{"id":873,"date":"2020-10-10T15:57:01","date_gmt":"2020-10-10T13:57:01","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=873"},"modified":"2020-10-10T15:57:01","modified_gmt":"2020-10-10T13:57:01","slug":"exklusivitaet-vs-ethik-wie-viel-verantwortung-haben-journalistinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/exklusivitaet-vs-ethik-wie-viel-verantwortung-haben-journalistinnen\/","title":{"rendered":"Exklusivit\u00e4t vs. Ethik \u2013 Wie viel Verantwortung haben Journalist*innen?"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"blog-content\">\n<p>K\u00fcrzlich sind die alte und die neue Welt des Journalismus ordentlich aufeinandergeprallt. Nat\u00fcrlich lassen sich beide nicht so scharf trennen, aber wenn einer, der am Zusammensto\u00df Beteiligten, Bob Woodward hei\u00dft, darf man das wohl so beschreiben. Woodward ist am bekanntesten als Teil des Journalisten-Gespanns Woodward und Bernstein, das einst den Watergate-Skandal enth\u00fcllte. In seinem gerade erschienenen Buch mit dem Titel \u201eRage\u201c nimmt er sich den amerikanischen Pr\u00e4sidenten vor. 18 Interviews hat er daf\u00fcr mit Donald Trump gef\u00fchrt, und in einem davon hatte der ihm erz\u00e4hlt, wie gef\u00e4hrlich das neue Coronavirus sei. Pikantes Detail: Das war am 7. Februar. Schon damals war das kaum exklusiver Stoff, k\u00f6nnte man sagen. Allerdings hatte Trump die Gefahr gleichzeitig \u00f6ffentlich heruntergespielt. Deshalb sieht Woodward nun schlecht aus: H\u00e4tte der die Information aus moralischer Verantwortung heraus nicht gleich publizieren m\u00fcssen, statt auf die Buchver\u00f6ffentlichung im September zu warten? <br \/><br \/>Genau dar\u00fcber ist in der Medien-Szene und dar\u00fcber hinaus ein <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/us-news\/2020\/sep\/10\/bob-woodward-trump-coronavirus-deadly\">Streit ausgebrochen<\/a>. Woodward habe nur seine Auflage steigern wollen, sagen die einen. Er habe die Sache <a href=\"https:\/\/www.npr.org\/2020\/09\/14\/912612298\/woodward-criticized-for-not-publishing-trump-revelations-sooner?t=1600192047388\">erst einmal sauber recherchieren wollen, sagt Woodward<\/a>. Und dann gibt es die, die Woodward ohnehin f\u00fcr \u00fcbersch\u00e4tzt halten. Dieser leide unter einem Mangel an moralischer Neugier, schreibt Alex Nazaryan. Der Autor ist ebenfalls in der Washingtoner Journalisten-Szene unterwegs, f\u00fcr die <a href=\"https:\/\/www.latimes.com\/entertainment-arts\/books\/story\/2020-09-15\/review-rage-by-bob-woodward-review\">Los Angeles Times<\/a> hat er mit sp\u00fcrbarer Emp\u00f6rung nicht nur \u201eRage\u201c sondern gleich Woodwards gesamtes Werk verrissen.<br \/><br \/>Da mag es offene Rechnungen gegeben haben. Aber die Frage, die dahinter liegt, ist brisant. Wem gegen\u00fcber sind Journalist*innen verantwortlich, wenn sie bei Recherchen etwas erfahren, dessen z\u00fcgige Ver\u00f6ffentlichung den Lauf der Dinge zum Guten beeinflussen k\u00f6nnte: ihrem Verlag, der von der Exklusivit\u00e4t profitiert und deshalb mehr am Einschlag eines Scoop-Kometen als an einer Vielzahl von Nachrichten-Schnuppen interessiert ist? Oder der \u00d6ffentlichkeit, die ein Interesse daran haben muss, dass Missst\u00e4nde so schnell wie m\u00f6glich publik werden? Die Frage l\u00e4sst sich nur von Fall zu Fall beantworten. Aber das Missfallen im Fall Woodward hat auch mit einem Generationen-Konflikt im Journalismus zu tun.