{"id":367,"date":"2018-08-10T11:06:40","date_gmt":"2018-08-10T09:06:40","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=367"},"modified":"2018-08-10T11:06:40","modified_gmt":"2018-08-10T09:06:40","slug":"rettet-die-freiheit-in-die-digitale-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/rettet-die-freiheit-in-die-digitale-welt\/","title":{"rendered":"Rettet die Freiheit in die digitale Welt!"},"content":{"rendered":"<div class=\"td-post-header\">\n<header class=\"td-post-title\">\n<div class=\"article-author\">Offenbar war ein echter Datenskandal n\u00f6tig, um die Debatte \u00fcber die Freiheit in der digitalen Welt voll zu entfachen. Denn tats\u00e4chlich ahnten B\u00fcrger schon vor den Enth\u00fcllungen rund um Cambridge Analytica, dass ihre Daten bei Facebook \u2013 und nicht nur dort \u2013 ziemlich transparent und abrufbar gelagert werden. <a href=\"https:\/\/www.capital.de\/wirtschaft-politik\/facebook-skandal-das-zuckerberg-tribunal\">Nun musste Facebook-Chef Mark Zuckerberg zum B\u00fc\u00dfen antreten<\/a>. Und siehe da: Die europ\u00e4ische Idee vom Datenschutz, der bislang der Geruch von G\u00e4ngelei anhaftete, duftet in der Not selbst f\u00fcr ihn nach Freiheit.<\/div>\n<\/header>\n<\/div>\n<div class=\"td-post-content\">\n<p>Dabei hat Freiheit noch nie bedeutet, dass jeder jederzeit machen kann, was ihm gerade passt. Denn die des einen h\u00f6rt immer dort auf, wo die des anderen beginnt. Deshalb gibt es wahre Freiheit nur, wenn sich alle auf ein paar Regeln verst\u00e4ndigt haben. Als kleinster gemeinsamer Nenner gelten die Grundrechte. Und selbst diese m\u00fcssen im digitalen Zeitalter verteidigt werden. Die Freiheit der Gedanken, die Unverletzlichkeit des K\u00f6rpers und der Wohnung, das Recht auf ein faires Verfahren \u2013 alles wird durch die neuen M\u00f6glichkeiten ber\u00fchrt.<\/p>\n<p>Bislang hat die Digitalisierung vor allem polarisiert. W\u00e4hrend die einen technologiebesoffen ihre eigenen Powerpoint-Vortr\u00e4ge bewundern, prognostizieren die anderen angesichts des Roboter-Zeitalters den Untergang der Zivilisation. Letzteres ist \u00fcbrigens kein Privileg analoger Smartphone-Verweigerer. Kein geringerer als Silicon-Valley-Vision\u00e4r Elon Musk hat die M\u00f6glichkeit des Weltuntergangs skizziert, g\u00e4be man bei der Entwicklung von k\u00fcnstlicher Intelligenz das Steuer aus der Hand.<\/p>\n<p>Die zentrale Botschaft: Der Mensch muss die Technik gestalten, nicht die Technik den Menschen. Nur so l\u00e4sst sich Freiheit bewahren. Und nur in Freiheit gedeihen Menschlichkeit und jene Innovationen, die die Welt zu einem besseren Ort nicht nur f\u00fcr jene machen, die die modernen Produktionsmittel besitzen: Daten.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><em>B\u00fcrger sein statt Konsument oder Untertan<\/em><\/span><\/p>\n<p>Derzeit gibt es die digitale Welt grob gesagt in zwei Varianten. Variante eins ist die Konsumgesellschaft kapitalistischer Pr\u00e4gung, die von monopolistischen Konzernen getrieben wird. Variante zwei ist der autorit\u00e4re Staat, in dem das Monopol bei der Regierung liegt.<\/p>\n<p>Der Antrieb der kapitalistischen Version ist die Bequemlichkeit, schon manch einer hat sie mit Freiheit verwechselt. B\u00fcrger werden als Konsumenten gebraucht, deren Aufgabe es ist, unabl\u00e4ssig Daten zu produzieren. Diese werden in Algorithmen eingespeist, die zu weiterem Konsum verleiten und gleichzeitig Anwendungen der k\u00fcnstlichen Intelligenz f\u00fcttern sollen. Der Consumer wird zum Prosumer.<\/p>\n<p>In dieser Welt herrschen neben Apple, Facebook, Google und Amazon. Vor allem die Gesch\u00e4ftsmodelle letzterer basieren darauf, Aufmerksamkeit zu erlangen und neue Bed\u00fcrfnisse zu wecken. Die Plattformen suggerieren dem Konsumenten Freiheit, aber in der Regel strukturieren sie seine Wahlm\u00f6glichkeiten so, dass er m\u00f6glichst oft zugreift. Geht es nur um den Kauf einer Kaffeemaschine, sind die Folgen algorithmischer Beeinflussung zu verschmerzen. Werden aber Informationen und Meinungen, die jemand zu sehen bekommt, zu stark strukturiert, leidet der Wettbewerb der Ideen.