{"id":782,"date":"2020-05-16T11:46:52","date_gmt":"2020-05-16T09:46:52","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=782"},"modified":"2020-05-16T11:46:53","modified_gmt":"2020-05-16T09:46:53","slug":"quote-sportlich-genommen-was-redaktionen-vom-5050-projekt-der-bbc-lernen-koennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/quote-sportlich-genommen-was-redaktionen-vom-5050-projekt-der-bbc-lernen-koennen\/","title":{"rendered":"Quote, sportlich genommen &#8211; Was Redaktionen vom 50:50 Projekt der BBC lernen k\u00f6nnen"},"content":{"rendered":"\n<p>D\u00fcrfte man sich noch so unbeschwert ins Gesicht fassen wie fr\u00fcher, h\u00e4tte man sich wom\u00f6glich die Augen gerieben. Julia J\u00e4kel, Vorstandsvorsitzende von Gruner + Jahr, er\u00f6ffnete k\u00fcrzlich einen <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2020\/19\/frauen-beruf-fuehrungspositionen-rollenbilder-coronavirus-krise\">Gastbeitrag in <em>Die Zeit<\/em><\/a> mit den Worten, dass seit Tagen etwas in ihr arbeite: \u201eIch m\u00f6chte etwas dazu schreiben, aber ich traue mich nicht.\u201c Bitte? Die Chefin eines der gr\u00f6\u00dften Verlagsh\u00e4user Europas traut sich nicht, etwas zu schreiben?<\/p>\n<p>Nun, viele Journalistinnen d\u00fcrften sich nicht so arg gewundert haben. \u00dcber dem St\u00fcck stand schlie\u00dflich: \u201eZur\u00fcck in der M\u00e4nnerwelt\u201c. Und Reporterinnen und Redakteurinnen hierzulande wissen, dass man \u00fcber so ein Thema nur so offen schreibt, wenn man Hass-Kommentare im Netz und Kollegen (und Kolleginnen) mit genervten Blicken gut aushalten kann. Wollen sie im eigenen Laden, der \u00fcblicherweise von M\u00e4nnern gef\u00fchrt wird, noch etwas werden, verkneifen es sich die meisten \u00fcbrigens auch. J\u00e4kel allerdings ist schon etwas, und deshalb kann sie sich solch ein \u00f6ffentliches Nachdenken eher leisten als andere. Aber selbst ihr f\u00e4llt es offenbar schwer.<\/p>\n<p>J\u00e4kel wundert sich in dem St\u00fcck lautstark und mit einem Anflug von Resignation, wo denn in der Coronakrise all die F\u00fchrungsfrauen geblieben seien, auch im eigenen Haus. In Video-Konferenzen begegne sie ihnen jedenfalls nicht. \u201eHomeoffice bedeutet f\u00fcr Tausende Frauen gerade vor allem home und wenig office. Und das ist besonders bitter, weil jetzt Karrieren gemacht werden\u201c, schreibt sie. Und endet mit: \u201eFrauen sind so viel weniger weit, als wir es dachten.\u201c<\/p>\n<p>Kurz zur Erinnerung: Deutschland, das ist das Land, in dem j\u00fcngst die erste weibliche Vorstandsvorsitzende eine Dax-Konzerns nach einem halben Jahr abtreten musste, weil man ihr den Job ohnehin nur in einer Doppelspitze zugetraut hatte und in der Krise nun entschlossenes Handeln n\u00f6tig sei \u2013 so die offizielle Begr\u00fcndung des Software-Konzerns SAP bei der Trennung von Jennifer Morgan. Es ist auch das Land, in dem 2019 nur <a href=\"https:\/\/www.pro-quote.de\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/ProQuote-Studie_print_online_digital-2019.pdf\">acht von 110 Regionalzeitungen<\/a> Chefredakteurinnen hatten und die Redaktion keines gro\u00dfen Titels alleine von einer Frau gef\u00fchrt wird, wie zum Beispiel die der <em>Financial Times<\/em>, des <em>Guardian<\/em>, des <em>Economist<\/em> oder der <em>Sunday Times<\/em>, nur um mal \u00fcber den Kanal zu schauen.<\/p>\n<p>In einer <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/our-research\/are-journalists-todays-coal-miners-struggle-talent-and-diversity-modern-newsrooms\">Studie zu Vielfalt in Redaktionen<\/a>, die Deutschland, Gro\u00dfbritannien und Schweden verglichen hat, kamen das Reuters Instituts aus Oxford und das Publizistische Seminar der Universit\u00e4t Mainz zu dem Ergebnis: Im Vereinigten K\u00f6nigreich zeigt sich ein Mangel an Vielfalt vor allem beim Thema soziale Herkunft, in Schweden bei der ethnischen Diversit\u00e4t und dem Stadt-Land-Gef\u00fcge, in Deutschland geht es \u2013 immer noch, muss man sagen \u2013 um die Geschlechterfrage. Wobei man nach F\u00fchrungspersonal aus Einwanderer-Familien noch vergeblicher sucht, wie eine j\u00fcngst ver\u00f6ffentlichte <a href=\"https:\/\/www.neuemedienmacher.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/20200509_MdM_Bericht_Diversity_im_Journalismus.pdf\">Studie der Neuen Deutschen Medienmacher<\/a> ergeben hat.