Wie Nutzwert im KI-Zeitalter seinen Wert behält

Eigentlich liegt das auf der Hand: Wenn Menschen – und sie tun es! – ChatGPT und Co. in allen Lebenslagen zurate ziehen, warum sollten Redaktionen dann noch in Nutzwert-Angebote investieren? Schließlich ist es relativ unwahrscheinlich, dass die KI-Tools ausgerechnet die jeweils eigene Geschichte als Quelle ausweisen. In der jährlichen Trends-Umfrage des Reuters Institutes gaben die befragten Medienführungskräfte folgerichtig an, in diesem Jahr sehr viel weniger in Service Journalismus und dafür mehr in zum Beispiel investigative Geschichten und Recherchen vor Ort zu investieren. Marie Gilot, Leiterin des Executive Education Programms an der Craig Newmark Graduate School of Journalism, formulierte es in ihrer diesjährigen Vorhersage für Harvards Nieman Lab prägnant: „Sorry, the explainer is dead“.

Ein bisschen traurig ist es schon. Seitdem Redaktionen Conversions messen, die Umwandlungsrate von Stücken in Abos, ist das Ansehen von mit Service Themen befassten Journalisten in der internen Hackordnung merklich gestiegen. Klar, sie sitzen nie im Regierungsflieger, aber ihre Geschichten tragen in der Regel mehr zur wirtschaftlichen Gesundheit des Unternehmens bei als das sorgsam ausgeleuchtete Zitat des Bundeskanzlers mit hohem „könnte, sollte, dürfte“ Gehalt. Service ist dabei ein dehnbarer Begriff: Was tun bei Heuschnupfen gehört genauso dazu wie Tipps zum Investment in ETFs oder zum Wiederbeleben in die Jahre gekommener Partnerschaften. Praktisch jeder, der die Zahlen kennt, wird zumindest für Letzteres bestätigen: Das Zeug konvertiert (weshalb sogar die FAZ ein beachtliches Angebot dazu einspeist). Und wenn Berater regelmäßig herunterbeten, Menschen zahlten nur für digitalen Journalismus, wenn er ihnen einen Mehrwert für ihr tägliches Leben biete, dann ist dies zwar keine originelle aber eine zutreffende Erkenntnis. Hier, voila, kommt Nutzwert groß raus. Und das soll nun vorbei sein? Wie blöd ist das denn.

Immer mit der Ruhe, möchte man intervenieren. Denn was perspektivisch stimmen mag, wird nicht morgen passieren. Wie für Social Media, deren Niedergang aus guten Gründen prognostiziert aber noch nicht materiell sichtbar ist – siehe Medieninsider-Kolumne vom November 2025, gilt auch für den Nutzwert-Journalismus: Die Welle wird sich noch eine Weile auskömmlich reiten lassen. Aber ein paar Dinge sollten Redaktionen dabei im Hinterkopf haben.

Nutzwert funktioniert zum Beispiel gut, wenn er mit persönlicher Expertise verbunden ist. Das zum Klassiker avancierte Frage-Antwort-Stück hingegen erledigt ChatGPT souverän. Nicht immer reflektieren Chatbots den neuesten Stand der Forschung, das gilt jedoch auch für Redakteure. Die preisgekrönte Wissenschaftsredakteurin oder der Paartherapeut mit 30 Jahren Erfahrung verkörpern aber etwas, das Chatbots derzeit noch nicht gegeben ist: Glaubwürdigkeit, Persönlichkeit, Authentizität. Sie bringen Nuancen in Recherche oder Interview, die ein auf glattpolierte, forsche Ansagen trainiertes Sprachmodell nicht liefern wird. Und entgegen allgemeinen Annahmen (Menschen bevorzugen klare Ansagen) spüren viele Nutzende instinktiv, dass allzu schematische Antworten den komplexen Themen des Lebens nicht gerecht werden. Perfektion macht misstrauisch. Glaubwürdigkeit und Vertrauen bilden sich oft gerade dann, wenn sich das Gegenüber auch Zweifel leistet und sich als Mensch offenbart. Genau deswegen folgen viele junge Medien-Konsumenten statt Marken lieber Menschen, denen sie meinen, vertrauen zu können.

