{"id":707,"date":"2020-03-26T21:36:19","date_gmt":"2020-03-26T20:36:19","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=707"},"modified":"2020-03-29T14:39:29","modified_gmt":"2020-03-29T12:39:29","slug":"die-andere-papier-krise-corona-bringt-die-gedruckte-zeitung-in-lebensgefahr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/die-andere-papier-krise-corona-bringt-die-gedruckte-zeitung-in-lebensgefahr\/","title":{"rendered":"Die andere Papier-Krise &#8211; Corona bringt die gedruckte Zeitung in Lebensgefahr"},"content":{"rendered":"\n<p>Clayton Christensen hat die Corona-Krise nicht mehr erlebt. Der Professor der Harvard Business School, der das heute so salonf\u00e4hige Konzept der disruptiven Innovation entwickelt hat, starb im Januar dieses Jahres an Krebs. In seinem Buch \u201eThe Innovators Dilemma\u201c hatte er sich mit den Schwierigkeiten erfolgreicher Unternehmen befasst, neue Technologien nicht nur halbherzig zu integrieren, sondern ihre Gesch\u00e4ftsmodelle danach auszurichten und alte \u00fcber den Haufen zu werfen. In einem <a href=\"https:\/\/niemanreports.org\/articles\/breaking-news\/\">Aufsatz mit dem Titel \u201eBreaking News\u201c<\/a>hatte er sich auch der Medienbranche angenommen. Das war 2012.<\/p>\n<p>Acht Jahre sp\u00e4ter konfrontiert die Covid-19 Pandemie die Weltwirtschaft mit einer nie dagewesenen Art der Disruption. Die Seuche, die alles auf den Kopf stellt, beschleunigt den technologischen Wandel und erzwingt Innovationen. Erst im Nachhinein wird sich herausstellen, welche davon im wahren Sinne innovativ sind, also gesellschaftliche Verbesserungen gebracht haben. Aber die Wirtschafts- und Arbeitswelt wird nach dem langsamen Erwachen aus der Krise in jedem Fall eine andere sein.<\/p>\n<p>In der Medienbranche zeichnet sich jetzt schon ab: Die Zeitungsh\u00e4user, die den technologischen Wandel beherzt angegangen sind und versucht haben, ihn in ihrer Kultur zu integrieren, sind jetzt im Vorteil. In diesen Tagen, in denen die Zugriffe auf Nachrichtenangebote steigen wie nie zuvor, binden sie Abonnenten \u00fcber digitale Kan\u00e4le an sich \u2013 und die Leserinnen und Leser ziehen mit. Die anderen, die die Einnahmen aus den gedruckten Ausgaben geh\u00fctet haben wie einen Schatz und deshalb eher vorsichtig beim Vermarkten digitaler Angebote waren, rufen ihre Teams jetzt zur Aufholjagd. Denn es ist absehbar, dass die Tage der gedruckten Zeitung nun noch schneller heruntergez\u00e4hlt werden als vor Beginn der Krise.<\/p>\n<p>Anderswo wird gar nicht mehr gez\u00e4hlt. In Gro\u00dfbritannien, wo die B\u00fcrger ihre Zeitungen \u00fcberwiegend am Kiosk oder im Laden kaufen oder freie Exemplare zum Beispiel in der Londoner U-Bahn mitnehmen, hat die Mediengruppe JPI angek\u00fcndigt, <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2020\/mar\/25\/uk-towns-lose-local-newspapers-as-impact-of-coronavirus-deepens\">den Druck von zw\u00f6lf Titeln einzustellen<\/a>. Eine Stadt wie Milton Keynes mit mehr als 200 000 Einwohnern hat dann ausgerechnet in der Krisenlage keine Tageszeitung auf Papier mehr, vor allem f\u00fcr alte Leser ohne digitale Verbindungen ist das schlimm. In den USA steht dies einigen Titeln ebenso bevor. Dort sind viele Lokalzeitungen in den H\u00e4nden von Finanzinvestoren, die nicht lange fackeln, wenn ihnen das Geld ausgeht. Die Zahl der <a href=\"https:\/\/www.usnewsdeserts.com\/\">Nachrichtenw\u00fcsten<\/a> wird zunehmen, die gar kein lokales journalistisches Angebot mehr haben.