{"id":827,"date":"2020-07-09T11:49:22","date_gmt":"2020-07-09T09:49:22","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=827"},"modified":"2020-07-09T11:49:23","modified_gmt":"2020-07-09T09:49:23","slug":"forschung-hilft-uebrigens-auch-dem-journalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/forschung-hilft-uebrigens-auch-dem-journalismus\/","title":{"rendered":"Forschung hilft &#8211; \u00fcbrigens auch dem Journalismus"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"blog-content\">\n<p>Der Intendant eines gro\u00dfen deutschen Senders lie\u00df die Forscherin nicht einmal ausreden. Sie hatte Zahlen \u00fcber das sinkende Vertrauen der B\u00fcrger in den Journalismus pr\u00e4sentiert, doch der Medienmann, in \u00fcberschaubarer Runde von gleichrangigen Kollegen umgeben, wiegelte ab. Sein Haus habe seine eigenen Zahlen, sagte er, und denen zufolge stehe man recht gut da. Noch Lust auf eine Debatte? Eben. Die Szene, so beobachtet vor zwei Jahren, steht exemplarisch f\u00fcr eine Branche, die ihren ganzen Stolz aus der t\u00e4glichen Praxis zieht. Untereinander m\u00f6gen sich Journalisten und Journalistinnen \u00f6ffentlich zerfleischen \u00fcber missratene Kommentare, l\u00fcckenhafte Recherche, unangebrachte oder fehlende Entschuldigungen, vor allem, wenn die Konkurrenz betroffen ist. Aber gegen Kritik aus der Wissenschaft stehen Praktiker_innen gerne wie eine Wand aus Selbstbewusstsein: Davon, wie es da drau\u00dfen zugeht, h\u00e4tten diese Akademiker keine Ahnung. <br \/><br \/>Dieselben Kolleg_innen, die sich angesichts der Corona-Krise f\u00fcr die wissenschaftliche Methodik stark machen, die nicht auf Wahrheiten baut, sondern auf den stets suchenden Prozess der Wahrheitsfindung, schalten schnell auf Durchzug, wenn Forschung ihnen Erkenntnisse \u00fcber die eigene Zunft pr\u00e4sentiert. Sagen Wissenschaftler_innen, das Publikum erlebe Journalismus als zu negativ, f\u00fchle sich von der Masse der Nachrichten erdr\u00fcckt, w\u00fcnsche sich eine Trennung von Meinung und Kommentar oder st\u00f6re sich am zuweilen \u00fcberheblichen Ton, kontern Held_innen des Redaktionsalltags ziemlich sicher mit einem \u201eja, aber \u2026?\u201c Wie gro\u00df da wohl die Stichprobe war, wen man befragt habe, und ob speziell diese Methodik generell irgendeinen Schluss darauf zulasse, was das Publikum wirklich denke. Schlie\u00dflich habe man ja all diese Software-Analyse-Tools, die einem ziemlich genau zeigten, was gut laufe und was nur so, nun ja, mittelm\u00e4\u00dfig. Die Botschaft: Bleibt ihr in eurem Elfenbeinturm und lasst uns arbeiten. <br \/><br \/>Ist das zugespitzt? Vielleicht. Tats\u00e4chlich nimmt das Interesse an Publikumsforschung gef\u00fchlt in dem Ma\u00dfe zu, in dem das Publikum den Medienmarken abhandenkommt. Digital orientierte Journalist_innen arbeiten sich durchaus schon mal in den <a href=\"http:\/\/digitalnewsreport.org\/\">Digital News Report<\/a> des <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/\">Reuters Institutes<\/a> aus Oxford ein, die gr\u00f6\u00dfte fortlaufende Untersuchung \u00fcber den weltweiten digitalen Medienkonsum. Die neueste Ausgabe wurde \u00fcbrigens am 16. Juni ver\u00f6ffentlicht, sie deckt 40 M\u00e4rkte und L\u00e4nder auf allen Kontinenten ab, 80.000 Menschen wurden befragt. Sie abonnieren Newsletter des <a href=\"https:\/\/www.niemanlab.org\/\">Nieman Lab<\/a> aus Harvard oder des <a href=\"https:\/\/towcenter.columbia.edu\/\">Tow Center for Digital Journalism<\/a> an der Columbia University. Und die eine oder der andere schaut sich sogar bei deutschen Institutionen um, dem <a href=\"https:\/\/www.hans-bredow-institut.de\/de\/aktuelles\/wir-haben-einen-neuen-namen-leibniz-institut-fuer-medienforschung\">Leibniz Institut f\u00fcr Medienforschung Hans Bredow Institut<\/a> beispielsweise oder dem <a href=\"https:\/\/www.ifkw.uni-muenchen.de\/index.html\">IfKW an der LMU M\u00fcnchen<\/a>. Aber dass man gemeinsam Ideen spinnt, Formate entwickelt und entsprechend begleiten l\u00e4sst, ja an der Zukunft