{"id":837,"date":"2020-07-29T09:55:03","date_gmt":"2020-07-29T07:55:03","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=837"},"modified":"2020-07-29T09:55:03","modified_gmt":"2020-07-29T07:55:03","slug":"jetzt-reichts-mit-luegenpresse-wenn-das-publikum-die-medien-verteidigt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/jetzt-reichts-mit-luegenpresse-wenn-das-publikum-die-medien-verteidigt\/","title":{"rendered":"Jetzt reicht&#8217;s mit L\u00fcgenpresse &#8211; Wenn das Publikum die Medien verteidigt"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"blog-content\">\n<p>Beim Thema Medienvertrauen wird gerne mit Superlativen gearbeitet, auch in der Branche selbst. \u201eNoch nie war das Vertrauen in den Journalismus so niedrig\u201c, hei\u00dft es dann oder \u201eVertrauen in die Presse sinkt seit Jahren\u201c. Man sollte hinter beide Behauptungen zumindest ein Fragezeichen stellen, denn wie so oft ist die Wirklichkeit komplizierter. Forscher_innen diagnostizieren keinen drastischen Vertrauensschwund in journalistische Produkte. Im Gegenteil: In der Corona-Krise war die Hoffnung auf Aufkl\u00e4rung durch etablierte Medien ausgepr\u00e4gt wie lange nicht, selbst bei jungen Leuten. Es geht vielmehr um die Frage, wer wem vertraut \u2013 oder eben nicht. Neue Studien best\u00e4tigen dies. <br \/><br \/>Da ist zum Beispiel die <a href=\"https:\/\/medienvertrauen.uni-mainz.de\/forschungsergebnisse-der-welle-2019\/\">Langzeitstudie Medienvertrauen der Universit\u00e4t Mainz<\/a>. Die repr\u00e4sentative Umfrage wurde bereits sechsmal durchgef\u00fchrt, die Werte zum allgemeinen Vertrauen in Medien rangierten in den vergangenen vier Jahren einigerma\u00dfen konstant zwischen 40 und 44 Prozent. Das ist kein schlechter Wert, denn eine gesunde Skepsis ist auch ein Zeichen von Medienbildung in der Demokratie. Allerdings legte bei der im Dezember 2019 erhobenen Welle der Anteil derjenigen auf 28 Prozent deutlich zu, die deutliches Misstrauen \u00e4u\u00dferten. Was hingegen so selten vorkam wie noch nie: Dass sich jemand mit \u201eteils, teils\u201c \u00e4u\u00dferte. \u201eOffenbar sehen sich immer mehr Menschen angesichts einer sich immer weiter polarisierenden Debattenkultur dazu veranlasst, auch selbst Position zu beziehen\u201c, schlossen die Forscher_innen daraus. Noch deutlicher wird dies bei dem Vorwurf, die Bev\u00f6lkerung werde \u201esystematisch von den Medien belogen\u201c. Zwar stimmte knapp jeder F\u00fcnfte dieser Aussage zu, 58 Prozent wiesen sie aber zur\u00fcck \u2013 und damit so viele wie nie zuvor.<br \/><br \/>Dieser Trend zur klaren Meinungsbildung deutet darauf hin, dass sich mehr Menschen mit der Rolle der Medien und des Journalismus in der Demokratie auseinandersetzen als fr\u00fcher. Und das ist eine gute Nachricht. Schlie\u00dflich haben Redaktionen in den vergangenen Jahren offensiv um das Vertrauen der B\u00fcrger_innen geworben. Das ist neu. Schlie\u00dflich gab es Zeiten, in denen Journalisten so etwas nicht f\u00fcr n\u00f6tig gehalten hatten. Das war damals, als man Leserpost als l\u00e4stige Nebenwirkung betrachtete und es zur Berufsehre geh\u00f6rte, sich bei der Recherche nicht in die Karten schauen zu lassen (manchmal auch, weil es da nicht viel zu sehen gab). Heute, wo Medienh\u00e4user mehr und mehr darauf angewiesen sind, ihre Eink\u00fcnfte aus Abos oder Mitglieder-Beitr\u00e4gen zu generieren, kann man sich eine solche (Nach-)L\u00e4ssigkeit nicht mehr leisten. Auf der einen Seite gewinnt man also Verb\u00fcndete. <br \/><br \/>Auf der anderen kommen sie allerdings abhanden, denn das Bekenntnis zur Medienmarke wird immer st\u00e4rker politisch aufgeladen. Dies belegt auch der aktuelle <a href=\"http:\/\/digitalnewsreport.org\/\">Digital News Report<\/a>. Das generelle Vertrauen in Medien hat demzufolge \u00fcber alle 40 M\u00e4rkte hinweg etwas gelitten, es sank um vier Prozentpunkte auf 38 Prozent verglichen mit 2019. Aber