{"id":925,"date":"2020-11-13T18:05:59","date_gmt":"2020-11-13T17:05:59","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=925"},"modified":"2020-11-13T18:05:59","modified_gmt":"2020-11-13T17:05:59","slug":"er-hats-doch-gesagt-auch-zitate-sind-fakten-aber-wie-damit-umgehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/er-hats-doch-gesagt-auch-zitate-sind-fakten-aber-wie-damit-umgehen\/","title":{"rendered":"&#8222;Er hat&#8217;s doch gesagt!&#8220; Auch Zitate sind Fakten, aber wie damit umgehen?"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"blog-content\">\n<p>Es war ein Moment zum Luftanhalten, als sich US-Pr\u00e4sident Donald Trump im November 2020 inmitten der Wahl vor laufenden Kameras zum Sieger erkl\u00e4rte. \u201eFrankly, we did win this election\u201c, sagte er <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=NsI3jcgiIhA\">in einer Ansprache<\/a> im Wei\u00dfen Haus, die vor falschen Behauptungen nur so strotzte. Wer freie, gleiche und geheime Wahlen als vornehmste Disziplin der Demokratie wertsch\u00e4tzt, kann das Video der Rede nur mit M\u00fche ertragen. Klar ist, in so einem Fall m\u00fcssen Journalist*innen berichten. Das ist ein Zitat f\u00fcr die Geschichtsb\u00fccher, gerade weil es das best\u00e4tigt, was man schon seit etwa vier Jahren wei\u00df, n\u00e4mlich dass sich Trumps Respekt f\u00fcr den demokratischen Prozess nur wenig \u00fcber der Nulllinie bewegt. Hat es aber deshalb eine Eilmeldung verdient? Nicht wirklich, denn in der Hitze der Nacht k\u00f6nnte so manch einer die ohne Kontext auf dem Sperrbildschirm zitierte Behauptung als Tatsache gelesen haben. <br \/><br \/>Immerhin waren die gro\u00dfen amerikanischen Sender dieses Mal vorbereitet und auf der Hut. Sie unterbrachen ihre Live-Schalten und <a href=\"https:\/\/edition.cnn.com\/2020\/11\/04\/media\/tv-networks-trump-speech-election-night\/index.html\">kl\u00e4rten ihr Publikum dar\u00fcber auf<\/a>, dass die Wahl keinesfalls schon entschieden sei. \u201eLassen Sie uns offen sein: Das ist das Theater autorit\u00e4rer Regimes\u201c, sagte ABC-Reporter Terry Moran. Und selbst der dem Pr\u00e4sidenten nahestehende Sender Fox News r\u00fcckte seine Behauptungen gerade. Der Pr\u00e4sident habe hier ein Streichholz in eine leicht entflammbare Situation geworfen, sagte deren Moderator Chris Wallace. Die vielfach gescholtenen sozialen Netzwerke Twitter und Facebook <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/us-news\/2020\/nov\/04\/facebook-and-twitter-emergency-trump-false-victory-claims\">versahen entsprechende Tweets mit dem Hinweis, hier sei noch alles offen<\/a>. <br \/><br \/>Journalist*innen lernen dazu, aber es f\u00e4llt ihnen immer noch schwer, mit einem Pr\u00e4sidenten umzugehen, der mit den Medien zu spielen versucht wie auf einem Klavier. Seine Taktik ist so durchschaubar wie schwer zu fassen: Erstens diskreditiert er die Branche als Ganzes, um das Vertrauen in die vierte Gewalt als Institution zu untergraben. Zweitens produziert er Berge an Inhalten, die es \u00fcber die Reizschwelle der Aufmerksamkeits-\u00d6konomie schaffen und setzt damit die Agenda. Redaktionen verwenden eine Menge Ressourcen darauf, \u00fcber entsprechende Tweets zu berichten und Behauptungen auf ihren Wahrheitsgehalt zu \u00fcberpr\u00fcfen. Drittens geht es ihm um Dauerpr\u00e4senz in den Medien. Schon im Wahlkampf 2016 war es Trump gelungen, um ein Mehrfaches so h\u00e4ufig in Bild, Text und Tonspur zu erscheinen, wie seine Mitbewerberin Hillary Clinton. Als Amtsinhaber flog ihm das Interesse naturgem\u00e4\u00df zu. <br \/><br \/>Mit dieser Taktik suggeriert Trump seinen Anh\u00e4ngern Aktivit\u00e4t, Virilit\u00e4t und Kampfgeist \u2013 all das, was sie an ihm sch\u00e4tzen. Dazu geh\u00f6rt sein Hang zum Bruch mit Regeln und Konventionen. Klar ist, dass 2020 mehr Menschen f\u00fcr Trump gestimmt haben als vor vier Jahren, nicht trotz sondern wegen seiner Rhetorik und Strategie. In der Aufmerksamkeits-\u00d6konomie ist Reichweite die wichtigste W\u00e4hrung.