<\/p>\n<p>Viele Verleger weltweit denken schon lange dar\u00fcber nach, wie viel und wie oft man wirklich noch drucken muss. Nun, da Anzeigen fast komplett ausfallen und Probleme bei Produktion und Zustellung drohen, stellen sich diese Fragen in ungeahnter Brisanz. \u201e<a href=\"https:\/\/www.buzzfeednews.com\/article\/craigsilverman\/coronavirus-news-industry-layoffs\">The Corona Virus is a Media Extinction Event\u201c, <\/a>ein Ereignis, das zur Ausrottung vieler Medienmarken f\u00fchren wird, schrieb Buzzfeed Reporter Craig Silverman. Hiobsbotschaften sind t\u00e4glich zu erwarten, viele Journalisten wird das ihre Jobs kosten. \u00a0<\/p>\n<p>In Deutschland mag das im Moment noch harmloser aussehen als anderswo. Im Gegenteil: Menschen, die daheimbleiben m\u00fcssen, entdecken das Ritual des morgendlichen Zeitunglesens neu, manch eine Redaktion berichtet sogar von neuen Abo-Bestellungen f\u00fcr das Papier-Produkt. Allerdings dampfen die Zeitungsh\u00e4user die Umf\u00e4nge bereits ein. Das liegt nicht nur am Ausfall von Anzeigenerl\u00f6sen. Au\u00dferhalb des gefragten Corona-Stoffs, der alle besch\u00e4ftigt und interessiert, herrscht auch thematisch Leere. Sport-Wettk\u00e4mpfe und Veranstaltungen fallen aus, Redakteure sind mit Krisenmanagement besch\u00e4ftigt, manche m\u00fcssen in die Kurzarbeit, und Recherchen anderer Stoffe werden erschwert, weil Reporterinnen und Reporter sich zumindest bei Ortsbesuchen zur\u00fcckhalten, um sich und ihr Umfeld nicht unn\u00f6tig zu gef\u00e4hrden.<\/p>\n<p>Dass die Papier-Ausgaben irgendwann wieder dicker werden, ist kaum zu erwarten. Schon lange wei\u00df man in der Branche, dass Zeitungsabos eher wegen zu viel des Guten als wegen eines zu geringen Umfangs gek\u00fcndigt werden. Das Gef\u00fchl, der Berg an Lesestoff sei nicht mehr abzuarbeiten, geh\u00f6rt in einer Welt der \u00dcber-Information zu den h\u00e4ufigeren Klagen von Leserinnen und Lesern. Au\u00dferdem werden auch bed\u00e4chtige Medienh\u00e4user ihre Kundinnen und Kunden in der Corona-Krise zwangsweise an digitale Produkte heranf\u00fchren m\u00fcssen. Es ist wahrscheinlich, dass der Druckbetrieb beeintr\u00e4chtigt wird oder Zusteller ausfallen, weil sie krank oder in Quarant\u00e4ne sind. Sind die Leserinnen und Leser aber einmal online, kann man sie auch daran gew\u00f6hnen. \u201eIn absehbarer Zeit werden die Menschen sehr viel mehr Zeit online verbringen. Uns bislang gibt es wenige Beispiele daf\u00fcr, dass sie zu Offline-Medien zur\u00fcckkehren, wenn sie sich erst einmal an Online-Medien gew\u00f6hnt haben\u201c, <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/risj-review\/what-will-coronavirus-pandemic-mean-business-news\">schreibt Rasmus Kleis Nielsen<\/a>, Direktor des Reuters Instituts an der Universit\u00e4t Oxford in einer ungesch\u00f6nten Analyse der Lage.<\/p>\n<p>Die gedruckte Zeitung wird in Deutschland nicht von heute auf morgen von den Fr\u00fchst\u00fcckstischen verschwinden. Aber viele Verlage werden in der Krise und auch danach ihre Verluste zusammenrechnen und beschlie\u00dfen, das gedruckte P\u00e4ckchen Papier nur noch f\u00fcr das Wochenende herzustellen. Schon heute verbringen die Leserinnen und Leser dann noch am meisten Zeit mit Print. Das gilt insbesondere f\u00fcr die j\u00fcngeren Generationen, die mit den gro\u00dfformatigen Bl\u00e4ttern schon lange nichts mehr anfangen k\u00f6nnen. Der Weg von einer Ausgabe pro Woche zu null Ausgaben ist dann nur noch ein kleiner Schritt. Im generellen Taumel der Wirtschaftskrise, die unz\u00e4hlige Arbeitskr\u00e4fte kosten wird, d\u00fcrfte das so manch einem noch nicht einmal auffallen. Zumindest, solange der Journalismus \u00fcberlebt.\u00a0<\/p>\n<p><em>Copyright: Alexandra Borchardt\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Clayton Christensen hat die Corona-Krise nicht mehr erlebt. Der Professor der Harvard Business School, der das heute so salonf\u00e4hige Konzept der disruptiven Innovation entwickelt hat, starb im Januar dieses Jahres an Krebs. 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