der Blick auf einzelne L\u00e4nder ergibt ein differenziertes Bild. In Gro\u00dfbritannien mit einer eher rechts der Mitte orientierten Medienlandschaft kollabierte das Vertrauen derjenigen nahezu, die sich als politisch links identifizieren. Die Berichterstattung \u00fcber Brexit und ein polarisierender Wahlkampf k\u00f6nnen als Ursachen gewertet werden. In den USA hingegen vertraut das linke Spektrum den etablierten Medien dagegen deutlich st\u00e4rker, als dies Angeh\u00f6rige des konservativen Lagers tun. Es geht also deutlich mehr um Gesinnung als um so etwas wie objektive Qualit\u00e4tsdaten. <br \/><br \/>Daraus folgt allerdings noch lange nicht, dass sich Medien mit eben dieser Gesinnung diesen R\u00e4ndern anbiedern sollten. In vielen L\u00e4ndern gibt es nach wie vor eine gro\u00dfe Mehrheit derjenigen, die es sch\u00e4tzen, wenn sich Journalismus zumindest um Objektivit\u00e4t bem\u00fcht. In Deutschland ist dieses Bed\u00fcrfnis laut Digital News Report so ausgepr\u00e4gt wie nirgendwo: 80 Prozent aller Befragten w\u00fcnschen sich Unparteilichkeit, nur 15 Prozent h\u00e4tten nach eigenem Bekunden gerne ihre eigene Sicht auf die Welt best\u00e4tigt, und nur f\u00fcnf Prozent m\u00f6chten sich durch andere politische Standpunkte herausfordern lassen. Kein Wunder, denn hierzulande haben sich schlechte Erfahrungen besonders eingepr\u00e4gt mit einer Presse, die eher indoktriniert als informiert.<br \/><br \/>Diese Zahlen sollte man kennen. Denn gerade die j\u00fcngere Generation von Journalist_innen f\u00fchrt eine ausgepr\u00e4gte Debatte dar\u00fcber, ob Objektivit\u00e4t eigentlich m\u00f6glich sei. Die Antwort darauf ist schlicht: Nat\u00fcrlich hat Journalismus immer mit Auswahl zu tun, ob Reportage, Kommentar oder Datenanalyse, und diese Auswahl ist pers\u00f6nlich gef\u00e4rbt. Ein journalistisches Produkt ist deshalb nie so neutral wie die L\u00f6sung einer Mathe-Aufgabe. Aber es w\u00e4re grundfalsch, das Bem\u00fchen um Fakten und Objektivit\u00e4t deshalb gleich einzustellen. Denn ein Ringen um Wahrheit geh\u00f6rt zur Grundausstattung des Handwerks, damit heben sich Journalist_innen von allen anderen Meinungsmachern ab, die es ja reichlich gibt. Wichtig ist allerdings, dass Reporterinnen und Redakteure mit vielen unterschiedlichen Standpunkten um diese Wahrheit ringen. Das gro\u00dfe Ganze ergibt dann den Journalismus. <br \/><br \/>Eine <a href=\"https:\/\/www.niemanlab.org\/2020\/07\/what-makes-people-avoid-the-news-trust-age-political-leanings-but-also-whether-their-countrys-press-is-free\/\">neue, gro\u00dfangelegte quantitative Studie<\/a> der Kommunikationswissenschaftler Antonis Kalogeropoulos und Benjamin Toff hat ergeben, dass Vertrauen in die Qualit\u00e4t von Medien und der Grad an Pressefreiheit die wichtigsten Variablen daf\u00fcr sind, ob Menschen Medien \u00fcberhaupt nutzen oder ob sie sie ignorieren. Der Bildungsgrad spielte dagegen praktisch keine Rolle. Es lohnt sich also, in diese Qualit\u00e4t zu investieren. Denn wenn sich die B\u00fcrger_innen vom Journalismus abwenden, entziehen sie ihm die Lebensgrundlage.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog-content\">\n<div class=\"blog-bottom\"><em>Dieser Text erschien am 17. Juli 2020 im Newsletter des Digital Journalism Fellowship an der <a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/djf-kolumne-jetzt-reichts-mit-luegenpresse-wann-buerger-medien-verteidigen\">Hamburg Media School<\/a>.<\/em><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim Thema Medienvertrauen wird gerne mit Superlativen gearbeitet, auch in der Branche selbst. \u201eNoch nie war das Vertrauen in den Journalismus so niedrig\u201c, hei\u00dft es dann oder \u201eVertrauen in die Presse sinkt seit Jahren\u201c. Man sollte hinter beide Behauptungen zumindest ein Fragezeichen stellen, denn wie so oft ist die Wirklichkeit komplizierter. 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