<br \/><br \/>Die alten Dickschiffe der Branche wie die Washington Post, New York Times oder in Deutschland Der Spiegel und nat\u00fcrlich die Buchverlage leben vom dicken Scoop oder eben vom Bestseller. Er ist ihr Gesch\u00e4ftsmodell. Schneller, exklusiver, einfach besser zu sein als die Konkurrenz wirkt als Treibstoff, die gro\u00dfen Enth\u00fcllungen pr\u00e4gen ihr Selbstverst\u00e4ndnis. Dahinter steckt nicht nur die Gier nach Aufmerksamkeit, Ruhm und Ehre. Die Ethik dahinter wird auch gepr\u00e4gt von der Denke: Erst wenn es richtig laut knallt, h\u00f6rt jeder den Schuss. Es muss eine Entr\u00fcstungs-Schwelle \u00fcberschritten werden, um Akteure wie zum Beispiel Gesetzgeber oder Unternehmen dazu zu bewegen, etwas zu ver\u00e4ndern. Gleichzeitig m\u00fcssen alle Recherchen gerade bei komplexen Themen juristisch wasserdicht sein. Viele Ver\u00f6ffentlichungen, die erwartbar \u00c4rger nach sich ziehen, werden von der Sorge begleitet, m\u00e4chtige Objekte der Berichterstattung k\u00f6nnten ein Medienhaus in Grund und Boden klagen. All diese Erw\u00e4gungen pr\u00e4gen \u00dcberlegungen dazu, wie schnell man bestimmte Dinge ans Licht zerren muss.<br \/><br \/>Die j\u00fcngere Generation von Journalist*innen muss sich mit den juristischen Fallstricken ebenso besch\u00e4ftigen wie ihre Vorg\u00e4nger. Aber die Idee, dass das Wohl des Medienhauses \u00fcber allem steht, passt vielen nicht mehr in einer Zeit, in der Kollaborationen mit anderen, Beteiligung der Leser\/User*innen an Recherchen und pers\u00f6nliche Verantwortung f\u00fcr den publizistischen Auftritt st\u00e4rker ins Zentrum r\u00fccken. Im digitalen \u201eAudience first\u201c sieht man sich mehr als Partner seines Publikums denn als Teil einer Operation, in der gilt: \u201eEgo first\u201c. In Abwandlung des Claims der S\u00fcddeutschen Zeitung, die sich neuerdings mit dem Slogan \u201eMut entscheidet\u201c schm\u00fcckt, k\u00f6nnte man den Journalismus neueren Typs auch so beschreiben: \u201eDemut entscheidet\u201c.<br \/><br \/>Dazu passt es \u00fcberhaupt nicht, der \u00d6ffentlichkeit um des sch\u00f6nen Scoops willen relevante Informationen vorzuenthalten. Nun mag man im Fall Woodward argumentieren, es h\u00e4tte rein gar nichts ge\u00e4ndert, Trumps Einsch\u00e4tzung zum Virus fr\u00fcher zu publizieren. Die B\u00fcrger+innen haben l\u00e4ngst gelernt, auf das gesprochene Wort des Pr\u00e4sidenten nicht allzu viel zu geben. Aber die von Woodward so verschnupfte Reaktion erstaunt nun doch. Wom\u00f6glich hat sie mit seiner Verankerung im Washingtoner Establishment zu tun. Politikjournalist*innen interessieren sich h\u00e4ufig eher f\u00fcr Macht als f\u00fcr das, was Macht anrichtet. Anders gesagt: \u201eden Pr\u00e4sidenten zu Fall bringen\u201c steht auf Woodwards Priorit\u00e4ten-Liste vielleicht h\u00f6her als \u201eLeben retten\u201c \u2013 wobei man in dem Fall argumentieren k\u00f6nnte, dass