{"id":869,"date":"2020-10-10T15:49:03","date_gmt":"2020-10-10T13:49:03","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=869"},"modified":"2020-10-10T15:49:03","modified_gmt":"2020-10-10T13:49:03","slug":"empoert-empoerter-am-empoertesten-wider-den-kommentar-reflex","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/empoert-empoerter-am-empoertesten-wider-den-kommentar-reflex\/","title":{"rendered":"Emp\u00f6rt, emp\u00f6rter, am emp\u00f6rtesten &#8211; Wider den Kommentar-Reflex"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"blog-content\">\n<p>Journalist*innen sind leidenschaftlich, das geh\u00f6rt zur Berufsbeschreibung. Menschen, deren Job-Profil es zuweilen verlangt, in k\u00fcrzester Zeit Meinungen zu entwickeln, aus denen in nicht wesentlich l\u00e4ngerer Zeit Kommentare oder Leitartikel werden sollen, trainieren genau das gerne: zackig und auf den Punkt urteilen. Auch deshalb ist Twitter bei Journalist*innen so beliebt. Nicht nur, weil man sich dort besser als anderswo \u00fcber Branchentrends, neue Erkenntnisse aus der Medienforschung, die Karriereschritte der Kolleg*innen und Job-Angebote informieren kann. Auch nicht nur, weil sich dort allerlei Berufsgruppen mit erh\u00f6htem Ausdrucks- und Geltungsdrang treffen, sodass man vielerlei Stoff zur Berichterstattung findet. Sondern auch, weil es reizvoll ist, die Kunst des 280-Zeichen-Kommentars zu perfektionieren, der meist daherkommt wie ein Instant-Gericht, das man allein mit hei\u00dfem Wasser zum Leben erweckt: dampfend, bunt, aber wenig gehaltvoll.<br \/><br \/>Manche solcher Tweets quellen im Umlauf der sozialen Netzwerke \u00e4hnlich auf wie eine Trocken-Mahlzeit aus der T\u00fcte. \u00c4hnlich schnell hat man sie satt. Aber man bekommt sie nicht mehr in die T\u00fcte hinein. <br \/><br \/>Die Aufregung \u00fcber die in der taz ver\u00f6ffentlichten <a href=\"https:\/\/taz.de\/Abschaffung-der-Polizei\/!5689584\/\">Anti-Polizei-Kolumne<\/a><br \/>der Autor*in Hengameh Yaghoobifarah kann man getrost in die Kategorie T\u00fctensuppe z\u00e4hlen. Es ist wenig vorstellbar, dass die Berichterstattung \u00fcber diesen geschmacklich einigerma\u00dfen missgl\u00fcckten Satire-Versuch ohne Twitter ein solches Volumen bekommen h\u00e4tte. Emp\u00f6rt, emp\u00f6rter, am emp\u00f6rtesten \u2013 kaum ein Journalist, der nicht meinte, dazu etwas meinen zu m\u00fcssen. Und die Politik war mit dabei. Bundesinnenminister Horst Seehofer hatte sogar laut \u00fcber eine Anzeige nachgedacht. Beim Deutschen Presserat gingen 382 Beschwerden ein.<br \/><br \/>Wochen sp\u00e4ter, die Branche arbeitete sich mittlerweile l\u00e4ngst an anderen Themen ab, ver\u00f6ffentlichte der nun <a href=\"https:\/\/www.presserat.de\/presse-nachrichten-details\/taz-polizeikolumne-kein-versto%C3%9F-gegen-den-pressekodex.html\">seine Entscheidung<\/a>: Die Satire versto\u00dfe nicht gegen den Pressekodex, sie sei vom Grundrecht auf Meinungsfreiheit gedeckt. Es lohnt sich, die Begr\u00fcndung nachzulesen, denn anhand der Argumentation l\u00e4sst sich manch anderer Konflikt bewerten. Im Groben geht sie so: Erstens verletze der Text nicht die W\u00fcrde einzelner Personen, sondern richte sich pauschal gegen eine Berufsgruppe. Zweitens m\u00fcsse sich die Polizei als Organ der Exekutive harte Kritik gefallen lassen. Drittens sei die Polizei eine gesellschaftlich anerkannte Berufsgruppe und verdiene deshalb keinen besonderen Schutz, anders als zum Beispiel ethnische und religi\u00f6se Minderheiten. Das St\u00fcck sei zwar ein \u201edrastisches Gedankenspiel\u201c, lie\u00dfe aber Raum f\u00fcr Interpretationen. Die Meinungsfreiheit einer einzelnen Autor*in ist also sch\u00fctzenswerter, als es die Gef\u00fchle einer Gruppe sind, die in Deutschland in weiten Teilen der Bev\u00f6lkerung vom Image \u201eFreund und Helfer\u201c getragen wird.