{"id":754,"date":"2020-05-01T12:57:58","date_gmt":"2020-05-01T10:57:58","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=754"},"modified":"2020-05-01T12:57:58","modified_gmt":"2020-05-01T10:57:58","slug":"fake-news-und-die-corona-krise-das-problem-sind-die-real-news","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/fake-news-und-die-corona-krise-das-problem-sind-die-real-news\/","title":{"rendered":"&#8222;Fake News&#8220; und die Corona-Krise: Das Problem sind die &#8222;Real News&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p>Es war am 2. Februar 2020. Weltweit hatten Beh\u00f6rden gerade einmal knapp 15 000 an Covid-19 erkrankte Patienten registriert. Noch schlummerten die Karnevalskost\u00fcme in den Schr\u00e4nken, die Skier f\u00fcr die Ferien in Wolkenstein oder Ischgl warteten auf ihren Schliff. F\u00fcr Reisen empfahl die Weltgesundheitsorganisation keine besonderen Vorkehrungen. Auch von einer Pandemie sprachen die WHO-Experten zu jenem Zeitpunkt nicht, den man jetzt getrost mit \u201edamals\u201c bezeichnen darf. Allerdings f\u00fcrchteten sie eine massive <a href=\"https:\/\/www.who.int\/docs\/default-source\/coronaviruse\/situation-reports\/20200202-sitrep-13-ncov-v3.pdf?sfvrsn=195f4010_6\">\u201cInfodemic\u201c<\/a>. Eine Flut an Informationen mache es den Menschen schwer, richtig und vertrauensw\u00fcrdig von falsch und manipuliert zu unterscheiden und sich entsprechend zu verhalten, hie\u00df es in der entsprechenden Pr\u00e4sentation.<\/p>\n<p>Nun regiert die Pandemie, und die Menge an Falschmeldungen d\u00fcrfte mindestens proportional zu den Fallzahlen gewachsen sein. Aber wie schlimm ist das Problem der \u201eFake News\u201c im Zusammenhang mit Covid-19 wirklich? Und muss man es ebenso f\u00fcrchten wie das Virus? Oder verh\u00e4lt es sich damit wie mit dem gesamten Komplex der \u201eMisinformation\u201c: dass die Berichterstattung dar\u00fcber oft massiver ist als das Problem selbst?<\/p>\n<p>Forscher des Reuters Institute for the Study of Journalism und des Internet Institute an der Universit\u00e4t Oxford haben die Lage k\u00fcrzlich in einem <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/types-sources-and-claims-covid-19-misinformation\">Kurzreport<\/a> beleuchtet. Er basiert auf einer Analyse von 225 St\u00fccken an englischsprachigen Falschinformationen, die zwischen Januar und M\u00e4rz publiziert und von der Fact-Checking-Organisation First Draft untersucht wurden. Die Stichprobe hat den Nachteil, dass sie keine Meldungen aus privater Kommunikation wie WhatsApp oder anderen Messenger-Diensten erfasst und sich nur auf den englischen Sprachraum konzentriert. Dennoch untermauert das Ergebnis einige Erkenntnisse, die auch fr\u00fchere Studien zum Komplex \u201eFake News\u201c zutage gef\u00f6rdert haben.<\/p>\n<p>Die wichtigsten: Bei den meisten als falsch klassifizierten Nachrichten handelt es sich nicht um komplett erfundene Inhalte, sondern um Informationen, die verf\u00e4lscht oder in einem anderen Zusammenhang weiterverbreitet wurden (59 Prozent). Ber\u00fccksichtigt man die Masse der Interaktionen, hat dieser Typus der Falschinformation sogar einen Anteil von 87 Prozent. \u201eDeep Fakes\u201c, also Inhalte, die mit aufw\u00e4ndigen technischen Mitteln manipuliert wurden, fanden die Forscher \u00fcberhaupt nicht. Schon fr\u00fchere Forschung hatte ergeben, dass es beim Problem \u201eFake News\u201c \u00fcberwiegend nicht um jene Troll-Fabriken geht, die eigens gebastelte Inhalte massenhaft um die Welt verbreiten. Viel h\u00e4ufiger handelt es sich um Informations-Schnipsel, die nach dem Prinzip \u201eStille Post\u201c bewusst oder unbewusst falsch wiedergegeben werden.