Es empfiehlt sich Verlagen also, Personenmarken aufzubauen oder solche als Gesprächspartner zu rekrutieren. Wer jetzt meint, dringend und sofort mit ein paar jungen Influencern paktieren zu müssen, sollte kurz innehalten. Denn vielleicht hat man die eine oder den anderen potenziellen „Influencer“ schon im Haus. Waren in den ersten zwei Jahrzehnten der Digitalisierung Generalisten gefragt, die versiert und schnell am Bildschirm Inhalte basteln, optimieren und verbreiten konnten, steht nun das große Comeback der Experten an. In der personalisierten Medienwelt brillieren solche Kolleginnen und Kollegen, die Dinge schnell einordnen und auf ein großes Netzwerk zurückgreifen können. Gard Steiro, Chefredakteur und CEO der norwegischen Medienmarke VG (Verdens Gang), hatte das auf Wan-Ifras Newsroom Summit Ende 2025 so beschrieben: „Wir haben die Reporter, die wir in den 1990ern eingestellt haben, lange Zeit als nicht besonders effizient betrachtet. Mit KI sind sie wahrscheinlich die effizientesten Mitarbeitenden, die wir haben.“ Sie hätten Erfahrung, und es brauche Jahre, um Erfahrung aufzubauen.

Gleichzeitig hofft das Publikum, dass Anbieter, die mit ihren Gesichtern für etwas stehen, im Zweifel auch Verantwortung übernehmen. So lässt sich zum Beispiel der Erfolg von jungen Medienmarken erklären, die sich auf Finanzen spezialisiert haben. Wenn es um so wichtige Themen geht wie das eigene Geld, überzeugt es viele Nutzende offenbar mehr, wenn ihnen jemand Gründe für seine persönlichen Investment-Entscheidungen erklärt, als wenn Suchanfragen kalte Zahlenreihen auswerfen. Für rational-mathematisch orientierte Nutzende mag das nicht gelten, aber viele Menschen lassen sich eher von Emotionen leiten als von Rechnerei. Das Erfolgsrezept des freundlichen Finanzberaters funktioniert in der digitalen Welt eben ähnlich gut wie in der analogen. Obwohl im Zweifel in beiden Szenarien niemand Verantwortung übernimmt, der entledigen sich alle Anbieter im Kleingedruckten.    

Herausfordernd wird die KI-als-Service-Welt für Organisationen wie die Stiftung Warentest, deren Geschäftsmodell komplett auf nüchterner Expertise beruht. In die Produkttests fließt viel Geld; das Image der Marke hängt an Objektivität, nicht an sympathisch-persönlichen Auftritten. Gleichzeitig ist das Risiko besonders groß, dass KI-Modelle Inhalte abgreifen, ohne dass die Stiftung etwas davon hat. Und womöglich bauen die Chatbots auch noch Fehler ein. Kein Wunder, dass die Warentest-Juristen neuerdings besonders aktiv gegen all jene vorgehen, die sich bei den Ergebnissen der teuren Tests bedienen und damit selbst noch Geld verdienen wollen, zum Beispiel über Affiliate-Links.

Kein Unternehmen wird allerdings das Vertrauen seiner Nutzenden vor Gericht gewinnen. Auch wenn das nach Endlosschleife klingt: Im KI-Zeitalter geht es um direkte, loyale Beziehungen zu den Kunden. Und dazu gehört es, Emotionen zu wecken. Wissen und Fakten sind wichtig, denn auch Produktenttäuschungen zerstören Vertrauen. Aber Verbindungen brauchen chemische Prozesse. Kein Wunder, dass für viele Verlage Live-Journalismus das neue große Ding ist. Wer einmal auf einem (gelungenen) Event einer Marke war, wird ihr zumindest künftig mehr Sympathie entgegenbringen. Vielleicht kommt er ja bald: der Staubsauger-Test als Bühnen-Format.    

Diese Kolumne erschien bei Medieninsider am 11. Mai 2026. 

