{"id":923,"date":"2020-11-13T17:41:29","date_gmt":"2020-11-13T16:41:29","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=923"},"modified":"2020-11-13T17:58:25","modified_gmt":"2020-11-13T16:58:25","slug":"america-first-oder-america-alone-warum-nicht-jeder-medien-trend-ueber-den-atlantik-schwappt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/america-first-oder-america-alone-warum-nicht-jeder-medien-trend-ueber-den-atlantik-schwappt\/","title":{"rendered":"&#8222;America first&#8220; oder &#8222;America alone&#8220;? Warum nicht jeder Medien-Trend \u00fcber den Atlantik schwappt"},"content":{"rendered":"\n<p>In Deutschland neigt man dazu, Entwicklungen und Experten aus den USA mit einiger Ehrfurcht zu begegnen \u2013 ein gewisser, mancherorts herrschender Anti-Amerikanismus ist lediglich die Kehrseite davon. Das Silicon Valley gilt vielen noch immer als Hort der Innovation, Universit\u00e4ten wie Harvard, Stanford oder Princeton als erste Adressen f\u00fcr den Nachwuchs der Mittelschicht, und die popul\u00e4ren Literat*innen der amerikanischen Ostk\u00fcste als Vorbilder daf\u00fcr, wie Literatur zu klingen hat, wenn sie Tiefgang und, man k\u00f6nnte sagen, Nutzerfreundlichkeit vereinigen soll. Seit den Exporterfolgen von Coca Cola, Rockmusik und Facebook dominiert zudem die latente Erwartung, dass das, was \u201eda dr\u00fcben\u201c passiert, irgendwann in einer Art Zwangsl\u00e4ufigkeit \u00fcber den Atlantik schwappen wird. <br \/><br \/>Das gilt auch f\u00fcr die deutsche Medienbranche. Der Deutschland-affine Jeff Jarvis, Professor an der City University New York (CUNY), wird schon mal zu F\u00fchrungskr\u00e4fte-Events deutscher Verlage eingeladen, die sich damit international geben wollen. Und auf dem \u201eJournalism Summit\u201c bei den Medientagen M\u00fcnchen darf Jay Rosen, Professor der New York University, den Journalismus einst, jetzt und in Zukunft erkl\u00e4ren. Das ist gut, weil man den neuesten Ausw\u00fcchsen der Branchenkrise am besten vorbereitet begegnet. Allerdings sieht diese Krise in den USA dann doch einigerma\u00dfen anders aus als diesseits des Ozeans \u2013 zum Gl\u00fcck.<br \/><br \/>Wahr ist, dass die Dominanz der Plattform-Konzerne mit ihren gnadenlos nach kommerziellen Kriterien optimierenden Algorithmen Medienh\u00e4user und Redaktionen weltweit vor sehr \u00e4hnliche Herausforderungen stellt. Auf der einen Seite verlieren sie Werbeeinnahmen, auf der anderen m\u00fcssen sie sich die einst hoheitliche Beziehung zu ihrem Publikum neu erobern, was manchen weniger gut, anderen gar nicht mehr gelingt. Wahr ist aber auch, dass die Medienkrise in den USA deutlich st\u00e4rkere Schneisen in die Landschaft schl\u00e4gt als anderswo. Der Begriff \u201e<a href=\"https:\/\/www.usnewsdeserts.com\/\">News Deserts<\/a>\u201c wurde dort erfunden, und dort geh\u00f6rt er auch hin. <br \/><br \/>News Deserts, das sind Orte oder ganze Landstriche, in denen es keinerlei lokale Versorgung mit Journalismus mehr gibt, weil die einzige Lokalzeitung dichtgemacht hat. Und \u2013 hier der erste entscheidende Unterschied \u2013 weil es in den USA keinen dem europ\u00e4ischen Modell vergleichbaren fl\u00e4chendeckenden \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt, der den Auftrag hat, die