Die CEO der Holtzbrinck Media, Andrea Wasmuth, gehört zu den mächtigsten Medienmanager:innen Deutschlands. Intern wird sie hoch geschätzt. Anders als viele ihrer Kollegen tritt sie dagegen öffentlich kaum in Erscheinung. Umso mehr hat es mich gefreut, dass ich ihr am 9. September 2026 im Auftrag von Next Media Hamburg den Scoop Award Transformative Managerin verleihen durfte, der erstmals vergeben wurde. Aus diesem Anlass wurde ich auch um einen Impuls dazu gebeten, was gutes Medienmanagement heute ausmacht. Mein Rede-Manuskript finden Sie hier (Foto: Francesca Amann):

Wenn Medienleute über Journalismus sprechen, wird es schnell pathetisch. Sie reden gerne darüber, wie wichtig es ist, den Mächtigen auf die Finger zu schauen, den weniger Mächtigen eine Stimme zu geben, wie zentral Journalismus ist für eine lebendige Demokratie.
Als jemand, der sich seit vielen Jahren an den Schnittstellen zwischen Journalismus, Management und Forschung bewegt, möchte ich heute ein Konzept in Erinnerung rufen, das nüchterner klingt. Es stammt von dem brillanten, leider viel zu früh verstorbenen Harvard-Professor Clayton Christensen. Es geht um den schlichten Ausdruck: „Jobs to be done“.
Christensen hat in seinem Werk „The Innovator’s Dilemma“ die Theorie der Disruption entwickelt. Das ist eine Erklärung dafür, warum bewährte Rezepte manchmal plötzlich nicht mehr funktionieren, wie man das erkennt, wie man darauf reagieren sollte und wie man vorausschauend agieren kann.
Die wichtigste Erkenntnis daraus ist: Man darf sich nicht allzu sehr in sein Produkt verlieben – in diesem Fall also in den Journalismus. Denn Menschen kaufen keine Produkte, argumentierte Christensen. Sie leben ihren Alltag, haben Bedürfnisse, und wollen diese erfüllt sehen. Unternehmen stelle sich deshalb die Aufgabe, die Bedürfnisse von Menschen zu erkunden und darauf Antworten zu finden. Antworten auf die Jobs, die man seinen Kunden schuldig ist – und natürlich jenen Kunden, die man erst gewinnen möchte. Antworten auf die „jobs to be done“.
Im Silicon Valley beherrscht man diesen Ansatz meisterhaft. Mache mir mein Leben bequemer, unterhaltsamer, löse meine Probleme. Bringe mich von hier nach dort, vertreibe mir die Zeit, hilf mir beim Einkaufen, bei der Partnersuche, dabei meine Traurigkeit zu bekämpfen. Von manchen Bedürfnissen ahnten wir Nutzenden noch nicht einmal, dass wir sie hatten.
Der Medienbranche war diese Denke lange fremd. Wir machen Qualitätsjournalismus tröstete man sich da, das ist unser Produkt. Und wer das nicht zu schätzen wisse, sei selbst schuld.
In Medienunternehmen sind es sehr oft die Managerinnen und Manager, die sich intensiver mit den „Jobs to be done“ beschäftigen als die Kollegen aus den Redaktionen – wenngleich das Konzept mittlerweile unter dem Label „user needs“ auch dort eingezogen ist. Denn es sind die Managerinnen und Manager, die daran gemessen werden, ob das, was Journalistinnen und Journalisten tagtäglich produzieren auch bei dessen Abnehmern ankommt. Das tut es noch zu oft nicht. Transformation wird gebraucht.
Am Anfang jeder Transformation steht die große Frage nach dem Warum. Darum: Das digitale Zeitalter mit seinen neuen Machtverhältnissen hat einige „jobs to be done“ massiv verändert. Überhaupt an Informationen zu kommen oder sie zu verbreiten, das war lange Zeit eine Herausforderung – für Journalisten, für diejenigen, die etwas zu sagen hatten, und für die Öffentlichkeit sowieso. Medien waren Gatekeeper.
Dann kamen die neuen Plattformen und mit ihnen die Daten. Heute gibt es Informationen und solche, die sich dafür ausgeben, überall. Man kann sich kaum davor schützen. Deshalb lassen sich Menschen das, was sie wissen wollen, zunehmend direkt vom KI-Chatbot servieren. Aus diesem Überangebot haben sich neue „Jobs zu be done“ entwickelt: Solche Medienmarken wachsen, die klug sortieren, einordnen, auch mal etwas weglassen und damit Vertrauen aufbauen. Die Masse macht es nicht mehr.