\u00a0<\/p>\n<p>Im Journalismus ist das besonders verst\u00f6rend, denn gemessen an den Zahlen und der Qualifikation der Absolventinnen ist der Beruf ausgesprochen weiblich. In den Redaktionen schaffen es im Verh\u00e4ltnis dazu wenige Frauen nach oben, und selbst wenn schl\u00e4gt sich das noch nicht zwangsl\u00e4ufig in den Inhalten nieder. W\u00e4hrend Medienmarken wie die <em>Financial Times<\/em> oder die schwedische Tageszeitung <em>Dagens Nyheter<\/em> seit l\u00e4ngerem <a href=\"https:\/\/aboutus.ft.com\/en-gb\/announcements\/ft-introduces-she-said-he-said-bot-to-diversify-sources-in-articles\/\">Gender Bots <\/a>einsetzen und damit kontrollieren, wie sich das Verh\u00e4ltnis von m\u00e4nnlichen und weiblichen Protagonisten in Bild und Wort darstellt, ist das Thema Geschlechter-Repr\u00e4sentation in Deutschland offenbar immer noch so heikel, dass man Vorstandschefin oder karrierem\u00fcde sein muss, um dar\u00fcber zu schreiben. Das geschieht in einer Branche, die sich von Berufswegen dazu verpflichtet, die Gesellschaft zu repr\u00e4sentieren, wie sie ist.<\/p>\n<p>Im \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk ist die Lage etwas besser. Und richtig lernen k\u00f6nnen alle, wirklich alle von der BBC und ihrem <a href=\"https:\/\/www.bbc.co.uk\/5050\/\">50:50 Projekt<\/a>. Der Erfolg von 50:50 ist ein Knaller, es handelt sich um \u201edas gr\u00f6\u00dfte kollektive Vorhaben f\u00fcr gleiche Repr\u00e4sentation im BBC Programm\u201c, wie es auf der Projektseite hei\u00dft. Vor drei Jahren hatte der charismatische Moderator Ros Atkins in seiner Redaktion die Idee entwickelt, in einer Art internem Wettbewerb zu zeigen, dass eine 50:50 Pr\u00e4senz von Frauen und M\u00e4nnern im Programm leicht zu schaffen ist.<\/p>\n<p>Es gab keine Vorgabe von oben, nur Mund-zu-Mund-Propaganda und ansteckende Begeisterung. Immer mehr Redaktionen wollten zeigen, dass auch sie es hinkriegen. Irgendwann fing Intendant Tony Hall Feuer und feierte die Idee. Schon bei der ersten gro\u00dfen Bestandsaufnahme im Mai 2019 hatte der gr\u00f6\u00dfte Teil der Beteiligten die Vorgabe erreicht, selbst in \u201eschwierigen\u201c Ressorts wie Sport oder im arabischen Raum. Mittlerweile machen innerhalb der BBC etwa 600 Teams mit \u2013 und nicht nur das. Das Vorhaben hat Nachahmer in 20 L\u00e4ndern gefunden, weltweit haben <a href=\"https:\/\/www.bbc.co.uk\/5050\/ourpartners\">60 Organisationen<\/a> das Konzept \u00fcbernommen. Man k\u00f6nnte jetzt erw\u00e4hnen, dass man auf der Landkarte vergeblich nach deutschen Unternehmen schaut.<\/p>\n<p>Ah, halt, die sind ja derzeit mit der Digitalisierung besch\u00e4ftigt \u2013 und dazu mit dem von J\u00e4kel beobachteten ziemlich m\u00e4nnlichen Krisenmanagement. Aber das Ringen um Diversit\u00e4t auf sp\u00e4ter zu vertagen ist auch mit Blick darauf ein schwerer Fehler. Digitalisierung bedeutet im Journalismus \u201eAudience first\u201c, also von den Bed\u00fcrfnissen und Nutzergewohnheiten des Publikums her nicht nur denken, sondern auch handeln. Auf diese Weise begeistert man loyale Kunden, sichert sich also die Zukunft. Und das potenzielle Publikum ist jung, alt, audio-, video- oder print-affin, einheimisch und zugewandert und, ja, m\u00e4nnlich, weiblich \u2013 vielf\u00e4ltig eben. Nur gut gemischte Teams werden es schaffen, in dieser Vielfalt zu denken und entsprechende Produkte zu entwickeln. Die BBC nimmt \u00fcbrigens f\u00fcr ihre 50:50 Challenge weiterhin Bewerbungen entgegen.\u00a0<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag entstand f\u00fcr den Newsletter zum <a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/weiterbildung\/digitaljournalismfellowship?type=\">Digital Journalism Fellowship der Hamburg Media School<\/a>, dort ver\u00f6ffentlicht am 8. Mai 2020.<\/em> \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>D\u00fcrfte man sich noch so unbeschwert ins Gesicht fassen wie fr\u00fcher, h\u00e4tte man sich wom\u00f6glich die Augen gerieben. Julia J\u00e4kel, Vorstandsvorsitzende von Gruner + Jahr, er\u00f6ffnete k\u00fcrzlich einen Gastbeitrag in Die Zeit mit den Worten, dass seit Tagen etwas in ihr arbeite: \u201eIch m\u00f6chte etwas dazu schreiben, aber ich traue mich nicht.\u201c Bitte? 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