{"id":927,"date":"2020-11-13T18:13:50","date_gmt":"2020-11-13T17:13:50","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=927"},"modified":"2020-11-13T18:13:51","modified_gmt":"2020-11-13T17:13:51","slug":"zukunft-oder-doch-nur-trend-warum-der-konstruktive-journalismus-beides-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/zukunft-oder-doch-nur-trend-warum-der-konstruktive-journalismus-beides-ist\/","title":{"rendered":"Zukunft oder doch nur Trend? Warum der Konstruktive Journalismus beides ist"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"blog-content\">\n<p>Die Digitalisierung hat Journalist*innen verspielt gemacht. Richtete sich die Entscheidung zwischen Text, Ton, Bild oder Film fr\u00fcher danach, wo man dereinst seinen Arbeitsvertrag unterschrieben hatte, haben neue Ger\u00e4te und Plattformen Redaktionen zu Spielwiesen gemacht, auf denen man schon mal die Orientierung verlieren kann. Soll Journalismus k\u00fcnftig \u00fcberall so aussehen wie <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/projects\/2012\/snow-fall\/index.html#\/?part=tunnel-creek\">Snowfall<\/a>? (Nein, soll er nicht.) Und wird diese Podcast-Obsession das Angebot wirklich grundst\u00fcrzend ver\u00e4ndern? Oder ist der Hang zur nackten Tonspur auch nur eine Mode, die sp\u00e4testens dann vergeht, wenn jeder seine paar Lieblings-Teile gefunden hat? \u00c4hnliches kann man sich beim Constructive Journalism oder Solutions Journalism fragen, \u00fcber den pl\u00f6tzlich so viele in der Branche reden, wenn sie nicht mehr weiterwissen. Ist das Trend, oder bleibt das da?<br \/><br \/>Eine m\u00f6gliche Antwort auf diese Frage w\u00e4re: Wenn konstruktiver Journalismus mehr ist als ein Trend, wird sich das darin zeigen, dass er verschwindet. Denn erst dann, wenn journalistische Werke und Produkte grunds\u00e4tzlich davon beseelt sind, Wege aus Krisen, Auswege aus Sackgassen und L\u00f6sungen f\u00fcr Probleme auszuarbeiten, haben sie ihr Qualit\u00e4tsversprechen eingel\u00f6st. Ziel des konstruktiven Journalismus muss es also sein, das gesamte Feld zu durchdringen und sich damit als Genre \u00fcberfl\u00fcssig zu machen. Auf dem diesj\u00e4hrigen <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/nachrichten\/info\/Constructive-Journalism-Day-Geschichten-die-Loesungen-zeigen,constructivejournalism134.html\">Constructive Journalism Day<\/a> von NDR Info und Hamburg Media School lie\u00df sich das aus den Beitr\u00e4gen der Teilnehmer*innen zumindest so herauslesen.<br \/><br \/>Die Gr\u00fcnder*innen des <a href=\"https:\/\/constructiveinstitute.org\/\">Constructive Institute<\/a> in Aarhus und des \u00e4hnlich wirkenden <a href=\"https:\/\/www.solutionsjournalism.org\/\">Solutions Journalism Network<\/a> in New York k\u00f6nnen das vermutlich abwarten. Derzeit profitieren sie jedenfalls von dem Run auf ihre Ratschl\u00e4ge. Immerhin fragen sich Journalist*innen aus aller Welt, wie man der Atemlosigkeit des Nachrichtengesch\u00e4fts mit ihren Eilmeldungen und dem Info-Overkill etwas entgegensetzen kann, das beim Publikum mehr ausl\u00f6st als schlechte Laune, Ohnmachtsgef\u00fchle und Fluchtinstinkte. Und die Flucht findet statt: So gibt jede*r dritte Nutzer*in von digitalen Medien an, Nachrichten zum Teil bewusst und manchmal auch dauerhaft aus dem Weg zu gehen, wie aus dem <a href=\"http:\/\/digitalnewsreport.org\/\">Digital News Report<\/a> hervorgeht. Die Tendenz ist steigend, vor allem immer in den L\u00e4ndern, in denen die politischen Verwerfungen besonders gro\u00df sind. <br \/><br \/>Manche Redaktionen lassen sich von der Tatsache t\u00e4uschen, dass die Nutzer*innen besonders h\u00e4ufig auf jene Geschichten klicken, in denen es knallt, kracht und raucht. Allerdings ist der Effekt \u00e4hnlich dem beim Zuckerkonsum: Der Blutzuckerspiegel