{"id":829,"date":"2020-07-09T11:57:39","date_gmt":"2020-07-09T09:57:39","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=829"},"modified":"2020-07-09T11:57:39","modified_gmt":"2020-07-09T09:57:39","slug":"wirecardeine-pleite-auch-fuer-den-deutschen-wirtschaftsjournalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wirecardeine-pleite-auch-fuer-den-deutschen-wirtschaftsjournalismus\/","title":{"rendered":"Wirecard:Eine Pleite &#8211; auch f\u00fcr den (deutschen) Wirtschaftsjournalismus"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"blog-content\">\n<p>Man k\u00f6nnte sagen, im Nachhinein sind alle schlauer. Im Vorhinein war es nur die Financial Times (FT). Wer die <a href=\"https:\/\/www.ft.com\/content\/284fb1ad-ddc0-45df-a075-0709b36868db\">Timeline der Ereignisse<\/a> rund um den Niedergang des im Dax gelisteten und nun insolventen Finanzdienstleisters Wirecard liest (die FT bietet das St\u00fcck ausnahmsweise gratis an), erschrickt schon ein wenig ob der Arglosigkeit vieler Beteiligter, seien es der Wirtschaftspr\u00fcfer EY, die deutschen Finanzbeh\u00f6rden \u2013 oder heimische Wirtschaftsjournalisten. Statt angesichts der ausdauernden und intensiven Recherchen des britischen Pflicht-Mediums f\u00fcr Wirtschafts- und Finanzakteure hellh\u00f6rig zu werden, neigte man hier der Sicht der Beh\u00f6rden zuzustimmen, die dem britischen Reporter Dan McCrum unlautere Arbeit vorgeworfen hatten. Sogar die Staatsanwaltschaft M\u00fcnchen ermittelte gegen den Journalisten. Im Februar zeichnete der Branchendienst <a href=\"https:\/\/meedia.de\/2019\/02\/19\/financial-times-vs-wirecard-antworten-auf-die-wichtigsten-fragen-im-medien-wirtschaftskrimi\/\"><em>Meedia<\/em><\/a><br \/>die Auseinandersetzung um die FT-Berichterstattung nach.<br \/><br \/>Nun geb\u00fchrt den FT-Kolleg_innen um McCrum Ehre, ein paar Preise werden wohl drin sein. Gro\u00dfes Lob verdient auch die Chefredaktion, die sich trotz aller Angriffe von au\u00dfen klar vor das Team stellte. So soll es sein. Als n\u00e4chstes fragt man sich allerdings: Warum haben Journalist_innen in Deutschland nicht aufgemerkt? Waren sie zu nah dran, oder eher zu weit weg? Denn wenngleich ein Journalist aus London die Story ausgegraben hatte, fand er Unterst\u00fctzung in S\u00fcdostasien, wo sich kaum ein deutsches Medienhaus noch Korrespondent_innen leisten kann (die FT hat dort f\u00fcnf festangestellte Reporter_innen und mehrere Stringer_innen).<br \/><br \/>Einer der Gr\u00fcnde d\u00fcrfte sein, dass noch immer zu viel \u201eEr hat gesagt, sie hat gesagt\u201c-Journalismus betrieben wird, vor allem hierzulande. Man betrachtet es schon als Scoop, wenn ein Beh\u00f6rdenvertreter oder ein anderer Offizieller einem etwas steckt, das andere nicht wissen. Das hat man dann \u201eexklusiv\u201c. Bernd Ziesemer, ehemals Chefredakteur des Handelsblatts, hat diese Dynamik in <a href=\"https:\/\/app.ft.com\/content\/f04793df-43a2-4d69-a39f-e04dac36ce8e\">einem Gastbeitrag<\/a> gut beschrieben \u2013 der erschien bezeichnenderweise in der FT. Professionelle Kommunikator_innen wissen und nutzen das, indem sie mal dieses, mal jenes Medium bedienen und auf diese Weise gewogen halten.