{"id":586,"date":"2019-09-08T17:58:36","date_gmt":"2019-09-08T15:58:36","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=586"},"modified":"2019-09-08T18:16:30","modified_gmt":"2019-09-08T16:16:30","slug":"mutter-vater-roboter-elternsein-in-der-digitalen-welt-wie-geht-das","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/mutter-vater-roboter-elternsein-in-der-digitalen-welt-wie-geht-das\/","title":{"rendered":"Mutter, Vater, Roboter &#8211; Elternsein in der digitalen Welt: Wie geht das?"},"content":{"rendered":"\n<p>Manchmal mag man auch das nicht mehr h\u00f6ren: Wie aufregend, frei und locker das war in den 70ern, als man als Kind noch unangeschnallt auf der R\u00fcckbank in den Urlaub chauffiert wurde und mit Freunden drau\u00dfen am Fluss rumtobte bis zum Dunkelwerden. Jeder kennt solche Geschichten oder hat sich \u2013 je nach Alter \u2013schon dabei ertappt, sie zu erz\u00e4hlen. Heute dagegen, oje, oje: Helmpflicht im Fahrradanh\u00e4nger, elterliche Hilfestellung am Kletterger\u00fcst, WhatsApp-Pflicht bei Schulschluss. Kindheit, so die Nostalgiker, sei nicht mehr das, was sie mal war. Den Rest, der da auch war, all die Unf\u00e4lle, \u00c4ngste und Stunden des gelangweilten Ausharrens in Rauchschwaden bei Erwachsenengeburtstagen \u2013 l\u00e4ngst verdr\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Aber an genau das sollte man sich erinnern, wenn es um die Zukunft des Elternseins in der digitalen Welt geht. Denn einerseits ist es leicht, angesichts der wachsenden M\u00f6glichkeiten, Kinder von Geburt an elektronisch zu \u00fcberwachen, zu beeinflussen und auf Schritt und Tritt zu verfolgen, in verkl\u00e4rende Freiheits-Fantasien zu verfallen. Andererseits bringt die digitale Technologie tats\u00e4chlich neue Risiken mit sich.<\/p>\n<p>Nach Erkenntnissen aus der Forschung geht es dabei weniger um den Einfluss, den Bildschirmzeit, soziale Netzwerke und Computerspiele auf Kindergehirne haben. Die Angstmacherei vor zu viel Smartphone-Nutzung besch\u00e4ftige zwar viele Experten, belegt seien Sch\u00e4den aber nicht, sagen <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/commentisfree\/2019\/jul\/07\/too-much-screen-time-hurts-kids-where-is-evidence\">Andrew Przybylski und Amy Orben in einem Gastbeitrag<\/a>f\u00fcr den britischen <em>Guardian<\/em>. Beide sind Wissenschaftler am Oxford Internet Institute, das gerade ein gro\u00dfes <a href=\"https:\/\/www.oii.ox.ac.uk\/news\/releases\/new-research-to-explore-adolescent-wellbeing-in-the-digital-age\/\">Forschungsprojekt<\/a>zur mentalen Entwicklung von Kinder und Jugendlichen in der digitalen Welt startet.<\/p>\n<p>Ein viel akuteres Problem sind kommerzielle Interessen, die mit der Angst von Eltern Gesch\u00e4fte machen wollen. In Mittel- und Oberschichtsfamilien \u00fcberall auf der Welt hei\u00dft Elternsein heute, alles zu geben, um sein Kind zu sch\u00fctzen und zu f\u00f6rdern. Hier setzen viele Firmen an. Sie suggerieren, dass digitale Ger\u00e4te und Apps dies viel effizienter und manchmal sogar effektiver k\u00f6nnen als Babysitter, Gro\u00dfeltern oder Mutter und Vater selbst. Noch beeindruckt die <a href=\"https:\/\/edgy.app\/childcare-robots-as-the-new-norm\">Roboter-Nanny<\/a> vor allem auf Elektronikmessen. In asiatischen L\u00e4ndern, die weniger Vorbehalte gegen Humanoide haben als der Westen, d\u00fcrfte sie aber bald in etlichen Kinderzimmern auftauchen.