Mehr Debatte war nie!

Angeblich schirmen uns die Algorithmen von allen Einflüssen ab, die unser Weltbild stören könnten. Doch so griffig die Metapher der Filterblase auch ist: Sie stimmt nicht.

Wenn es theoretische Konzepte in die Alltagssprache schaffen, freuen sich Akademiker*innen üblicherweise. Hat die Wissenschaft der Welt also doch etwas zu sagen, das jenseits des Hörsaals relevant ist.

In diese Kategorie gehören auch die Wörter Filterblase und Echokammer. Microsoft-Gründer Bill Gates hat davor ebenso gewarnt wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, und zuweilen wirft sie jemand auf einem Elternabend in die Diskussion: „Die Kids leben in ihrer Filterblase.“ Was frei übersetzt in etwa heißen soll: Die lesen nicht mal Zeitung.

Die Theorie klingt zumindest griffig: Angeblich schirmen uns Algorithmen im Internet von jeglichen Einflüssen ab, die unser Weltbild stören könnten. Die sozialen Netzwerke sind demnach schuld daran, dass wir diskurstechnisch in sauber getrennten Teichen nach den immer gleichen Argumenten fischen. Mit Inhalten, die uns überraschen oder Standpunkten, die unseren widersprechen könnten, kommen wir nicht mehr in Kontakt.

Das Konzept hat nur einen Schönheitsfehler: Es stimmt nicht. In Wahrheit weisen mehr Indizien auf das Gegenteil hin. Das Publikum informiert sich heute aus einer größeren Anzahl von Quellen als zu Zeiten, in denen die „Tagesschau“ oder die abonnierte Zeitung die einzige nachrichtliche Grundversorgung lieferten.

Zu diesem Ergebnis kommt etwa der „Digital News Report“. Dessen Autoren Richard Fletcher und Rasmus Kleis Nielsen untersuchen seit Jahren den weltweiten Informationskonsum. Ihr Fazit: „Jene, die Nachrichten über Suchmaschinen konsumieren, nutzen durchschnittlich mehr Quellen. Und die Wahrscheinlichkeit ist größer, dass sie politisch rechts- und linkslastige Quellen finden.“

Echokammern? Filterblasen? Fletcher und Nielsen widersprechen: „Suchmaschinen bringen Menschen mit Quellen in Kontakt, die sie sonst nicht genutzt hätten“, schrieben sie im vergangenen Jahr im Fachjournal „Digital Journalism“.

Zu schön, um falsch zu sein

Die Politikwissenschaftler Jan Philipp Rau und Sebastian Stier haben jüngst ebenfalls die Literatur gesichtet und herausgefunden, dass „die Furcht vor einer gesamtgesellschaftlichen Fragmentierung durch digitale Medien und einer damit verbundenen politischen Polarisierung empirisch nicht unterstützt wird“.

Man könnte also sogar sagen: So viel Debattenstoff war nie! Warum aber schwebt die Filterblase durch jede Diskussion zur digitalen Kommunikation, wenn man sie so leicht zum Platzen bringen kann?

Geprägt hat den Begriff der Internetaktivist Eli Pariser, der 2011 mit einem gleichnamigen Buch Furore machte. Darin wollte er darüber aufklären, „wie wir im Internet entmündigt werden“. Das klang offenbar zu schön, um nicht wahr zu sein.

Angesehene Theoretiker griffen das Konzept auf und entwickelten es weiter, zum Beispiel der Harvard-Jurist Cass Sunstein in „#Republic – Divided Democracy in the Age of Social Media“. In gewisser Weise teilt Pariser das Schicksal des Historikers Francis Fukuyama, der nach dem Fall des Eisernen Vorhangs das Ende der Geschichte prognostizierte: Ständig wird er mit etwas zitiert, was so nie eingetroffen ist. Dennoch gibt es gute Gründe dafür, warum die Filterblasen-Metapher so erfolgreich ist.

„Sie ist intuitiv, eingängig und spricht eine große Angst hinsichtlich des Einflusses von Algorithmen an“, sagt die Rechtswissenschaftlerin Natali Helberger von der Universität Amsterdam, „die Menschen fürchten sich davor, dass sie das Publikum segmentieren und polarisieren.“

Sie will sich über diese Sorge keineswegs lustig machen, im Gegenteil: „Aber angesichts einer vielfältigen Medienlandschaft und eines heterogenen Publikums ist das nicht die drängendste Sorge Europas.“

Richtig ist, dass die Algorithmen der sozialen Netzwerke oder Suchmaschinen bestimmte Inhalte mit höherer Wahrscheinlichkeit anzeigen: was Nutzer*innen vorher schon mal interessiert hat, was Freunde mögen, was besonders aufsehenerregend ist oder viele andere Menschen ebenfalls angeklickt haben. Falsch ist allerdings, dass die Technologie gar nichts anderes serviert und uns deshalb in der Sicherheit wiegt, alle anderen dächten so wie wir.

