{"id":473,"date":"2019-01-25T09:46:04","date_gmt":"2019-01-25T08:46:04","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=473"},"modified":"2019-01-25T09:46:04","modified_gmt":"2019-01-25T08:46:04","slug":"warum-wir-das-effizienz-diktat-brechen-muessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/warum-wir-das-effizienz-diktat-brechen-muessen\/","title":{"rendered":"Warum wir das Effizienz-Diktat brechen m\u00fcssen"},"content":{"rendered":"<div class=\"img_left\">\n<p align=\"left\">Es gehe vor allem darum, \u00bbsinnstiftende Verbindungen unter Freunden zu f\u00f6rdern\u00ab, hatte Mark Zuckerberg gesagt. Mit diesen Worten begr\u00fcndete der Facebook-Chef offiziell, dass der Algorithmus des Plattformunternehmens Beitr\u00e4ge von Privatleuten bald h\u00f6her bewerten w\u00fcrde als jene von Medien. Das Ergebnis zeigte sich prompt. W\u00e4hrend die Nutzer\/innen nach wie vor viel Zeit in den digitalen sozialen Netzwerken verbringen, sto\u00dfen sie dort nun auf deutlich weniger Journalismus, wie der <i>Digital News Report<\/i> des Reuters Instituts for the Study of Journalism der Universit\u00e4t Oxford ergab.<br \/>\nDies ist nur ein Beispiel das zeigt: Die Macht der Techkonzerne \u00fcber unser Leben ist gewaltig und sie w\u00e4chst. Wenn Facebook am Algorithmus schraubt, sehen wir andere Beitr\u00e4ge von Freunden und Fremden. Wenn Google das Gleiche tut, erscheinen Suchergebnisse in ver\u00e4nderten Reihenfolgen. Und Amazon pr\u00e4gt nicht nur unsere Einkaufs- oder Musikpr\u00e4ferenzen, es wird sich \u2013 wie die Wettbewerber \u2013 mithilfe von omnipr\u00e4senten Sprachassistenten massiv in unser Leben einschleichen. Software, meist aus den Schmieden m\u00e4chtiger Konzerne, beeinflusst aber nicht nur unsere Vorlieben und unser Verhalten. In Form von k\u00fcnstlicher Intelligenz wird sie mit uns darum konkurrieren, wer welche Aufgaben im Alltag erledigen wird: Maschine oder Mensch.<br \/>\nM\u00fcssen wir uns davor f\u00fcrchten? Immerhin nehmen uns Roboter stupide Arbeiten ab, Suchmaschinen liefern uns mehr Antworten, als uns Fragen einfallen, und Autopiloten haben das Fliegen sicherer gemacht als eine Autofahrt ins B\u00fcro. Ginge es der Menschheit also nicht besser, wenn sie ihre Probleme den gro\u00dfen Softwarefabriken anvertraute, um sie von Algorithmen l\u00f6sen zu lassen? Schlie\u00dflich k\u00f6nnen diese auf (fast) unendlich viel mehr Daten zur\u00fcckgreifen und sind dabei weniger st\u00f6ranf\u00e4llig als das menschliche Gehirn.<br \/>\nAllerdings glauben nicht einmal die Protagonisten des Silicon Valley, dass k\u00fcnstliche Intelligenz nur harmlos ist. Tesla-Gr\u00fcnder Elon Musk formulierte seine Bedenken einmal so: \u00bbWir bewegen uns entweder in Richtung Superintelligenz oder auf das Ende der Zivilisation zu.