{"id":812,"date":"2020-06-15T11:15:50","date_gmt":"2020-06-15T09:15:50","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=812"},"modified":"2020-06-15T11:18:21","modified_gmt":"2020-06-15T09:18:21","slug":"mehr-mensch-oder-mehr-journalist-es-ist-kompliziert-besonders-in-den-sozialen-netzwerken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/mehr-mensch-oder-mehr-journalist-es-ist-kompliziert-besonders-in-den-sozialen-netzwerken\/","title":{"rendered":"Mehr Mensch oder mehr Journalist? Es ist kompliziert, besonders in den sozialen Netzwerken"},"content":{"rendered":"\n<p>F\u00fcr Evan Smith, Mitgr\u00fcnder des gemeinn\u00fctzigen News-Portals <em>Texas Tribune<\/em>, schien die Sache klar zu sein. \u201eWir nehmen Unparteilichkeit ernst wie einen Herzinfarkt\u201c, sagte er 2018 auf einer Lokaljournalismus-Tagung in Oxford. Die mehrfach preisgekr\u00f6nte Publikation hat sich auf Politikjournalismus spezialisiert, und ein paar Regeln m\u00fcssten da sein, fand Smith: Er und sein Team geh\u00f6rten keinen Parteien an, gingen nicht w\u00e4hlen, stellten keine Wahlplakate in ihre Vorg\u00e4rten, auch Autoaufkleber seien tabu.<\/p>\n<p>Viele B\u00fcrger*innen w\u00fcrden vermutlich laut klatschen bei dieser starken Ansage. Aber gerade in diesen Tagen, in denen Rassismus auch innerhalb der Medienbranche das gro\u00dfe Thema ist, zeigt sich: So einfach ist das mit der Unparteilichkeit nicht.\u00a0In amerikanischen Medienh\u00e4usern mussten j\u00fcngst <a href=\"https:\/\/www.forbes.com\/sites\/jonathanberr\/2020\/06\/07\/philadelphia-inquirer-chief-to-depart-as-media-wrestles-with-diversity-challenge\/\">mehrere Redaktionsleiter ihre \u00c4mter niederlegen oder ruhen lassen<\/a>, weil ihre Belegschaften ihnen zu viel Neutralit\u00e4t zum Vorwurf gemacht haben. Die Redakteure, zum Beispiel der Chef des Meinungsressorts der <em>New York Times<\/em>, hatten Gastbeitr\u00e4ge oder \u00dcberschriften durchgehen lassen, von denen sich ihre Mitarbeiter pers\u00f6nlich angegriffen, ja bedroht gef\u00fchlt haben: als Menschen, nicht als Journalisten. Und in diesem aufgeheizten Klima machten die Medienh\u00e4user gar nicht erst den Versuch, die kritisierten Beitr\u00e4ge als legitime Ausdr\u00fccke von Meinungsfreiheit zu verteidigen. Sie entschieden sich f\u00fcr den Schutz ihrer Belegschaften. Zurecht, denn die Freiheit des einen endet immer dort, wo die des anderen beginnt. Der Punkt, an dem sich beide ber\u00fchren, ist Aushandlungssache. Und es ist an der Zeit, jahrzehntelang erduldetem Unrecht mehr Gewicht zu geben.<\/p>\n<p>Nur weil man eine Haltung hat, ist man auch als Journalist*in noch keine Aktivist*in. Die brillante Kolumnistin der <em>Washington Post<\/em>, Margaret Sullivan, hat das k\u00fcrzlich in einem<a href=\"https:\/\/www.washingtonpost.com\/lifestyle\/media\/whats-a-journalist-supposed-to-be-now--an-activist-a-stenographer-youre-asking-the-wrong-question\/2020\/06\/06\/60fdfb86-a73b-11ea-b619-3f9133bbb482_story.html\">\u00a0Beitrag<\/a> treffend beschrieben: Journalist*innen seien der Suche nach der Wahrheit verpflichtet und dem Streben nach einer besseren Gesellschaft. Die Schritte auf dem Weg dorthin gilt es zu verteidigen. Manche Konflikte zwingen Journalist*innen deshalb dazu, sich auf eine Seite zu stellen: immer dann, wenn es um den Schutz der Demokratie, der Menschenw\u00fcrde oder anderer existenzieller G\u00fcter wie der \u00f6ffentlichen Gesundheit oder der Sicherheit und Ordnung gilt. Aber welche G\u00fcter sind existenziell? Hier wird es kompliziert.\u00a0Was f\u00fcr die eine Minimum-Standard ist, betrachtet der andere als verhandelbar.<\/p>\n<p>Schon im Redaktionsalltag sind die Grenzen flie\u00dfend, wenn es um die Vereinbarkeit von Berichterstattung und pers\u00f6nlichen Werten geht. Aber besonders schwierig wird es, wenn sich Journalist*innen in den sozialen Netzwerken bewegen. Dort ist jeder zuerst Individuum, sieht sich aber mit Anforderungen von Redaktionen konfrontiert, die schlicht nicht zu erf\u00fcllen sind. Einerseits sollen Reporter*innen und Redakteur*innen mit m\u00f6glichst hoher Pr\u00e4senz den Ruhm ihres Hauses mehren, der Schl\u00fcssel dazu ist Reichweite. Und wer etwas vom Gesch\u00e4ft versteht wei\u00df: Die bekommt man nicht mit dem pflichtschuldigen Klick auf das Retweet-Symbol. F\u00fcr Medienh\u00e4user ist es ein Gewinn, wenn sich ihre Stars als Neben-Marken profilieren und auf diese Weise Publikum binden. Aber zu viel Chuzpe ist den meisten Chefredakteur*innen auch nicht recht. Die Kolleg*innen m\u00f6gen sich doch bitte allzu drastische Meinungs\u00e4u\u00dferungen oder r\u00fcde Sprache verkneifen, hei\u00dft es dann. Man trete schlie\u00dflich doch immer im Namen des Hauses auf, allen \u201eviews are my own\u201c-Bemerkungen in der Twitter-Bio zum Trotz. Es haben schon einige Journalist*innen ihren Job verloren, weil ihnen \u2013 wom\u00f6glich zu fortgeschrittener Stunde \u2013 ein paar Dutzend Zeichen im Ton verrutscht waren.