Weitgehend gleichgeblieben ist allerdings das Bedürfnis vieler Menschen, hinter allerlei Getöse Fakten zu erkennen. Auch wenn einem Wahlergebnisse derzeit einen anderen Eindruck vermitteln mögen: Menschen brauchen Fakten, um gute Entscheidungen für sich und ihre Lieben zu treffen. Manche nennen es Wahrheit. Und auf der Suche nach diesen Fakten binden sich Menschen gerne an Freundinnen oder Freunde, denen sie vertrauen. Auch Institutionen können so etwas sein wie Freunde.
Jede Transformation braucht ein Ziel. Und womöglich ist es das, was Medienmarken sein sollten: gute Freunde. Freunde, denen man vertraut, mit denen man gerne zusammen ist, die einem zuhören, statt nur über sich selbst zu reden. Freunde, die einem auch mal unbequeme Wahrheiten sagen können, die manchmal auch nerven, die jedoch da sind, wenn man sie braucht.
Aber Ansprüche an Freunde und Beziehungen wandeln sich mit dem gesellschaftlichen und technologischen Umfeld. Inmitten der Propaganda des Zweiten Weltkriegs zum Beispiel war einer dieser Freunde die BBC, man hörte sie heimlich. Später atmeten viele auf, als die Nüchternheit und journalistische Distanz großer Medienmarken zumindest im Westen signalisierten, dass es hier ausschließlich um Fakten gehe. Die Anziehungskraft der „Tagesschau“ als verlässlicher Freund hat es bis in die jungen Generationen geschafft – auch wenn die Kanäle heute andere sind und sogar ein bisschen Humor vorkommen darf.
Aber die Ansprüche wandeln sich weiter. Wer hinter jedem gestelzt formulierten Text KI-Slop vermutet, sehnt sich womöglich danach, echte Menschen und ihre Emotionen zu spüren. Wer sich vor sich selbst schämt, weil er oder sie das Smartphone nicht aus der Hand legen kann, freut sich über Begegnungen im richtigen Leben. Wer Aufgaben an KI-Agenten delegiert, möchte versichert bekommen, dass sich diese bei vertrauenswürdigen Quellen bedienen. Vertrauensvolle, loyale Beziehungen zu den Nutzenden aufzubauen, das gehört im KI-Zeitalter zu den wichtigsten Jobs, die Medienunternehmen haben. Der Job ist anspruchsvoll und erfordert eben das: Transformation – auf Deutsch: Wandel.
Managerinnen und Manager tun sich oft schwer mit Wandel. Das liegt in der Natur der Sache: Sie sind darin geübt, bestehende Prozesse effizienter zu machen, bestehende Kundenbedürfnisse besser zu bedienen. Clayton Christensen beschrieb das etwa so: Es liege nicht an schlechtem Management, wenn große und mächtige Unternehmen disruptive Angriffe neuer Wettbewerber verpassten, es liege an gutem Management. Gute Manager lernen, sich besonders intensiv um die Bedürfnisse ihrer zahlungskräftigsten Kunden zu kümmern. Sie sehen ihre Umsätze und Gewinne, nicht unbedingt die Potenziale draußen. Denn diese ernst zu nehmen, könnte erst einmal Geld kosten. Den Schwenk zur deutschen Autoindustrie erspare ich Ihnen jetzt.
Viele von uns haben solche Abwehrhaltungen erlebt: Man könne dies und das nicht machen, weil es das bestehende Geschäft kannibalisieren würde. Dies und das würde bestehende Kunden verprellen, dies und das entspreche nicht dem eigenen Qualitätsanspruch. Währenddessen übernehmen andere „dies und das“ – und punkten damit bei neuen Zielgruppen – und irgendwann auch bei denen, die man zuvor für loyale Kunden gehalten hatte.
Und damit nun zu Andrea Wasmuth, die heute hier den neuen Scoop Award Transformative Managerin bekommt. Andrea ist keine Abwehrspielerin, sie greift an. Das tut sie seit 20 Jahren. Aber anders als ein Harry Kane tut sie es ziemlich geräuschlos. Denn wer außerhalb der Branche weiß schon, dass sie mittlerweile zu den mächtigsten Medienmanager:innen Deutschlands gehört?
Zur Erinnerung: Seit sechs Jahren ist Andrea CEO der Handelsblatt Media Group. Im Januar 2025 wurde sie zusätzlich CEO der Dieter von Holtzbrinck Medien. Große, stolze Marken wie die „Die Zeit“ und der „Tagesspiegel“ erscheinen unter diesem Dach. Vor ein paar Monaten erst beauftragte Verleger Dieter von Holtzbrinck Andrea damit, das Mediengeschäft der gesamten Gruppe neu aufzustellen. Zum 1. Januar des kommenden Jahres wird aus den drei Medienhäusern die neue Holtzbrinck Media.
