{"id":2600,"date":"2026-08-17T18:01:29","date_gmt":"2026-08-17T16:01:29","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=2600"},"modified":"2026-08-17T18:01:30","modified_gmt":"2026-08-17T16:01:30","slug":"news-avoidance-ist-nicht-das-problem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/news-avoidance-ist-nicht-das-problem\/","title":{"rendered":"News Avoidance ist nicht das Problem"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Thema \u201eNews Avoidance\u201c geh\u00f6rt zu den dankbaren Ph\u00e4nomenen, aus denen jeder die f\u00fcr sich und seine Organisation passenden Schl\u00fcsse ziehen kann. Die einen nehmen es als Aufforderung, ihre Nutzenden noch personalisierter, gef\u00e4lliger oder marktschreierischer zu bedienen \u2013 irgendwann werden sie schon hingucken, der Appetit kommt beim Einkaufen. Die anderen treten bewusst auf die Bremse. Die Logik ist jene der <em>Slow Cuisine<\/em>: W\u00fcrde man die Kunden nicht rund um die Uhr mit Nachrichten zuballern, sondern nur Weniges aber daf\u00fcr Gutes anbieten, k\u00e4men sie von selbst zur\u00fcck. Konzepte wie Konstruktiver Journalismus und \u201eSlow Journalism\u201c ziehen daraus ihre Rechtfertigung. Die Ideologen der politischen R\u00e4nder wiederum argumentieren, das Vermeiden der \u201eMainstream Medien\u201c sei die logische Folge deren \u201eeinseitigen\u201c Angebots. Sie sprechen dem Journalismus seine Relevanz, Qualit\u00e4t und Legitimit\u00e4t ab und rechtfertigen damit jene mediale Parallelwelt, in die sie verschwinden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichte <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/digital-news-report\/2026\">Digital News Report 2026<\/a> \u2013 das allj\u00e4hrlich erscheinende Datenwerk aus dem Reuters Institute in Oxford hatte den Begriff \u201eNews Avoidance\u201c erst popul\u00e4r gemacht \u2013 hat, wenig \u00fcberraschend, einen weiteren Anstieg des bewussten Ablassens von der b\u00fcrgerlichen Informationspflicht diagnostiziert. In Deutschland vermeiden demnach 72 Prozent der online aktiven Erwachsenen Nachrichten zumindest gelegentlich, im weltweiten Durchschnitt sind es 42 Prozent. Die Gr\u00fcnde bleiben seit Jahren konstant: die deprimierende Weltlage, die Masse, Taktung und Redundanz an Informationen, die fehlende Relevanz f\u00fcrs eigene Leben, das Empfinden medialer Voreingenommenheit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber muss das die Branche tats\u00e4chlich alarmieren? Schlie\u00dflich kann man \u201eNews Avoidance\u201c auch positiv interpretieren: Nur wer Journalismus konsumiert und sich mit der Weltlage besch\u00e4ftigt, kann Nachrichten ab und an bewusst vermeiden. Wer sich um den Zustand der Demokratie sorgt, f\u00fcr den muss ein anderes Ph\u00e4nomen relevanter sein: \u00a0Der mediale Graben zwischen den Viel-Nutzenden und den Nicht-Nutzenden tut sich laut Datenlage weiter auf.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zu diesem Schluss kommt man jedenfalls, wenn man ein wenig zwischen den Zeilen liest. Beispiel 1, die Creator Economy: Menschen, die News Creators folgen, sind laut DNR \u00fcberwiegend nicht etwa solche, die sich bei den traditionellen Medien heimatlos f\u00fchlen \u2013 so wie es manch ein Geschichtenerz\u00e4hler aus dem Silicon Valley den Verlagen glauben machen will. Im Gegenteil, es handele sich in gro\u00dfer Zahl um &#8222;Heavy User&#8220;, die von den herk\u00f6mmlichen Angeboten nicht genug bekommen und sich <em>zus\u00e4tzlich<\/em> bei den Einzelk\u00e4mpfern informieren oder unterhalten lassen. Beispiel 2, KI-Chatbots: Wer ChatGPT, Claude oder Perplexity nach den Nachrichten fragt, tut das eher, um Inhalte einer Nachricht zu vertiefen, statt den Journalismus-Konsum dadurch zu ersetzen. Auch hier sind also eher Viel-Nutzende statt Vermeider zugange.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr die Verlage hei\u00dft das: So sehr sie auch hoffen m\u00f6gen, neue Kunden zu erschlie\u00dfen, indem sie zus\u00e4tzliche Plattformen bespielen, frische Gesichter und Stimmen einsetzen, neue Formate oder Slow-News-Strategien entwickeln, so wahrscheinlich ist es, dass sie sich letztlich mit allen anderen um die Gruppe der Nachrichtenhungrigen balgen m\u00fcssen. Denn nur die werden im Zweifel f\u00fcr journalistische Angebote zahlen. (Erfreulich in diesem Zusammenhang: In der Altersgruppe der 25- bis 34-J\u00e4hrigen ist der Anteil derjenigen, die in Deutschland f\u00fcr Journalismus bezahlen, innerhalb eines Jahres um 7 Prozentpunkte auf 22 Prozent gestiegen, damit ist er doppelt so hoch wie im Durchschnitt der Bev\u00f6lkerung.)