{"id":592,"date":"2019-09-11T12:20:33","date_gmt":"2019-09-11T10:20:33","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=592"},"modified":"2019-09-11T12:20:34","modified_gmt":"2019-09-11T10:20:34","slug":"eine-frage-der-macht-was-die-digitalisierung-frauen-bringt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/eine-frage-der-macht-was-die-digitalisierung-frauen-bringt\/","title":{"rendered":"Eine Frage der Macht &#8211; Was die Digitalisierung Frauen bringt"},"content":{"rendered":"\n<section id=\"textblock_129356\" class=\"textblock container\">\n<div class=\"row\">\n<div class=\"col-sm-10 col-sm-offset-1 col-md-7\">\n<p>Es ist einfach, die Digitalisierung als Erfolgsgeschichte zu erz\u00e4hlen. H\u00e4lt sie doch all dies bereit: unendliche M\u00f6glichkeiten, sich mit Menschen zu verbinden, sich die Welt zu erschlie\u00dfen, Probleme per Datenauswertung zu l\u00f6sen, sich vielf\u00e4ltiger M\u00fchen des Alltags zu entledigen und sich damit eine nie da gewesene Bequemlichkeit leisten zu k\u00f6nnen. Es ist ebenso einfach, die Digitalisierung als Geschichte der Bedrohung zu erz\u00e4hlen. Erm\u00f6glicht sie doch all das: allumfassende \u00dcberwachung, Fremdbestimmung durch Algorithmen, \u00d6konomisierung aller Lebensbereiche und damit einen nie da gewesenen Druck.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/section>\n<section id=\"two_col_wrapper_129732\" class=\"two-col-wrapper multicolumn-wrapper container columns-50\">\n<div class=\"row no-gutters\">\n<div class=\"col-md-9\">\n<div class=\"row\">\n<div class=\"column col-xs-12\">\n<section id=\"textblock_129733\" class=\"textblock container\">\n<div class=\"row\">\n<div class=\"col-sm-10 col-sm-offset-1 col-md-7\">\n<p>Ob die Digitalisierung einer Gruppe nutzt oder schadet, zum Beispiel Frauen, l\u00e4sst sich deshalb kaum beantworten. Entscheidend ist, wie wir sie gestalten. Allerdings pr\u00e4gen ein paar Mechanismen die digitale Welt, die sich auf M\u00e4nner und Frauen tats\u00e4chlich unterschiedlich auswirken. Zun\u00e4chst ist da die komplette \u00d6konomisierung des Lebens. Was in der westlichen Digital-Debatte als Hyper-Kapitalismus kritisiert wird, kann f\u00fcr Menschen, die bislang nichts haben, ein Segen sein. Denn theoretisch kann sich jeder B\u00fcrger, der ein Smartphone besitzt, in den weltweiten Wirtschaftskreislauf einklinken, dort lernen, Waren und Dienstleistungen anbieten, verhandeln, Teams koordinieren, Gesch\u00e4fte abwickeln.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/section>\n<\/div>\n<div class=\"column col-xs-12\">\n<div class=\"banner container\">\n<div class=\"banner__wrapper akzSIE11\"><span style=\"font-size: inherit;\">Das k\u00f6nnte vor allem Frauen in armen L\u00e4ndern zugute kommen, die h\u00e4ufig flei\u00dfig und produktiv, bislang aber in viel gr\u00f6\u00dferer Zahl als M\u00e4nner vom Geldkreislauf abgeschnitten sind. Nicht lesen und schreiben zu k\u00f6nnen, wird im Zeitalter der elektronischen Spracherkennung und \u00dcbersetzung eine deutlich kleinere H\u00fcrde sein. Und wer genug Geld verdient, um sich oder seiner Familie eine Zukunft zu erm\u00f6glichen, verschafft sich damit ein St\u00fcck Freiheit.<\/span><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/section>\n<section id=\"textblock_129735\" class=\"textblock container\">\n<div class=\"row\">\n<div class=\"col-sm-10 col-sm-offset-1 col-md-7\">\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>In den Mittelschichten der entwickelten L\u00e4nder fallen die Vorteile f\u00fcr Frauen geringer aus. Der sichere Arbeitsplatz verschwindet zunehmend zugunsten einer On-Demand-Wirtschaft, in der Leistung auf Abruf bestellt und pro Einheit bezahlt wird. Die Digitalisierung f\u00fchrt dazu, dass die Einkommen aus Arbeit sinken und die aus Kapital steigen. Frauen haben oft das Nachsehen, weil sie davon weniger besitzen und deutlich seltener Firmen gr\u00fcnden. W\u00e4hrend viele stolz darauf sind, wie effizient sie als Arbeitsbienen der digitalen Welt Job und Familie vereinbaren, machen diejenigen das Gesch\u00e4ft, die als Unternehmer erfolgreich sind \u2013 \u00fcberwiegend M\u00e4nner.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/section>\n<div class=\"banner container\">\n<div class=\"banner__wrapper akzSIE11\"><span style=\"font-size: inherit;\">Der starke Trend zur Individualisierung, eine weitere Folge der Digitalisierung, hat f\u00fcr Frauen ebenfalls Vor- und Nachteile. Einerseits profitieren sie davon, dass sie sich sichtbarer machen k\u00f6nnen. Mit einer guten Idee, klugen Gedanken oder geschicktem Netzwerken k\u00f6nnen sie sich an den traditionellen Hierarchien vorbei als Marke etablieren. Sie k\u00f6nnen sich mit anderen verb\u00fcnden und damit Macht auf vielf\u00e4ltigen Wegen aus\u00fcben \u2013 das wird ihnen in klassischen Hierarchien oft verwehrt.