{"id":2689,"date":"2026-10-28T13:19:05","date_gmt":"2026-10-28T12:19:05","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=2689"},"modified":"2026-10-28T13:22:02","modified_gmt":"2026-10-28T12:22:02","slug":"generation-haltung-warum-journalismus-im-ki-zeitalter-mehr-davon-braucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/generation-haltung-warum-journalismus-im-ki-zeitalter-mehr-davon-braucht\/","title":{"rendered":"Generation Haltung: Warum Journalismus im KI Zeitalter mehr davon braucht"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-weight: 400;\">In Redaktionen schwelt ein Generationenkonflikt, und der hat nichts mit Technologie zu tun. Vielmehr ber\u00fchrt er den Kern dessen, was dort tagt\u00e4glich erschaffen wird. Haltung oder Meinung, Objektivit\u00e4t oder eigene Perspektive \u2013 Welten scheinen da aufeinander zu prallen. \u201eWie halten sie es mit dem Aktivismus?\u201c \u2013 Journalisten, die in den Beruf einsteigen, sind gut beraten, sich vor dem Vorstellungsgespr\u00e4ch auf diese oder \u00e4hnliche Fragen vorzubereiten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vor allem in \u00f6ffentlich-rechtlichen Medienh\u00e4usern st\u00f6hnen \u00e4ltere Kollegen, man m\u00fcsse jungen Bewerbern heutzutage erst einmal erkl\u00e4ren, was Journalismus \u00fcberhaupt sei. Jene wollten vor allem Meinung machen \u2013 und immer nur \u00fcber sich selbst berichten. Die Jungen wiederum sind entschieden, wenn es um Konzepte wie Objektivit\u00e4t, Neutralit\u00e4t oder Unvoreingenommenheit geht. Die <em>view from nowhere<\/em>, wie es im amerikanischen Journalistenschul-Slang hei\u00dft, existiere nicht. Jeder bringe seine Perspektive mit, schon die Auswahl der Themen und Fakten sei subjektiv. Objektivit\u00e4t sei \u201eAktivismus f\u00fcr den Status quo\u201c, so formulierte es k\u00fcrzlich eine junge Journalistin in einem Seminar.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Publikum wiederum scheint sich nicht so sicher zu sein, was es will. Laut dem <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/digital-news-report\/2026\">aktuellen Digital News Report<\/a> bevorzugt die gro\u00dfe Mehrheit der Befragten weiterhin einen Journalismus, der verschiedene Perspektiven pr\u00e4sentiert. Diejenigen, die angaben, sie suchten in den Medien bewusst nach ihren eigenen oder gegens\u00e4tzlichen Standpunkten, sind nach wie vor in der Minderheit. Dies hatte \u00fcbrigens auch eine <a href=\"https:\/\/www.medienwissen.at\/studie2026\">qualitative Studie<\/a> der Mediengruppe Wiener Zeitung zu den Vorlieben der Gen Z ergeben. \u201eJunge Erwachsene haben ein klares und klassisches Verst\u00e4ndnis von Qualit\u00e4tsjournalismus. Sie erwarten inhaltliche Korrektheit, gr\u00fcndliche Recherche, Objektivit\u00e4t, Unabh\u00e4ngigkeit, Transparenz sowie Perspektivenvielfalt\u201c, hei\u00dft es dort \u00fcber eine repr\u00e4sentative Stichprobe aus \u00d6sterreich.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Analysiert man allerdings das Verhalten der Nutzenden, punkten vor allem News Creator mit einer ganz pers\u00f6nlichen Handschrift oder Stimme. Nur drei oder vier der 70 f\u00fcr die zweite <a href=\"https:\/\/www.ftstrategies.com\/en-gb\/insights\/next-gen-news-2\">Next Gen News Studie<\/a> befragten Creators h\u00e4tten angegeben, dass ihnen Objektivit\u00e4t wichtig sei, <a href=\"https:\/\/medienwissen.at\/lesestoff\/interview-with-George-Montagu-2026\">sagt George Montagu<\/a>, der die Studien f\u00fcr FT Strategies betreut hatte. \u201eSie sagten auch so etwas wie: \u2018Mein Publikum kommt nicht zu mir wegen langweiliger Ausgewogenheit; sie kommen, weil sie mich und meine Meinung wertsch\u00e4tzen.