{"id":866,"date":"2020-10-10T15:38:08","date_gmt":"2020-10-10T13:38:08","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=866"},"modified":"2020-10-10T15:38:09","modified_gmt":"2020-10-10T13:38:09","slug":"gruener-journalismus-wie-viel-spezialisierung-braucht-die-branche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/gruener-journalismus-wie-viel-spezialisierung-braucht-die-branche\/","title":{"rendered":"Gr\u00fcner Journalismus &#8211; Wie viel Spezialisierung braucht die Branche?"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"blog-content\">\n<p>Wolfgang Blau, deutscher Pionier des digitalen Journalismus und bis vor kurzem Top-Manager im globalen Verlagshaus Conde Nast, kommentiert auf Twitter auch dann h\u00e4ufig die Klimakrise, wenn unter Kolleg_innen gerade andere Themen im Trend sind. Im September fragte er in die Runde, ob es eine spezielle Journalisten-Ausbildung zu den Themen Klima, Umwelt, Nachhaltigkeit g\u00e4be. K\u00f6nne man das lernen, wie zum Beispiel Sportjournalismus? Das Echo war verhalten. Wissenschaftsjournalismus ja, Umweltjournalismus \u2013 hm.<br \/><br \/>Die gute Nachricht ist eigentlich eine schlechte: Das Feld hat Zukunft. Nachhaltiger Konsum und Lebenswandel wird von einer Wohlf\u00fchl- zur \u00dcberlebensfrage. Es geht um eine klima- und naturvertr\u00e4gliche Wirtschaft und Versorgung von Milliarden Menschen. Journalist_innen sind dabei als Expert_innen in vielerlei Hinsicht gefragt. Einerseits geht es darum, in jedem Lebens- und Wirtschaftsbereich Umwelteffekte zu bewerten und daraus abzuleiten, wie gute Nachhaltigkeitsstrategien und Umweltpolitik aussehen, wie sich Industrie und Bev\u00f6lkerung verhalten sollten. Wer \u00fcber diese Felder berichtet, sollte viel von Daten und deren Einordnung verstehen, komplexe Zusammenh\u00e4nge verst\u00e4ndlich erkl\u00e4ren k\u00f6nnen und nicht dem journalistischen \u201eSchneller, Schriller, Exklusiver\u201c nachjagen, das den Politikjournalismus pr\u00e4gt. Der Gewinner von heute k\u00f6nnte schlie\u00dflich der Verlierer von morgen sein, \u00fcbrig bliebe zerst\u00f6rte Glaubw\u00fcrdigkeit. Die Corona-Krise hat vielen Menschen deutlich vor Augen gef\u00fchrt, wie schnell im komplexen Lagen Fakten von neuen Fakten \u00fcberholt werden. In der Wissenschaft bedeutet das Erfolg, nicht Niederlage. <br \/><br \/>Andererseits wird der investigative Umweltjournalismus wichtiger: Wo passieren echte Schweinereien, wo werden jetzt mit gro\u00dfen Projekten oder in der Produktentwicklung falsche oder gar fatale Weichen gestellt, wo sitzen mutwillige und gedankenlose Verhinderer? In vielen Teilen der Welt ist Umweltberichterstattung lebensgef\u00e4hrlich, denn Recherchen kollidieren oft mit m\u00e4chtigen Interessen. Die Organisation Reporter ohne Grenzen hatte erst k\u00fcrzlich Alarm geschlagen: Es gebe immer mehr <a href=\"https:\/\/rsf.org\/en\/news\/red-alert-green-journalism-10-environmental-reporters-killed-five-years\">Angriffe auf Reporter<\/a>_innen, die in Sachen Umweltzerst\u00f6rung recherchierten, dokumentierten sie. In den vergangenen f\u00fcnf Jahren seien zehn Kolleg_innen wegen ihrer Arbeit ermordet worden. Was Journalisten hier lernen m\u00fcssen: investigative Recherche, Selbstschutz und Risiko-Minimierung. <br \/><br \/>Der langj\u00e4hrige Moderator der ZDF-Sendung Terra X, Dirk Steffens, muss solche Bedrohungen zwar nicht f\u00fcrchten, f\u00fchlt sich angesichts wachsender Naturzerst\u00f6rung aber schon manchmal wie auf einem Schlachtfeld. In einem furiosen <a href=\"https:\/\/www.journalist.de\/startseite\/detail\/article\/die-dimension-der-krise-ist-gewaltig\">Interview<\/a><br \/>mit dem Magazin journalist sagt er: \u201eIch habe mal angefangen, weil ich erz\u00e4hlen wollte, wie sch\u00f6n die Welt ist. Und inzwischen f\u00fchle ich mich wie ein Kriegsberichterstatter. Ich stehe oft vor Tr\u00fcmmern und berichte dar\u00fcber, was warum kaputtgegangen ist. (\u2026) Die Dimension der Krise ist so gewaltig, dass man das Problem gar nicht mehr vermittelt bekommt. Die Corona-Krise ist wahrscheinlich klein im Vergleich zu Krisen wie Artensterben, Klimawandel und all den anderen \u00d6koproblemen.