{"id":756,"date":"2020-05-01T13:11:54","date_gmt":"2020-05-01T11:11:54","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=756"},"modified":"2020-05-02T14:50:30","modified_gmt":"2020-05-02T12:50:30","slug":"der-journalismus-und-seine-gegner-mehr-optimismus-wagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/der-journalismus-und-seine-gegner-mehr-optimismus-wagen\/","title":{"rendered":"Der Journalismus und seine Gegner: Mehr Optimismus wagen"},"content":{"rendered":"\n<p>Bei der Lekt\u00fcre des j\u00e4hrlichen <a href=\"https:\/\/rsf.org\/en\/2020-world-press-freedom-index-entering-decisive-decade-journalism-exacerbated-coronavirus\">World Press Freedom Index<\/a> der Organisation Reporter Ohne Grenzen (RSF) musste man sich schon immer auf die Portion Optimismus besinnen, die man braucht, um f\u00fcr eine bessere Medienzukunft zu streiten. In diesem Jahr f\u00e4llt das noch schwerer als sonst. F\u00fcr die Forscher von RSF entscheidet sich in diesem Jahrzehnt das Schicksal des Journalismus, und als w\u00fcrde das Corona-Virus nicht nur innere Organe sondern auch die der \u00f6ffentlichen Meinungsbildung befallen, titeln sie: \u201eEntering a decisive decade for Journalism, exacerbated by coronavirus\u201c. Man kann sagen, dass die Pandemie auf einen vorgesch\u00e4digten Patienten trifft.<\/p>\n<p>Gro\u00dfe \u00dcberraschungen birgt das im April 2020 ver\u00f6ffentlichte Dokument der Verfolgung, Unterdr\u00fcckung und Missachtung journalistischer Arbeit \u00fcberall auf der Welt nicht. Norwegen, Finnland, D\u00e4nemark und Schweden besetzen die Spitzenpl\u00e4tze in Sachen Pressefreiheit, w\u00e4hrend sich die \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen auf den hinteren R\u00e4ngen anstellen. Regierungswechsel nach demokratischen Wahlen sind von jeher das einzige erprobte Mittel f\u00fcr einen nennenswerten Aufstieg im Ranking \u2013 was in diesem Jahr zum Beispiel Malaysia, den Malediven und dem Sudan gelang.<\/p>\n<p>Das Fazit der Organisation ist allerdings drastisch. Der Analyse zufolge sind eine Vielzahl der gegenw\u00e4rtigen Entwicklungen dazu geeignet, den Journalismus oder wenigstens Teile davon lebendig zu begraben. So identifizieren die RSF-Experten gleich vier Krisen: eine geopolitische, eine technologische, einer demokratische, eine \u00f6konomische und eine Vertrauenskrise.<\/p>\n<p>In der Tat benutzen viele Regierungen von Ungarn bis Irak das Virus dazu, die Pressefreiheit einzuschr\u00e4nken und die Bedingungen zu versch\u00e4rfen, unter denen Journalisten arbeiten. Und der Einbruch der Weltwirtschaft und damit des Anzeigengesch\u00e4fts f\u00fchrt dazu, dass sich in diesem Fall nicht einmal die Klassenbesten sicher f\u00fchlen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Woher also in diesem Jahr den Optimismus nehmen? Tats\u00e4chlich gibt es ein paar Lichtblicke, aus denen Perspektiven werden k\u00f6nnten. Zun\u00e4chst einmal: Das Vertrauen in vertraute Medienmarken w\u00e4chst. \u00d6ffentlich-rechtliche Sender und Qualit\u00e4tsmedien verzeichnen Zugriffe wie lange nicht \u2013 wenngleich sich abzeichnet, dass das Interesse mit der Dauer des Ausnahmezustands nachl\u00e4sst. Viele Leser und Leserinnen schlie\u00dfen Digital-Abos ab, selbst wenn die Corona-Berichterstattung frei zug\u00e4nglich gemacht wurde. Die Zahlungsbereitschaft f\u00fcr Journalismus steigt (auf niedrigem Niveau) auch in L\u00e4ndern, wo man das nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehalten h\u00e4tte. Viele B\u00fcrger begreifen, dass ihnen Journalismus etwas wert sein muss.<\/p>\n<p>Auch diejenigen mit tieferen und ganz tiefen Taschen haben das erkannt. Namhafte Stiftungen sowie die von den Verlegern \u00fcberlicherweise in einer Art Hassliebe geschm\u00e4hten Tech-Konzerne Google und Facebook bekennen sich mit Not- und Projekthilfe in Millionenh\u00f6he zum Qualit\u00e4tsjournalismus. Das Reuters Institute an der Universit\u00e4t Oxford hat als Chair der <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/independent-news-emergency-relief-coordination\">Indpendent News Emergency Relief Coordination<\/a> die Aufgabe \u00fcbernommen, F\u00f6rderer zu beraten, wo ihre Hilfe am meisten ausrichtet. Stiftungen wie Luminate und die McArthur Foundation