<\/p>\n<p>Die <em>New York Times<\/em> hat k\u00fcrzlich ein <a href=\"https:\/\/int.nyt.com\/data\/documenthelper\/7010-recommendations-for-social-med\/a5c91e59333f4fa0c8bf\/optimized\/full.pdf?utm_source=newsletter&amp;utm_medium=email&amp;utm_campaign=newsletter_axiosmediatrends&amp;stream=top#page=1\">internes Dokument des Innenpolitik-Ressorts beim Konkurrenten <em>Washington Post<\/em><\/a> gezogen, das es in sich hat. Auf zw\u00f6lf eng beschriebenen Seiten, die in vier Empfehlungen m\u00fcnden, hat eine Kommission darin zusammengetragen, was die Belegschaft von den Regeln und Praktiken im Umgang mit sozialen Netzwerken h\u00e4lt. Nicht viel, sei hier zusammengefasst. Beklagt werden die beschriebenen widerspr\u00fcchlichen Anforderungen, Intransparenz, eine fehlende Strategie aber auch einen Mangel an Fairness beim Durchsetzen von Regeln. \u201eWer ein Star ist, kann sich alles erlauben\u201c, hei\u00dft es in einem Kommentar. Andere Kolleg*innen hingegen w\u00fcrden abgemahnt, wobei sich Redaktionsleiter dabei zu sehr dem Herdentrieb hing\u00e4ben. Gleichzeitig unternehme die Chefredaktion zu wenig, um Mitarbeiter*innen zu verteidigen oder zu sch\u00fctzen, wenn sie mit Hasskommentaren attackiert werden. Kulturell tue sich ein Graben zwischen den Generationen auf. Vor allem Frauen und Minderheiten w\u00fcrden h\u00e4ufig im Regen stehengelassen. Lehne man aus all diesen Gr\u00fcnden ein Engagement in den sozialen Netzwerken ganz ab, schade das wom\u00f6glich der eigenen Karriere, beklagten die Reporter*innen. Schlie\u00dflich sei reges Posten ein Weg, intern und extern auf sich aufmerksam zu machen. Gerade Twitter ist schlie\u00dflich ein Journalisten-Biotop.<\/p>\n<p>Ein solches oder \u00e4hnliches Papier lie\u00dfe sich vermutlich in fast jeder Redaktion erstellen. Denn Chefredaktionen belassen es h\u00e4ufig bei dem Hinweis, man m\u00f6ge eben gesunden Menschenverstand walten lassen und sich so verhalten wie auch sonst im \u00f6ffentlichen Raum. Nur sind die Netzwerke eben ein Raum, der nach den Regeln der Plattform-Konzerne bewirtschaftet wird, die Aufmerksamkeit verst\u00e4rken. Fazit: Die Kolleginnen und Kollegen werden von ihren H\u00e4usern als Journalisten gefordert, als Menschen aber allein gelassen.<\/p>\n<p>Was also tun? Um das vorwegzunehmen: Ein Rezept, das alle Seiten zufriedenstellt, gibt es nicht. Wichtig sind aber ein paar Dinge. Dazu geh\u00f6ren eine klare Strategie, was die Marke mit Hilfe sozialer Netzwerke erreichen will. Erwartungen an die Mitarbeiter sollten deutlich formuliert werden, es muss klar sein, was vertretbar ist und was rote Linien \u00fcberschreitet. So wie jede gro\u00dfe Medienmarke einen Style-Guide hat, sollte es auch Anleitungen f\u00fcr das Navigieren von Twitter, Facebook und Co. geben. Das hilft dabei, Regeln transparent und fair durchzusetzen.<\/p>\n<p>Manch einer mag solche Vorgaben als Einschr\u00e4nkung pers\u00f6nlicher Freiheiten betrachten. Aber die sollte akzeptabel sein angesichts der Privilegien, die der Beruf mit sich bringt. Journalismus ist nun einmal eine Dienstleistung am B\u00fcrger, ihr Kern ist Glaubw\u00fcrdigkeit, gezahlt wird mit Vertrauen. Ausbr\u00fcche von H\u00e4me, Wut und Sarkasmus dienen in der Regel niemandem, sie fachen nur jene Hasstiraden an, vor denen andere dann gesch\u00fctzt werden m\u00fcssen. Was zum wichtigsten Punkt f\u00fchrt: Wer seine Mitarbeiter*innen dazu ermutigt, sich auf dem Tummelplatz der sozialen Netzwerke zu behaupten, muss ihnen auch beistehen, wenn sie sich dort Blessuren holen.<\/p>\n<p><em>Dieser Text erschien zuerst am 12. Juni 2020 im Newsletter des Digital Journalism Fellowship der Hamburg Media School.\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr Evan Smith, Mitgr\u00fcnder des gemeinn\u00fctzigen News-Portals Texas Tribune, schien die Sache klar zu sein. \u201eWir nehmen Unparteilichkeit ernst wie einen Herzinfarkt\u201c, sagte er 2018 auf einer Lokaljournalismus-Tagung in Oxford. 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