<\/p>\n<p>Zudem fanden die Forscher Best\u00e4tigung daf\u00fcr, dass Misinformation h\u00e4ufig \u201evon oben\u201c kommt, insbesondere, was ihre Verbreitung angeht. Wurden falsche Inhalte wie in einem F\u00fcnftel der untersuchten F\u00e4lle von Prominenten geteilt, also zum Beispiel von Spitzenpolitikern oder Schauspielern, hatten sie eine weit h\u00f6here Durchschlagkraft (69 Prozent) als Posts von Menschen ohne Funktion und Bekanntheit. Als US-Pr\u00e4sident Donald Trump beispielsweise das Malaria-Mittel Hydroxychloroquine im Zusammenhang mit Covid-19 erw\u00e4hnte, waren die Leidtragenden nicht etwa nur Fox-News-h\u00f6rige Amerikaner. Nein, <a href=\"https:\/\/www.bloomberg.com\/news\/articles\/2020-03-21\/nigeria-reports-chloroquine-poisonings-after-trump-praised-drug\">Kranke in Nigeria erlitten Vergiftungen<\/a>. Die Falschmeldung, die das Mittel als vermeintlich wirksam gegen Covid-19 erw\u00e4hnt hatte, war \u00fcbrigens zun\u00e4chst mit dem Absender Stanford University in der Tech-Szene des Silicon Valley zirkuliert und unter anderem von Elon Musk weiterverbreitet worden, wie <a href=\"https:\/\/www.nature.com\/articles\/d41586-020-01107-z\">Joan Donovan f\u00fcr das Wissenschaftsmagazin Nature<\/a> nachzeichnete. Sie sieht die Verantwortung, gegen Falschinformationen vorzugehen, vor allem bei den Tech-Unternehmen. \u201eSocial media companies must flatten the curve of misinformation\u201c, schreibt sie. Falschmeldungen geh\u00f6rten fr\u00fch \u201ein Quarant\u00e4ne\u201c, und daf\u00fcr sollten die Social Media Unternehmen mit Wissenschaftlern zusammenarbeiten. Seien \u201eFake News\u201c erst einmal gro\u00dffl\u00e4chig verbreitet, k\u00f6nne man sie kaum zur\u00fcckholen.\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Felix Simon war einer der an dem Oxford-Report beteiligten Forscher des Internet Institute. Er sagt: \u201eWas mich am meisten beeindruckt hat, ist die schiere Vielfalt an Misinformation rund um das Corona-Virus und die Pandemie. Von Verschw\u00f6rungstheorien bis hin zur Behauptung, die Simpsons h\u00e4tten die Pandemie vorhergesagt, ist so ziemlich alles dabei.\u201c Die wichtige Botschaft ist aber: An der Menschheit zweifeln muss man deshalb nicht. \u201eVorhandensein bedeutet nicht Effekt\u201c, so Simon, \u201edie Mehrheit der Menschen scheint sich vern\u00fcnftig zu verhalten und diesen Dingen nicht auf den Leim zu gehen\u201c.<\/p>\n<p>Ein weiterer, <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/infodemic-how-people-six-countries-access-and-rate-news-and-information-about-coronavirus\">aktuellerer Report des Reuters Institute<\/a> legt nahe, dass in der Corona-Krise zwar viele Falschinformationen kursieren und gesehen werden, dies aber vor allem an der Vertrauensw\u00fcrdigkeit der Plattform-Unternehmen kratzt. Die Krise hat offenbar dazu gef\u00fchrt, dass sich viele B\u00fcrger wieder den traditionellen Medien oder Wissenschaftlern und Beh\u00f6rden direkt zuwenden, wenn sie verl\u00e4ssliche Informationen suchen. Das, was Bekannte und Verwandte \u00fcber Facebook teilen, wird offenbar nicht so ernst genommen.