{"id":803,"date":"2020-06-09T22:15:47","date_gmt":"2020-06-09T20:15:47","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=803"},"modified":"2020-06-09T22:15:47","modified_gmt":"2020-06-09T20:15:47","slug":"beruf-mit-risiken-und-nebenwirkungen-journalisten-im-burnout","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/beruf-mit-risiken-und-nebenwirkungen-journalisten-im-burnout\/","title":{"rendered":"Beruf mit Risiken und Nebenwirkungen &#8211; Journalisten im Burnout"},"content":{"rendered":"\n<p>Man kann diese Bilder schwer ertragen, vor allem, wenn man die USA kennt und den gro\u00dfartigen Journalismus amerikanischer Medienh\u00e4user sch\u00e4tzt: Polizisten, die Reporter*innen und Fernsehteams gezielt mit Tr\u00e4nengas und Gummigeschossen attackieren, sogar festnehmen, weil sie von den landesweiten Protesten gegen Polizeigewalt und Rassismus berichten. Etwa <a href=\"https:\/\/www.niemanlab.org\/2020\/06\/well-try-to-help-you-follow-the-police-attacks-on-journalists-across-the-country\/?utm_source=API+Need+to+Know+newsletter&amp;utm_campaign=743450cb03-EMAIL_CAMPAIGN_2020_06_02_12_10&amp;utm_medium=email&amp;utm_term=0_e3bf78af04-743450cb03-45836474\">120 solcher Angriffe<\/a> hatte es allein in der ersten Woche nach dem Tod von George Floyd gegeben, der unter dem Knie eines Polizisten erstickte. Der Journalistenberuf ist selbst im Kernland der Meinungs- und Pressefreiheit gef\u00e4hrlich geworden. Das wird Folgen haben. Noch schwei\u00dfen die Attacken von au\u00dfen die Redaktionen zusammen, verleihen ihrer Arbeit Sinn und eine extra Portion Legitimation. Aber irgendwann wird die gro\u00dfe Ersch\u00f6pfung eintreten. Im Journalismus ist Burnout ein erhebliches Berufsrisiko.<\/p>\n<p>Doch w\u00e4hrend Journalisten gerne emphatisch \u00fcber psychische Belastungen, Verletzungen und Traumata anderer berichten, werden sie beim Blick in die eigene Branche schmallippig. Nat\u00fcrlich kennt man den einen oder die andere Kollegin, die es \u201enicht mehr gepackt\u201c hat, l\u00e4ngere Auszeiten nehmen musste oder pl\u00f6tzlich vom riskanten Auslandsposten in die Zentrale zur\u00fcckversetzt wurde. Aber die l\u00e4ngste Zeit \u00fcber wurden solche F\u00e4lle eher unter der Decke chefredaktioneller F\u00fcrsorge gehalten. Und das hatte nicht nur mit dem Schutz der Privatsph\u00e4re zu tun. Es war \u2013 und ist \u2013 ein Tabu-Thema in einer Branche, in der Stressresistenz und Z\u00e4higkeit zum Berufsbild geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Der Psychiater Anthony Feinstein von der Universit\u00e4t Toronto besch\u00e4ftigt sich seit 20 Jahren mit psychisch belasteten und traumatisierten Journalist*innen. Begonnen hatte er damit 1999, als sich eine Reporterin an ihn wandte. Zur Vorbereitung des Gespr\u00e4chs hatte er eine Literatur-Recherche gestartet \u2013 und zu seiner \u00dcberraschung keine einzige Studie zu dem Thema gefunden. Die Journalistin kl\u00e4rte ihn auf: \u201eSie verstehen meinen Beruf nicht.\u201c So <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/calendar\/journalists-under-pressure-emotional-toll-covering-crises\">erz\u00e4hlte es Feinstein k\u00fcrzlich in einem Webinar<\/a>. In einer ersten Untersuchung zum Thema schrieb er 180 Journalist*innen gro\u00dfer Medienh\u00e4user an, 80 Prozent antworteten. Das ist f\u00fcr eine sozialwissenschaftliche Studie eine \u00fcberw\u00e4ltigende Resonanz. Seitdem hat ihn das Thema nicht mehr losgelassen. Post-traumatische Belastungsst\u00f6rungen seien gut behandelbar, sagt er, wenn man sie denn identifiziere. Aber viele Journalist*innen f\u00fchlten sich damit allein gelassen.\u00a0<\/p>\n<p>Kein Wunder, denn gerade in kleineren Redaktionen gilt noch immer, was ein gestandener Ressortleiter in einem Seminar am Reuters Institute in Oxford einmal etwas verlegen mit einer englischen Redensart beschrieb: \u201eIf you can\u2019t stand the heat, get out of the kitchen.