und Organisationen wie Wan-Ifra sind beteiligt. \u00a0 \u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Jetzt also gilt es: Nun k\u00f6nnen Journalisten zeigen, was sie draufhaben. Eine publikumsorientierte Redaktion \u2013 Stichwort: Audience first \u2013 besch\u00e4ftigt sich mit den verschiedenen Interessenlagen, die sich in dieser Krise ausgebildet haben. Eltern mit kleinen und schulpflichtigen Kindern zum Beispiel, Gesch\u00e4ftsleute und Kleingewerbetreibende, diejenigen, die sich zu Hause langweilen und Inspiration suchen, diejenigen, die sich einsam f\u00fchlen und vielleicht von vergangenen Zeiten tr\u00e4umen m\u00f6chten, diejenigen, die kranke oder pflegebed\u00fcrftige Angeh\u00f6rige haben und sich insgesamt f\u00fcr Gesundheitsthemen interessieren oder diejenigen, f\u00fcr die es eine Herausforderung ist, t\u00e4glich Mahlzeiten auf den Tisch zu bringen. Jetzt gilt es, all diese Gruppen zu identifizieren und bestm\u00f6glich zu bedienen \u2013 zur Not mit Lesestoff aus dem Archiv, wenn die Redaktionskapazit\u00e4t wegen Kurzarbeit zusammengeschrumpft ist. \u00a0<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste Lektion: Die virtuelle Redaktion ist m\u00f6glich. Sie sei sogar eine \u00dcberlebensstrategie f\u00fcr diejenigen Medienunternehmen, die sich das traditionelle Pressehaus mit seinen Desktop-gespickten Gro\u00dfraumb\u00fcros nicht mehr leisten k\u00f6nnen, schreibt der Journalist und Gr\u00fcnder <a href=\"https:\/\/www.niemanlab.org\/2020\/04\/the-coronavirus-crisis-will-eventually-end-but-the-distributed-newsroom-is-here-to-stay\/\">Tom Trewinnard f\u00fcr das Nieman Lab<\/a>. Tats\u00e4chlich k\u00f6nnte die nun in Tausenden Home Offices geprobte Dezentralisierung Journalisten erm\u00f6glichen, wieder viel n\u00e4her an ihr Publikum heranzur\u00fccken.<\/p>\n<p>Neben dem Wissenschaftsjournalismus hat der Lokaljournalismus gerade in der Krise eine herausragende Bedeutung bekommen. Die Vertrauensl\u00fccke zwischen Journalisten und ihren Lesern\/H\u00f6rern\/Zuschauern entstand schlie\u00dflich oft auch, weil die Lebenswelten der Redakteure in den Metropolen sich stark von denen weiter Teile ihres Publikums unterschieden haben, das Unverst\u00e4ndnis daf\u00fcr, was Menschen auf dem Land bewegt, hat schon zu so mancher \u00dcberraschung am Wahltag gef\u00fchrt. Wahr ist aber auch, dass in zentralisierten Redaktionen viel Energie in Macht- und Profilierungsk\u00e4mpfe statt in den Journalismus und neue strategische Ideen flie\u00dft. Wenn es Medienmarken schaffen, solche virtuellen Verb\u00fcnde aufzubauen, k\u00f6nnten beide Seiten profitieren: der Journalismus und sein Publikum.<\/p>\n<p>Und eine weitere Tatsache k\u00f6nnte Ansto\u00df f\u00fcr einen Wandel sein: Regierungen nutzen die Krise zunehmend als Vorwand, Journalisten den Zugang zu offiziellen Informationen zu erschweren. Das muss man beklagen. Aber man kann auch dar\u00fcber nachdenken, ob die Wiedergabe offizieller Verlautbarungen nicht schon l\u00e4ngst den Dingen geh\u00f6rt, die man getrost den Verlautbarungsabteilungen \u00fcberlassen kann. In den USA f\u00fchren die Journalismus-Professoren Jay Rosen und Jeff Jarvis seit einiger Zeit eine Debatte dar\u00fcber, wie viel B\u00fchne man einem Pr\u00e4sidenten wie Donald Trump geben darf, dem es nie auf Argumente sondern lediglich darauf ankommt, bei seinen Unterst\u00fctzern zu punkten. Weniger N\u00e4he zu Funktion\u00e4ren, mehr zu den B\u00fcrgern und den Fakten \u2013 das bekommt dem Journalismus gut. Dort, wo sich Journalisten mit ihrem Publikum verb\u00fcnden, haben sie die besten Chancen, die Krise zu \u00fcberstehen. Den Medienh\u00e4usern in ihrer bisherigen Form wird das nicht in jedem Fall gelingen.<\/p>\n<p><em>Dieser Text entstand f\u00fcr den Newsletter des Digital Journalism Fellowship an der Hamburg Media School im April 2020.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei der Lekt\u00fcre des j\u00e4hrlichen World Press Freedom Index der Organisation Reporter Ohne Grenzen (RSF) musste man sich schon immer auf die Portion Optimismus besinnen, die man braucht, um f\u00fcr eine bessere Medienzukunft zu streiten. In diesem Jahr f\u00e4llt das noch schwerer als sonst. 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