{"id":893,"date":"2020-10-23T13:58:02","date_gmt":"2020-10-23T11:58:02","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=893"},"modified":"2020-10-23T13:58:02","modified_gmt":"2020-10-23T11:58:02","slug":"business-first-oder-ego-first-was-der-schlagabtausch-zwischen-dem-spiegel-und-gabor-steingart-ueber-journalismus-lehrt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/business-first-oder-ego-first-was-der-schlagabtausch-zwischen-dem-spiegel-und-gabor-steingart-ueber-journalismus-lehrt\/","title":{"rendered":"Business first oder Ego first? Was der Schlagabtausch zwischen dem &#8222;Spiegel&#8220; und Gabor Steingart \u00fcber Journalismus lehrt"},"content":{"rendered":"\n<p>F\u00fcr Brancheninsider*innen scheint es eine Art Fest zu sein, denn so manch einer hat mit der einen oder der anderen Seite noch eine Rechnung offen, der Rest der Welt hingegen mag davon kaum etwas mitbekommen: der Kleinkrieg zwischen Media Pioneer-Kapit\u00e4n Gabor Steingart und seinem ehemaligen Heimathafen Der Spiegel. Hatten die Parteien ihre Scharm\u00fctzel bislang eher in den sozialen Netzwerken und \u00fcber ein paar Mediendienste ausgetragen, bewegten sie sich in der vergangenen Woche auf eine neue Eskalationsstufe. Der Spiegel hatte im typischen Duktus Steingarts Integrit\u00e4t und unternehmerisches Werk <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/unternehmen\/gabor-steingart-die-unbequeme-wahrheit-ueber-den-ex-handelsblatt-herausgeber-a-00000000-0002-0001-0000-000173444529\">in Frage gestellt<\/a>, Steingart mit einem Artikel \u201e<a href=\"https:\/\/www.thepioneer.de\/originals\/steingarts-morning-briefing\/articles\/maerchenstunde-mit-dem-spiegel\">M\u00e4rchenstunde mit dem Spiegel<\/a>\u201c zur\u00fcckgeschlagen. Von ungew\u00f6hnlich scharfer Tonlage spricht der <a href=\"https:\/\/kress.de\/mail\/news\/detail\/beitrag\/146060-heftiger-streit-zwischen-steingart-und-dem-spiegel.html?utm_source=kress_News_kressexpress&amp;utm_campaign=bea661164b-EMAIL_CAMPAIGN_2020_10_12_09_54&amp;utm_medium=email&amp;utm_term=0_03e80e36e4-bea661164b-95194361\">Kressreport<\/a><br \/>in einem hastig aus Tweets von Dritten und Zitaten zusammengezimmerten St\u00fcck. <br \/><br \/>An dieser Stelle soll es aber weder um verletzte Gef\u00fchle noch die \u00dcberpr\u00fcfung von Fakten in Sachen Media Pioneer gehen, sondern vielmehr um ein Problem des deutschen Journalismus: Sein (prominentes) F\u00fchrungspersonal besch\u00e4ftigt sich unglaublich gerne mit sich selbst. Das w\u00e4re unterhaltsam anzusehen, w\u00fcrde es nicht dem Journalismus als solchem schaden. Denn das Publikum, vor allem das j\u00fcngere, hat solche Ego-Schlachten satt. Und das \u00e4ltere ist ihnen m\u00fcde geworden.<br \/><br \/>In der alten Medienwelt war Polarisierung noch aufregend. Man suchte danach in den Zeitungen und Magazinen. Der Spiegel hatte Geschichten von gefallenen Helden schon immer im Repertoire, in den 1990ern kamen die Wirtschaftsmedien hinzu. Daumen hoch oder Daumen runter, Sieger oder Verlierer, Machtk\u00e4mpfe allerorten \u2013 man personalisierte komplexe Themen und punktete damit beim Publikum. Damals klappte das gut. Heute wird man von Kommentaren und Urteilen angeschrien, sobald man sein Mobiltelefon \u00f6ffnet. Die Welt hat sich weiterentwickelt. Viel Journalismus hingegen ist in den 1990ern stehengeblieben. <br \/><br \/>Am Beispiel Covid-19 oder der Klimakrise zeigt sich, dass die Gegenwart zu komplex ist