<\/span><\/div>\n<\/div>\n<section id=\"textblock_129737\" class=\"textblock container\">\n<div class=\"row\">\n<div class=\"col-sm-10 col-sm-offset-1 col-md-7\">\n<p>Allerdings setzt der ebenfalls bestehende Zwang zur Individualisierung gerade Frauen unter Druck. Die Leistungs- und Vergleichskultur, die vor allem in den sozialen Medien gepflegt wird, macht speziell M\u00e4dchen zu schaffen. Einer neuen Studie zufolge leiden sie deshalb besonders h\u00e4ufig unter Depressionen.<\/p>\n<p>Auch die Transparenz, die in den digitalen Netzwerken herrscht, n\u00fctzt Frauen nicht nur. Klar, sie k\u00f6nnen sich gegenseitig st\u00e4rken, Gleichgesinnte finden und ihr Netzwerk ausbauen. Manchmal kann eine Kampagne, die digital angesto\u00dfen wird, die Welt ver\u00e4ndern. Aber in den digitalen R\u00e4umen herrscht eine Ellbogenkultur, die den Lautesten belohnt. Algorithmen setzen jene Beitr\u00e4ge in der Rangfolge an die Spitze, die besonders viele Klicks versprechen. Die also besonders kontrovers, witzig, gewaltt\u00e4tig oder auf andere Weise marktschreierisch sind \u2013 die Hingucker eben. Digitale Gesch\u00e4ftsmodelle belohnen Reichweite.<\/p>\n<p>Auf Frauen prasseln in den sozialen Netzwerken au\u00dferdem deutlich h\u00e4ufiger Hasstiraden nieder als auf M\u00e4nner. Die \u00d6ffentlichkeit macht sie verletzlich, und sie geraten leicht in die klassische Opferrolle.<\/p>\n<p>Viele haben gehofft, dass Algorithmen zu mehr Gerechtigkeit in zahlreichen Sph\u00e4ren f\u00fchren. Diese Rechenoperationen, so die Theorie, k\u00f6nnten zum Beispiel wichtige Prozesse wie Bewerbungsverfahren objektiver machen. Wenn eine Software Lebensl\u00e4ufe vorsortiert und nicht ein vorurteilsbeladener Manager, h\u00e4tten es Bewerber, die nicht seinem Ideal entsprechen, erheblich leichter, in die Endrunde zu gelangen. Was dabei h\u00e4ufig vergessen wird: Algorithmen sind kondensierte Vergangenheit. Sie errechnen aus den verf\u00fcgbaren Daten das ideale Ergebnis \u2013 wenn man sie nicht anders programmiert. Haben sich also bislang vor allem M\u00e4nner auf einer bestimmten Position bew\u00e4hrt, wird die Software keine Frau vorschlagen. Es kommt darauf an, wie man den Algorithmus f\u00fcttert.<\/p>\n<p>Und hier liegt der Kern des Problems: Die digitale Welt wird weitgehend von M\u00e4nnern gestaltet. Sie bauen die Gesch\u00e4ftsmodelle der \u201eWinner takes all\u201c-Wirtschaft, die deshalb so genannt wird, weil sie wenige massiv belohnt. Sie programmieren Algorithmen, die von der Job- \u00fcber die Immobilien- bis hin zur Partnersuche immer st\u00e4rker die Lebenswege vieler Menschen bestimmen. Frauen hingegen k\u00e4mpfen um Positionen in der Tech-Branche. Sie f\u00fchlen sich oft nicht gewollt, nicht ernst genommen. Die Zahl der Informatikerinnen war in den vergangenen Jahrzehnten zum Teil sogar r\u00fcckl\u00e4ufig, weil es f\u00fcr Frauen schwierig ist, sich zwischen Nerds und Hipstern zu etablieren. Risikokapitalgeber bevorzugen m\u00e4nnliche Firmengr\u00fcnder. Der Kreislauf setzt sich fort.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: inherit;\">Die digitale Welt suggeriert nur allzu oft, dass es f\u00fcr alles einen bequemen Weg gibt. Ein paar Klicks, und schon ist man dabei. Ein paar Herzchen, Sternchen, Smileys, und alle sind wunschlos gl\u00fccklich. Tats\u00e4chlich aber stellen sich knallharte Machtfragen. Und Macht wird bekanntlich selten frei Haus geliefert. Man muss sie sich erstreiten und dann auch nutzen, um damit zu gestalten. <\/span><span class=\"articleClosure\" style=\"font-size: inherit;\">&#8212;<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/section>\n<section id=\"info_box_129355\" class=\"container info-box\">\n<div class=\"row\">\n<div class=\"col-sm-10 col-sm-offset-1 col-md-7\">\n<div class=\"info-box__wrapper\">Dieser Text ist erschienen in <a href=\"https:\/\/www.brandeins.de\/magazine\/brand-eins-wirtschaftsmagazin\/2019\/digitalisierung\/eine-frage-der-macht\"><em>brand eins<\/em><\/a>, Ausgabe 03\/2019<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/section>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist einfach, die Digitalisierung als Erfolgsgeschichte zu erz\u00e4hlen. 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