{"id":849,"date":"2020-08-20T13:04:33","date_gmt":"2020-08-20T11:04:33","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=849"},"modified":"2020-08-20T13:04:33","modified_gmt":"2020-08-20T11:04:33","slug":"aufpasser-von-nebenan-der-lokaljournalismus-braucht-eine-digitale-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/aufpasser-von-nebenan-der-lokaljournalismus-braucht-eine-digitale-zukunft\/","title":{"rendered":"Aufpasser von nebenan: Der Lokaljournalismus braucht eine digitale Zukunft"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Hackordnung im Journalismus war \u00fcber die l\u00e4ngste Zeit klar: Man begann vielleicht im Lokalen, weil sich da schnell viel recherchieren, aufdecken, aufschreiben und gestalten lie\u00df. Aber wer in den Augen der Kolleg_innen etwas gelten wollte, musste irgendwann den Sprung in die nationale Berichterstattung schaffen \u2013 ob bei Zeitungsh\u00e4usern, im Radio oder Fernsehen spielte keine Rolle. Die Metriken, mit denen Prestige und Geh\u00e4lter stiegen, hie\u00dfen Sichtbarkeit oder Reichweite. Das hat sich nicht grundlegend ge\u00e4ndert, was die Binnensicht angeht. Aber mit Blick auf den Journalismus als vierte Gewalt und S\u00e4ule der Demokratie sieht die Sache ganz anders aus. Da hei\u00dft die wichtigste Metrik Vertrauen. Und was das angeht, schneidet der Lokaljournalismus in so gut wie allen Umfragen am besten ab. <br \/><br \/>Das war auch schon vor der Corona-Krise so. Ob das die <a href=\"https:\/\/medienvertrauen.uni-mainz.de\/\">Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen <\/a>ist, amerikanische <a href=\"https:\/\/www.pewresearch.org\/fact-tank\/2019\/03\/26\/qa-what-pew-research-centers-new-survey-says-about-local-news-in-the-u-s\/\">Umfragen der Marktforscher von Pew Research<\/a> oder der <a href=\"http:\/\/digitalnewsreport.org\/\">Digital News Report<\/a>des Reuters Institutes in Oxford, B\u00fcrger_innen trauen ihren lokalen Zeitungen und Fernsehstationen mehr als den \u00fcberregionalen Medieninstitutionen. Nur \u00f6ffentlich-rechtlichen Sendern, die im Lokalen meist auch recht pr\u00e4sent sind, geben sie bessere Noten. Und was den <a href=\"https:\/\/medienvertrauen.uni-mainz.de\/\">Wert<\/a> f\u00fcr die Demokratie angeht, ist der Zusammenhang zwischen gutem Lokaljournalismus und b\u00fcrgerlichem Engagement eindeutig. B\u00fcrger gehen h\u00e4ufiger w\u00e4hlen, kandidieren \u00f6fter f\u00fcr politische \u00c4mter, Gemeindefinanzen sind ges\u00fcnder und die Korruption ist dort niedriger, wo Journalisten den Institutionen vor Ort in die B\u00fccher schauen.<a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/djf-kolumne-aufpasser-von-nebenan#_ftn1\">[1]<\/a> <br \/><br \/>Dass sich so etwas \u00fcberhaupt belegen l\u00e4sst, hat einen traurigen Grund: Vor allem in den USA, wo der Kapitalismus ein St\u00fcck gnadenloser arbeitet als hierzulande, gibt es bereits weit \u00fcber tausend Orte und sogar Kleinst\u00e4dte, in denen keine Lokalredaktionen mehr an der Aufkl\u00e4rung der B\u00fcrger_innen arbeiten. Medienwissenschaftler dokumentieren sie als <a href=\"https:\/\/www.usnewsdeserts.com\/\">News Deserts<\/a>. Und man kann die Daten solcher Nachrichtenw\u00fcsten gut mit denen jener Orte vergleichen, in denen Journalist_innen den M\u00e4chtigen noch auf die Finger schauen und Debatten von \u00f6rtlichem Interesse initiieren und abbilden. <br \/><br \/>Wer wissen m\u00f6chte, was dem Lokaljournalismus wom\u00f6glich auch hierzulande bevorsteht, dem sei die Lekt\u00fcre von Margaret Sullivans neuem Buch \u201eGhosting the News\u201c ans Herz gelegt.<a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/djf-kolumne-aufpasser-von-nebenan#_ftn2\">[2]<\/a> Sullivan ist Medienkorrespondentin der Washington Post, davor hatte sie als Public Editor die Interessen der Leser_innen der New York Times<br \/>vertreten. Und davor wirkte sie 13 Jahre lang als Chefredakteurin der Buffalo News, der gr\u00f6\u00dften Regionalzeitung im US-Bundesstaat New York au\u00dferhalb von New York City. Heute sei die Redaktion dort nur noch halb so gro\u00df wie zu ihrer Zeit, schreibt sie, und damit schneide die Buffalo News sogar recht gut ab. Unter dem Druck von Investoren h\u00e4tten die Redaktionen amerikanischer Zeitungen zwischen 2008 und 2017 schon 45 Prozent der Stellen gestrichen, danach sei der Kahlschlag noch massiver vorangetrieben worden. Zwischen 2004 und 2015 seien 1800 amerikanische Zeitungen komplett vom Markt verschwunden. Und in diesem Jahr hat sogar Gro\u00df-Investor Warren Buffett aufgegeben. Lokalzeitungen w\u00fcrden verschwinden, <a href=\"https:\/\/finance.yahoo.com\/news\/warren-buffett-newspapers-are-toast-exclusive-133720666.html?guce_referrer=aHR0cHM6Ly93d3cuZ29vZ2xlLmNvbS8&amp;guce_referrer_sig=AQAAAADYm23OqzfVmtIpzENAO7LCWwW6oekMrpFVQUZgJMiygARjpEwUgmXyN-hgZU5rnCuQE2jhu4VKcMp_FArQ7fv-DObR6Q8wA7QJ9AwIVKDEXQHISaWDk5LpU8cfMqNTPw3ikuebTWD3NcmmcBImsHITPZiVmCar-Y9Nd_Q4q0a6&amp;_guc_consent_skip=1596648371\">hatte er 2019 in einem Interview prophezeit<\/a>.