Aber ein paar Dinge sollten Redaktionen dabei im Hinterkopf haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nutzwert funktioniert zum Beispiel gut, wenn er mit pers\u00f6nlicher Expertise verbunden ist. Das zum Klassiker avancierte Frage-Antwort-St\u00fcck hingegen erledigt ChatGPT souver\u00e4n. Nicht immer reflektieren Chatbots den neuesten Stand der Forschung, das gilt jedoch auch f\u00fcr Redakteure. Die preisgekr\u00f6nte Wissenschaftsredakteurin oder der Paartherapeut mit 30 Jahren Erfahrung verk\u00f6rpern aber etwas, das Chatbots derzeit noch nicht gegeben ist: Glaubw\u00fcrdigkeit, Pers\u00f6nlichkeit, Authentizit\u00e4t. Sie bringen Nuancen in Recherche oder Interview, die ein auf glattpolierte, forsche Ansagen trainiertes Sprachmodell nicht liefern wird. Und entgegen allgemeinen Annahmen (Menschen bevorzugen klare Ansagen) sp\u00fcren viele Nutzende instinktiv, dass allzu schematische Antworten den komplexen Themen des Lebens nicht gerecht werden. Perfektion macht misstrauisch. Glaubw\u00fcrdigkeit und Vertrauen bilden sich oft gerade dann, wenn sich das Gegen\u00fcber auch Zweifel leistet und sich als Mensch offenbart. Genau deswegen folgen viele junge Medien-Konsumenten statt Marken lieber Menschen, denen sie meinen, vertrauen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es empfiehlt sich Verlagen also, Personenmarken aufzubauen oder solche als Gespr\u00e4chspartner zu rekrutieren. Wer jetzt meint, dringend und sofort mit ein paar jungen Influencern paktieren zu m\u00fcssen, sollte kurz innehalten. Denn vielleicht hat man die eine oder den anderen potenziellen \u201eInfluencer\u201c schon im Haus. Waren in den ersten zwei Jahrzehnten der Digitalisierung Generalisten gefragt, die versiert und schnell am Bildschirm Inhalte basteln, optimieren und verbreiten konnten, steht nun das gro\u00dfe Comeback der Experten an. In der personalisierten Medienwelt brillieren solche Kolleginnen und Kollegen, die Dinge schnell einordnen und auf ein gro\u00dfes Netzwerk zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen. Gard Steiro, Chefredakteur und CEO der norwegischen Medienmarke VG (Verdens Gang), hatte das auf Wan-Ifras Newsroom Summit Ende 2025 so beschrieben: \u201eWir haben die Reporter, die wir in den 1990ern eingestellt haben, lange Zeit als nicht besonders effizient betrachtet. Mit KI sind sie wahrscheinlich die effizientesten Mitarbeitenden, die wir haben.\u201c Sie h\u00e4tten Erfahrung, und es brauche Jahre, um Erfahrung aufzubauen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gleichzeitig hofft das Publikum, dass Anbieter, die mit ihren Gesichtern f\u00fcr etwas stehen, im Zweifel auch Verantwortung \u00fcbernehmen. So l\u00e4sst sich zum Beispiel der Erfolg von jungen Medienmarken erkl\u00e4ren, die sich auf Finanzen spezialisiert haben. Wenn es um so wichtige Themen geht wie das eigene Geld, \u00fcberzeugt es viele Nutzende offenbar mehr, wenn ihnen jemand Gr\u00fcnde f\u00fcr seine pers\u00f6nlichen Investment-Entscheidungen erkl\u00e4rt, als wenn Suchanfragen kalte Zahlenreihen auswerfen. F\u00fcr rational-mathematisch orientierte Nutzende mag das nicht gelten, aber viele Menschen lassen sich eher von Emotionen leiten als von Rechnerei. Das Erfolgsrezept des freundlichen Finanzberaters funktioniert in der digitalen Welt eben \u00e4hnlich gut wie in der analogen. Obwohl im Zweifel in beiden Szenarien niemand Verantwortung \u00fcbernimmt, der entledigen sich alle Anbieter im Kleingedruckten. \u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Herausfordernd wird die KI-als-Service-Welt f\u00fcr Organisationen wie die Stiftung Warentest, deren Gesch\u00e4ftsmodell komplett auf n\u00fcchterner Expertise beruht. In die Produkttests flie\u00dft viel Geld; das Image der Marke h\u00e4ngt an Objektivit\u00e4t, nicht an sympathisch-pers\u00f6nlichen Auftritten. Gleichzeitig ist das Risiko besonders gro\u00df, dass KI-Modelle Inhalte abgreifen, ohne dass die Stiftung etwas davon hat. Und wom\u00f6glich bauen die Chatbots auch noch Fehler ein. Kein Wunder, <a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/posts\/julia-b%C3%B6nisch-b52914146_qualitaeutsjournalismus-verbraucherschutz-share-7381676865922543617-H0ae\/\">dass die Warentest-Juristen neuerdings besonders aktiv gegen all jene vorgehen<\/a>, die sich bei den Ergebnissen der teuren Tests bedienen und damit selbst noch Geld verdienen wollen, zum Beispiel \u00fcber Affiliate-Links.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Kein Unternehmen wird allerdings das Vertrauen seiner Nutzenden vor Gericht gewinnen. Auch wenn das nach Endlosschleife klingt: Im KI-Zeitalter geht es um direkte, loyale Beziehungen zu den Kunden. Und dazu geh\u00f6rt es, Emotionen zu wecken. Wissen und Fakten sind wichtig, denn auch Produktentt\u00e4uschungen zerst\u00f6ren Vertrauen. Aber Verbindungen brauchen chemische Prozesse. Kein Wunder, dass f\u00fcr viele Verlage Live-Journalismus das neue gro\u00dfe Ding ist. Wer einmal auf einem (gelungenen) Event einer Marke war, wird ihr zumindest k\u00fcnftig mehr Sympathie entgegenbringen. Vielleicht kommt er ja bald: der Staubsauger-Test als B\u00fchnen-Format.\u00a0\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p><em>Diese Kolumne erschien <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/im-zeitalter-von-ki-wie-nutzwert-seinen-wert-behaelt\/27734\/\">bei Medieninsider<\/a> am 11. Mai 2026.\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich liegt das auf der Hand: Wenn Menschen \u2013 und sie tun es! \u2013 ChatGPT und Co. in allen Lebenslagen zurate ziehen, warum sollten Redaktionen dann noch in Nutzwert-Angebote investieren? Schlie\u00dflich ist es relativ unwahrscheinlich, dass die KI-Tools ausgerechnet die jeweils eigene Geschichte als Quelle ausweisen. 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