{"id":835,"date":"2020-07-29T09:48:09","date_gmt":"2020-07-29T07:48:09","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=835"},"modified":"2020-07-29T09:48:09","modified_gmt":"2020-07-29T07:48:09","slug":"digitale-meisterpruefung-was-journalistinnen-von-maria-ressa-lernen-koennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/digitale-meisterpruefung-was-journalistinnen-von-maria-ressa-lernen-koennen\/","title":{"rendered":"Digitale Meisterpr\u00fcfung: Was JournalistInnen von Maria Ressa lernen k\u00f6nnen"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"blog-start\">\u00a0<\/div>\n<div class=\"blog-content\">\n<p><a href=\"https:\/\/www.rappler.com\/authorprofile\/maria-ressa\">Maria Ressa<\/a> als Rockstar des globalen Journalismus zu beschreiben, w\u00e4re untertrieben. Als das Reisen noch m\u00f6glich war, schien die philippinisch-amerikanische Star-Journalistin alle B\u00fchnen der Welt gleichzeitig zu bespielen. Ehemalige CNN-B\u00fcroleiterin und Investigativ-Reporterin mit Schwerpunkt Terrorismus, Gr\u00fcnderin von <a href=\"https:\/\/www.rappler.com\/\">Rappler.com<\/a>, im Clinch mit dem philippinischen Pr\u00e4sidenten Duterte und dessen diktatorischem Regime, st\u00e4ndig mit einem Bein im Gef\u00e4ngnis und <a href=\"https:\/\/time.com\/collection\/100-most-influential-people-2019\/5567672\/maria-ressa\/\">Time Magazine Person of the Year 2018<\/a>: Praktisch jede Medienorganisation wollte sich von Ressa ihre Konferenz er\u00f6ffnen lassen. Jetzt, in Covid-19-Zeiten, zoomt sie von einem Webinar zum n\u00e4chsten, als k\u00e4mpfe sie um ihr Leben \u2013 und das trifft es ziemlich gut. Seitdem sie und ein Rappler-Mitarbeiter am 15. Juni in ihrer Heimat Manila <a href=\"https:\/\/www.scmp.com\/comment\/opinion\/article\/3089485\/philippine-journalist-maria-ressa-must-be-allowed-fair-appeal-sake\">wegen Cyber Verleumdung verurteilt wurden<\/a>, ist internationale Sichtbarkeit ihre wichtigste Strategie. Das Urteil ist Teil einer Schikane gegen die freie Presse, zu den Tricks geh\u00f6ren auch Anklagen wegen Steuerhinterziehung. Derzeit ist Ressa nur auf Kaution frei. Sollte sie in Haft gehen m\u00fcssen, wird ihre Anw\u00e4ltin Amal Clooney f\u00fcr sie weiterk\u00e4mpfen.<br \/><br \/>Ressa ist f\u00fcr viele Journalistinnen und Journalisten heute, was Bob Woodward und Carl Bernstein zu ihrer Zeit waren, aber nicht nur das: Sie steht auch als Vorbild f\u00fcr den digitalen Journalismus. Das ist nicht ganz selbstverst\u00e4ndlich f\u00fcr eine Frau von 56 Jahren in einer Branche, in der sich CEOs damit r\u00fchmen, f\u00fcrs Digitale nur noch bei den \u201edigital Natives\u201c zu rekrutieren, weshalb manch einer per Hoodie versucht, noch f\u00fcr maximal Ende 30 durchzugehen. Aber Ressa, die mit charismatischem L\u00e4cheln, Leidenschaft und Eloquenz regelm\u00e4\u00dfig stehende Ovationen ausl\u00f6st, l\u00e4sst gar keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie schon ganz andere Dinge bezwungen hat als das bisschen digitale Transformation. <br \/><br \/>Rappler, vor sechs Jahren gegr\u00fcndet, ist als reine Online-Plattform zu einer der wichtigsten Medienmarken auf den Philippinen geworden. Auf Konferenzen sieht man die Chefin h\u00e4ufig selbst mit dem Smartphone live streamen. Und die Mitarbeiter_innen \u2013 der Anteil der Frauen liegt bei \u00fcber der H\u00e4lfte \u2013 sind auch sonst absolut technikaffin. \u201eDu musst sie mit ihren eigenen Waffen schlagen\u201c, betont Ressa oft. Und dann demonstriert sie gleich dazu, wie sie das meint. Denn Duterte und seine Unterst\u00fctzer_innen hetzen pausenlos mit Cyber-Trollen gegen Ressa und ihr Team. <a href=\"https:\/\/www.rappler.com\/newsbreak\/videos-podcasts\/199181-threats-against-media-philippines\">Mord- und Vergewaltigungsdrohungen gegen die Reporter_innen und deren Familien<\/a>geh\u00f6ren zum Standard-Repertoire. Aber Rappler schafft es, diese Netzwerke mit Hilfe von Datenjournalismus sichtbar zu machen, zum Beispiel in der \u201e<a href=\"https:\/\/www.rappler.com\/nation\/148007-propaganda-war-weaponizing-internet\">Weaponizing the internet<\/a>\u201c-Serie. G\u00e4be es einen digitalen Meisterbrief, die Rappler-Kolleg_innen