\u201c Was ihn besonders \u00e4rgert: Wenn Umweltjournalisten als Aktivisten abgewertet w\u00fcrden. Eine Politikjournalistin w\u00fcrde man ja auch nicht als Demokratie-Aktivistin bezeichnen. Die Lebensgrundlagen der Menschheit zu verteidigen, liege in unser aller Interesse. Der journalist hat dem Thema \u00fcbrigens das ganze Heft gewidmet.<br \/><br \/>Der britische Guardian hatte im Oktober 2019 Schlagzeilen gemacht mit seinem <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/environment\/2019\/oct\/16\/today-we-pledge-to-give-the-climate-crisis-the-attention-it-demands\">klaren Bekenntnis<\/a>zum Klima- und Naturschutz als unverr\u00fcckbare Grundhaltung der Redaktion. Statt vom Klimawandel spricht die Redaktion seither nur noch von der Klimakatastrophe oder Klimakrise. Bei aller Liebe zu kontroversen Debatten kommt niemand mehr zu Wort, der entsprechende Fakten anzweifelt. Seit Ende Januar 2020 lehnt das Medienhaus Anzeigen von Unternehmen aus dem <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/media\/2020\/jan\/29\/guardian-to-ban-advertising-from-fossil-fuel-firms-climate-crisis\">Sektor fossile Brennstoffe<\/a> kategorisch ab. So konsequent positionieren sich die wenigsten Marken. <br \/><br \/>Aber braucht man wegen all dem einen Studiengang \u201eGr\u00fcner Journalismus\u201c? Bislang ist die Branche gut gefahren mit der Ausbildung von Allroundern. Wer zum Beispiel schnell, pr\u00e4zise und farbig sein kann wie ein Sportjournalist, kann auch \u00fcber Politik berichten, so die Denke. Das wird tausendfach gelebt bei Personalrochaden in Redaktionen \u2013 und ist vielleicht auch ein Grund daf\u00fcr, warum manch eine politische Geschichte daherkommt wie ein Fu\u00dfballturnier. Eine gute Investigativ-Journalistin kann sich jedes Feldes annehmen, ob es in der Wirtschaft, im Sport oder im Gesundheitswesen etwas aufzudecken gilt. Wechseln Reporter_innen von einem Fach ins andere, tut das dem Journalismus h\u00e4ufig gut. Bei der britischen Financial Times war es schon immer bew\u00e4hrte Praxis, Fach-Korrespondenten nach sp\u00e4testens f\u00fcnf Jahren auf neue Themen zu werfen. Guter Journalismus lebt davon, das Publikum mit frischen Perspektiven \u00fcberraschen zu k\u00f6nnen.<br \/><br \/>Je komplexer die Themen sind, desto schwieriger werden solche Wechsel allerdings. Es dauert eine Weile, bis man sich mit Themen in der Tiefe vertraut gemacht hat. Mit einem Mangel an Expertise kann man sich schnell blamieren. Allerdings l\u00e4sst sich Wissen auch von Expert_innen einholen. Journalist_innen sollten eher trainieren, die richtigen Fragen zu stellen, als auf alles eine Antwort zu wissen. Ihre Aufgabe wird k\u00fcnftig st\u00e4rker als je zuvor im Handwerk liegen: Datenanalyse, das Bespielen verschiedener Plattformen, investigative Recherche und Storytelling, Produktentwicklung, Interaktion mit dem Publikum. Wer das kann, kommt auf allen Feldern weit, auch im Umweltjournalismus. <br \/><br \/>Star-Reporter_innen, die auf ihren jeweiligen Fachgebieten brillieren, werden auch ihre Pl\u00e4tze finden. Aber zum Beginn einer Laufbahn auf ein einziges Thema zu setzen, birgt immer ein gewisses Risiko. Au\u00dferdem k\u00f6nnte man es auch andersherum betrachten: Grundkenntnisse in \u00d6kologie geh\u00f6ren in jegliche Journalisten-Ausbildung, denn das Thema betrifft alle Felder der Berichterstattung, ob Politik, Sport, Mode, Technologie oder Au\u00dfenpolitik. Der Journalismus als solcher muss gr\u00fcner werden.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog-content\">\n<div class=\"blog-bottom\">Dieser <a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/djf-kolumne-gruener-journalismus-wie-viel-spezialisierung-braucht-die-branche\">Text erschien im Newsletter des Digital Journalism Fellowship<\/a> der Hamburg Media School am 4. #September 2020.<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang Blau, deutscher Pionier des digitalen Journalismus und bis vor kurzem Top-Manager im globalen Verlagshaus Conde Nast, kommentiert auf Twitter auch dann h\u00e4ufig die Klimakrise, wenn unter Kolleg_innen gerade andere Themen im Trend sind. Im September fragte er in die Runde, ob es eine spezielle Journalisten-Ausbildung zu den Themen Klima, Umwelt, Nachhaltigkeit g\u00e4be. 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