{"id":785,"date":"2020-05-23T18:30:58","date_gmt":"2020-05-23T16:30:58","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=785"},"modified":"2020-05-23T18:30:58","modified_gmt":"2020-05-23T16:30:58","slug":"braucht-der-digitale-journalismus-stars","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/braucht-der-digitale-journalismus-stars\/","title":{"rendered":"Braucht der digitale Journalismus Stars?"},"content":{"rendered":"\n<p>Der bislang gr\u00f6\u00dfte Scoop in der Corona-Krise ist wom\u00f6glich dem NDR gelungen. Mit dem Charit\u00e9-Virologen Christian Drosten hatte der Sender recht fr\u00fch in der Pandemie einen Experten aufgetan, der so kundig, verst\u00e4ndlich und sympathisch \u00fcber Aerosole, Inkubationszeiten und Antik\u00f6rper-Tests erz\u00e4hlen konnte, dass ihm schon nach kurzer Zeit halb Deutschland lauschte. Am 26. Februar gab es den ersten <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/nachrichten\/info\/podcast4684.html\">Podcast Coronavirus-Update<\/a>, seitdem h\u00e4lt das Format im NDR reichlich Kolleginnen und Kollegen auf Trab. N-Joy Programmdirektor Norbert Grundei, der Drosten \u201eentdeckt\u201c hatte, erz\u00e4hlt davon in einem \u2013 was auch sonst? \u2013 Podcast f\u00fcr das Digital Journalism Fellowship. Drosten jedenfalls wurde zum Star mit allen Risiken und Nebenwirkungen, Liebeserkl\u00e4rungen und Hassmails inklusive. Was nicht nur zu der Frage f\u00fchrt: Braucht der Journalismus Stars? Sondern zu einer weiteren: Braucht der digitale Journalismus sie noch n\u00f6tiger?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich haben Promis Redaktionen schon immer gutgetan, und das gilt f\u00fcr beide Seiten: die der Protagonisten und die der Journalisten. Nicht ohne Grund gibt es einen von PR-Abteilungen m\u00fchsam und zunehmend restriktiv orchestrierten Wettbewerb um Interviews mit besonders bekannten Gesichtern. Klar: ein Gespr\u00e4ch mit Menschen, die zur Marke geworden sind, hebt das Profil der eigenen Medienmarke, selbst wenn der Inhalt zuweilen W\u00fcnsche offen l\u00e4sst. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr jene Gro\u00df-KommentatorInnen, -ModeratorInnen oder -ReporterInnen, die nicht nur das Ansehen eines Hauses heben, sondern auch manch einen Nutzer dazu bewegen, ein Abo abzuschlie\u00dfen oder einen Sender einzuschalten. Stars bringen Geld. Dies hat sich im digitalen Journalismus nicht ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Was anders geworden ist, sind die Anforderungen an Redaktionen. Fr\u00fcher fanden ganze Generationen von Journalistinnen und Journalisten in den Beruf, weil sie entweder davon tr\u00e4umten, eine Art Hanns Joachim Friedrichs oder Antonia Rados zu werden, oder weil sie hofften, wom\u00f6glich irgendwann auch mal eine Tina Turner, Angela Merkel oder einen Oliver Kahn interviewen zu d\u00fcrfen. Auch fr\u00fcher ist das vielen nicht gelungen. Aber immerhin konnten sie vielleicht mit dem \u00f6rtlichen B\u00fcrgermeister, der Landesmeisterin im Biathlon oder dem Regisseur des Stadttheaters interessante Gespr\u00e4che f\u00fchren.