k\u00f6nnten ihn vorlegen. Oder vielleicht sollte man gleich von einem digitalen Waffenschein sprechen. <br \/><br \/>Aber Rappler ist auch ein Beispiel daf\u00fcr, wie dicht B\u00f6se und Gut im Netz zusammenliegen. Ressa geh\u00f6rt zu einer der sch\u00e4rfsten Kritiker_innen von Facebook. Nur durch das soziale Netzwerk gel\u00e4nge es Diktatoren wie Duterte, ihre Propaganda zu verbreiten, die Presse und Opposition plattzumachen versucht. Die Plattform um Mark Zuckerberg habe es bislang vers\u00e4umt, an den Mechanismen zu drehen, die Hass und Hetze wie Brandbeschleuniger im Netz verbreiten. Gleichzeitig wei\u00df Ressa, dass das Netzwerk vor allem in Regionen wie S\u00fcdostasien der wichtigste Kanal daf\u00fcr ist, aufkl\u00e4rerische Ideen und Wissen unter die Menschen zu bringen. Als \u201eFrenemy\u201c \u2013 eine Mischung aus den englischen W\u00f6rtern f\u00fcr Freund und Feind \u2013 bezeichne sie die Plattformen oft, schreibt die Wissenschaftlerin Julie Posetti, die Ressa seit Jahren eng begleitet, in einem <a href=\"https:\/\/edition.cnn.com\/2020\/06\/30\/opinions\/maria-ressa-facebook-intl-hnk\/index.html\">Meinungsst\u00fcck f\u00fcr CNN<\/a>.<br \/><br \/>Genau in diesem Zwiespalt bewegen sich Journalist_innen unabl\u00e4ssig dieser Tage. So sehr, wie die Plattformen den Medienh\u00e4usern Werbeeinnahmen streitig machen, er\u00f6ffnen sie auch M\u00f6glichkeiten, Inhalte in unterschiedlichsten Formen und auf unterschiedlichsten Wegen zu verbreiten. Digitale Hass-Attacken auf Kommentator_innen und Reporter_innen erschweren den Beruf. Die M\u00f6glichkeit, unkompliziert mit dem Publikum ins Gespr\u00e4ch zu gehen und sich dessen Wissen f\u00fcr Recherchen nutzbar zu machen, erleichtern ihn und erweitern seine M\u00f6glichkeiten. In der Beziehung zwischen den Tech-Konzernen und Medienmarken ist diese Hass-Liebe Tagesgesch\u00e4ft. Die \u201eFrenemies\u201c scheitern kl\u00e4glich im Kampf gegen Hass und Hetze, machen aber gleichzeitig Geschenke: Google und Facebook f\u00f6rdern Redaktionen und journalistische Projekte mit Hunderten Millionen Dollar \u2013 auch das von Facebook gesponserte Digital Journalism Fellowship profitiert davon. <br \/><br \/>Die Leiterin des Tow Center for Digital Journalism an der Columbia University, Emily Bell, beleuchtet den Gewissenskonflikt der Branche im <a href=\"https:\/\/mailchi.mp\/e29b48068cd3\/weekly-updates-on-covid-19s-impact-on-journalism-2083122?e=85f5f17b23\">j\u00fcngsten Newsletter<\/a> des Centers. Anders als f\u00fcr gro\u00dfe Konsumg\u00fctermarken, die aus Protest gegen Facebooks nachl\u00e4ssigen Umgang mit Hassrede vorerst keine Anzeigen mehr auf der Plattform schalten, k\u00f6nnten sich dies viele Medienmarken gar nicht leisten. Die Reichweite sei f\u00fcr sie eine \u00dcberlebensfrage. \u201eAuf Facebook zu werben ist (f\u00fcr diese Marken) wie Lastwagen daf\u00fcr zu bezahlen, Zeitungen zu Kiosken zu transportieren\u201c, schreibt Bell, es gehe um den Marktzugang. <br \/><br \/>Von Maria Ressa l\u00e4sst sich in diesem Zusammenhang lernen: Man kann wie Ressa bei Facebook vorstellig werden und seine Praktiken anprangern. Und man kann die M\u00f6glichkeiten digitaler Technologien trotzdem f\u00fcr sich und eine gute Sache nutzen. #HoldTheLine ist Ressas ber\u00fchmter Hashtag-Schlachtruf. Das gelingt aber nur, wenn man versiert genug ist, mit den M\u00f6glichkeiten von Daten und Netz umzugehen. Sp\u00e4testens mit Blick auf Ressa wei\u00df nun jeder: Nicht einmal das Alter ist eine Entschuldigung daf\u00fcr, es nicht zu versuchen.<\/p>\n<p><em>Dieser Text erschien zuerst am 9. Juli 2020 im Newsletter des Digital Journalism Fellowship an der <a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/djf-kolumne-digitale-meisterpruefung-was-journalist-innen-aus-aller-welt-von-maria-ressa-lernen-koennen\">Hamburg Media School<\/a>.<\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Maria Ressa als Rockstar des globalen Journalismus zu beschreiben, w\u00e4re untertrieben. Als das Reisen noch m\u00f6glich war, schien die philippinisch-amerikanische Star-Journalistin alle B\u00fchnen der Welt gleichzeitig zu bespielen. 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