<\/p>\n<p>In der autorit\u00e4ren Version der digitalen Welt setzt der Staat mit Hilfe von Vernetzung plus Datenanalyse seine Agenda durch. Dazu benutzt er eine Mischung aus Abschreckung (\u201ebig brother is watching you\u201c), Ablenkung (wer konsumiert, politisiert nicht) und Anreizen. China exerziert derzeit vor, wie das funktioniert. Es gibt ein Punktesystem f\u00fcr die B\u00fcrger, nach dem Privilegien verteilt werden. Mit Freiheit hat das nichts zu tun.<\/p>\n<p>Soll die digitale Welt eine freie sein, muss sie den selbstbestimmten B\u00fcrger f\u00f6rdern. Datenschutz und eine sichere Beteiligung an politischen Prozessen geh\u00f6ren genauso dazu wie die Transparenz \u00f6ffentlicher Institutionen. Ebenso wie es staatliche Aufgabe ist, einen sicheren \u00f6ffentlichen Raum zu schaffen, muss es einen sicheren digitalen Raum geben, in dem sich jeder frei \u00e4u\u00dfern kann aber auch zu benehmen wei\u00df. Die Analogie zur Stra\u00dfe passt, denn Verkehrsregeln sind auch dann allgemeing\u00fcltig, wenn die eine oder andere Strecke privatisiert ist.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><em>Auf das Design kommt es an<\/em><\/span><\/p>\n<p>Smartphones machen s\u00fcchtig, hei\u00dft es. Wissenschaftler sagen, sie funktionieren wie kleine Dopamin-Pumpen, die uns mit Gl\u00fcckshormonen fluten, wenn wir viele \u201eLikes\u201c kassieren und uns hormonell beuteln, wenn in unserer \u201eInbox\u201c Leere herrscht. Algorithmen k\u00f6nnen den Massengeschmack f\u00f6rdern, weil sie kondensierte Vergangenheit sind und immer das nach oben sp\u00fclen, was die Vielen m\u00f6gen. Und Apps machen Nutzer zu gl\u00e4sernen Menschen. Aber all das geschieht nur, wenn man es geschehen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Viel zu lange wurde die digitale Welt als quasi gottgegeben hingenommen, manch eine Prozessionen ins Silicon Valley mutete wie eine religi\u00f6se Handlung an. Doch mit dem Wissen schwindet manch spiritueller Zauber. Alle Ger\u00e4te, die uns mit dem weltweiten Datennetz verbinden, alle Algorithmen, die uns steuern, alle Apps kann man so oder so bauen oder programmieren. Das digitale Zeitalter muss das Zeitalter guten Designs werden. Es gilt, Gesch\u00e4ftsmodelle, Technik, und die Politik zu gestalten, die sie reguliert.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><em>Brecht das Effizienz-Diktat!<\/em><\/span><\/p>\n<p>Ein weiterer Anf\u00e4ngerfehler k\u00f6nnte uns Zukunft kosten: wenn Digitalisierung allein dazu genutzt wird, Effizienz zu steigern. Innovationen entstehen, wenn Menschen Luft haben zum Denken, Ausprobieren, Kooperieren, durch Zuf\u00e4lle. Wenn wir uns auf Effizienz konzentrieren, konkurrieren wir mit Maschinen, und dann haben wir schon verloren. Wir m\u00fcssen das trainieren, was uns von Robotern unterscheidet: Empathie, Gespr\u00e4chskultur, Kreativit\u00e4t, Beziehungspflege. Denn das wird den Menschen 4.0 ausmachen.<\/p>\n<\/div>\n<footer>\n<div class=\"footer-navigation-container\"><\/div>\n<div class=\"artikel-zusatz\">\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\"><em>Zuerst erschienen in <a href=\"https:\/\/www.capital.de\/wirtschaft-politik\/rettet-die-freiheit-in-der-digitalen-welt?article_onepage=true\">Capital<\/a>, 12. April 2018<\/em><\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/footer>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Offenbar war ein echter Datenskandal n\u00f6tig, um die Debatte \u00fcber die Freiheit in der digitalen Welt voll zu entfachen. Denn tats\u00e4chlich ahnten B\u00fcrger schon vor den Enth\u00fcllungen rund um Cambridge Analytica, dass ihre Daten bei Facebook \u2013 und nicht nur dort \u2013 ziemlich transparent und abrufbar gelagert werden. 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