\u2018\u201c Wie l\u00e4sst sich dieser Widerspruch aufl\u00f6sen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zun\u00e4chst einmal muss man sich daf\u00fcr den Begriff Haltung vornehmen. Dieses kraftvolle deutsche Wort, das sich \u00fcbrigens schwer ins Englische \u00fcbersetzen l\u00e4sst, ist in den vergangenen Jahren in Verruf gekommen \u2013 sehr zu Unrecht. Haltung symbolisiert R\u00fcckgrat und Standfestigkeit. Wenn Medienkritiker von \u201eHaltungs-Journalismus\u201c sprechen, verwenden sie den Begriff in der Regel ver\u00e4chtlich und synonym f\u00fcr \u201eMeinungsmache\u201c. Das ist traurig. Denn auch \u00e4ltere Kollegen werden zugestehen m\u00fcssen, dass Journalismus ohne Haltung unm\u00f6glich ist. Ein Grundverst\u00e4ndnis von Recht und Unrecht ist immerhin der Startpunkt vieler Recherchen. Wer journalistisch arbeitet, steht au\u00dferdem unter dem besonderen Schutz der Verfassung. Im Gegenzug verschreibt er sich daf\u00fcr einem Korsett journalistischer Werte. Erhalt der Demokratie, des Rechtsstaats, der Grundwerte geh\u00f6ren dazu. Nach dem Zweiten Weltkrieg bekamen nur jene Bewerber eine Zeitungs- oder Sende-Lizenz, denen die Alliierten eine solche Haltung abnahmen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Manch einer mag behaupten, dass auch jemand wie Benjamin Berndt eine Haltung hat. Berndt ist Host des Podcasts \u201eungeskriptet\u201c und l\u00e4sst alle seine G\u00e4ste unwidersprochen reden, auch wenn sie Bl\u00f6dsinn von sich geben, gar gegen Gesetze versto\u00dfen. Er nennt das Meinungsfreiheit. Dabei h\u00e4lt er ihnen praktisch nur einen Lautsprecher hin. Man k\u00f6nnte das \u201eSchei\u00dfegal-Haltung\u201c nennen, eine journalistische ist es nicht. Es ist ein gutes Zeichen, wenn junge Journalisten da rotsehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Komplizierte mit der Haltung ist allerdings, dass sie sich mit der Gesellschaft weiterentwickelt \u2013 ganz \u00e4hnlich wie die Verfassung. So fand zum Beispiel der <a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/webarchiv\/textarchiv\/2013\/47447610_kw49_grundgesetz_20a-213840\">Schutz der Umwelt als Staatsziel<\/a> erst 1994 und damit 45 Jahre nach Inkrafttreten des Grundgesetzes Eingang in dasselbe, erst 2021 <a href=\"https:\/\/www.bundesverfassungsgericht.de\/SharedDocs\/Entscheidungen\/DE\/2021\/03\/rs20210324_1bvr265618.html\">erweiterte das Bundesverfassungsgericht<\/a> dieses Ziel auf die Klimaneutralit\u00e4t. Klimajournalismus ist deshalb keine Option, sondern eine Frage der Haltung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Im Zusammenspiel zwischen Gesellschaft, Politik und Justiz sind im Verlauf der Jahrzehnte auch andere Grunds\u00e4tze neu und meistens weiter interpretiert worden. Es ist also nur richtig, wenn sich junge Journalisten auf dem Boden einer lebendigen Verfassung eine andere Haltung zu eigen machen als Kollegen, die ihr Handwerk vor 30 Jahren gelernt haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das hei\u00dft nicht, dass die Berufseinsteiger Fakten ignorieren und nur im eigenen Kopf recherchieren wollen \u2013 so manch einer unbeholfenen \u201eIch-Geschichte\u201c zum Trotz, wie sie bei \u00c4lteren verp\u00f6nt ist und auch der Autorin dieser Kolumne immer noch fremd. Junge Journalisten sch\u00e4tzen es durchaus, unterschiedliche Sichtweisen einzufangen. Aber sie legen wom\u00f6glich andere Ma\u00dfst\u00e4be an als ihre Vorgesetzten \u2013 und das entspricht zumindest einem Teil ihres Publikums.