{"id":895,"date":"2020-10-23T14:29:49","date_gmt":"2020-10-23T12:29:49","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=895"},"modified":"2020-10-23T14:29:49","modified_gmt":"2020-10-23T12:29:49","slug":"der-weltweite-medientreff-twitter-ist-eine-blase-kann-man-sie-ignorieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/der-weltweite-medientreff-twitter-ist-eine-blase-kann-man-sie-ignorieren\/","title":{"rendered":"Der weltweite Medientreff Twitter ist eine Blase &#8211; Kann man sie ignorieren?"},"content":{"rendered":"\n<p>Wer als Journalist*in seine\/ihre eigene Branche verstehen will, kommt ohne Twitter kaum aus. Das soziale Netzwerk ist ohne Zweifel der weltweit gr\u00f6\u00dfte Medientreff. Diejenigen, die das t\u00e4gliche Gesch\u00e4ft bestreiten, treffen dort auf die anderen, die sich aus wissenschaftlicher Perspektive mit Kommunikation besch\u00e4ftigen. Und praktischerweise tummelt sich dort auch allerlei Top-Personal aus anderen Branchen, denen es auf die Vermittlung von Inhalten und Botschaften ankommt: Politiker*innen, Autor*innen, Wissenschaftler*innen mit Publikationsdrang und all deren Gefolgsleute. Aber wie repr\u00e4sentativ ist das Bild \u00fcber die gesellschaftliche Debatte, das dort entsteht?<br \/><br \/>Ein Aufenthalt in anderen Sph\u00e4ren tut zuweilen gut, um Selbstbild mit Fremdbild abzugleichen. Eine Konferenz zum Beispiel, die sich an keine der genannten Berufsgruppen richtet, ist ein guter Test. Nach vollendeter Keynote spendet das Publikum Applaus, aber keinen einzigen Tweet. F\u00fcr die Journalistin f\u00fchlt sich das an, als sei sie gar nicht aufgetreten. Und dann gibt es noch die Stipendiaten-Gruppe, hochbegabte Naturwissenschaftler*innen und Ingenieur*innen, mit denen man einen ganzen Tag lang \u00fcber Journalismus und die Medien debattiert. Ob denn Twitter f\u00fcr Journalisten wichtig sei, fragt ein Teilnehmer, man fragt zur\u00fcck: \u201eWer von euch ist auf Twitter?\u201c Eine Hand erhebt sich z\u00f6gernd und auf halbe H\u00f6he. Ah, willkommen in der anderen Welt, ist das wom\u00f6glich die echte?<br \/><br \/>Twitter ist wichtig f\u00fcr die meinungsbildende Elite. Aber wer Journalismus f\u00fcr ein allgemeines Publikum macht und nicht nur f\u00fcr seine Bezugsgruppe, sollte sich so einen Realit\u00e4tstest schon dann und wann einmal g\u00f6nnen. Denn viele \u201enormale\u201c Menschen kommen mit Twitter allein dadurch in Ber\u00fchrung, dass Journalist*innen \u00fcber die Tweets von Prominenten berichten, ob Politiker, K\u00fcnstlerin oder bedeutungssuchender Denker sei dahingestellt. Selbst die Tweets von US-Pr\u00e4sident Trump bekommen erst dann Reichweite, wenn Massenmedien sie aufgreifen, erst k\u00fcrzlich wieder hat dies eine <a href=\"https:\/\/cyber.harvard.edu\/publication\/2020\/Mail-in-Voter-Fraud-Disinformation-2020\">Harvard-Studie<\/a><br \/>belegt. Au\u00dferdem ist Twitter eine Heavy-User Plattform. So sind zum Beispiel in den USA <a href=\"https:\/\/www.pewresearch.org\/internet\/2019\/04\/24\/sizing-up-twitter-users\/\">zehn Prozent der Nutzer f\u00fcr 80 Prozent aller Tweets verantwortlich<\/a>. <br \/><br \/>All das sollten sich Redaktionen in Erinnerung rufen, wenn sie mit Shitstorms konfrontiert sind \u2013 ein Wort \u00fcbrigens, das man im englischen Sprachraum besser nicht nutzen sollte, es wird dort eher w\u00f6rtlich verstanden. Mit einem solchen, vor allem auf Twitter ausgetragenen Protest sah sich in der vergangenen Woche die S\u00fcddeutsche Zeitung konfrontiert. Einer ihrer Musik-Kritiker hatte sich k\u00fcrzlich den Star-Pianisten Igor Levit vorgenommen, der nicht nur ein hochbegabter Klavierspieler, sondern auch so etwas wie ein Star-Twitterer ist. Um die Geschichte zusammenzufassen: Der Kritiker war nicht begeistert von Levit, und die Mehrheit der \u00fcber den Text Tweetenden nicht vom Kritiker und auch nicht von der SZ, die dem Kritiker Raum gegeben hatte. <br \/><br \/>Nun hatten die Kritiker des Kritikers allen Grund, den Text im Allgemeinen und einige seiner Formulierungen <a href=\"https:\/\/www.br-klassik.de\/aktuell\/news-kritik\/kommentare-diskussion-zu-kritik-an-pianist-igor-levit-twitter-100.html\">anzugreifen<\/a>. Es war ein schlechter Text, der vermischte, was nicht zusammengeh\u00f6rt, und schlimmer: selbst bei wohlwollender Betrachtung