f\u00fcr Geschichten in Schwarz oder Wei\u00df. Statt von Held*in und gefallenen Held*innen ist sie bev\u00f6lkert von einigerma\u00dfen Ratlosen, die sich im schnellen Wandel der Dinge vorantasten und dabei Orientierung suchen. Im Kern der digitalen Transformation stehen nicht Antworten, sondern die Erkenntnis, dass nur ewiges Fragen, Ausprobieren und Lernen weiterf\u00fchrt. F\u00fcr ewig siegesgewisse und ebenso oft verletzte Egos ist deshalb immer weniger Platz. <br \/><br \/>Gerade das junge Publikum kann mit Journalismus nichts anfangen, dessen gr\u00f6\u00dfter Verdienst es ist, andere in den Senkel zu stellen. Zu negativ, zu verletzend und unfair \u2013 und zu wenig hilfreich f\u00fcr das eigene Leben, urteilten sie in <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/sites\/default\/files\/2019-08\/FlamingoxREUTERS-Report-Full-KG-V28.pdf\">einer der wenigen Studien<\/a>, die sich qualitativ mit dem Medienkonsum junger Menschen befassen. Aber auch \u00e4ltere Semester wenden sich von Medien ab, wenn sie nur schlechte Laune verbreiten und beim Konsumenten ein Gef\u00fchl der Ohnmacht ausl\u00f6sen. Sie konsumieren solche St\u00fccke zwar zum Zeitvertreib, zahlen aber eher nicht daf\u00fcr. Entertainment gibt es schlie\u00dflich \u00fcberall umsonst.<br \/><br \/>Auch aus diesem Grund haben sich Institutionen wie das <a href=\"https:\/\/constructiveinstitute.org\/\">Constructive Institute<\/a> oder das <a href=\"https:\/\/www.solutionsjournalism.org\/\">Solutions Journalism Network<\/a><br \/>gebildet. Beiden ist gemein, dass sie sich eher mit denen besch\u00e4ftigen, die L\u00f6sungen suchen als mit denen, die sich \u00fcber L\u00f6sungssucher*innen lustig machen. Man mag \u00fcber Gabor Steingart als Mensch, \u00fcber seinen journalistischen und F\u00fchrungs-Stil denken, was man mag. Aber als Unternehmensgr\u00fcnder geh\u00f6rt er zu den L\u00f6sungssuchern. Der Journalismus braucht Entrepreneure, die neue Gesch\u00e4ftsmodelle ausprobieren, wo die Alten scheitern oder an ihre Grenzen sto\u00dfen. Davon profitieren letztlich alle Medienh\u00e4user. Denn wenn die B\u00fcrger*innen Journalismus erst einmal f\u00fcr verzichtbar halten, ist keinem einzigen der alten Platzhirsche geholfen. Der Konkurrent sitzt heute nicht mehr im anderen Verlagsgeb\u00e4ude. Er greift an in Gestalt der schieren Anzahl von Angeboten, die um die Aufmerksamkeit des Publikums buhlen. Gerade in den kleineren H\u00e4usern wird dies oft besser verstanden. Wo weniger Glanz ist, geht es \u00f6fter ums Gesch\u00e4ft. Kund*innen wollen interessiert, begeistert und gebunden werden \u2013 es ist genug zu tun. Wo es an Zeit f\u00fcr Machtk\u00e4mpfe mangelt, geht es oft erstaunlich konstruktiv voran.<\/p>\n<p><em>Dieser Text erschien im <a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/djf-kolumne-business-first-oder-ego-first-was-der-schlagabtausch-zwischen-dem-spiegel-und-gabor-steingart-ueber-journalismus-lehrt\">Newsletter des Digital Journalism Fellowship<\/a> der Hamburg Media School am 15. Oktober 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr Brancheninsider*innen scheint es eine Art Fest zu sein, denn so manch einer hat mit der einen oder der anderen Seite noch eine Rechnung offen, der Rest der Welt hingegen mag davon kaum etwas mitbekommen: der Kleinkrieg zwischen Media Pioneer-Kapit\u00e4n Gabor Steingart und seinem ehemaligen Heimathafen Der Spiegel. 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