{"id":847,"date":"2020-08-20T12:58:50","date_gmt":"2020-08-20T10:58:50","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=847"},"modified":"2020-08-20T12:58:50","modified_gmt":"2020-08-20T10:58:50","slug":"die-ich-ag-als-redaktion-kann-das-klappen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/die-ich-ag-als-redaktion-kann-das-klappen\/","title":{"rendered":"Die Ich AG als Redaktion &#8211; kann das klappen?"},"content":{"rendered":"\n<p>Nicht jeder kann eine Art Gabor Steingart werden. Als der ehemalige <em>Handelsblatt<\/em>-Herausgeber den Holtzbrinck-Konzern im Februar 2018 im Streit verlassen hatte, geh\u00f6rte die Abonnenten-Datei seines \u201eMorning Briefing\u201c Newsletters mit zum Abfindungspaket. Zwei Jahre sp\u00e4ter f\u00fchrt Steingart mit <a href=\"https:\/\/mediapioneer.com\/\">Media Pioneer <\/a>ein kleines aber deutschlandweit bekanntes Medien-Unternehmen mit um die 50 Mitarbeitern, Redaktionsschiff und 36-Prozent-Beteiligung der Axel Springer AG inklusive. F\u00fcr so eine Wachstumskurve braucht man mehr als nur gute Kontakte und einen Namen, und schon daran d\u00fcrfte es den meisten mangeln. Dennoch steigt mit den zunehmenden M\u00f6glichkeiten der Digitalisierung bei vielen Journalist_innen und Medien-Fachleuten die Lust, es mit dem Gr\u00fcnden wenigstens einmal zu versuchen.<\/p>\n<p>Gerade unter den Leistungstr\u00e4gern haben etliche genug von Hierarchien und Kommando-Strukturen, routiniertem Reaktions- und Rattenrennen-Journalismus. Sie m\u00f6gen sich nicht mehr f\u00fcr einen Arbeitgeber aufarbeiten, von dem sie zum Dank f\u00fcr ihren Einsatz neuerdings auch noch auf Kurzarbeit geschickt werden \u2013 immerhin die vertr\u00e4gliche Variante einer Krisenstrategie. Aber als Bittsteller mit einem Bauchladen durch die Gegend zu tingeln ist auch kein Spa\u00df in diesen Zeiten, in denen freie Etats gekappt werden, wo es eben nur geht. Ist es eine L\u00f6sung, selbst zu publizieren?<\/p>\n<p>F\u00fcr manche schon. Vor allem in den USA gibt es einen Trend zum journalistischen Freischwimmer. Dort ist das Klima etwas rauer als hierzulande, weil man Journalist_innen eher in die Arbeitslosigkeit schickt, als ihre Jobs mit staatlichen Programmen abzufedern. Aber wom\u00f6glich entstehen genau deshalb dort auch mehr M\u00f6glichkeiten, seinen eigenen Mini-Verlag aufzubauen \u2013 ganz ohne Overhead und gro\u00dfen Kapitaleinsatz. Ein Beispiel ist die Plattform Substack. Autor_innen k\u00f6nnen dort eigene Newsletter aufsetzen und daf\u00fcr Bezahlmodelle erproben, sofern sie sich mit Premium-Inhalten eine gewisse Reichweite erschrieben haben. Die <a href=\"https:\/\/www.washingtonpost.com\/business\/2020\/07\/24\/substack-email-newsletter-journalism\/?utm_source=API%20Need%20to%20Know%20newsletter&amp;utm_campaign=fa1caa1254-EMAIL_CAMPAIGN_2020_07_27_12_02&amp;utm_medium=email\"><em>Washington Post<\/em><\/a> berichtete k\u00fcrzlich von einer ganzen Reihe namhafter Schreiber_innen, die etablierte Redaktionen verlassen und ein eigenes \u201emini media empire\u201c gegr\u00fcndet haben. Zuvor arbeiteten sie f\u00fcr Magazine wie <em>New Republic<\/em>, <em>Rolling Stone<\/em>, <em>Sports Illustrated<\/em> oder <em>New York Magazine<\/em>, nun werkeln sie auf eigene Rechnung und genie\u00dfen ihre Autonomie.<\/p>\n<p>Eine von ihnen ist Emily Atkin. Ihr viermal w\u00f6chentlich erscheinender Newsletter \u00fcber die Klimakrise mit dem Titel \u201eHeated\u201c ist einer der bestbezahlten bei Substack. Atkin, die sich als Wissenschaftsjournalistin Profil und Publikum erworben hatte, war die Auseinandersetzungen mit Redaktionen leid gewesen. \u201eIm Lauf deiner journalistischen Laufbahn kommst du irgendwann an eine Grenze, an der du merkst, dass du nicht mehr von deinem Verlag profitierst sondern dein Verlag von dir\u201c, wird sie von der <em>Post<\/em> zitiert.\u00a0 Die Frage sei dann: Gebe die Marke einem so viel wie man selbst der Marke gebe.