Bev\u00f6lkerung in der Fl\u00e4che mit journalistischen Angeboten zu versorgen. <br \/><br \/>Wo es keine Lokalzeitung mehr gibt, so ist es vielf\u00e4ltig belegt, findet keine publizistische Kontrolle von Institutionen mehr statt, weniger Menschen gehen oder stellen sich zur Wahl, die \u00f6ffentlichen Finanzen laufen eher aus dem Ruder als anderswo. In den meisten europ\u00e4ischen L\u00e4ndern versuchen mindestens wackere Lokalreporter \u00f6ffentlich-rechtlicher Anstalten, die B\u00fcrger*innen auf dem Laufenden zu halten und ihnen eine Stimme zu geben. Dort, wo es diese von Regierungsinteressen einigerma\u00dfen unabh\u00e4ngigen Sender gibt, ist die Gefahr deutlich geringer, dass Einwohner*innen ganzer Landstriche allein auf Facebook oder WhatsApp-Gruppen ausweichen m\u00fcssen, um Informationen aus ihrem Umfeld zu ergattern \u2013 mit all den Folgen, die das haben kann. <br \/><br \/>Eine zweite amerikanische Besonderheit, die es in der Breite eher nicht nach Europa schaffen wird, ist die bedingungslose Unterwerfung der Medienbranche unter die Gesetze des Kapitalismus. Wo zum Beispiel der Hedge Fonds <a href=\"https:\/\/www.vanityfair.com\/news\/2020\/02\/hedge-fund-vampire-alden-global-capital-that-bleeds-newspapers-dry-has-chicago-tribune-by-the-throat\">Alden Global Capital w\u00fctet<\/a>, bleibt oft nicht mehr viel \u00fcbrig von Branchengr\u00f6\u00dfen, deren Redaktionen einst Pulitzer-Preise sammelten. Die Liste der Verlagsh\u00e4user ist lang, deren Belegschaften nach Hause geschickt und deren Assets ausgepresst wurden, bis nur noch H\u00fcllen \u00fcbrigblieben. Der amerikanischen Demokratie hat dies mit Sicherheit nicht gen\u00fctzt. Um wenigstens den Journalismus zu retten, streicht derzeit ein Medium nach dem anderen die Zahl der Wochentage zusammen, an denen noch eine Zeitung aus Papier erscheint. Wie in dieser Woche bekannt wurde, werden zum Beispiel <a href=\"https:\/\/www.cachevalleydaily.com\/news\/archive\/2020\/10\/28\/both-newspapers-in-utahs-capital-to-cease-daily-publication\/#.X5nfly1oQ_U\">beide Zeitungen in Salt Lake City<\/a> k\u00fcnftig nur noch einmal statt siebenmal in der Woche erscheinen. <br \/><br \/>In Deutschland und anderswo in Europa hingegen gibt es kaum Anzeichen f\u00fcr einen \u00e4hnlichen Exodus. Immer noch existieren hier reichlich Verleger-Familien, die zwar auch harte Einschnitte verantworten aber gleichzeitig den Ehrgeiz haben, ihre H\u00e4user in eine digitale Zukunft zu f\u00fchren. Margen, die l\u00e4ngst nichts mehr mit den Gewinnen vergangener Jahrzehnte zu tun haben, nehmen sie dabei in Kauf. Das eine oder andere Haus mag sich wom\u00f6glich irgendwann darauf beschr\u00e4nken, nur noch eine Wochenend-Ausgabe zu drucken, wenn die Leser*innen sich unter der Woche vornehmlich digital versorgen. Aber dieses Irgendwann liegt bei den meisten noch in fernerer Zukunft \u2013 und bis dahin wird man das Publikum hoffentlich dazu erzogen haben, in ausreichendem Ma\u00dfe zu App, Website, E-Paper oder Newslettern zu greifen. Die Grabesreden aus den USA d\u00fcrften den Handlungsdruck erh\u00f6hen, aber noch gleichen viele Verlagsh\u00e4user eher Patient*innen mit chronischen Wehwehchen statt solchen auf der Intensivstation. <br \/><br \/>Das ist nicht immer von Vorteil. Denn