\u00ab Nun ist Alarmismus selten hilfreich. Szenarien, in denen Roboter die Macht an sich rei\u00dfen und die Menschheit ausl\u00f6schen, passen deutlich besser in Science-Fiction-Lekt\u00fcre als in die reale Welt. Aber das ist noch lange kein Grund, sich in das kleine Gl\u00fcck der Bequemlichkeit zu fl\u00fcchten und die Entwicklung der Digitalisierung hinzunehmen wie das Wetter. Denn Software wird von Menschen gemacht und eingesetzt. Wir Menschen m\u00fcssen deshalb daf\u00fcr Verantwortung \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p><b>Optimierung f\u00fcr die breite Masse <\/b><br \/>\nDie Algorithmen selbst sind dabei erst einmal nicht mehr als Rechenoperationen, wenn man so will, die Gehirnstr\u00f6me des Computers. Sie rechnen aus, wie wir am besten von A nach B kommen, geben uns Buchempfehlungen und k\u00f6nnen aus vier Zutaten ein Rezept komponieren. Sie steuern Rasenm\u00e4her wie Drohnen, helfen bei der Partnerwahl und k\u00f6nnten Hochleister bei der Diagnose von Krankheiten werden. Allerdings sortieren sie auch Bewerber\/innen f\u00fcr Jobs oder Bankkredite aus. Sie f\u00e4llen also wichtige Urteile dar\u00fcber, wie viel Vertrauen ein Mensch verdient. 2017 hat das amerikanische Forschungsinstitut PEW Research 1.500 Fachleute zu ihrer Meinung \u00fcber k\u00fcnstliche Intelligenz befragt. 38 % meinten, dass in einer von Algorithmen getriebenen Welt die Vorteile \u00fcberwiegen werden, 37 % waren vom Gegenteil \u00fcberzeugt. Der Rest sagte, beides w\u00fcrde sich die Waage halten. Aber eines besorgte alle: dass Menschen Verantwortung nur zu gerne an Software abtreten. Und das muss schiefgehen.<br \/>\nDabei spielt es keine Rolle, in welchem der beiden Systeme man sich bewegt, die sich derzeit in der digitalen Welt herauskristallisieren. Das eine ist das amerikanische, von kommerziellen Interessen getriebene, das den nimmersatten Konsumenten erschaffen m\u00f6chte. Das andere das chinesische, hinter dem ein autorit\u00e4rer Staat steckt, dessen Vision der ideal ans System angepasste Staatsb\u00fcrger ist. In beiden Welten verschwindet zunehmend die Freiheit, wie wir sie kennen.<br \/>\nDort, wo wir rund um die Uhr \u00fcber allerlei Ger\u00e4te mit Supercomputern vernetzt sind, wo nicht nur Smartphones sondern auch \u00bbintelligente\u00ab Uhren, Kleidung, H\u00e4user, Autos und bald vieles mehr im Minutentakt Daten \u00fcber unser Verhalten sammeln und senden, l\u00e4sst sich schon qua Logik das nicht mehr sicherstellen, was wir bislang unter Freiheit verstehen: einigerma\u00dfen unbeobachtet von staatlicher oder kommerzieller Kontrolle experimentieren, diskutieren, Ideen haben, uns bewegen, konsumieren, Beziehungen pflegen, ja lieben. Dort, wo mindestens zwei gro\u00dfe Garanten der Freiheit \u2013 Bargeld und Landkarten \u2013 von Bezahl-Apps und Ortungssystemen abgel\u00f6st werden, wo intime Gespr\u00e4che zunehmend von elektronisch dokumentierten Chats ersetzt werden, wird Freiheit eine andere Gestalt bekommen. Und dort, wo Algorithmen uns mindestens sanft beeinflussen, uns aber auch konkret steuern k\u00f6nnen, wandelt sich das Bild von Freiheit immens.