<br \/><br \/>Die Kolumne kann nun hoffentlich dort ruhen, wo sie hingeh\u00f6rt h\u00e4tte: auf den Friedhof der St\u00fccke, die sich, bevor es Twitter gab, aus Mangel an Qualit\u00e4t, Originalit\u00e4t, Aussagekraft und Geschmack klanglos versendet h\u00e4tten. Aber leider bietet sich das soziale Netzwerk als Tummelplatz f\u00fcr Besserwisser und Schneller-Merker genau daf\u00fcr an, solche St\u00fccke ans Licht zu zerren und, um im Bild zu bleiben, hei\u00dfes Wasser darauf zu gie\u00dfen. Das w\u00e4re nicht weiter problematisch, blieben all die findigen Kommentator*innen dort unter sich \u2013 man kann das ja ignorieren und sich wieder dem klugen Twitter-Stoff zuwenden (auch der Presserat hatte seine Begr\u00fcndung getwittert).<\/p>\n<p>Nur hat das Ganze mindestens zwei Probleme: Erstens werden manche Dinge so unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig aufgeblasen, dass pl\u00f6tzlich ein Individuum im Shitstorm-Feuer steht, dessen W\u00fcrde, psychische und wom\u00f6glich auch physische Gesundheit dann tats\u00e4chlich in Gefahr ist. Wer sich mit dem Thema Mobbing im Netz besch\u00e4ftigen m\u00f6chte, dem sei Jon Ronsons Buch \u201eSo you have been publicly shamed\u201c ans Herz gelegt. Yaghoobifarah zum Beispiel bekam Morddrohungen. Und zweitens haben solche Emp\u00f6rungszyklen keinerlei Mehrwert f\u00fcr das Publikum, f\u00fcr das man den Journalismus doch eigentlich produziert. Abgesehen davon, dass eine gelegentliche Auseinandersetzung damit nicht schadet, was die Meinungsfreiheit in der Demokratie ihren B\u00fcrgern wert sein sollte.<br \/><br \/>Der gr\u00f6\u00dfte Teil des Publikums ist n\u00e4mlich klug genug, um solche Texte a) zu ignorieren, b) zu lesen und zu vergessen und c) seine Zeit f\u00fcr wichtigere Themen zu nutzen. Dazu geh\u00f6rt durchaus das Thema rechte Tendenzen in der Polizei, aber dar\u00fcber m\u00f6chten die meisten B\u00fcrger*innen lieber Fakten lesen als unbeholfene Gedanken-Spielereien. Nur werden wirklich wichtige Stoffe, aufschlussreiche Recherchen und m\u00fchevoll zusammengestellte Informationen nur zu h\u00e4ufig von Themen \u00fcberlagert, die sich bei n\u00e4herem Hinsehen als Meinungs-Eintopf aus der T\u00fcte erweisen. Kein Wunder, dass nicht einmal ein Drittel (29 Prozent) der Leser*innen im Digital News Report 2019 der Aussage zustimmte, die Themen, die Medien aufgriffen, seien f\u00fcr sie relevant.<br \/><br \/>Das hei\u00dft nicht, dass man sich nicht emp\u00f6ren darf. Aufreger-Themen regen zum Nachdenken an, beleben die Debatte am Familien- und Stammtisch, manche werden sogar zu Abitur-Aufgaben. Aber Aufmerksamkeit ist begrenzt. Guter Journalismus respektiert die Zeit seines Publikums. Man m\u00f6chte sich schlie\u00dflich \u00f6fter begegnen.<\/p>\n<p><em>Dieser <a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/djf-kolumne-empoert-empoerter-am-empoertesten-twitter-hilft-journalist-innen-aber-nicht-unbedingt-ihrem-publikum\">Text erschien im Newsletter<\/a> des Digital Journalism Fellowship der Hamburg Media School am 10. #September 2020.<\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Journalist*innen sind leidenschaftlich, das geh\u00f6rt zur Berufsbeschreibung. 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