<\/p>\n<p>Im digitalen Journalismus hingegen gibt es unendlich viele wichtige Rollen und Aufgaben, die wenig Potenzial dazu haben, einen in Star-N\u00e4he zu bringen oder gar selbst zum Star zu machen. Gesucht werden deutlich mehr Funnel-ManagerInnen, Suchmaschinen-OptimiererInnen, Community-ManagerInnen oder ProduktentwicklerInnen. Wer kluge Instagram-Formate entwickeln kann oder sich ein wenig mit Software auskennt und die Automatisierung von Redaktionsaufgaben vorantreiben kann, wird ganz sicher sehns\u00fcchtiger erwartet als noch jemand, der den Nahost-Konflikt zu kommentieren wei\u00df. Die Journalistinnen und Journalisten von morgen m\u00fcssen sich als erstes als Dienstleister verstehen (was manch einem Journalisten von gestern auch nicht geschadet h\u00e4tte). Das aber erfordert ein vollkommen anderes BewerberInnen-Profil. Die Ausbildung von JournalistInnen hat sich noch nicht \u00fcberall darauf eingestellt.<\/p>\n<p>Und was ist mit den Stars? \u00a0Im digitalen Journalismus k\u00f6nnen sie Gewinnbringer sein mit ihrer Expertise, ihrem Stil, ihrer Strahlkraft und Pers\u00f6nlichkeit. Um ExpertInnen mit vielen Followern lassen sich wunderbar Produkte bauen: Newsletter, Podcasts, Service-Angebote, B\u00fchnen-Auftritte, in der Zeit vor Corona sogar Leserreisen. Stars binden Nutzer. Solange man ihnen Zeit daf\u00fcr l\u00e4sst, ihre Expertise zu entwickeln, kann das gut funktionieren.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr m\u00fcssen sie allerdings noch nicht einmal Journalisten sein. Dass der Youtuber Rezo in diesem Jahr einen Nannen-Preis gewonnen hat, steht als Sinnbild f\u00fcr diese Entwicklung. Nicht allen in der Branche hat das gefallen, ein Kollege kommentierte die Emp\u00f6rung der Platzhirsche auf <em>Meedia<\/em> mit den Worten, dies zeige \u201e<a href=\"https:\/\/meedia.de\/2020\/05\/05\/die-kritik-an-rezo-und-dem-nannen-preis\/\">ein Grundproblem des alten Journalismus<\/a>\u201c. Im diesem alten Journalismus blieb man gerne unter sich. Aus Konkurrenz, Neid und Missgunst wurde so manch ein Star geboren, manch anderer aus dem Rennen geworfen. Juan Moreno beschreibt diese Welt in seinem Buch \u201eTausend Zeilen L\u00fcge\u201c zum Fall Relotius.<\/p>\n<p>Auch im neuen Journalismus ist Platz f\u00fcr Stars. Aber Branchenkrise und Vertrauensdebatte haben die Demut zur\u00fcckgebracht, die Corona-Krise mit ihrer Unsicherheit den Respekt vor der Aufgabe. Es ist die Zeit der kleinen Erkenntnisse, nicht die der gro\u00dfen Worte. Und vor allem geht es um den Dienst am Publikum. Der Star darf dann ruhig auch mal ein Virologe sein.\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p><em>Dieser Text erschien zuerst als Beitrag zum Newsletter des Digital Journalism Fellowship der Hamburg Media School am 15. Mai 2020, er erschien auch bei <a href=\"https:\/\/www.journalist.de\/startseite\/meldungen\/detail\/article\/braucht-der-digitale-journalismus-stars.html\">journalist.de<\/a>.<\/em><\/p>\n<p>\u00a0 \u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der bislang gr\u00f6\u00dfte Scoop in der Corona-Krise ist wom\u00f6glich dem NDR gelungen. Mit dem Charit\u00e9-Virologen Christian Drosten hatte der Sender recht fr\u00fch in der Pandemie einen Experten aufgetan, der so kundig, verst\u00e4ndlich und sympathisch \u00fcber Aerosole, Inkubationszeiten und Antik\u00f6rper-Tests erz\u00e4hlen konnte, dass ihm schon nach kurzer Zeit halb Deutschland lauschte. Am 26. 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