des Journalismus bastelt, kommt h\u00f6chst selten vor. <br \/><br \/>Das ist schade, denn beide Seiten h\u00e4tten sich gegenseitig so viel zu sagen. Die akademischen Institute b\u00f6ten den n\u00f6tigen Abstand zum t\u00e4glichen \u201edas funktioniert nur so\u201c und \u201edie Leser m\u00f6gen das\u201c. Die Praktiker_innen k\u00f6nnten den Forscher_innen haufenweise relevante Themen liefern und beim Studien-Design helfen. <br \/><br \/>Mit dem Einzug von Datenanalyse und Dashboards in die Redaktionen glauben zwar viele Newsdesk-Teams solche Unterst\u00fctzung nicht l\u00e4nger zu brauchen. Schlie\u00dflich sehe man ja nun im \u00dcberfluss, welche St\u00fccke bei den Leser_innen und Abonnent_innen \u201efunktionieren\u201c. Dabei vergessen sie aber oft, dass Metriken nur \u00fcber diejenigen Nutzer Auskunft geben, die man bereits gewonnen hat. Warum man welche Gruppen oder Bev\u00f6lkerungsschichten gar nicht erreicht, was ihnen fehlt oder sie wom\u00f6glich abst\u00f6\u00dft, l\u00e4sst sich nur mit anderen Mitteln ergr\u00fcnden. <br \/><br \/>Noch spannender w\u00e4ren regelm\u00e4\u00dfige Forschungsaufenthalte im Lager des jeweils anderen. Frische Ideen und Impulse schaden weder der Wissenschaft noch den Redaktionen, die Akademiker_innen bek\u00e4men eine ordentliche Praxis-Dusche, die Praktiker_innen k\u00f6nnten sich mit Erkenntnissen f\u00fcr ihre Arbeit munitionieren. So etwas lie\u00dfe sich sogar als Incentive organisieren, das Erm\u00fcdung vorbeugt und beim Auftanken hilft.<br \/><br \/>Okay, solche Vorstellungen klingen einigerma\u00dfen naiv f\u00fcr diejenigen, die ein bisschen etwas vom Gesch\u00e4ft verstehen. Wissenschaftler_innen in die Praxis zu schicken w\u00fcrde bedeuten, den zur\u00fcckbleibenden Kolleg_innen einen Vorsprung im Rennen um die l\u00e4ngste akademische Ver\u00f6ffentlichungsliste zu lassen. Denn journalistische Publikationen haben darauf nichts zu suchen. Und Journalist_innen, die das Redaktionsgeb\u00e4ude Richtung Akademie verlassen, werden ziemlich schnell als \u201eSeitenwechsler\u201c abgeschrieben. Noch st\u00e4rker als das unterschiedliche Tempo und die Erfolgsmetriken beider Berufe steht einem solchen Austausch die Hybris beider Seiten entgegen. <br \/><br \/>In Deutschland ist die Trennung dabei besonders scharf. Die eine Partei glorifiziert das Praktische und wertet das Akademische ab \u2013 eine Einstellung, die ihre historischen Wurzeln in der Betriebsamkeit des Wirtschaftswunders der Nachkriegszeit haben mag: Zum Forschen blieb damals keine Zeit, es wurde aufgebaut. Die andere Partei blickt leicht ver\u00e4chtlich auf diejenigen herab, die jeden Tag ein neues Fass aufmachen, statt den Dingen anst\u00e4ndig auf den Grund zu gehen. Akademischer Stolz ist auch ein Teil Entsch\u00e4digung f\u00fcr schlechte Bezahlung und m\u00fchsame Karrierewege. So l\u00e4sst man sich lieber gegenseitig in Ruhe und geht seiner Wege. <br \/><br \/>F\u00fcr den Journalismus selbst ist das bedauerlich. Aber vielleicht \u00e4ndert sich das noch. Fast w\u00fcnscht man sich einen Christian Drosten der Medienforschung herbei, der wie der ber\u00fchmte Virologe regelm\u00e4\u00dfig ausf\u00fchrlich und in aller Seelenruhe erkl\u00e4rt, wie publikumsgerechter Journalismus wirklich geht \u2013 Irrwege eingeschlossen. Es d\u00fcrfte \u00fcbrigens auch eine Christiane sein.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag wurde am 26. Juni 2020 im Newsletter des Digital Journalism Fellowship <a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/djf-kolumne-forschung-hilft-auch-dem-journalismus\">an der Hamburg Media School publiziert<\/a>.<\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Intendant eines gro\u00dfen deutschen Senders lie\u00df die Forscherin nicht einmal ausreden. Sie hatte Zahlen \u00fcber das sinkende Vertrauen der B\u00fcrger in den Journalismus pr\u00e4sentiert, doch der Medienmann, in \u00fcberschaubarer Runde von gleichrangigen Kollegen umgeben, wiegelte ab. 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