<br \/>\nIn einer von Algorithmen getriebenen Welt gelten wichtige Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten. Erstens, Effizienz geht vor Fairness. Algorithmen empfehlen, was f\u00fcr die Masse gilt, nicht f\u00fcr den Einzelnen. Zwar k\u00f6nnen sie Vorschl\u00e4ge je nach Datensatz individualisieren, aber generell rechnen sie in Wahrscheinlichkeiten. Der Schutz Einzelner z\u00e4hlt wenig, besondere Lebensumst\u00e4nde werden nicht ber\u00fccksichtigt. Nun ist das Leben ohne Algorithmen auch nicht fair, der \u00bbNasenfaktor\u00ab, also letztlich das Gef\u00fchl bestimmt viele Entscheidungen. Aber in der Demokratie ist der Schutz des Individuums ein hohes Gut, jeder hat ein Recht auf ein faires Verfahren, selbst Verbrecher.<\/p>\n<p><b>Vergangenheit siegt \u00fcber Zukunft <\/b><br \/>\nWeil sich Algorithmen auf vorhandene Daten st\u00fctzen, sind sie kondensierte Stereotype \u2013 es sei denn, sie werden anders programmiert. Ist zum Beispiel eine Stelle f\u00fcr Ingenieure ausgeschrieben, sind bislang erfolgreiche Ingenieure die Blaupause. M\u00e4nnliche Kandidaten haben deshalb bessere Chancen. Von Algorithmen gesteuerte Prozesse produzieren keine Innovationen. Sie funktionieren nach dem Grundsatz \u00bbweiter wie bisher, nur effizienter\u00ab. Anders ausgedr\u00fcckt: Wer sich damit besch\u00e4ftigt, das Fax besser zu machen, wird nie die E-Mail erfinden. Au\u00dferdem machen sie faul. Statt Neues auszuprobieren und selbst zu denken, verl\u00e4sst man sich auf mundgerecht servierte L\u00f6sungen. \u00bbK\u00fcnstliche Intelligenz kann niemals etwas erschaffen, das sich Menschen vorher nicht ausgedacht haben\u00ab, sagt die Soziologin Gina Neff vom Oxford Internet Institute.<br \/>\nDie US-amerikanische Mathematikerin Cathy O\u2019Neil illustriert in ihrem Buch <i>Angriff der Algorithmen<\/i>, wie diese auf Kosten der Armen arbeiten: Firmen platzieren mithilfe von Software Werbung f\u00fcr zweifelhafte, \u00fcberteuerte Produkte gezielt bei Menschen, die sie als anf\u00e4llig identifizieren. Die elektronischen Werkzeuge sortieren Bewerber um Jobs oder Kredite nach Wohnbezirken; wohl dem, der eine ordentliche Postleitzahl hat. Ganz zu schweigen von den Auswirkungen k\u00fcnstlicher Intelligenz auf den Arbeitsmarkt. Wissenschaftler haben ausgerechnet, dass es noch 125 Jahre dauern wird, bis menschliche Arbeitskraft vollkommen durch Maschinen ersetzt wird, aber viele Jobs wie Lkw-Fahrer, Verk\u00e4ufer oder Call-Center-Agent k\u00f6nnten schon bald verschwinden.<br \/>\nAnders ausgedr\u00fcckt: Laut gewinnt immer. Das Ph\u00e4nomen kennt man von Google, elektronischen Kaufh\u00e4usern oder Hotelportalen. Sucht man nach einem Produkt, werden einem die beliebtesten vorgeschlagen. Viele greifen dann zu. Damit macht man starke Produkte st\u00e4rker, die schw\u00e4cheren verschwinden. Algorithmen k\u00f6nnen deshalb die Gesellschaft spalten. Der Echokammer-Effekt ist dem Blockbuster-Effekt sehr \u00e4hnlich. Algorithmen kalkulieren, welche Nachrichten jemanden besonders interessieren k\u00f6nnten und versorgt ihn bevorzugt damit. Tats\u00e4chlich nutzen Menschen zwar mehr Informationsquellen als fr\u00fcher, sie sortieren Meldungen aber eher nach ihren Pr\u00e4ferenzen. Zum Beispiel k\u00f6nnen sich rechte Gruppierungen verst\u00e4rkt international vernetzen und Meinungen, die manch einem fr\u00fcher peinlich waren, sind heute salonf\u00e4hig.