{"id":787,"date":"2020-05-27T18:24:04","date_gmt":"2020-05-27T16:24:04","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=787"},"modified":"2020-05-27T18:30:54","modified_gmt":"2020-05-27T16:30:54","slug":"journalismus-muss-schlechte-laune-machen-aber-bitte-nicht-immer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/journalismus-muss-schlechte-laune-machen-aber-bitte-nicht-immer\/","title":{"rendered":"Journalismus muss schlechte Laune machen \u2013 aber bitte nicht immer!"},"content":{"rendered":"\n<p>Manchmal hilft offenbar nur noch abschalten. Menschen, die Nachrichten und anderen journalistischen Produkten bewusst aus dem Weg gehen, nennen daf\u00fcr in Umfragen durchweg vor allem einen Grund: Journalismus mache ihnen schlechte Laune. Und in der Corona-Krise, wen wundert\u2019s, wandert die Stimmung offenbar besonders h\u00e4ufig in den Keller. Nach einem anf\u00e4nglichen Run auf Nachrichtenangebote aller Art steige der Anteil derer massiv, die Nachrichten vermeiden, meldete das Reuters Institute der Universit\u00e4t Oxford in einem j\u00fcngst ver\u00f6ffentlichten <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/initial-surge-news-use-around-coronavirus-uk-has-been-followed-significant-increase-news-avoidance\">Factsheet<\/a> aus einem Forschungsprojekt zum Nachrichtenkonsum der Briten in der Covid-19 Lage. Fast 60 Prozent der Befragten gaben in der Erhebung aus der zweiten Maiwoche an, den Nachrichtenfluss zumindest manchmal zu ignorieren. Jeder F\u00fcnfte mag gar nicht mehr hinschauen \u2013 und dies in fast neun von zehn F\u00e4llen wegen der Corona-Berichterstattung.<\/p>\n<p>Zwei Drittel begr\u00fcndeten die Enthaltsamkeit mit dem Effekt auf die Psyche, andere st\u00f6rten das \u00dcberangebot, Zweifel an der Vertrauensw\u00fcrdigkeit der Medien und ein Gef\u00fchl der Ohnmacht, das sich beim Lesen, Schauen oder H\u00f6ren h\u00e4ufig einstelle. Man k\u00f6nne ja doch nichts \u00e4ndern.<\/p>\n<p>In anderen L\u00e4ndern d\u00fcrften diese Zahlen nicht viel anders ausfallen. Und von der Tendenz her \u00e4hneln sie Erhebungen aus weniger angespannten Zeiten. Der <a href=\"http:\/\/digitalnewsreport.org\/\">Digital News Report<\/a>, die ebenfalls vom Reuters Institute publizierte gr\u00f6\u00dfte weltweite Erhebung zum online Medienkonsum, taxiert den Anteil der Journalismus-Vermeider Jahr um Jahr im Schnitt auf ungef\u00e4hr ein Drittel \u2013 Tendenz steigend, hie\u00df es 2019.<\/p>\n<p>Das sollte Redaktionen aus mehreren Gr\u00fcnden zu denken geben. Erstens sch\u00f6pfen schlecht informierte B\u00fcrger ihr Potenzial nicht aus, in der Demokratie Entscheidungen zu beeinflussen. Zweitens, und das gilt insbesondere f\u00fcr Krisenzeiten, bringen sie aus Unwissen wom\u00f6glich sich selbst und andere in Gefahr. Drittens sind sie anf\u00e4lliger f\u00fcr Falschinformationen oder gar Verschw\u00f6rungstheorien, die sie zum Beispiel aus dem Bekanntenkreis erreichen. Viertens, und das ist in Zeiten gef\u00e4hrdeter Gesch\u00e4ftsmodelle f\u00fcr die Medien wichtig, sch\u00f6pfen auch die Redaktionen ihr Potenzial nicht aus. Wenn sie die Nachrichten-Vermeider verloren geben, ist das eine Entscheidung gegen ein potenzielles Publikum \u2013 mit allen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen.<\/p>\n<p>Redaktionen besch\u00e4ftigen sich allerdings eher selten mit denjenigen, die einen Bogen um ihre Produkte machen, man k\u00f6nnte sagen: zu selten. Das liegt in der Natur modernen Audience-Managements. Denn eine noch so ausgekl\u00fcgelte Datenanalyse wertet nur die Pr\u00e4ferenzen und Gewohnheiten derjenigen Leserinnen und Leser aus, die man schon hat. Auch das beste Analytics-Tool kann diejenigen nicht erfassen, die gar nicht erst vorbeischauen. An die kommt man nur heran, wenn man mit neuen Angeboten zum Beispiel auf anderen Plattformen oder eben mit einer anderen inhaltlichen Grundstimmung experimentiert. \u00a0<\/p>\n<p>Journalistinnen und Journalisten reagieren oft ungehalten, wenn man sie mit dem Schlechte-Laune-Argument konfrontiert. Sie sagen dann, es sei schlie\u00dflich ihr Job, Missst\u00e4nde aufzudecken, Entscheidern auf die Finger zu schauen oder \u00fcber Risiken aufzukl\u00e4ren. Man k\u00f6nne die Welt nicht rosarot malen, wenn sie in Wahrheit eher gegen dunkelgrau tendiere.