 

            

Zeitenwende: Wie Journalismus nun reagieren muss

Glaubte man an Verschwörungserzählungen, käme einem das vor, wie von langer Hand geplant: Von der einen Seite her diskreditieren Politiker im Dauerfeuer etablierte Medien und damit den unabhängigen Journalismus; von der anderen pushen Tech-Konzerne über entsprechende Plattformen und großzügige Förderung die „Creator Economy“. Das Prinzip „Teile und herrsche!“ lässt grüßen. Und plötzlich stehen beide Seiten einträchtig auf dem Balkon und grinsen hinab zu denjenigen, die den einen gewählt und den anderen ihre Daten überlassen haben. Mehr Symbolik als das Foto von den Tech-Jungs mit Trump bei dessen Amtseinführung im Januar 2025 geht kaum.

Ach, wenn es doch nur Symbolik wäre! Aber die neue amerikanische Regierung zeigt an allen Ecken und Enden, dass sie von Pressefreiheit (und demokratischer Gewaltenteilung generell) nichts hält. Journalisten der weltweit größten Nachrichtenagentur AP wird der Zugang zum Präsidenten verwehrt, weil sie den Golf von Mexiko nicht wie von ihm vorgeschrieben Golf von Amerika nennen. Sender und Regionalzeitungen werden für faktentreue Berichterstattung verklagt. Und gleichzeitig regeln die Plattform-Konzerne Facebook und X den Anteil der seriösen Nachrichten in den Newsfeeds ihrer Kunden herunter, Job erledigt.

Wer jetzt sagt, wir werden auch nach der Bundestagswahl nicht von Trump regiert, hat zwar faktisch Recht. Dennoch ist es allerhöchste Zeit, sich in den etablierten Redaktionen ein paar Gedanken mehr darüber zu machen, wie man die Loyalität seiner Nutzer in Zeiten des politischen Gegenwindes erhält und pflegt – und womöglich neue gewinnt. Denn die Anti-Medien-Erzählung und die Mechanismen der Plattform-Ökonomie mit ihren Aufmerksamkeits-Spiralen wirken auch hierzulande. Spätestens seit klar ist, dass kritisch-aufklärende Berichterstattung allein Menschen nicht davon abhält, Zersetzer der Demokratie zu unterstützen, muss sich vor allem der Politikjournalismus hier und dort ein paar unangenehme Fragen stellen, darunter jene: Hat man womöglich manch einen Kandidaten durch permanentes Scheinwerferlicht erst wählbar gemacht?

Auch der Journalismus in der Demokratie erlebt eine Zeitenwende. Und lange erprobte Praktiken eignen sich womöglich nicht mehr zur Bewältigung der Zukunft. Was also ließe sich tun? Zunächst könnten drei Strategien helfen:

Erstens, von Journalisten aus unfreien Regimen lernen. Was bringt es zum Beispiel, das präsidentielle Pressebriefing zu besuchen, wenn es den Veranstaltern nur um das Verbreiten ihrer Propaganda geht und kritische Journalisten-Fragen umgehend zu Waffen gemacht werden, die sich gegen die Fragesteller richten? Womöglich würde es wirken, blieben alle Kolleginnen und Kollegen, die etwas von Pressefreiheit halten, solchen Briefings und auch der Präsidentenmaschine fern, bis beispielsweise die AP-Kollegen wieder zugelassen werden. So wie es journalistische Arbeit manchmal verlangt, sich Menschen mit Einfluss von außen anzunähern und lediglich ihr Umfeld zu befragen, wenn sie partout nicht mit einem sprechen wollen, gibt es für Reporter auch und gerade jenseits offizieller Termine und Verlautbarungen ausreichend viel zu recherchieren.

Vor allem in Politikredaktionen herrscht eine bemerkenswerte Resistenz gegen den Wandel

Zu Beginn der ersten Amtszeit Donald Trumps vor exakt acht Jahren hatte das Reuters Institute dazu eine Umfrage unter Journalisten mit dem Titel „How to cover powerful people who lie“ gestartet. Mehr als 100 Kollegen aus aller Welt hatten mit Tipps beigetragen, die in einer immer noch brandaktuellen Liste der Do’s and Don’ts zusammengefasst sind. Dazu gehören, sich nicht vom endlosen Strom der Social-Media-Zitate ablenken lassen, den Geldströmen hinterherrecherchieren („Follow the money“)  – und zusammenhalten. Und für alle außerhalb der Medien gilt: Jeder kann sich für Pressefreiheit stark machen, vor allem Menschen mit Macht, Einfluss und öffentlicher Präsenz sind hier gefragt. 