steigt schnell, man m\u00f6chte mehr, aber zufrieden ist man noch lange nicht. Diejenigen St\u00fccke, f\u00fcr die Nutzer*innen bereit sind, ein Abo abzuschlie\u00dfen, sind eher die mit N\u00e4hrwert. Sie bieten neben Schwarz und Wei\u00df auch andere Farben. <br \/><br \/>Nun geht es beim Konstruktiven Journalismus, mit gro\u00dfem K, keineswegs darum, k\u00fcnstlich gute Laune \u2013 oder noch schlimmer: Langeweile \u2013 zu produzieren. Besonders Kolleg*innen vom investigativen Fach f\u00fchlen sich vom neuen Hype zuweilen angegriffen. Sie lesen daraus die Kritik, sie w\u00fcrden das Gegenteil von Rosinenpicken betreiben, sich n\u00e4mlich stets nur aufs Schlechte in der Welt konzentrieren. Wahr ist aber, harte Rechercheur*innen sind wichtig wie eh und je. Jede Probleml\u00f6sung f\u00e4ngt schlie\u00dflich mit einem anst\u00e4ndigen Problem an. Und Missst\u00e4nde aufzudecken, ist nach wie vor die Job-Beschreibung von Reporter*innen. Aber das Problem darf eben tats\u00e4chlich nur am Anfang stehen. Bastian Berber, bekennender konstruktiver Journalist und f\u00fcr seinen Podcast <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/nachrichten\/info\/podcast4576.html\">\u201e180 Grad: Geschichten gegen den Hass\u201c<\/a>ausgezeichnet, beschreibt das so: Journalismus sei oft gut darin, die Vergangenheit und die Gegenwart abzubilden, nur mit der Zukunft klappe das manchmal nicht so richtig. Konstruktiver Journalismus sei eben der n\u00e4chste Schritt, er zeige die Perspektive auf.<br \/><br \/>Nina Fasciaux, Europachefin vom <a href=\"https:\/\/www.solutionsjournalism.org\/\">Solutions Journalism Network<\/a>, sieht investigativen Journalismus und Solutions Journalism deshalb auch nicht als Gegensatz. Beide erg\u00e4nzten sich. Allerdings gehe der l\u00f6sungsorientierte Journalismus auch an die Problemdefinition etwas anders heran. Als Beispiel nennt sie eine Redaktion in einer s\u00fcdfranz\u00f6sischen Kleinstadt, die ihre Kolleg*innen regelm\u00e4\u00dfig wetten lasse, welches Thema die Menschen gerade am meisten bewege. Fragten sie dann ihr Publikum, komme stets heraus: Die Redakteur*innen lagen mal wieder falsch. Die Lektion: Was die Chefredakteur*innen beeindruckt, l\u00e4sst die Nutzer*in wom\u00f6glich kalt. Ernst machen mit \u201eAudience first\u201c hei\u00dft eben automatisch, konstruktiver zu werden.<br \/><br \/>Eine traurige Wahrheit f\u00fcr den Journalismus ist: Wer sein Weltbild nur aus den Medien bezieht, h\u00e4lt den Menschen eher f\u00fcr schlecht, die Menschheit gar f\u00fcr unverbesserlich. Wer sich dagegen auf eigene Erfahrungen und Daten st\u00fctzt, bekommt \u00fcberwiegend ein anderes Bild. Gegen schlechte Laune hilft es zum Beispiel zuweilen, sich die Langzeit-Statistiken von <a href=\"http:\/\/ourworldindata.org\/\">Ourworldindata.org<\/a> anzuschauen. Aus den Datenwerken des vom deutschen \u00d6konomen Max Roser in Oxford geleiteten Projekts wird schnell deutlich: Die Welt ist heute weniger gef\u00e4hrlich und weniger ungerecht als noch vor Jahrzehnten, viele gro\u00dfe Probleme wurden, wenn nicht ganz gel\u00f6st, so doch recht erfolgreich bek\u00e4mpft. Man k\u00f6nnte auch sagen, die Menschheit an sich ist konstruktiv. Der Journalismus w\u00e4re gut beraten, dem zu folgen.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog-content\">\n<div class=\"blog-bottom\"><em><a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/djf-kolumne-zukunft-oder-doch-nur-trend-warum-der-konstruktive-journalismus-beides-ist\">Dieser Text<\/a> erschien im Newsletter des Digital Journalism Fellowship an der Hamburg Media School am 12. November 2020.<\/em><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Digitalisierung hat Journalist*innen verspielt gemacht. 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