<\/p>\n<p>Der Markt f\u00fcr internetf\u00e4hige Ger\u00e4te und \u201eintelligente\u201c Spielzeuge, die Kinder vom Babybettchen bis zum Teenager-Alter begleiten und \u00fcberwachen, w\u00e4chst schon jetzt rasant. Firmen werben mit Sensor-gespickten Pflastern oder Socken f\u00fcr Neugeborene, damit Mama und Papa ohne Angst vor dem pl\u00f6tzlichen Kindstod schlafen k\u00f6nnen. Slogans wie: \u201eLove more, worry less\u201c setzen den Ton. Elektronische GPS-Tracker, die eigentlich f\u00fcr Kinder mit Behinderungen entwickelt wurden, werden allgemein vermarktet. Es gibt Apps, mit denen sich Kinder auf Schritt und Tritt verfolgen lassen (saudische M\u00e4nner laden sie ihren Ehefrauen aufs Handy). Amazon bietet eine Echo-Version speziell f\u00fcrs Kinderzimmer an. Und \u201eintelligente\u201c Puppen wie \u201eMy friend Cayla\u201c versprechen interaktive Spiele, arbeiten im Zweitberuf aber als Spione, wenn sie Puppenmuttis und -papas haufenweise private Informationen entlocken. \u201e<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/digital\/datenschutz\/2017-02\/my-friend-cayla-puppe-spion-bundesnetzagentur\">Vernichten Sie diese Puppe<\/a>\u201c, riet dazu die Bundesnetzagentur.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.oii.ox.ac.uk\/people\/victoria-nash\/\">Victoria Nash<\/a>, ebenfalls Professorin am Oxford Internet Institute der University of Oxford, forscht dar\u00fcber, wie sich das Kindsein und die Elternschaft durch Technologie ver\u00e4ndern k\u00f6nnten. Und sie bleibt angenehm unaufgeregt, wenn sie \u00fcber \u201eConnected Cots, Talking Teddies and the Rise of the Algorithmic Child\u201c referiert. Von moralischer Panik halte sie nichts, sagt sie, das Internet habe Eltern und Kindern schlie\u00dflich unglaubliche Vorteile gebracht. Aber zwei Themen blieben bislang ziemlich unterbelichtet.<\/p>\n<p>Zum einen sei da der Mangel an Datensicherheit, sagt Nash. Immer wieder gerieten massenhaft sensible Informationen in falsche H\u00e4nde. Oft seien die Anbieter dieser neuen Produkte eher klein, so dass sie es sich nicht leisten wollen, Ger\u00e4te mit Sicherheitsvorkehrungen zum Schutz der Privatsph\u00e4re zu versehen. Hacker haben es dann leicht, in Kinder- und Schlafzimmer einzudringen, \u00fcber Baby-Kameras in H\u00e4user zu schauen oder Verhaltensdaten abzufischen, die wom\u00f6glich ein Leben lang an Menschen kleben bleiben. Die Standards m\u00fcssten dringend aktualisiert werden, fordert Nash, denn im Moment sei es eher so: \u201eAnstatt dass die Kinder das Internet nutzen, nutzt das Internet die Kinder.\u201c Und sie f\u00fcgt hinzu: \u201eIch mache mir Sorgen um das von Algorithmen erzogene Kind, wenn wir Entscheidungen dar\u00fcber, ob es sicher ist, es ihm gut geht oder ob es sich gut entwickelt nur auf der Basis von Daten treffen, die uns private Unternehmen so gerne \u00fcber unsere eigenen Kinder verkaufen.\u201c<\/p>\n<p>Aber ein zweites Thema h\u00e4lt die Professorin f\u00fcr wesentlich wichtiger: Was bedeute es, in der digitalen Welt Eltern und Kind zu sein? Das Konzept Kindheit sei schlie\u00dflich erfunden und habe schon immer je nach Kultur und historischer Epoche variiert. Elternschaft m\u00fcsse neu gedacht werden.<\/p>\n<p>Was Kindheit heute bedeuten sollte, kann man in der <a href=\"https:\/\/www.unicef.de\/informieren\/ueber-uns\/fuer-kinderrechte\/un-kinderrechtskonvention\">UN-Kinderrechtskonvention<\/a>von 1989 nachlesen: unter anderem der Schutz vor Gewalt, Rechte auf Freizeit und Bildung sind darin verbrieft. Schon 1924 hatte der V\u00f6lkerbund, die UN-Vorl\u00e4ufer-Organisation, Kinderrechte definiert. Aber nat\u00fcrlich werden diese Rechte unterschiedlich umgesetzt und interpretiert. An einem Ende der Welt ist Kinderarbeit Alltag, am anderen d\u00fcrfen noch nicht einmal 15-J\u00e4hrige alleine zur Schule radeln. In manchen L\u00e4ndern beansprucht der Staat die Rolle des Erziehers in der \u00dcberzeugung, die jungen B\u00fcrger besser nach seinem Bild formen zu k\u00f6nnen als die Eltern. In anderen liegt die gesamte Verantwortung bei den \u201eErziehungsberechtigten\u201c. \u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Das Verh\u00e4ltnis zwischen Eltern und Kindern ver\u00e4ndert sich aber, wenn sich Technologie dazwischenschiebt. Zum einen lagern Eltern Kommunikation aus, wenn die Kleinen k\u00fcnftig