\u201c Anders gesagt: Wenn du Journalist wirst, musst du das abk\u00f6nnen. In der Session ging es um Burnout. Das Thema war ins Programm genommen worden, weil es leitende und Chef-Redakteur*innen in den vertraulichen Runden immer wieder als eine der gr\u00f6\u00dften Herausforderungen f\u00fcr ihre Redaktionen genannt hatten \u2013 und zwar nicht in erster Linie mit Blick auf riskante Eins\u00e4tze im In- und Ausland.<\/p>\n<p>Die Belastungen durch die digitale Transformation seien extrem hoch, argumentierten sie. \u201eWie k\u00f6nnen wir 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche digitalen Journalismus und Ver\u00e4nderungsprozesse managen, ohne das Team dem Burnout auszuliefern?\u201c So hatte es die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrende Redakteurin einer renommierten britischen Tageszeitung einmal formuliert. In einer 2019 ver\u00f6ffentlichten <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/sites\/default\/files\/2019-01\/Newman_Predictions_2019_FINAL_2.pdf\">Umfrage des Reuters-Institutes<\/a> gaben 62 Prozent der Medien-F\u00fchrungskr\u00e4fte an, dass Burnout in ihren Teams f\u00fcr sie ein wichtiges Thema sei.<\/p>\n<p>Einerseits ist das eine gute Nachricht, denn sie zeigt, dass Chefinnen und Chefs das Problem zunehmend sehen und ernst nehmen. Andererseits ist es das: ein ernstes Problem. Im Journalismus musste man schon immer schnell und gleichzeitig akkurat sein, war dem Wettbewerb ausgesetzt, brachte sich zuweilen in Gefahr, musste schlimme Bilder verarbeiten und konnte sich die Arbeit nicht besonders frei einteilen. Wenn es brannte, brannte es halt. Aber heute ist das, was einst guten Journalismus ausmachte, oft nicht mehr gut genug. Gute Schreiber*innen m\u00fcssen nun auch Videos oder Tonspuren liefern, sich st\u00e4ndig neuen Workflows anpassen und f\u00fcr verschiedene Plattformen produzieren. Au\u00dferdem sind etliche dem Dauerfeuer von Hasskommentaren ausgesetzt. Neuerdings erschwert die Bedrohung durch das Corona-Virus die Arbeit und erh\u00f6ht das Risiko.<\/p>\n<p>Gleichzeitig \u00fcberfordert das Ver\u00e4nderungsmanagement F\u00fchrungskr\u00e4fte, die nie f\u00fcrs F\u00fchren ausgebildet wurden. Lucy K\u00fcng, Journalismusforscherin und Beraterin, erlebt bei ihren Recherchen vor allem im mittleren Management eine gro\u00dfe Verunsicherung. F\u00fchrungskr\u00e4fte, die im Tagesgesch\u00e4ft agieren, m\u00fcssen den Wandel vorantreiben, ihre Teams motivieren und gleichzeitig vor \u00dcberlastung sch\u00fctzen. Gerade die Leistungstr\u00e4ger, die alles besonders gut machen wollten, seien vom Burnout bedroht, sagt K\u00fcng. Viele Talente verlie\u00dfen deshalb die Branche.<\/p>\n<p>Es ist deshalb wichtig, auch in der Medienbranche F\u00fchrungskr\u00e4fte entsprechend auszubilden. Sie m\u00fcssen lernen, die Zeichen von \u00dcberlastung zu lesen \u2013 bei ihren Mitarbeiter*innen und sich selbst. Professionelle Hilfe muss systematischer angeboten werden. Dazu verdient das Thema mehr \u00d6ffentlichkeit. Im Zuge der Me-Too-Debatte hatten sich viele Journalistinnen gewagt, erstmals \u00fcber sexuelle Bel\u00e4stigung und Gewalt zu sprechen, die sie im Job erlebt hatten. Das war ein wichtiger Schritt. Auch f\u00fcr Kolleg*innen, denen andere Aspekte ihrer Arbeit Albtr\u00e4ume machen, muss es akzeptabel werden, dies zu offenbaren. Journalist*innen ziehen viel Energie aus ihrer Mission, sie halten sich f\u00fcr etwas Besonderes. Aber im Angesicht des Hasses sind sie auch nur Menschen.<\/p>\n<p><em>#Dieser Text erschien im Newsletter des Digital Journalism Fellowship an der Hamburg Media School am 5. Juni 2020.\u00a0<\/em><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man kann diese Bilder schwer ertragen, vor allem, wenn man die USA kennt und den gro\u00dfartigen Journalismus amerikanischer Medienh\u00e4user sch\u00e4tzt: Polizisten, die Reporter*innen und Fernsehteams gezielt mit Tr\u00e4nengas und Gummigeschossen attackieren, sogar festnehmen, weil sie von den landesweiten Protesten gegen Polizeigewalt und Rassismus berichten. 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