<\/p>\n<p>Einerseits haben sie recht. Journalismus muss schlechte Laune machen, aus all den genannten Gr\u00fcnden. Jeder, der sich schon mal mit Ver\u00e4nderungs-Management besch\u00e4ftigt hat, wei\u00df, dass ohne einen gewissen Leidensdruck gar nichts funktioniert, weder in der Politik noch sonst irgendwo. Zum Beispiel hat die aktuelle Berichterstattung \u00fcber Risiken wesentlich dazu beigetragen, dass sich die Menschen in der akuten Bedrohung auch freiwillig vern\u00fcnftig verhalten haben. \u00a0<\/p>\n<p>Andererseits liegt dieser fast reflexhaften Abwehr von Kritik am Miesepeter-Journalismus ein gro\u00dfes Missverst\u00e4ndnis zugrunde. Den B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern geht es gar nicht um ein Feuerwerk an Wohlf\u00fchl-Inhalten. Sie vermissen nur zuweilen etwas Perspektive. In der Krise m\u00f6chten sie wissen, was funktioniert, wie Menschen Probleme kreativ angehen, welche Politik Effekte zeigt. Wenn Nachrichten wie ein kalter Wasserstrahl auf sie niedergehen, sehnen sie sich nicht unbedingt nach einem pl\u00f6tzlichen Switch zu Badewassertemperatur. Sie wollen den Hahn erkennen, mit dem man das Ganze abdrehen oder zumindest regulieren kann. Denn nur das gibt ihnen das Gef\u00fchl, dass sich etwas bewegen und gestalten l\u00e4sst. Der Variante des Journalismus, die sich konstruktiv nennt, kommt es deshalb weniger auf \u201epositiven\u201c als auf l\u00f6sungsorientierten Journalismus an.<\/p>\n<p>Hier gibt es \u00fcbrigens einen Zusammenhang mit Erkenntnissen \u00fcber die gesellschaftlichen Gruppen, die eher zu den Nachrichten-Vermeidern geh\u00f6ren. Es sind eher Frauen als M\u00e4nner und eher Menschen im mittleren Alter, also der Rush-Hour des Lebens, in der das Zeitbudget f\u00fcr alles au\u00dferhalb der Organisation von Job und Familie knapp bemessen ist. In der Corona-Krise scheint dieser Effekt besonders ausgepr\u00e4gt zu sein. Die Mehrfach-Belastung insbesondere von Frauen schl\u00e4gt sich auch in den Daten des Reuters Instituts nieder.<\/p>\n<p>Es geht aber nicht allein um Zeitmangel. Frauen begeistern sich nach allem, was man wei\u00df, generell weniger f\u00fcr einen Journalismus, in dem es nur um Sieger und Verlierer, Helden und Verbrecher und Machtk\u00e4mpfe im Allgemeinen geht. Sie interessieren sich eher f\u00fcr das allt\u00e4gliche Auf und Ab des Lebens, und wenn es Vorbilder f\u00fcr ein Auf gibt, dann umso besser. Vor allem aber haben Leserinnen und Leser ein gutes Gesp\u00fcr daf\u00fcr, wann alles schon mal irgendwo gesagt wurde, nur noch nicht von jedem. Konkurrenz der Medienh\u00e4user oder einzelner Journalisten untereinander, Besserwissertum, Rechthaberei oder Prahlerei (\u201eDas haben wir exklusiv\u201c) lassen sie meistens ziemlich kalt.<\/p>\n<p>Das Publikum mag Journalismus mit Nutzwert, selbst wenn der Nutzen nur in Unterhaltung oder \u00dcberraschung liegt. Und manchmal tut es den Nachrichten-KonsumentInnen sogar gut, wenn sie sich so richtig \u00fcber etwas \u00e4rgern k\u00f6nnen. Schlechte-Laune-Journalismus hat seinen Platz. Aber der muss ja nicht immer in der ersten Reihe sein.\u00a0<\/p>\n<p><em>Diese Kolumne erschien zuerst im Newsletter des Digital Journalism Fellowship an der Hamburg Media School am 22. Mai 2020<\/em><em>\u00a0 \u00a0 \u00a0<\/em> \u00a0 \u00a0 \u00a0<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal hilft offenbar nur noch abschalten. 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