antisemitisch. Die SZ-Chefredaktion hat sich deshalb nach einer ersten Stellungnahme, die sich eher vor den Autor stellte, bei Levit und ihren Leserinnen und Lesern wortreich entschuldigt, und die Kolumnistin <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/igor-levit-carolin-emcke-1.5087289\">Carolin Emcke mit einer Analyse<\/a> nachlegen lassen, die etwa doppelt so lang und in der Zeitung deutlich prominenter platziert war als das Ursprungsst\u00fcck. <br \/><br \/>Nur Insider wissen, was letztlich den Ausschlag f\u00fcr diesen Meinungsumschwung gegeben hat. Waren es die nicht verstummenden Tweets, Abo-K\u00fcndigungen, Levit selbst, oder war es der Unmut der Redaktion \u00fcber den Beitrag? Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt jedenfalls nutzte die Chance, um den M\u00fcnchner Kolleg*innen von Berlin aus zuzurufen: \u201e<a href=\"https:\/\/www.welt.de\/debatte\/plus218268352\/Ulf-Poschardt-Wer-Journalismus-betreibt-sollte-nicht-beim-ersten-Shitstorm-einknicken.html\">Wer Journalismus betreibt, sollte nicht beim ersten Shitstorm einknicken<\/a>.\u201c <br \/><br \/>Nimmt man diese \u00dcberschrift w\u00f6rtlich, hat er recht. F\u00fchrungskr\u00e4fte sollten ihre Mitarbeiter*innen zun\u00e4chst einmal vor Angriffen aus den sozialen Netzwerken sch\u00fctzen, statt sie der Masse zum Fra\u00df vorzuwerfen. Ein wichtiger Grund ist, dass die Twitter-Emp\u00f6rung etwas mit der allgemeinen Stimmungslage zu tun haben kann aber keinesfalls muss. Zudem richten sich unpopul\u00e4re Meinungen oft gegen die allgemeine Stimmungslage, was sie nicht automatisch unwichtig macht. In diesem Sinne w\u00e4re ein schnelles Nachgeben das von Poschardt beschriebene Einknicken. Au\u00dferdem hei\u00dft Journalismus, dass jemand einen solchen Text beauftragt, gegengelesen und damit die Verantwortung daf\u00fcr \u00fcbernommen hat. Und dieser Jemand handelt im Auftrag der Chefredaktion. Distanzieren sich Chefredakteur*innen derart klar von ihren Mitarbeiter*innen, wirkt das ein wenig so, als erkl\u00e4rten VW-Top-Manager, sie h\u00e4tten mit dem Abgas-Skandal nichts zu tun. Wobei man auf die Entschuldigung aus dem VW-Vorstand bis heute wartet. <br \/><br \/>Twitter komplett zu ignorieren, ist aber auch keine gute Idee. Immerhin ist das Netzwerk ein von \u00fcberdurchschnittlich gebildeten Menschen genutztes Stimmungsbarometer. Es empfiehlt sich also, die Debatte dort zu verfolgen und zu analysieren, bevor man sie mit \u201eschon wieder so ein Shitstorm\u201c abtut. Wenn der Ton stimmt und Argumente statt Polemik den Unmut pr\u00e4gen, ist es richtig und wichtig zu reagieren. <br \/><br \/>Starke Medienmarken verf\u00fcgen \u00fcber Meinungsmacht, Reichweite und den Anspruch an journalistische Qualit\u00e4t. Man kann von ihnen Sorgfalt bei der Publikation eines Artikels erwarten. Wurde diese Sorgfalt vernachl\u00e4ssigt, sind Konsequenzen n\u00f6tig, wom\u00f6glich auch eine Entschuldigung. Bei der New York Times musste ein Ressortleiter seinen Posten r\u00e4umen, nachdem zweimal in Folge Gastbeitr\u00e4ge erschienen waren, die er angeblich nicht gelesen hatte.<br \/><br \/>Auch wenn sich Chefredakteur*innen anderer Medien daran belustigen: Es geh\u00f6rt manchmal mehr R\u00fcckgrat dazu, aus Fehlern zu lernen, als stur auf seinem Kurs zu beharren. Allerdings sollte dies transparent geschehen, gut begr\u00fcndet werden, und die F\u00fcrsorgepflicht gegen\u00fcber dem Autor oder der Autorin muss gewahrt bleiben.<br \/><br \/>Im Fall der SZ d\u00fcrfte nicht Twitter den Ausschlag gegeben haben, sondern die Verletzung von Igor Levit selbst, der sich in einem zunehmend belastenden Klima des Antisemitismus in Deutschland behaupten muss. Eine Entschuldigung h\u00e4tte er auch ohne Emp\u00f6rungswelle verdient gehabt.<\/p>\n<p><em>Dieser Text erschien im <a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/djf-kolumne-der-weltweite-medientreff-twitter-ist-eine-blase-kann-man-sie-ignorieren\">Newsletter des Digital Journalism Fellowship<\/a> der Hamburg Media School am 23. Oktober 2020.<\/em><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer als Journalist*in seine\/ihre eigene Branche verstehen will, kommt ohne Twitter kaum aus. Das soziale Netzwerk ist ohne Zweifel der weltweit gr\u00f6\u00dfte Medientreff. 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