manchmal braucht man Not, um Helfer*innen zu rekrutieren. Und das klappt in den USA deutlich besser als hierzulande. Stiftungen wie die Lenfest oder die Knight Foundation unterst\u00fctzen Journalismus mit hunderten Millionen, \u00e4hnliches tun Milliard\u00e4re wie Craig Newmark, der zum Beispiel die Journalistenschule der CUNY finanziert oder Amazon-Gr\u00fcnder Jeff Bezos, der sich 2013 die <em>Washington Post<\/em> als Experimentierfeld einverleibt hat und sich nun offenbar auch f\u00fcr CNN interessiert. In Deutschland dagegen lassen solche am Fortbestand der vierten Gewalt interessierten Investoren auf sich warten. <br \/><br \/>Ironischerweise hat das zur Folge, dass die F\u00f6rderung von Ausbildung und Innovation im Journalismus hierzulande vor allem zwei amerikanischen Konzernen \u00fcberlassen wird: Google und Facebook, letzterer Konzern finanziert zum Beispiel auch das Digital Journalism Fellowship der Hamburg Media School. Anders als in den USA, wo es eine Vielfalt von Unterst\u00fctzer*innen mit gut gef\u00fcllten Taschen gibt, ist in diesen Breiten eine Finanzierungs-Monokultur entstanden, \u00fcber die ungern laut geredet wird. Nicht wenige Verlagsh\u00e4user \u00fcben sich in dem Spagat, die Plattform-Konzerne auf der Meinungsseite zwar zu gei\u00dfeln, aber im Gesch\u00e4ftsalltag dennoch zuzugreifen, wenn es um die Unterst\u00fctzung von Innovationsprojekten geht. Die Journalisten Alexander Fanta und Ingo Dachwitz haben in der vergangenen Woche <a href=\"https:\/\/www.otto-brenner-stiftung.de\/wissenschaftsportal\/informationsseiten-zu-studien\/medienmaezen-google\/\">eine Studie dazu ver\u00f6ffentlicht<\/a>, wie sehr die deutsche Medienlandschaft mittlerweile von der Google-News-Initiative abh\u00e4ngt. (Transparenz-Hinweis: Die Autorin dieses Textes profitiert selbst ma\u00dfgeblich von Auftr\u00e4gen und Institutionen, hinter denen als Geldgeber sowohl Google als auch Facebook stehen.)<br \/><br \/>Die deutsche Medienbranche ist also eng mit amerikanischen Interessen verwoben, und dies nicht nur, weil der US-Finanzinvestor KKR knapp unter 50 Prozent der Anteile am Medienkonzern Axel Springer h\u00e4lt. Der deutsche Journalismus allerdings muss sich vor dem amerikanischen keinesfalls verstecken. Eine global agierende Medienmarke wie die <em>New York Times<\/em>\u00a0oder ein Innovations-Power-Haus wie die <em>Washington Post<\/em> gibt es hierzulande nicht. Wohl aber so viele Redaktionen in der Fl\u00e4che, dass wirkliche News Deserts wohl kaum entstehen werden. In manchen Dingen ist Amerika tats\u00e4chlich schneller, gr\u00f6\u00dfer, st\u00e4rker als andere. In anderen jedoch einfach nur anders \u2013 oder weit hinterher.<\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/djf-kolumne-america-first-oder-america-alone-warum-nicht-jeder-branchentrend-ueber-den-atlantik-schwappt\">Dieser Text<\/a> erschien im Newsletter des Digital Journalism Fellowship an der Hamburg Media School am 29. Oktober 2020.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Deutschland neigt man dazu, Entwicklungen und Experten aus den USA mit einiger Ehrfurcht zu begegnen \u2013 ein gewisser, mancherorts herrschender Anti-Amerikanismus ist lediglich die Kehrseite davon. 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