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nic Newman, langj\u00e4hriger Lead Autor des Digital News Reports, wei\u00df durch die Arbeit mit Fokus-Gruppen, dass junge Menschen durchaus Meinungs- und Perspektivenvielfalt im Journalismus sch\u00e4tzen. Allerdings sei Fairness gegen\u00fcber verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen ein zentraler Wert f\u00fcr sie. Das mache Diskriminierung jeglicher Form f\u00fcr sie inakzeptabel.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vom Thema Haltung ist es dann wiederum ein kurzer Weg zum Aktivismus, ein ebenso weiches Konzept. Um den Klimajournalismus-EBU-News-Report \u201e<a href=\"https:\/\/www.ebu.ch\/guides\/open\/report\/news-report-2023-climate-journalism-that-works\">Climate Journalism That Works: Between Knowledge and Impact<\/a>\u201c entspann sich zum Beispiel nach der Ver\u00f6ffentlichung 2023 eine interessante Debatte: <em>Impact<\/em>, also Wirkung, sei kein journalistisches Ziel, meinten einige Kollegen. Dem l\u00e4sst sich entgegenhalten: Kann Journalismus, der nichts bewirkt, \u00fcberhaupt guter Journalismus sein? Oder handelt es sich dann schlicht um eine Fehlinvestition von Ressourcen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nur wenige Redaktionsleiter alter Schule werden sich so \u00e4u\u00dfern wie die Chefredakteurin der gr\u00f6\u00dften d\u00e4nischen Tageszeitung <em>Politiken<\/em>. <em>Politiken<\/em> sehe sich in einer aktivistischen Tradition, <a href=\"https:\/\/wan-ifra.org\/2024\/10\/mirroring-society-how-politiken-tackles-news-avoidance-by-invigorating-their-climate-beat\/\">hatte Amalie Kestler vor einiger Zeit gesagt<\/a>. Man habe seit 1884 Projekte initiiert, um der Bev\u00f6lkerung zu helfen. Aber selbst die \u00d6ffentlich-Rechtlichen, die so sehr auf ihre Neutralit\u00e4t pochen, sammeln zum Beispiel nach Naturkatastrophen regelm\u00e4\u00dfig Spenden. Wenn das kein Aktivismus ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Seminarteilnehmer, deren Aussagen mich zu dieser Kolumne inspiriert haben, hatten kluge Gedanken dazu, wo Aktivismus beginnt, und wo er aufh\u00f6rt. Hier eine Auswahl an Zitaten: \u201eAktivismus hat ein Kommunikationsziel, Journalismus nicht.\u201c \u201eAnders als Aktivismus l\u00e4sst Qualit\u00e4tsjournalismus dem Gegen\u00fcber Raum.\u201c \u201eJournalismus gibt Aktivisten Tools an die Hand, Daten und Fakten.\u201c Aber manchmal, da herrschte Einigkeit, m\u00fcsse Journalismus eben aktivistisch sein und f\u00fcr Werte einstehen. Man kann nur hoffen, dass solche Debatten auch in Redaktionen ergebnisoffen gef\u00fchrt werden. \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Im KI-Zeitalter d\u00fcrfte Haltung f\u00fcr den Journalismus \u00fcbrigens noch wichtiger werden. Ja, wom\u00f6glich ist sie das, was ihn \u00fcberhaupt erst ausmacht. Chatbots haben n\u00e4mlich keine.<\/p>\n<p><em>Diese Kolumne erschien zuerst bei <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/generation-haltung-warum-der-journalismus-jetzt-mehr-davon-braucht\/28033\/\">Medieninsider am 14. August 2026<\/a>. Meine neueren Kolumnen dort kann man mit einem Medieninsider-Abo lesen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Redaktionen schwelt ein Generationenkonflikt, und der hat nichts mit Technologie zu tun. Vielmehr ber\u00fchrt er den Kern dessen, was dort tagt\u00e4glich erschaffen wird. 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