{"id":879,"date":"2020-10-10T16:11:25","date_gmt":"2020-10-10T14:11:25","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=879"},"modified":"2020-10-10T16:11:25","modified_gmt":"2020-10-10T14:11:25","slug":"von-wegen-troll-farmen-fake-news-sind-ein-problem-aber-anders-als-viele-denken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/von-wegen-troll-farmen-fake-news-sind-ein-problem-aber-anders-als-viele-denken\/","title":{"rendered":"Von wegen Troll-Farmen &#8211; \u201eFake News\u201d sind ein Problem, aber anders, als viele denken"},"content":{"rendered":"\n<p>Gef\u00e4lschte Videos, fingierte Posts, L\u00fcgengeschichten und das alles massenhaft verbreitet von Bots \u00fcber soziale Netzwerke: \u201eFake News\u201c werden h\u00e4ufig als \u00e4hnlich ansteckend beschrieben wie das Corona-Virus. So hatte die Weltgesundheitsorganisation <a href=\"https:\/\/www.who.int\/docs\/default-source\/coronaviruse\/situation-reports\/20200202-sitrep-13-ncov-v3.pdf?sfvrsn=195f4010_6\">die \u201eInfodemic\u201c lange vor der Pandemie ausgerufen<\/a>. Am 2. Februar war das, weltweit gab es damals noch nicht einmal 15.000 best\u00e4tigte F\u00e4lle von Covid-19. Allerdings verh\u00e4lt es sich mit dem Begriff \u201eFake News\u201c eher wie mit einigen anderen, wenn man sie unter das Vergr\u00f6\u00dferungsglas der Forschung legt: Die Fakten dazu unterscheiden sich nicht unwesentlich von dem, was gemeinhin darunter verstanden wird. <br \/><br \/>In der \u00f6ffentlichen Debatte, wie sie auch von besorgten Politiker*innen gef\u00fchrt wird, insinuiert das Schlagwort in erster Linie die Manipulation von Bild, Ton und Text. Oft spielen darin feindliche politische Kr\u00e4fte, geldgierige Hacker*innen oder zumindest Spa\u00dfv\u00f6gel eine Rolle, die ihr gef\u00e4lschtes Material \u00fcber Facebook und Co. auf nichtsahnende B\u00fcrger*innen abwerfen. Eine ganze Fact-Checking-Industrie ist um diese Annahmen herum entstanden. <br \/><br \/>Nun ist es wichtig, Informationen zu verifizieren \u2013 es geh\u00f6rt zum Beispiel zur Job-Beschreibung von Journalist*innen. Allerdings tragen genau diese eine ordentliche Portion Mitschuld am Dilemma. Dies hat jetzt eine <a href=\"https:\/\/papers.ssrn.com\/sol3\/papers.cfm?abstract_id=3703701\">gro\u00dfangelegte Studie<\/a> des Berkman Klein Center for Internet and Society an der Universit\u00e4t Harvard best\u00e4tigt, acht Autor*innen waren daran beteiligt. Anders als oft angenommen tragen der Untersuchung zufolge falsche Aussagen von Politiker*innen, die dann von traditionellen Medien wiedergegeben werden, am st\u00e4rksten zur Verbreitung von Fehlinformation bei. Soziale Netzwerke hingegen spielten eine untergeordnete Rolle. <br \/><br \/>Das Problem werde von Eliten verursacht und von den Massenmedien getrieben, so die Harvard-Studie. Politiker*innen beuteten dabei gnadenlos drei Standard-Praktiken des klassischen Journalismus aus: den Fokus auf Institutionen und Eliten (wenn es der Pr\u00e4sident sagt, ist es eine Nachricht), die Suche nach der Schlagzeile (je krawalliger, desto besser) und das Streben nach Neutralit\u00e4t (nur nicht so wirken, als w\u00fcrde man sich auf eine Seite schlagen). Zwar haben die Wissenschaftler*innen dies nur f\u00fcr die USA untersucht, aber die Dynamiken sind \u00fcberall \u00e4hnlich.<br \/><br \/>Neu ist diese Erkenntnis nicht. Auch andere Forscher*innen haben schon belegt, dass die Reichweite traditioneller Medien einen gro\u00dfen Einfluss auf die Verbreitung von Fehlinformationen hat. Und selbst die B\u00fcrger*innen wissen es besser. Sie betrachten Falschaussagen von Politiker*innen als mit Abstand wichtigste Quelle von \u201eFake News\u201c, rund 40 Prozent der Befragten \u00e4u\u00dferten sich entsprechend im diesj\u00e4hrigen <a href=\"http:\/\/digitalnewsreport.org\/\">Digital News Report<\/a>. Nur zwischen 10 und 14 Prozent dagegen schoben die Verantwortung ausl\u00e4ndischen Geheimdiensten, gew\u00f6hnlichen B\u00fcrger*innen, den Medien (13 Prozent) oder Aktivist*innen zu. Auch schon in fr\u00fcheren Ausgaben der Gro\u00df-Studie, zum Beispiel 2018, dachten die Befragten bei \u201eFake News\u201c nicht zuallererst an L\u00fcgengeschichten. Viel eher kam ihnen schlechter, fehlerhafter oder tendenzi\u00f6ser Journalismus in den