{"id":876,"date":"2020-10-10T16:03:51","date_gmt":"2020-10-10T14:03:51","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=876"},"modified":"2020-10-10T16:03:51","modified_gmt":"2020-10-10T14:03:51","slug":"ein-werte-algorithmus-fuer-schwedens-radio-wo-bleibt-die-innovation-im-deutschen-journalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/ein-werte-algorithmus-fuer-schwedens-radio-wo-bleibt-die-innovation-im-deutschen-journalismus\/","title":{"rendered":"Ein Werte-Algorithmus f\u00fcr Schwedens Radio &#8211; Wo bleibt die Innovation im deutschen Journalismus?"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"blog-content\">\n<p>Der schwedische \u00f6ffentlich-rechtliche Rundfunk nimmt seinen Aufkl\u00e4rungs- und Bildungs- Auftrag \u00e4u\u00dferst ernst. Dazu geh\u00f6rt zum Beispiel, dass Redakteurinnen und Redakteure dort keine Kommentare verfassen d\u00fcrfen. \u201eWir sind f\u00fcr die Fakten da\u201c, betont Radio-Intendantin Cilla Benk\u00f6 regelm\u00e4\u00dfig bei \u00f6ffentlichen Auftritten. Dies entspreche den Werten von Public Service Medien. K\u00fcnftig m\u00f6chte Sveriges Radio (SR) das Ringen um diese Werte nicht mehr nur allein den Kolleg*innen \u00fcberlassen. Ein eigens f\u00fcr den Sender entwickelter Algorithmus soll daf\u00fcr sorgen, dass es in den digitalen Angeboten mehr Vielfalt und Personalisierung gibt. Dies soll den Journalismus f\u00fcr ein breiteres Publikum interessant machen. <br \/><br \/>\u201eWir sind davon \u00fcberzeugt, dass das neue Modell die Qualit\u00e4t unseres Journalismus verbessert\u201c, schreibt der Chefredakteur f\u00fcr Digitales, Olle Zachrison, <a href=\"https:\/\/blogs.lse.ac.uk\/polis\/2020\/09\/28\/this-swedish-radio-algorithm-gets-reporters-out-in-society\/\">in einem Blog Post<\/a> der London School of Economics, wo er am Forschungsprojekt Journalismus und K\u00fcnstliche Intelligenz beteiligt ist. Dies gelte nicht nur f\u00fcr die Verpackung und Verteilung, sondern auch f\u00fcr die Inhalte der einzelnen Geschichten.<br \/><br \/>Man kann dies getrost eine starke journalistische Innovation nennen \u2013 oder auch einen Angriff aufs journalistische Bauchgef\u00fchl. Denn wenn man ehrlich ist, trifft die Intuition, auf die Redakteur*innen jahrzehntelang so stolz waren, nicht immer die beste Entscheidung im Sinne der Allgemeinheit. Weil Redaktionen gemeinhin nicht sehr divers sind, ist es auch ihr Output oft nicht. Und statt die algorithmische Auswahl von Inhalten den Plattform-Konzernen zu \u00fcberlassen, die nach ihren eigenen Bed\u00fcrfnissen optimieren, geht SR nun in die Offensive und baut das: einen Algorithmus mit Werten. <br \/><br \/>Nach welchen Kriterien die schwedischen Kolleg*innen ihn f\u00fcttern, l\u00e4sst sich am besten in Zachrisons Text nachlesen. Aber dass so etwas passiert, ist fast noch interessanter als das \u201eWie\u201c. Immerhin befindet man sich in einer Branche, die zwar in allerlei an \u201edie Politik\u201c gerichteten Kommentaren lautstark Innovationsfreude einfordert, sich aber selbst an vielen Orten eher durch das Gegenteil auszeichnet \u2013 zum Beispiel in Deutschland. <br \/><br \/>Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls ein j\u00fcngst ver\u00f6ffentlichtes Gutachten im Auftrag der Landesanstalt f\u00fcr Medien Nordrhein-Westfalen. \u201e<a href=\"https:\/\/www.medienanstalt-nrw.de\/fileadmin\/user_upload\/NeueWebsite_0120\/Zum_Nachlesen\/Gutachten_Innovationslandschaft_Journalismus.pdf\">Die Innovationslandschaft des Journalismus in Deutschland<\/a>\u201c, hei\u00dft es n\u00fcchtern, aber die Botschaft ist eindringlich: An neuen Ans\u00e4tzen und Projekten, die die von Krisen gepr\u00e4gte Branche wirklich weiterbringen, fehle