<\/p>\n<p>Substack wurde 2017 in San Francisco gegr\u00fcndet mit der Idee, Autor_innen die Kontrolle \u00fcber ihr Werk zur\u00fcckzugeben. Die Newsletter funktionieren ohne Werbung, es gibt keine Algorithmen, die Journalist_innen behalten die Hoheit \u00fcber ihre Inhalte und Mailing-Listen. \u00a0Einige von ihnen verdienen angeblich \u00fcber die Abo-Modelle sogar mehr Geld als zu Zeiten ihrer Festanstellung, wobei man davon ausgehen kann, dass nur sehr wenige tats\u00e4chlich sechsstellige Betr\u00e4ge einnehmen. Aber sie bedienen einen Trend. Laut dem Digital News Report sind Newsletter ein zunehmend beliebter Zugang zur Welt der Informationen. Sie \u00fcbernehmen die Rolle der Zeitung, sortieren und b\u00fcndeln das Nachrichtengeschehen und heben sich damit f\u00fcr manch einen wohltuend vom endlosen, unsortierten Strom an Neuigkeiten in den sozialen Netzwerken ab.<\/p>\n<p>Eine Newsletter-getriebene Ich AG eignet sich vor allem f\u00fcr Spezialisten oder Autoren, die eine ganz bestimmte St\u00e4rke kultivieren. Aber auch f\u00fcr andere, die lieber im Team arbeiten, gibt es M\u00f6glichkeiten. Ein aktuelles Beispiel \u2013 auch aus den USA \u2013 ist <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2020\/07\/28\/business\/media\/deadspin-staffers-start-defector.html\"><em>Defector<\/em>, eine neu gegr\u00fcndete Kooperative<\/a> von 18 Journalist_innen, die im vergangenen Jahr aus Protest gegen das Management die auf Sport-Berichterstattung ausgerichtete Plattform Deadspin verlassen hatten. Sie waren offenbar ihr Einzelk\u00e4mpfer-Dasein satt und wollten gemeinsam etwas Neues wagen. Alle erhalten nun einen Anteil an dem Startup, das sich \u00fcber Digital-Abos finanzieren will. Unter Kennern sei die Begeisterung gro\u00df gewesen, schon am ersten Tag h\u00e4tten sich 10 000 Leser_innen registriert, berichtete das Team auf Twitter. Hauptsache man habe ausreichend Talente, zitiert die <em>New York Times<\/em> Defector-Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Jasper Wang, einen ehemaligen Unternehmensberater. Das strukturelle Ger\u00fcst darum herum zu bauen, sei nie einfacher gewesen als heute.<\/p>\n<p>Was sich nach einem Traum anh\u00f6rt \u2013 der beruflichen Leidenschaft nachgehen und dabei Autonomie genie\u00dfen \u2013 ist allerdings harte Arbeit, nicht immer macht sie Spa\u00df. Konnten sich Journalisten fr\u00fcher ganz auf die Trennung zwischen Redaktion und Verlag verlassen und sich allein der Recherche, dem Schreiben und Redigieren widmen, erfordert der Beruf heute in jedem Fall ein Mindestma\u00df an wirtschaftlichem Sachverstand, vor allem in Sachen Marketing und Kundenbindung. Dies gilt umso mehr, wenn man selbst gr\u00fcndet. Nat\u00fcrlich geht es um Inhalte, aber man sollte auch Lust haben, sich intensiv mit potenziellen Einnahmequellen, Geldgebern und Gesch\u00e4ftsmodellen auseinanderzusetzen.<\/p>\n<p>Deutschland mit seiner noch recht traditionell gepr\u00e4gten und einigerma\u00dfen gut best\u00fcckten Medienlandschaft ist nicht das leichteste Spielfeld f\u00fcr neue Medienmacher_innen. Das liegt einerseits am Publikum und an den Geldgebern. Hierzulande zahlt man ungerne f\u00fcr Dienstleistungen, gespendet wird eher wenig, gro\u00dfz\u00fcgige M\u00e4zene unterst\u00fctzen lieber Fu\u00dfballvereine, und auch Stiftungen r\u00fccken nur vergleichsweise kleine Betr\u00e4ge heraus. Andererseits liegt es an denen, die etwas wagen m\u00fcssen: Die Angst davor, einen festen Job in einer Redaktion aufzugeben, ist gr\u00f6\u00dfer als in M\u00e4rkten, in denen es solche sicheren Posten ohnehin kaum noch gibt. Aber die technischen H\u00fcrden sinken. Und die Experimentierfreude junger (und \u00e4lterer) Journalist_innen nimmt zu. \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p><em>Dieser Text erschien am 31. Juli 2020 im Newsletter des Digital Journalism Fellowship an der Hamburg Media School.\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht jeder kann eine Art Gabor Steingart werden. Als der ehemalige Handelsblatt-Herausgeber den Holtzbrinck-Konzern im Februar 2018 im Streit verlassen hatte, geh\u00f6rte die Abonnenten-Datei seines \u201eMorning Briefing\u201c Newsletters mit zum Abfindungspaket. 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