„Die Zukunft gehört denen, die sich in Bewegung gesetzt haben – auch im Journalismus“, das steht so auf der Website der Dieter von Holtzbrinck Medien. Sie gehört insbesondere auch Menschen wie Andrea, die dazu auch noch andere in Bewegung setzen.
In der Begründung der Jury heißt es: Als Geschäftsführerin der Handelsblatt Media Group habe Andrea Wasmuth deren Entwicklung zu einem modernen Medienunternehmen maßgeblich geprägt. Nun treibe sie darüber hinaus die strategische Weiterentwicklung einiger der bedeutendsten journalistischen Marken Deutschlands voran und setze damit wichtige Impulse für die Zukunft des Qualitätsjournalismus.
Anders gesagt: Andrea hat sich nicht begnügt mit dem Managen dessen, was in der Vergangenheit erfolgreich war. Sie hat es als ihren Job betrachtet, vorauszuahnen, was die Bedürfnisse ihrer vielfältigen Kunden sein könnten. Sie entwickelt eine Blaupause für die „Jobs to be done“. Sie selbst formuliert das so: „Die Zukunft des Journalismus wird dort entschieden, wo Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, Neues zu wagen und gemeinsam ein Medienhaus zu bauen, das journalistische Kompetenz, Technologie und Produktentwicklung konsequent zusammendenkt.“
In einer Zeit, in der etliche wieder meinen, man brauche charismatische Führungsfiguren, die klare Ansagen treffen, hat sie dies nicht mit großem Trara getan, sondern gemeinsam mit dem Eigentümer, den Führungskräften, den Mitarbeitenden. Sie habe eine Kultur des Vertrauens aufgebaut, sagte mir jemand, der eng mit ihr zusammenarbeitet. Man merke das auch daran, dass intern Offenheit herrsche, Bitten um Vertraulichkeit aber eingehalten werden. Ihr Erfolgsrezept: Sie schaffe es, dass Menschen sich gesehen fühlen.
Was also sind die Jobs, denen sich Manager und -Managerinnen in einem publizistischen Unternehmen stellen sollten, so wie Andrea das vorbildlich tut?
Als allererstes sind sie der Öffentlichkeit verpflichtet. Sie müssen ihre Unternehmen mit klaren journalistischen Werten steuern. Denn anders als in anderen Branchen sollte der entscheidende Maßstab für eine Medienmanagerin nicht der Profit sein, sondern der Beitrag ihres Hauses zu einer aufgeklärten Öffentlichkeit. Das ist nicht allein Sache der Chefredaktion.
Natürlich spielt auch Geld eine Rolle als Maßstab dafür, ob die Qualität stimmt. Die Eigentümer vergeben deshalb Job Nummer zwei: Sie wollen Wachstumsperspektiven sehen. Wenn die Managerin Glück hat, haben sie dabei nicht nur die Zahlen im Blick, sondern auch den eben genannten publizistischen Anspruch. Eine exzellente Medienmanagerin ist eine Überzeugungstäterin, die ihren Eigentümern klar kommunizieren kann, dass sich dieser Anspruch mit dem vereinbaren lässt, was unter dem Strich steht.
Das Job-Paket Nummer drei vergeben die zu führenden Teams. Als Managerin kann man nicht jeden zufrieden stellen. Aber man muss so viele Mitarbeitende wie möglich mitnehmen und ihnen Perspektiven aufzeigen, selbst wenn Veränderungen anstehen, die manch einen aus der Komfortzone reißen. Auch dabei hilft es, eine Überzeugungstäterin zu sein. Das beinhaltet übrigens auch, sich überzeugen zu lassen. Veränderungs-Management ist ein Team-Sport.
Den Job Nummer vier vergibt die Managerin selbst. Denn es geht auch darum, sich selbst zu führen. Das heißt, sich ausreichend Raum zu schaffen zum Reflektieren, zum Lernen, zum Zuhören. Dazu gehört, Grenzen setzen zu können. Veränderungs-Management ist nicht nur ein Team-Sport, sondern auch ein Ausdauer-Sport. Und Sportler wissen, dass es die Leistung schmälert, wenn man sich beim Training überlastet.
Managerin oder Manager sein heißt also, Überzeugungstäterin zu sein. Und zugleich ist es ein dienender Beruf. Gute Medienmanagerinnen und Manager dienen den Eigentümern, den Mitarbeitenden, sich selbst – allen voran aber der Öffentlichkeit. Sie stellen sich damit in den Dienst der Demokratie.
Liebe Andrea, der Scoop Award Transformative Managerin ehrt dich für deine Fähigkeit, den Wandel voranzutreiben. Und er ehrt dich damit auch als Demokratin.