es allerorten. Die Autoren Christopher Buschow und Christian-Mathias Wellbrock nennen eine lange Liste von Gr\u00fcnden daf\u00fcr. Ein Mangel an Gr\u00fcndergeist und Talenten, Defizite in der Ausbildung, eine fehlende Verzahnung von Forschung und Praxis, tr\u00e4ge etablierte Verlage, rechtliche H\u00fcrden sowie eine dem journalistischen Berufsstand eigene skeptische Grundhaltung geh\u00f6rten dazu. Au\u00dferdem fehlten Kapitalgeber*innen mit l\u00e4ngerem Atem. Allerdings seien Netzwerke der Innovation am Entstehen, beobachten die Autoren, die ihren Job schlecht gemacht h\u00e4tten, w\u00fcrden sie nicht eine ebenso lange Liste an Verbesserungsvorschl\u00e4gen liefern.<br \/><br \/>Nun w\u00e4re es ungerecht, die Medienszene in Deutschland in einer Art D\u00e4mmerschlaf zu vermuten. In vielen gro\u00dfen H\u00e4usern gibt es hoch innovative Abteilungen mit dem Potential, andere anzustecken, und hier und da gedeihen spannende Start-ups. Aber die Dringlichkeit, etwas f\u00fcr die Zukunft des Journalismus als solches zu tun, wird noch nicht \u00fcberall gesehen. Die gro\u00dfen Marken sind weitgehend mit sich selbst und ihren Interessen besch\u00e4ftigt, statt sich zu verb\u00fcnden. Anders als in anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, zum Beispiel \u00d6sterreich, hat man die F\u00f6rderung von journalistischen Innovationen viel zu lange allein Google und Facebook \u00fcberlassen \u2013 um sich dann gerne \u00fcber die Abh\u00e4ngigkeit von den amerikanischen Konzernen zu beschweren. Und anders als zum Beispiel in den USA spielen Stiftungen bei der Unterst\u00fctzung von Journalismus, Journalisten-Ausbildung und Journalismus-Forschung nur eine untergeordnete Rolle. <br \/><br \/>Selbst wenn es dann Geld gibt, wei\u00df niemand so recht, wie man es verteilen soll. Es ist bezeichnend, dass die Bundesregierung den Verlagen im Nachtragshaushalt zum Corona-Paket im Juli f\u00fcr die kommenden Jahre 220 Millionen Euro f\u00fcr die digitale Transformation zugesagt hat, ohne dass daf\u00fcr bislang das Geringste eines Konzepts bekannt geworden ist. Man kann von kr\u00e4ftiger Lobbyarbeit im Hintergrund ausgehen. Wie genau definiert man schlie\u00dflich digitale Transformation? <br \/><br \/>Anfangen kann man bei so einer Aufgabe immer mit dem erw\u00fcnschten Ergebnis. Es muss um einen Journalismus gehen, der mehr Menschen aus verschiedenen Bev\u00f6lkerungsgruppen mit inhaltlicher Qualit\u00e4t erreicht, als dies der gegenw\u00e4rtige tut. Es geht um Inhalte, Ausbildung, Technologie und Werte. Sich die Hoheit \u00fcber die Algorithmen zur\u00fcckzuerobern, wie dies Sveriges Radio macht, ist dabei ein wichtiger Schritt. Starker Journalismus f\u00fcr alle \u2013 in der digitalen Medienwelt steht das Projekt noch am Anfang.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog-content\">\n<div class=\"blog-bottom\"><em>Dieser <a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/djf-kolumne-ein-werte-algorithmus-fuer-schwedens-radio-oder-wo-bleibt-die-medien-innovation-in-deutschland\">Text erschien im Newsletter<\/a> des Digital Journalism Fellowship an der Hamburg Media School am 2. Oktober 2020.<\/em><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der schwedische \u00f6ffentlich-rechtliche Rundfunk nimmt seinen Aufkl\u00e4rungs- und Bildungs- Auftrag \u00e4u\u00dferst ernst. Dazu geh\u00f6rt zum Beispiel, dass Redakteurinnen und Redakteure dort keine Kommentare verfassen d\u00fcrfen. \u201eWir sind f\u00fcr die Fakten da\u201c, betont Radio-Intendantin Cilla Benk\u00f6 regelm\u00e4\u00dfig bei \u00f6ffentlichen Auftritten. Dies entspreche den Werten von Public Service Medien. 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