<br \/><br \/>Man merkt Sullivan an, wie sehr sie darum ringt, Perspektiven f\u00fcr den Lokaljournalismus zu entwickeln, und wie wenige M\u00f6glichkeiten sie dennoch ausfindig macht. Denn solche Projekte wie das von Alice Dreger in East Lansing im Staat Michigan h\u00f6ren sich ehrenwert, aber nicht nach gesundem Gesch\u00e4ftsmodell an: Dreger hat ein Team von 140 Leuten zusammengestellt, die sich im Nebenberuf mit dem Wohlergehen der Region besch\u00e4ftigen. Es sind vor allem Studierende, Rentner und andere Freiwillige, die das Zusammentragen, was in der Gemeinde wichtig ist \u2013 f\u00fcr 50 Dollar Lohn pro Artikel. Das ist Journalismus als Passion, nicht als Beruf. <br \/><br \/>Dabei ist Lokaljournalismus f\u00fcr die B\u00fcrger wichtiger denn je. \u00dcberregionale News finden sie schlie\u00dflich im Internet \u00fcberall, wer des Englischen m\u00e4chtig ist, kann sich \u00fcber verschiedenste Quellen weltweit auf dem Laufenden halten. Die Branchengr\u00f6\u00dfen wie die New York Times, die Washington Post oder der Guardian greifen das globale Bildungs-Publikum ab. Aber wie das Verkehrskonzept f\u00fcr die eigene Region ausschaut, was hinter den T\u00fcren des Rathauses geschieht, und was den Ort sonst noch bewegt, darauf hat Google selten Antworten. <br \/><br \/>Lokalzeitungen haben sie leider auch nicht immer. Man sollte hier nichts verkl\u00e4ren, Lokaljournalismus war nicht immer und \u00fcberall investigativ und unabh\u00e4ngig. So manch ein Blatt vermischte redaktionelle Inhalte und Werbung, berichtete allzu wohlwollend \u00fcber die \u00f6rtliche Prominenz, schrieb die Spalten mit nutzlosem oder unverst\u00e4ndlichen Stoff aus dem Gemeinderat voll, nur weil sich dort ein Reporter den Abend um die Ohren geschlagen hatte und f\u00fcllte Seiten \u00fcber Seiten mit mittelpr\u00e4chtigen Fotos, weil die Budgets f\u00fcr Recherchen nicht reichten.<br \/><br \/>Die Digitalisierung kann helfen. Nicht nur, weil das Publizieren technisch einfacher und g\u00fcnstiger wird. Die Denke ist eine neue. Wer m\u00f6chte, dass Abonnenten f\u00fcr ein Produkt bezahlen, muss sich mehr als fr\u00fcher mit ihren Interessen und Bed\u00fcrfnissen besch\u00e4ftigen, Stichwort \u201eAudience first\u201c. Nur wer sein Publikum ernst nimmt, erweist ihm eine echte Dienstleistung, auf die er oder sie nicht verzichten m\u00f6chte \u2013 und f\u00fcr die er\/sie dann auch zu zahlen bereit ist. Das k\u00f6nnen ausf\u00fchrliche Recherchen sein, aber auch datenjournalistische Angebote, die sich mit k\u00fcnstlicher Intelligenz k\u00fcnftig billiger und schneller erstellen lassen werden. \u00dcber Geotags haben lokale Anzeigenkunden einen zielgenaueren Zugang zu ihrem Publikum. Und Redaktionen k\u00f6nnen das Wissen ihrer Leser_innen \u00fcber digitale Kan\u00e4le besser anzapfen und Kommunikation initiieren. <br \/><br \/>Das alles l\u00f6st das Finanzierungsproblem noch nicht g\u00e4nzlich. In den meisten F\u00e4llen werden potente Geldgeber n\u00f6tig sein, denen das Schicksal ihrer Gemeinde am Herzen liegt. Aber auch auf der Suche nach Investoren gilt: Ein starkes journalistisches Produkt ist immer ein gutes Argument. <br \/><br \/><a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/djf-kolumne-aufpasser-von-nebenan#_ftnref1\">[1]<\/a> Siehe Alexandra Borchardt, \u201eMehr Wahrheit wagen \u2013 Warum die Demokratie einen starken Journalismus braucht\u201c, Dudenverlag 2020.<br \/><a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/djf-kolumne-aufpasser-von-nebenan#_ftnref2\">[2]<\/a> Margaret Sullivan\u201eGhosting the News \u2013 Local Journalism and the Crisis of American Democracy\u201c, Columbia University Press 2020<\/p>\n<p><em>Dieser Text erschien am 7. August im Newsletter des <a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/djf-kolumne-aufpasser-von-nebenan\">Digital Journalism Fellowship<\/a> an der Hamburg Media School.\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Hackordnung im Journalismus war \u00fcber die l\u00e4ngste Zeit klar: Man begann vielleicht im Lokalen, weil sich da schnell viel recherchieren, aufdecken, aufschreiben und gestalten lie\u00df. 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