nur noch Podcasts h\u00f6ren oder mit Roboter-Puppen reden, statt sich vorlesen zu lassen. Die MIT-Professorin Sherry Turkle (\u201eThe End of Conversation\u201c, 2015) warnt vor den Folgen: \u201eEmpathie wird durch Gespr\u00e4che entwickelt\u201c, sagt Turkle. G\u00e4be man Kindern zudem st\u00e4ndig etwas, das sie ablenke, lernten sie nie, Langeweile und Alleinsein auszuhalten. Aber daraus entwickelten sich Kreativit\u00e4t, Identit\u00e4t und Beziehungsf\u00e4higkeit. Turkle: \u201eWenn wir den Kindern nicht beibringen, wie man alleine ist, werden sie das nur als Einsamkeit erleben.\u201c<\/p>\n<p>Zum anderen verschafft die neue Daten-Transparenz Dritten Einblicke in das Verhalten von beiden. Waren Kindheit und Erziehung fr\u00fcher R\u00e4ume zum Experimentieren, die alle Seiten manchmal eher schlecht als recht genutzt haben, werden Nachl\u00e4ssigkeit, Faulheit, Aggression und manch anderes, was einem im R\u00fcckblick als Mutter oder Tochter eher unangenehm ist, ans Licht gezerrt. Intelligente Sprachassistenten bekommen jeden Familienstreit mit. Spielzeuge k\u00f6nnen den Lernfortschritt dokumentieren, und wom\u00f6glich werden Eltern bald dann haftbar gemacht, wenn sie ihre Kinder ohne \u00dcberwachungs-Technologie haben drau\u00dfen spielen lassen.<\/p>\n<p>Die Digitalisierung k\u00f6nnte also das Modell der Helikopter-Eltern zur Norm machen. Schlie\u00dflich hat sie das Helikoptern durch Technologie ohnehin zum allgemeinen Lebensstil erhoben. Wir \u00fcberlassen immer weniger dem Zufall, ersetzen Vertrauen durch Daten. Wenn internetf\u00e4hige Ger\u00e4te unsere Wohnungen, unsere Fitness, unsere Leistungen als Besch\u00e4ftigter, Autofahrer, wom\u00f6glich Staatsb\u00fcrger \u00fcberwachen \u2013 das englische Verb <em>monitoring\u00a0<\/em>h\u00f6rt sich etwas freundlicher an \u2013, dann ist es nicht mehr weit bis zu dem Moment, an dem Eltern vor lauter Panik, etwas falsch zu machen, ihre Kinder ganz den elektronischen Hilfsmitteln anvertrauen.<\/p>\n<p>Ironischerweise geschieht dies in einer Zeit, in der man immer wieder freudig und lautstark aufgefordert wird, doch etwas mehr Risiko zu wagen. Sicherheit im alten Sinne \u2013 mein Job, mein Haus, mein Partner \u2013 gebe es nicht mehr in einer Welt des schnellen Wandels, hei\u00dft es gerne, darauf habe man sich einzustellen. Nur wann und wie soll man Risikofreude lernen, wenn nicht in der Kindheit? Kleine Freiheiten zu testen, auch mal schr\u00e4ge Dinge auszuprobieren und dabei darauf zu vertrauen, dass man geliebt, angenommen und umsorgt wird, ist ein Privileg, das nicht jedes Kind hat. Es f\u00fchrt aber erwiesenerma\u00dfen zu mehr Selbstvertrauen und hilft sp\u00e4ter dabei, mit Risiken umzugehen.<\/p>\n<p>Es gibt Forderungen danach, Jugendlichen mit dem 18. Geburtstag das Recht einzur\u00e4umen, auf eine Art L\u00f6sch-Taste zu dr\u00fccken, um das Erwachsenenleben ohne Datenm\u00fcll zu beginnen. Nat\u00fcrlich m\u00fcsste es Ausnahmen geben, denn auch Verantwortung zu \u00fcbernehmen lernt man nicht \u00fcber Nacht. Aber grunds\u00e4tzlich ist die Idee gut.<\/p>\n<p>Das Konzept Freiheit muss in der digitalen Welt neu definiert werden. Wir sollten das als B\u00fcrger tun und nicht kommerziellen Interessen \u00fcberlassen. Auf die R\u00fcckbank ohne Anschnallgurt wollen im Ernst die Wenigsten zur\u00fcck.\u00a0<\/p>\n<p><em>Dieser Text erschien in gek\u00fcrzter und leicht ver\u00e4nderter Form in &#8222;ada &#8211; Heute das Morgen verstehen&#8220;, Ausgabe 03\/2019 \u00a0 \u00a0<\/em> \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal mag man auch das nicht mehr h\u00f6ren: Wie aufregend, frei und locker das war in den 70ern, als man als Kind noch unangeschnallt auf der R\u00fcckbank in den Urlaub chauffiert wurde und mit Freunden drau\u00dfen am Fluss rumtobte bis zum Dunkelwerden. 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