Sinn. <br \/><br \/>Was folgt daraus? Zun\u00e4chst einmal ist das eine gute Nachricht f\u00fcr die Medien. Sie haben es in der Hand. Sie k\u00f6nnen abw\u00e4gen, zum Beispiel welchen pr\u00e4sidentiellen Narrativ sie wiedergeben, wie sie eine Aussage einordnen oder ob sie ein Zitat mit M\u00e4rchenstunden-Charakter wom\u00f6glich am besten gleich weglassen. Sie k\u00f6nnen den Verbreiter*innen von Falschinformationen damit die von ihnen so begehrte B\u00fchne verweigern. Um in der Corona-Virus-Begrifflichkeit zu bleiben: <a href=\"https:\/\/www.theatlantic.com\/ideas\/archive\/2020\/10\/trump-super-spreader-disinformation\/616604\/\">Superspreader von \u201eFake News\u201c<\/a> kann man nur mit Quarant\u00e4ne unsch\u00e4dlich machen. Auch gegen schlechten Journalismus oder politische Schlagseite in der Einordnung k\u00f6nnen Redaktionen deutlich leichter vorgehen als gegen Troll-Farmen in fernen L\u00e4ndern oder russische \u201einformation operations\u201c. Und dass viele B\u00fcrger*innen dies so klarsehen, sollte die ganze Sache erleichtern.<br \/><br \/>Einfach ist dies dennoch nicht. Denn der Reflex des klassischen Journalismus sitzt tief, Amtstr\u00e4ger*innen damit zu entzaubern, dass man sie beim Wort nimmt. Und die W\u00e4hler*innen haben nat\u00fcrlich ein Recht darauf zu erfahren, was f\u00fcr einen Bl\u00f6dsinn manch ein von ihnen gew\u00e4hlter Repr\u00e4sentant zumindest verbal verzapft. Gef\u00e4hrlich wird es allerdings, wenn der Faktencheck allzu viel Energien absorbiert. Redaktionen, die einen Gro\u00dfteil ihrer Zeit damit verbringen, die Aussagen von Politiker*innen zu \u00fcberpr\u00fcfen, werden nicht mehr gen\u00fcgend Ressourcen f\u00fcr eigene Recherchen haben. Statt selbst die Agenda zu setzen und Institutionen in Zugzwang zu setzen, sind sie Gejagte des nie versiegenden Zitate-Betriebs. Selbstbewusstes Weglassen kann also durchaus eine Strategie sein, um sich die Hoheit \u00fcber die Tagesordnung zur\u00fcckzuerobern.<br \/><br \/>Was all das nicht hei\u00dft: Facebook und andere soziale Netzwerke aus der Verantwortung zu entlassen. So wie auch die traditionellen Medien haben es die Plattformen in der Hand, sch\u00e4dliche Inhalte nicht oder zumindest nur mit geringer Priorit\u00e4t weiterzuverbreiten. Im Fall von Covid-19 geh\u00f6ren dazu zum Beispiel von Politiker*innen proklamierte Therapien, die wom\u00f6glich lebensgef\u00e4hrlich sind. Der Fakten-Check sollte bei den Plattform-Konzernen zum Standard-Repertoire geh\u00f6ren. Und mit der Hoheit \u00fcber Algorithmen haben sie einen kraftvollen Hebel in der Hand, der Redaktionen so nicht zur Verf\u00fcgung steht. <br \/><br \/>B\u00fcrger*innen sind mehr denn je aufgerufen, nicht alles zu glauben, skurrile Aussagen selbst zu \u00fcberpr\u00fcfen. Eine solche generell skeptischere Grundhaltung tut der Gesellschaft nicht immer gut, auch die Medien leiden unter dem gestiegenen Misstrauen Institutionen gegen\u00fcber. Aber es geh\u00f6rt zum Erwachsensein, Verantwortung daf\u00fcr zu \u00fcbernehmen, welchen Informationen man folgt. In dem Fall hat die junge Generation der \u00e4lteren \u00fcbrigens etwas voraus. Junge Leute sitzen <a href=\"https:\/\/medium.com\/whither-news\/the-kids-are-alright-grandpas-the-problem-c99a0891e22d\">Studien zufolge<\/a> deutlich seltener Falschinformationen auf als ihre Eltern und Gro\u00dfeltern, weil sie im Zweifel eher mal googeln. Auch das sollte in der Debatte Hoffnung machen.<\/p>\n<p>Dieser <a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/djf-kolumne-von-wegen-troll-farmen-fake-news-sind-ein-problem-aber-anders-als-viele-denken\">Text erschien im Newsletter<\/a> des Digital Journalism Fellowship der Hamburg Media School am 9. Oktober 2020<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gef\u00e4lschte Videos, fingierte Posts, L\u00fcgengeschichten und das alles massenhaft verbreitet von Bots \u00fcber soziale Netzwerke: \u201eFake News\u201c werden h\u00e4ufig als \u00e4hnlich ansteckend beschrieben wie das Corona-Virus. So hatte die Weltgesundheitsorganisation die \u201eInfodemic\u201c lange vor der Pandemie ausgerufen. Am 2. Februar war das, weltweit gab es damals noch nicht einmal 15.000 best\u00e4tigte F\u00e4lle von Covid-19. 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