<br \/><br \/>Da Medienh\u00e4user die Konkurrenz untereinander immer noch als Treiber von Innovation betrachten, geben sich Journalist_innen mit solchem Ruhm auf Zeit zufrieden. Ihrem Publikum dienen sie damit eher nicht. Das h\u00e4tte im Fall Wirecard von einer schnelleren Aufkl\u00e4rung profitiert \u2013 zumindest die wichtigen Fonds h\u00e4tten dann wohl ihre Posten zeitiger umgeschichtet und Anleger_innen vor herben Verlusten bewahrt. Kein Wunder, dass sich deutsche Mediennutzer_innen in Umfragen einigerma\u00dfen skeptisch dazu \u00e4u\u00dfern, ob Journalist_innen m\u00e4chtige Personen und Unternehmen ausreichend kontrollieren. Nur 37 Prozent gaben das in der deutschen Stichprobe des Digital News Report 2019 zu Protokoll, j\u00fcngere Leute waren noch deutlich skeptischer. <br \/><br \/>Gro\u00dfe investigative Recherchen scheitern einerseits oft daran, dass daf\u00fcr nur die wenigsten Redaktionen Kapazit\u00e4ten haben. Andererseits fehlen vielen Reporter_innen daf\u00fcr auch Handwerk und Training. Wie man sich Schritt f\u00fcr Schritt an eine Hypothese heran arbeitet und dann gen\u00fcgend Material und Daten anh\u00e4uft, um sie zu belegen oder zu verwerfen, lernt man nicht, wenn man im Volontariat stundenlange Newsdesk-Dienste absolvieren, im Akkord Seiten bauen oder Agenturen plus Google zu sendef\u00e4higem Material verquicken muss. Und mit ein, zwei schnellen Interviews zwischendurch ist es auch nicht getan.<br \/><br \/>Die Journalisten-Ausbildung sollte sich deshalb lieber fr\u00fcher als sp\u00e4ter darauf werfen, Reporter_innen in investigativen Methoden zu trainieren. Denn die Zukunft des Journalismus liegt genau auf den Feldern, auf denen andere nichts zu bieten haben in einer Welt, in der jeder ver\u00f6ffentlichen kann. Kommentieren kann jede\/r Blogger_in, wenngleich nicht immer so, wie man das auf der Journalistenschule lernt. Auf k\u00fcnstliche Intelligenz gest\u00fctzte Programme werden fr\u00fcher oder sp\u00e4ter in der Lage sein, Meldungen aller Arten selbst zu schreiben. Selbst einfache Interviews k\u00f6nnen Bots schon f\u00fchren, die Homepage best\u00fccken sowieso. Aber in m\u00fchevoller Denk- und Such-Arbeit Missst\u00e4nden auf die Spur zu kommen, und dies mit unabh\u00e4ngiger Perspektive zu tun, f\u00fcr diese Aufgaben ist kein anderer Berufszweig gleicherma\u00dfen ausgestattet.<br \/><br \/>Au\u00dferdem sollten Medienmarken genau dar\u00fcber nachdenken, wen sie als Konkurrent_innen und wen als m\u00f6glichen Kooperationspartner_innen betrachten. Investigativer Journalismus ist h\u00e4ufig teuer und aufw\u00e4ndig, da geht es nicht ohne Zusammenarbeit. Nun muss nicht jede Recherche in Projekte \u00e0 la Panama Papers ausufern \u2013 die Gro\u00dfrecherche w\u00e4re ohne das beteiligte internationale Journalisten-Konsortium gar nicht m\u00f6glich gewesen. Aber im Sinne der B\u00fcrger_innen zu denken hei\u00dft oft, alte Eitelkeiten \u00fcber Bord zu werfen. Man kann Stoffe dann immer noch so aufbereiten, dass sie vor allem die eigenen Nutzer_innen begeistern. In der digitalen Informations- und Ablenkungswelt konkurrieren Medienmarken h\u00e4ufig nicht mehr gegen einen anderen Verlag. Ihr gr\u00f6\u00dfter Gegner ist die Abstinenz des Journalismus.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog-content\">\n<div class=\"blog-bottom\"><em>Dieser Kommentar wurde am 2. Juli im Newsletter des Digital Journalism Fellowship <a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/djf-kolumne-eine-pleite-auch-fuer-den-deutschen-wirtschaftsjournalismus\">an der Hamburg Media School ver\u00f6ffentlicht<\/a>.<\/em><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man k\u00f6nnte sagen, im Nachhinein sind alle schlauer. Im Vorhinein war es nur die Financial Times (FT). 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