Verrohung der Gesellschaft

Trotzdem werden die sozialen Netzwerke und ihre vermeintlichen Filterblasen und Echokammern für die Verrohung der Gesellschaft, die Verdummung der Bürger*innen oder die Expansion des Populismus verantwortlich gemacht. Dahinter steckt die ebenso überhebliche wie realitätsferne Annahme, dass Menschen, die krudes Gedankengut verbreiten, zur Besinnung kommen, wenn sie die richtigen Argumente kennen.
Tatsache ist aber: Fakten beeinflussen uns weniger, als wir hoffen. Menschen, die sich mit ‧populistischem Gedankengut identifizieren, glauben ohnehin selten an Objektivität. Sie malen die Gesellschaft bewusst als ein „Wir gegen die“-Gemälde. Dazu suchen sie sich allerlei „Beweise“ zusammen, gerne aus verschiedenen Quellen.

Zum Beispiel hören sie „Staatsfunk“, wie sie öffentlich-rechtliche Sender gerne nennen – um ihn sodann zu verdammen. Menschen, nicht Suchmaschinen, treiben die Polarisierung voran. Es ist sogar erwiesen, dass sich Mediennutzer*innen noch weiter in extremen Positionen vergraben, wenn sie gegensätzlichen Meinungen ausgesetzt sind. Versucht man, die vermeintliche Filterblase aufzubrechen, reagieren sie darauf mit Abwehr.

Im Twitter-Zeitalter werden Fakten zur digitalen Kommunikation gerne ignoriert. Zunächst einmal hat es die vermeintlichen Filterblasen schon immer gegeben. Die abonnierte Tageszeitung oder der voreingestellte Radiosender sind und waren diesbezüglich effektiv. Man las die Beiträge seiner Lieblingsautoren und fühlte sich rundum gut informiert. Wozu woanders suchen?

Auch politische Polarisierung, Rassismus und Sexismus existierten, lange bevor sich die Bürger*innen über soziale Netzwerke gegenseitig darin bestärken konnten – zumal ältere Generationen gespaltener sind als jüngere. Das Brexit-Referendum in Großbritannien wurde in erster Linie von der Boulevardpresse angeheizt.

Wie eine Inhaltsanalyse der Berichterstattung von neun überregionalen britischen Tageszeitungen vor der Abstimmung ergab, sprachen sich von fast 2400 Artikeln 41 Prozent für einen Brexit aus. Demgegenüber waren 27 Prozent dafür, in der EU zu bleiben. Über Facebook schoben sich die Brexiteers allenfalls entsprechende Meldungen traditioneller Medien zu.

Bloß keine Panik

Der australische Kommunikationswissenschaftler Axel Bruns warnt deshalb vor „moralischer Panik“. Die permanente Diskussion um Filterblasen und Echokammern lenke von den wahren Ursachen politischer Polarisierung ab, sagte er vor einigen Monaten auf einer Konferenz: „Der Aufstieg von hyperparteiischen, populistischen und illiberalen ideologischen Agitatoren und Propagandisten an den Rändern des politischen Spektrums und die Ablehnung von demokratischen Prinzipien und Prozessen sind nicht in erster Linie ein Phänomen der Kommunikationstechnologien – sondern ein gesellschaftliches Problem.“

Zudem wird der Einfluss sozialer Netzwerke massiv überschätzt. Das liegt auch daran, dass die Journalist*innen selbst dort kräftig unterwegs sind – und sie geben nach wie vor den Ton an. Selbst wenn der amerikanische Präsident häufig über Twitter krakeelt, erreicht er dort bei Weitem nicht alle seine Anhänger*innen.

Tatsächlich ist die Reichweite gerade von Twitter vergleichsweise gering. Populist*innen beziehen ihre Neuigkeiten zudem überproportional aus dem Fernsehen, in den USA zum Beispiel über den Sender Fox News, in Deutschland über Privatsender wie RTL.

Auf Twitter hingegen tummeln sich vor allem Politiker*innen und Medienschaffende. Der unbeabsichtigte Effekt: Journalist*innen verschaffen so manchem Tweet erst Reichweite, weil sie ihn zur Story hochjazzen. Die Forschung hat ein ums andere Mal ergeben: In den sozialen Netzwerken beherrschen die traditionellen Medien die Debatte.

Was lässt sich nun gegen die Polarisierung tun? Zunächst einmal müssen alle Institutionen die Sorgen und Gefühle der Bürger*innen ernst nehmen: Ungleichheit und Ungerechtigkeit, der digitale Umbruch, der Klimawandel, Einwanderung – in all diesen Feldern warten Aufgaben. Es wird aber mehr daran gearbeitet, als es das große Blabla in den sozialen Netzwerken zuweilen vermuten lässt.

Im Koalitionstracker der „Süddeutschen Zeitung“ kann man zum Beispiel verfolgen, wie viele von 140 Versprechen aus dem Koalitionsvertrag schon umgesetzt wurden oder zumindest in Arbeit sind – tatsächlich eine ganze Menge. Auch ein Blick auf die Website ourworldindata.org lohnt sich für die Erkenntnis: Politik, Wirtschaft und Gesellschaft lösen tatsächlich echte Probleme der Menschheit, sie schaffen sie nicht nur.