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist das Ph\u00e4nomen \u201eFake News\u201c meist weniger dramatisch, als es die Berichterstattung dar\u00fcber suggeriert, dies hatten auch schon fr\u00fchere Ausgaben des <a href=\"http:\/\/www.digitalnewsreport.org\/\">Digital News Report<\/a> ergeben. Generell kann man sagen, dass gew\u00f6hnlich nur ein kleiner Teil der Bev\u00f6lkerung damit in Ber\u00fchrung kommt und ein noch kleinerer Teil anf\u00e4llig daf\u00fcr ist und sie weiterverbreitet, darunter <a href=\"https:\/\/buzzmachine.com\/2019\/01\/09\/the-kids-are-alright-grandpas-the-problem\/\">\u00fcberdurchschnittlich viele \u00e4ltere Menschen<\/a>. F\u00fcr die Medienbranche hei\u00dft das: Es ist zwar wichtig, L\u00fcgen zu entlarven. Nur sollten Redaktionen ihre Energien nicht g\u00e4nzlich darauf verschwenden. Weitaus wichtiger ist es, Fakten zu recherchieren und entsprechende Erkenntnisse zu verbreiten. Und gerade das ist die Herausforderung in der Corona-Krise. Es gibt wenige gesicherte Fakten und Zusammenh\u00e4nge. Forscher sind in einem st\u00e4ndigen Dialog und versuchen, sich der Wahrheit anzun\u00e4hern, studieren und verwerfen wieder. So geht Wissenschaft.<\/p>\n<p>F\u00fcr Journalisten und Politiker ist genau das eine Herausforderung. Politiker m\u00fcssen jetzt entscheiden, Journalisten m\u00fcssen jetzt Empfehlungen geben und die Seriosit\u00e4t ihrer Politiker bewerten. Es bleibt keine Zeit, auf die Ergebnisse aller Studien zu warten. So manch eine Infografik erweist sich da als Design-Friedhof, so manch eine Empfehlung als \u00fcberholt. Galt zum Beispiel vor ein paar Wochen noch die Ansage, Maskenpflicht f\u00fcr Gesunde im \u00f6ffentlichen Raum sei Unsinn, wird sie in manchen L\u00e4ndern jetzt umgesetzt.<\/p>\n<p>In einem Artikel f\u00fcr das US-Portal <em>Recode<\/em> hat sich Peter Kafka mit der Berichterstattung amerikanischer Medien \u00fcber das Virus besch\u00e4ftig: \u201e<a href=\"https:\/\/www.vox.com\/recode\/2020\/4\/13\/21214114\/media-coronavirus-pandemic-coverage-cdc-should-you-wear-masks\">What went wrong with the media\u2019s coronavirus coverage?<\/a>\u201c, fragt er darin und schlussfolgert, aktueller Journalismus sei sehr schlecht darin, Risiken angemessen zu kommunizieren. Das gilt zumal dann, wenn Risiken so schwer abzusch\u00e4tzen sind wie im Fall Corona, weil es noch keine Vergangenheit gibt, die man ordentlich ausmessen kann. Eine M\u00fcnchner Regional-Zeitung, die auf der Titelseite mit dem \u201egro\u00dfen Corona-Faktencheck\u201c wirbt, mag man deshalb zwar f\u00fcr ihre erzieherischen Verdienste loben. Doch wer wei\u00df schon, ob morgen noch gilt, was heute als \u201erichtig\u201c angekreuzt wurde? Den Medien bleibt deshalb nur das, was den besseren Journalismus schon immer ausgezeichnet hat: dranbleiben. Denn selbst die WHO kann sich irren.<\/p>\n<p><em>Dieser Text entstand f\u00fcr den Newsletter des Digital Journalism Fellowship der Hamburg Media School im April 2020 \u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war am 2. Februar 2020. Weltweit hatten Beh\u00f6rden gerade einmal knapp 15 000 an Covid-19 erkrankte Patienten registriert. Noch schlummerten die Karnevalskost\u00fcme in den Schr\u00e4nken, die Skier f\u00fcr die Ferien in Wolkenstein oder Ischgl warteten auf ihren Schliff. F\u00fcr Reisen empfahl die Weltgesundheitsorganisation keine besonderen Vorkehrungen. 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