das eine mit dem anderen verkn\u00fcpft ist. <br \/><br \/>Was die Sache lehrt: Journalist*innen t\u00e4ten gut daran, sich mit den Folgen ihres Tuns st\u00e4rker auseinanderzusetzen. Es gibt ihn schlie\u00dflich immer wieder, den Journalismus, der im Dienste des Scoops und der Schlagzeile gnadenlos Verletzlichkeiten ausbeutet. Die j\u00fcngste Kontroverse um die Ver\u00f6ffentlichung von WhatsApp-Nachrichten eines Kindes in der Bild-Zeitung, das sich nach dem Mord an seinen Geschwistern in h\u00f6chster Not einem Freund anvertraut hatte, ist ein trauriges Beispiel daf\u00fcr. In dem Fall hat sogar <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/medien\/mathias-doepfner-aeussert-sich-zu-bild-berichterstattung-im-fall-solingen-16954583.html\">Springer-Konzernchef Mathias D\u00f6pfner Fehler einger\u00e4umt<\/a>.<br \/><br \/>Aber auch in weniger drastischen F\u00e4llen denken Journalist*innen h\u00e4ufig zu wenig dar\u00fcber nach, was es mit Menschen macht, wenn sie pl\u00f6tzlich Objekte der Berichterstattung werden. Die Kommunikationswissenschaftlerin Ruth Palmer hat ein aufschlussreiches Buch dar\u00fcber geschrieben: \u201e<a href=\"https:\/\/cup.columbia.edu\/book\/becoming-the-news\/9780231183147\">Becoming the News<\/a> \u2013 How ordinary people respond to the media spotlight\u201c. <br \/><br \/>Auch das ist klar: Reporter*innen sind keine Sozialarbeiter*innen. Ethisch k\u00f6nnen sie sich trotzdem verhalten. Wie dies gehen kann, haben Jodi Kantor und Megan Twohey in ihrem Buch \u201eShe said\u201c dokumentiert. Die Autorinnen beschreiben in diesem Lehrst\u00fcck investigativer Recherche, wie sie den Skandal um Harvey Weinstein aufgedeckt und die MeToo-Debatte behandelt haben. Besonders interessant daran sind die Diskussionsprozesse innerhalb der New York Times: Wie Investigativ-Chefin Rebecca Corbett stets mahnte, mehr Fakten zu sammeln statt Aussagen \u2013 zum Beispiel Vertr\u00e4ge mit Verschwiegenheitsklauseln. Wie viel Material die Reporter*innen zusammentragen mussten, bis endlich die Entscheidung fiel: jetzt wird ver\u00f6ffentlicht. Und wie sie mit ihren Quellen kommuniziert hatten, transparent, klar, sie ernst nehmend. Auch bei Weinstein war der Antrieb der Scoop. Aber bis zum Schluss ging es auch um die Frauen.<\/p>\n<p><em>Dieser <a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/djf-kolumne-exklusivitaet-vs-ethik-wie-viel-verantwortung-haben-journalist-innen\">Text erschien im Newsletter<\/a> des Digital Journalism Fellowship an der Hamburg Media School am 18. September 2020.\u00a0<\/em><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog-content\">\n<div class=\"blog-bottom\">\u00a0<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K\u00fcrzlich sind die alte und die neue Welt des Journalismus ordentlich aufeinandergeprallt. Nat\u00fcrlich lassen sich beide nicht so scharf trennen, aber wenn einer, der am Zusammensto\u00df Beteiligten, Bob Woodward hei\u00dft, darf man das wohl so beschreiben. Woodward ist am bekanntesten als Teil des Journalisten-Gespanns Woodward und Bernstein, das einst den Watergate-Skandal enth\u00fcllte. 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