<br \/>\nEinige dieser Mechanismen stehen der Demokratie entgegen. Zun\u00e4chst einmal regiert in der Demokratie nicht der Lauteste, der Blockbuster. Die Gewaltenteilung, ein austariertes System von \u00bbchecks and balances\u00ab, also aus \u00dcberpr\u00fcfung und Ausgleich, sorgt daf\u00fcr, dass auch Minderheiten und Schwache gesch\u00fctzt werden und ihre B\u00fcrgerrechte aus\u00fcben k\u00f6nnen. Hinzu kommt das Prinzip der Repr\u00e4sentation: Auch wer sich nicht st\u00e4ndig beteiligt, bewertet, abstimmt, hat Rechte, die ihm nicht genommen werden k\u00f6nnen. Privatsph\u00e4re und der Schutz der Menschenw\u00fcrde sind die Lebensgrundlagen der Demokratie, Datenschutz ist deshalb zentral.<br \/>\nGanz wichtig: In der Demokratie gibt es nicht die eine \u00bbbeste\u00ab L\u00f6sung, die von einem Algorithmus ausgerechnet werden kann. Es geht immer um die tragf\u00e4higste L\u00f6sung, die ausgehandelt werden muss. Das ist die Logik der Politik. Zum Beispiel f\u00fchlt sich der eine frei, wenn er eine Zigarette rauchen kann, der andere, wenn er den Rauch nicht ertragen muss. Die Freiheit des einen endet immer dort, wo die des anderen beginnt. Das Tempo der digitalen Welt steht der Demokratie entgegen. Letztere ist mit voller Absicht langsam, von Versuch und Irrtum gepr\u00e4gt. Ihr Verst\u00e4ndnis von Effizienz hat nichts mit Geschwindigkeit zu tun. In der Demokratie gibt es Br\u00fcche, R\u00fcckschritte, aber auch Durchbr\u00fcche in neue Zeiten. Kein Algorithmus h\u00e4tte je den Mauerfall herbeigef\u00fchrt. Demokratie ist von Menschen f\u00fcr Menschen gemacht, nicht f\u00fcr Maschinen.<br \/>\nWichtigste Aufgabe muss es deshalb sein, die Macht der Monopole einzuschr\u00e4nken, ob das nun m\u00e4chtige Konzerne oder starre Autokratien sind. Und es gilt, das Effizienzdiktat zu brechen. Wenn wir Menschen mit dem Computer um Effizienz konkurrieren wollen, haben wir schon verloren, in dieser Disziplin wird uns der Rechner immer schlagen. Wir m\u00fcssen in der digitalen Welt menschliche St\u00e4rken ausspielen: Fantasie, Intuition, Empathie, Kooperation \u00fcber Grenzen und Gegens\u00e4tze hinweg, die F\u00e4higkeit, auch mal gr\u00f6\u00dfer und anders zu denken. Nur so l\u00e4sst sich aus Krieg Frieden schaffen, aus Zerst\u00f6rung Sch\u00f6pfung, aus Einfalt jene Vielfalt, die uns stark macht.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"img_right\"><span style=\"font-size: 10pt;\"><em>Dieser Beitrag erschien in <a href=\"https:\/\/www.frankfurter-hefte.de\/Aktuelle-Ausgabe\/\">Neue Gesellschaft Frankfurter Hefte,<\/a> Ausgabe 1\/2 2019<\/em><\/span><\/div>\n<div class=\"img_left\"><\/div>\n<div class=\"img_right\"><\/div>\n<div class=\"img_left\"><\/div>\n<div class=\"img_right\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gehe vor allem darum, \u00bbsinnstiftende Verbindungen unter Freunden zu f\u00f6rdern\u00ab, hatte Mark Zuckerberg gesagt. Mit diesen Worten begr\u00fcndete der Facebook-Chef offiziell, dass der Algorithmus des Plattformunternehmens Beitr\u00e4ge von Privatleuten bald h\u00f6her bewerten w\u00fcrde als jene von Medien. Das Ergebnis zeigte sich prompt. 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