{"id":417,"date":"2018-10-19T16:45:45","date_gmt":"2018-10-19T14:45:45","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=417"},"modified":"2018-10-19T16:49:09","modified_gmt":"2018-10-19T14:49:09","slug":"was-kostet-die-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/was-kostet-die-freiheit\/","title":{"rendered":"Was kostet die Freiheit?"},"content":{"rendered":"<p><em><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">Algorithmen k\u00f6nnen Gleichberechtigung f\u00f6rdern, Social Media kann zum W\u00e4hlen motivieren: Technologie erm\u00f6glicht den Menschen, ihre Rechte zu verteidigen. Aber sie liefert autoritaeren Staaten auch die Mittel, durch \u00dcberwachung und Zensur genau diese Freiheit zu beschneiden. \u00dcber ein Dilemma und das, was zu tun ist.<\/span><\/em><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">In der Redaktion der schwedischen Tageszeitung Dagens Nyheter ist man ziemlich stolz auf dieses Ding: den Gender Bot. Das Programm wertet f\u00fcr jeden einzelnen Text aus, wie hoch der Anteil m\u00e4nnlicher und weiblicher Gespr\u00e4chspartner oder Protagonisten darin ist, die Autoren bekommen ihre Bilanz dann einmal im Monat per Mail zugestellt, ganz unverbindlich, wie der Nachrichtenchef betont. Und trotzdem d\u00fcrfte so manch ein Textfabrikant zusammenzucken. Schon wieder zu 90 Prozent M\u00e4nner zitiert? Sp\u00e4testens bis zum n\u00e4chsten Jahresgespr\u00e4ch muss das wohl anders werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">Man selbst findet das zun\u00e4chst ziemlich genial. Endlich einmal wird Software dazu genutzt, auf simple Art gesellschaftlichen Wandel voranzutreiben. Allerdings fallen einem sofort jene Kollegen ein, die hier an Bevormundung denken w\u00fcrden. Das Fachwort daf\u00fcr ist aber \u00ad\u201eNudging\u201c. Das ist jene sanfte Form der Beeinflussung, bei der man denkt, aus freien St\u00fccken zu handeln, dabei hat einem irgendjemand schon die gef\u00e4lligen Alternativen vorsortiert, meistens ein Algorithmus. Der Schrittz\u00e4hler animiert \u00adeinen zu mehr Bewegung, die Likes der Freunde unter den Facebook-Posts spornen einen dazu an, noch mehr von sich preiszugeben, und das bequeme One-Click-Shopping l\u00e4sst einen zus\u00e4tzlich dies und das in den Einkaufswagen schaufeln, obwohl man eigentlich nur schnell was nachschauen wollte. In der von Software gesteuerten Welt wird \u201egenudged\u201c, dass es nur so s\u00e4uselt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">Und das Prinzip dahinter ist ja schlau. Statt \u00fcberall mit Regeln, Verboten, Gesetzen, Vorschriften zu kommen, vertraut es darauf, dass der Mensch schon einsehen wird, wie er sich per digitalem Stupser zu einem besseren Selbst entwickeln kann. Ist das Bewusst\u00adsein erst einmal geschaffen, kommt das Handeln ganz von selbst. Jetzt gilt es nur noch zu definieren, was dieses bessere Selbst ist \u2013 also zum Beispiel jemand, der seine Stereotype bek\u00e4mpft und auf Gleichstellung achtet, seinen K\u00f6rper fit h\u00e4lt und brav zur Wahl geht, wenn er daran erinnert wird. Facebook hatte vor Jahren ein entsprechendes Experiment initiiert, als noch gar nicht die Rede von Russlands Rolle im amerikanischen Wahlkampf war. Ergebnis: B\u00fcrger, die auf Facebook gesehen hatten, dass ihre Freunde schon im Wahllokal waren, machten sich h\u00e4ufiger auf den Weg dorthin als die Vergleichsgruppe. Ein N\u00f6rgler ist, wer B\u00f6ses dabei denkt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">Man kann aber auch ins Gr\u00fcbeln