<br \/><br \/>Wie sollen Medien also mit Behauptungen umgehen, die ungeheuerlich sind, aber aus dem Mund, der Feder oder Tastatur von Entscheidern kommen? Journalist*innen werden oft zu Lautsprechern von Politiker*innen. \u201eEr hat gesagt, \u2026 sie hat gesagt\u201c ist nicht nur die st\u00e4ndige Begleitmusik von politischer Berichterstattung, sondern oft auch ihr Kern. \u201eEr hat\u2019s doch gesagt!\u201c ist die Rechtfertigung daf\u00fcr. Dahinter steckt die Idee, dass man das politische Personal an seinen Worten messen und in gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher Transparenz zeigen m\u00f6chte, mit wem es die W\u00e4hler zu tun haben. In dem Fall betrachten Reporter*innen Aussagen als Fakten, die man in ihrem Kontext verstehen muss: Jemand Bedeutendes hat etwas ge\u00e4u\u00dfert, das sagt etwas \u00fcber ihn oder sie aus. Wom\u00f6glich tr\u00e4gt es zur Entzauberung bei. Reporter*innen haben dabei oft ein gutes Gef\u00fchl. Kommen sie doch damit ihrer Verpflichtung nach, m\u00f6glichst neutral zu berichten.<br \/><br \/>Kritisch ist aber, dass solche Aussagen nicht neutral nebeneinander stehen bleiben wie Flaschen in einem Regal, aus dem sich jeder nach seinem Geschmack bedienen kann. Denn je lauter und reichweitenst\u00e4rker sie verbreitet werden, desto h\u00f6her ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie das Geschehen an sich beeinflussen. Siegestrunkenes Gebrabbel nach Schlie\u00dfung der Wahllokale mag keine W\u00e4hlerstimme mehr wenden, aber m\u00f6glicherweise ein paar Menschen dazu motivieren, sich den proklamierten Sieg auch \u201ezu holen\u201c, notfalls mit Gewalt. Je \u00f6fter eine Kandidatin im Bild erscheint, desto \u201enormaler\u201c und w\u00e4hlbarer wird sie, auch wenn sie kein Programm hat. Und je mehr Falsches ein Kandidat auf der Tonspur verbreitet, umso gr\u00f6\u00dfer ist der Abstumpfungseffekt. Redet jemand viel Bl\u00f6dsinn, werden wom\u00f6glich noch jene Aussagen hervorgehoben, in denen \u201eer jetzt wirklich mal Recht hat\u201c. <br \/><br \/>Es ist deshalb sehr wohl entscheidend, dar\u00fcber zu reflektieren, wann man wem welche Aufmerksamkeit zuteilwerden l\u00e4sst. Schlie\u00dflich werden Falschbehauptungen von Politiker*innen \u00fcblicherweise erst von traditionellen Medien in der Fl\u00e4che verbreitet, auch wenn sie dort dann richtiggestellt werden. Anders als oft angenommen, beeinflussen sie den Diskurs in der Breite noch immer deutlich st\u00e4rker als soziale Netzwerke. Redaktionen sollten deshalb deutlich mehr dar\u00fcber berichten, was tats\u00e4chlich geschehen ist, als dar\u00fcber, was jemand gesagt oder angek\u00fcndigt hat. Jedes journalistische Ressort tut gut daran zu \u00fcberpr\u00fcfen, ob in seinen Produkten die entsprechende Balance stimmt. Das ist selten der Fall, denn Zitate aufzulesen ist billig, Recherche ist teuer. Aber Lautsprecher findet das Publikum meist auch anderswo, Recherchen seltener.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog-content\">\n<div class=\"blog-bottom\"><em><a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/djf-kolumne-er-hats-doch-gesagt-auch-zitate-sind-fakten-aber-wie-geht-man-damit-um\">Dieser Text<\/a> erschien im Newsletter des Digital Journalism Fellowship an der Hamburg Media School am 6. November 2020.<\/em><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war ein Moment zum Luftanhalten, als sich US-Pr\u00e4sident Donald Trump im November 2020 inmitten der Wahl vor laufenden Kameras zum Sieger erkl\u00e4rte. \u201eFrankly, we did win this election\u201c, sagte er in einer Ansprache im Wei\u00dfen Haus, die vor falschen Behauptungen nur so strotzte. 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