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auf der anderen Seite des Grabens stehen diejenigen, um die sich \u2013 trotz manch gegenteiliger Bekundung \u2013 kaum jemand ernsthaft bem\u00fcht, weil das nicht nur unprofitabel sondern selbst bei hoher Investition von wenig Erfolg gekr\u00f6nt ist. Agnes Stenbom, die im schwedischen Schibsted-Konzern gro\u00df geworden und dort das IN\/Lab mitgegr\u00fcndet hat, pr\u00e4gte f\u00fcr diese Gruppe einst den Begriff \u201eNews Outsiders\u201c. \u201eOutsiders\u201c unterscheiden sich deutlich von \u201eAvoiders\u201c, weil sie die Relevanz von Journalismus f\u00fcr ihr Leben noch nie erkannt haben. Sie vermeiden News nicht, sie leben einfach ohne &#8211; auch, weil sie sich davon nicht angesprochen oder auch &#8222;mitgeweint&#8220; f\u00fchlen. Wer bei ihnen punkten will, muss sie zun\u00e4chst einmal ernst nehmen und dann mit Medienbildung ansetzen. Und das verlangt Geld, Fantasie und p\u00e4dagogisches Geschick.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das schwedische <a href=\"https:\/\/www.inlabnews.com\/\">IN\/Lab<\/a>, wo Jugendliche Nachrichten auch mal als Rap darbieten, ist ein Beispiel daf\u00fcr, wie Fortschritte m\u00f6glich sind. In Deutschland hat sich <a href=\"https:\/\/www.usethenews.de\/de\">#usethenews<\/a> einer \u00e4hnlichen Aufgabe verschrieben. Aber es ist h\u00f6chst unwahrscheinlich, dass die derart umworbene Zielgruppe irgendwann ein Medien- statt ein Netflix-Abo abschlie\u00dfen wird. Die Investition flie\u00dft hier in die Gesellschaft, nicht in ein Business.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Forscher wie Antonis Kalogoropoulos argumentieren schon l\u00e4nger, dass die Digitalisierung die <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/news\/social-inequalities-news-consumption\">Journalismus-Nutzung ungleicher<\/a> gemacht hat: Die Gebildeten greifen auf eine nie dagewesene Vielfalt, Qualit\u00e4t und Tiefe an Angeboten zur\u00fcck. Die Desinteressierten kommen nicht einmal mehr in der Kaffeepause mit der Boulevard-Zeitung oder vor dem Krimi mit den Abend-Nachrichten in Kontakt, wie das in der analogen Welt h\u00e4ufig passierte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn Verlage ihre Investitionen in Creators, KI-Angebote oder andere \u201eInnovationen\u201c gewisserma\u00dfen als soziales Engagement verkaufen (\u201eWir wollen alle Zielgruppen erreichen!\u201c), ist das entweder PR, oder sie machen sich etwas vor. Die Medienh\u00e4user alleine k\u00f6nnen den medialen Graben nicht zusch\u00fctten \u2013 und angesichts des wirtschaftlichen Drucks, unter dem die meisten stehen, kann man ihnen das kaum vorwerfen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dort, wo Geld vorhanden ist, n\u00e4mlich bei den \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien, flie\u00dft der gr\u00f6\u00dfte Batzen davon in die Versorgung derjenigen, die eh schon genug bekommen: Menschen \u00fcber 70 werden mit Talkshows derart angef\u00fcttert, dass sie gar nichts vermeiden k\u00f6nnen, solange sie noch vor dem Fernseher sitzen und nicht am Handy. Kan\u00e4le wie das digitale ARD\/ZDF-Jugendnetzwerk Funk dagegen, <a href=\"https:\/\/medienwissen.at\/lesestoff\/interview-mit-philipp-schild-2026\">die akribisch analysieren, welche Gruppen sie noch nicht erreichen<\/a> und gezielt Formate f\u00fcr diese entwickeln, k\u00f6nnen mit den ihnen zugeteilten \u00fcberschaubaren Betr\u00e4gen gerade mal Achtungserfolge erzielen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Folge ist ein zweigeteiltes Mediensystem: Auf der einen Seite stehen die kommerziellen Anbieter, die sich einen Verdr\u00e4ngungswettbewerb liefern oder in einer Nische absch\u00f6pfen, was abzusch\u00f6pfen geht. Fachbriefings, regionale Angebote oder so genannte Community Media f\u00fcr bestimmte Zielgruppen k\u00f6nnen durchaus florieren. F\u00fcr diese H\u00e4user ist es Pflicht, sich auf die Bed\u00fcrfnisse ihrer Nutzenden zu fokussieren \u2013 mit allen Wirkungen und Nebenwirkungen. Auf der anderen arbeiten die \u00f6ffentlich-rechtlichen H\u00e4user an der kaum l\u00f6sbaren Aufgabe, alle zu erreichen. Wollen sie dieses Versprechen einl\u00f6sen, ist noch viel Geld umzuschichten. Und au\u00dfen herum werkelt ein stiftungs- oder staatlich finanzierter Medien-Bildungskomplex, der darum k\u00e4mpft, in einem zunehmend von (ausl\u00e4ndischen) Drittplattformen beherrschten System die Menschen so aufzuschlauen, dass sie die Lust am Selberdenken und -ausw\u00e4hlen behalten. Das Bed\u00fcrfnis nach unabh\u00e4ngiger Information ist nicht genetisch vorgegeben; es muss erlernt werden. \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p><em>Diese Kolumne erschien <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/news-avoidance-ist-nicht-das-problem\/27942\/\">bei Medieninsider am 7. Juli 2026<\/a>.\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Thema \u201eNews Avoidance\u201c geh\u00f6rt zu den dankbaren Ph\u00e4nomenen, aus denen jeder die f\u00fcr sich und seine Organisation passenden Schl\u00fcsse ziehen kann. Die einen nehmen es als Aufforderung, ihre Nutzenden noch personalisierter, gef\u00e4lliger oder marktschreierischer zu bedienen \u2013 irgendwann werden sie schon hingucken, der Appetit kommt beim Einkaufen. 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