Zweitens, das journalistische Angebot auf die Bedürfnisse der Nutzer ausrichten. In den etablierten Medien, vor allem deren Politikredaktionen, herrscht eine bemerkenswerte Resistenz gegen den Wandel. Obwohl man Nutzer langfristig binden will, feilt man am Clickbait-Journalismus, für den niemand ein Abo abschließt. Obwohl man um Nachrichtenmüdigkeit und -verweigerung weiß, springt man über jedes Stöckchen und setzt auf immer mehr News und diese möglichst schneller. Obwohl man vom tiefgründigen Journalismus, exzellentem Storytelling und investigativen Recherchen schwärmt, verlangt man seinen Leuten die schnelle Geschichte ab und bringt sie dazu, die Erstversion ChatGPT zu überlassen – wird schon keiner merken. Obwohl man Social Media in Sonntagsreden verachtet, zwingt man Politiker in TV-Duelle, die genau die gleichen Mechanismen bedienen wie knackige Posts. Und obwohl Lokaljournalismus fast überall und bei allen Altersgruppen zu den Top-Interessen gehört – ein Blick in den Digital News Report 2024 bietet sich an –, dünnt man Lokalredaktionen aus und setzt auf überregionale Inhalte, die schon heute jede KI-Suche zutage fördern kann. Ein Angebot, das den durchaus verschiedenen Bedürfnissen der Kunden entspricht, sieht sehr häufig sehr anders aus: es ist selektiver, konstruktiver und begegnet den Menschen, statt sie zu belehren. Medienhäuser täten gut daran, sich mehr mit Psychologie,  Verhaltensforschung und den Bedürfnissen ihrer Zielgruppen zu beschäftigen und ihre Produkte entsprechend zu gestalten. Der politische Journalismus muss sich als Dienstleistung für sein Publikum neu erfinden.                    

Manchmal fällt es einem schwer, die eigene Branche zu lieben

Drittens, unabhängige Medienmarken stärken – auch wenn es manchmal schwerfällt. Wer im Journalismus einen großen Namen und Unternehmergeist hat, für den mag es verlockend sein, vom Influencer-Trend zu profitieren. Das Vertrauen vor allem junger Menschen wandert eindeutig weg von Institutionen hin zu Individuen, die nahbarer, authentischer und irgendwie ehrlicher rüberkommen, als dies der traditionelle Journalismus tut. Dieser wiederum hat einiges dazu beigetragen. Erwartbare Inhalte, formelhafte Sprache, Clickbait, „Copy and Paste“-Nachrichten, „der hat gesagt, die hat gesagt“-Verlautbarungen – manchmal fällt es einem schwer, die eigene Branche zu lieben.

Viele Nutzer, die die Welt da draußen nur durch TikTok und YouTube erleben, wissen zudem nicht einmal mehr, was journalistische Prinzipien sind und was Pressefreiheit bedeutet. KI-Portale werden die Präsenz von zur Unabhängigkeit verpflichteten Quellen weiter zurückdrängen. Und diverse digitale Plattformen ermöglichen es Einzelkämpfern, sich dort ein loyales Publikum heranzuziehen. Einerseits erfrischt und beeindruckt das. Anderseits haben und hatten die Tech-Konzerne offenbar genau das im Sinn: Individuen lassen sich leichter korrumpieren oder einschüchtern als große Medienmarken mit der Macht vieler Reporter und ihren Rechtsabteilungen, die den Mächtigen recht lästig werden können. Die Konsequenz: Etablierte Marken können sich von Influencern abschauen, was sie so attraktiv macht und ihre eigenen Personenmarken aufbauen und binden, ohne journalistische Prinzipien aufzuweichen. Und reichweitenstarke Solo-Unternehmer mögen sich überlegen, ob sie nicht doch mit Marken kooperieren wollen, die für Pressefreiheit stehen. Die Demokratie wird es ihnen danken.  

Diese Kolumne erschien am 18. Februar bei Medieninsider. Um neue und frühere Kolumnen zu lesen, empfiehlt sich ein Abo dort.