kommen. China zum Beispiel treibt die Digitalisierung massiv voran mit dem Ziel, den angepassten, produktiven, anst\u00e4ndigen B\u00fcrger zu kreieren. Einen B\u00fcrger, der die Regeln nicht nur aus freien St\u00fccken beachtet, sondern in Konkurrenz mit seinen Nachbarn \u00fcbererf\u00fcllt voller Hoffnung auf Verg\u00fcnstigungen. Nun spricht nichts gegen angenehme Nachbarn. Der Nebeneffekt ist aber: Wer sich widersetzt, l\u00e4sst sich schnell identifizieren und sanktionieren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">Denn das ist der Haken an dieser digitalen Welt und der Freiheit, die darin wohnt: Man kann arbeiten, wann und von wo aus man will, man kann rund um die Uhr einkaufen, online einen Partner suchen, und wenn man sich traut, seinen Staatspr\u00e4sidenten elektronisch beschimpfen. Aber man muss damit rechnen, dabei beobachtet zu werden. Von Vorgesetzten, die Arbeitsleistungen kontrollieren und auswerten, von Konzernen, die analysieren, welche Produkte sie einem noch unterjubeln k\u00f6nnten, von Versicherungen, die unser Lebenswandel interessiert, oder von irgendeiner Staatsmacht, die einem unangenehm auf die Pelle r\u00fccken kann, wenn der politische Wind pl\u00f6tzlich aus einer anderen Richtung bl\u00e4st. Hat einem bislang allein das schlechte Gewissen zu schaffen gemacht, wenn man mal w\u00e4hrend der Arbeitszeit shoppen gegangen ist oder halb \u00f6ffentlich \u00fcber die Chefin gel\u00e4stert hat, bekommt man es k\u00fcnftig wom\u00f6glich mit ganz anderen Instanzen zu tun.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">Wer sich online widersetzt, l\u00e4sst sich schnell identifizieren Deshalb kommt jetzt der Warnhinweis: Wir m\u00fcssen um den Schutz unserer Daten ringen. Das gelingt nur bedingt, wenn wir uns der digitalen Auswertung zuweilen aktiv und individuell entziehen, die Ger\u00e4te mal abschalten, Vorlieben f\u00fcr uns behalten, nicht rund um die Uhr auf jedes rote L\u00e4mpchen reagieren, das uns das Smartphone hinwirft. B\u00fcrgerrechte wie der Schutz der Privatsph\u00e4re, der Wohnung, der freien Meinungs\u00e4u\u00dferung, ja der menschlichen W\u00fcrde und k\u00f6rperlichen Unversehrtheit lassen sich nur politisch absichern. Daf\u00fcr m\u00fcssen wir streiten. Die Politik muss den Tech-Konzernen Regeln setzen, wie all jene Ger\u00e4te gestaltet werden, denen wir unbedarft unsere W\u00fcnsche, Fragen, Vorlieben, Leistungsdaten und Gedanken anvertrauen, und es muss ebensolche Regeln dazu geben, was mit unseren Daten passiert \u2013 zum Beispiel wer darauf zugreifen darf und wann sie gel\u00f6scht werden. Das wird das digitale\u00ad Leben wom\u00f6glich etwas unbequemer machen. Aber auf lange\u00ad Sicht werden wir freier sein. Frei genug, um die Welt nach unseren demokratisch vereinbarten Werten zu gestalten, beispielsweise per Gender Bot.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Dieser Text erschien zuerst in <em>Sueddeutsche Zeitung Plan W &#8211; Frauen veraendern Wirtschaft<\/em>, am 22. September 2018<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-family: Calibri;\">\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Algorithmen k\u00f6nnen Gleichberechtigung f\u00f6rdern, Social Media kann zum W\u00e4hlen motivieren: Technologie erm\u00f6glicht den Menschen, ihre Rechte zu verteidigen. Aber sie liefert autoritaeren Staaten auch die Mittel, durch \u00dcberwachung und Zensur genau diese Freiheit zu beschneiden. \u00dcber ein Dilemma und das, was zu tun ist. 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