Tatsächlich tragen die Medien viel zur gesellschaftlichen Grundstimmung bei. Der diesjährige „Digital News Report“ stellte dem Journalismus in dieser Hinsicht ein schlechtes Zeugnis aus. Nur 16 Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu, dass die Medien „den richtigen Ton“ treffen, weniger als ein Drittel fand die Themen relevant, über die berichtet wurde. Gerade mal jeder Zweite bescheinigte der Presse, die Nachrichten des Tages ausreichend zu erklären.

Allein bei der Vermittlung purer Informationen schnitten die Medien gut ab. Da geht also noch was. Vor allem gilt es, Formate zu entwickeln, die mehr Bürger*innen erreichen. Daran appelliert auch Natali Helberger. Sie sorge sich „um die digital Verletzlichen“ – jene Nutzer*innen, die wegen ihres Medienkonsums, ihrer Bildung, ihres sozialen Status und des Mangels an politischem Interesse von vielfältiger Information ausgeschlossen werden.

Die Medien haben schon immer Filterblasen produziert, und sie werden es auch weiter tun. In Wahrheit ist es heute bloß viel leichter, ihnen zu entkommen.

Dieser Text erschien in ada und Handelsblatt.com am 23. November 2019

Keine Angst vor Trollen: Fünf Gründe, warum das Internet noch zu retten ist

Manchmal sieht es so aus, als sei das Internet vom Werkzeug der Unterdrückten zum Instrument der Unterdrücker geworden. Aber es gibt Fakten, die Hoffnung machen. Trotz Trump, Fake-News und Troll-Fabriken bleibt das Internet ein Zukunftsversprechen. 

Für Inter­net-Opti­mis­ten hält ein neuer Report aus Oxford ver­stö­ren­den Lese­stoff parat: Schon mehr als ein Drittel aller Staats­re­gie­run­gen nutzt das Netz dazu, die eigene Bevöl­ke­rung mit Hilfe sozia­ler Netz­werke zu mani­pu­lie­ren, wie Saman­tha Brad­shaw und Philip Howard vom Oxford Inter­net Insti­tute in ihrer Studie „The Global Dis­in­for­ma­tion Order“ her­aus­ge­fun­den haben. Eine wach­sende Anzahl ver­breite online zudem nicht nur Pro­pa­ganda, sondern schüch­tere Kri­ti­ker ein, bringe Oppo­si­tio­nelle zum Schwei­gen und ver­letze gar Men­schen­rechte. Und die Freude an der digi­ta­len Kon­trolle nehme zu: Iden­ti­fi­zierte die Studie 2017 noch 28 solche Länder, waren es ein Jahr später schon 48, in diesem Jahr nun 70. Einige Staaten misch­ten sich zudem mit geziel­ten Kam­pa­gnen in Ange­le­gen­hei­ten anderer Länder ein, nament­lich China, Russ­land, Iran, Saudi Arabien, Vene­zuela, Paki­stan und Indien – immer­hin die größte Demo­kra­tie der Welt. Bevor­zugt griffen die Täter über Face­book an, so die For­scher. Man kann diese Infor­ma­tion Ope­ra­ti­ons – so das Fach­wort – auch Kriegs­füh­rung mit vir­tu­el­len Waffen nennen.

Lassen sich die Errun­gen­schaf­ten des demo­kra­ti­schen Zeit­al­ters bewah­ren?

Nun gibt es ja schon im Kleinen aus­rei­chend Pöbe­leien, Hass­rede und Lügen im Netz – neu­er­dings sogar mit rich­ter­li­cher Bil­li­gung. Die Grünen-Poli­ti­ke­rin Renate Künast musste sich im Sep­tem­ber vom Ber­li­ner Land­ge­richt erklä­ren lassen, dass sie es hin­zu­neh­men habe, „Schlampe“, „Drecks Fotze“ oder „Geis­tes­kranke“ genannt zu werden. Hinzu kommt gezielte Falsch­in­for­ma­tion, gemein­hin unter dem Begriff Fake News zusam­men­ge­fasst. Wenn all das auch noch staat­lich gelenkt und geför­dert mit immer bes­se­ren tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten geschieht, fällt Zuver­sicht schwer. Ist das Netz vom Werk­zeug der Unter­drück­ten zum Instru­ment der Unter­drü­cker gewor­den? Gepflegte Debatte, zuver­läs­sige Infor­ma­tion, Wahl­ent­schei­dun­gen ohne Mei­nungs­ma­ni­pu­la­tion – es scheint gar nicht so sicher zu sein, dass sich die Errun­gen­schaf­ten des demo­kra­ti­schen Zeit­al­ters bewah­ren lassen.

 

Und doch muss nun nicht jeder den Habeck machen und sich bei Face­book und Twitter abmel­den wie der Grünen-Chef, oder gar ein Ere­mi­ten-Leben planen wie der Inter­net-Aus­stei­ger in Dave Eggers‘ Inter­net-Dys­to­pie „The Circle“. Es gibt durch­aus einige Fakten, die Hoff­nung machen können:

Fake-News sel­te­ner als man denkt

Erstens, die Angst vor fal­scher Infor­ma­tion ist weitaus größer als die tat­säch­li­che Ver­brei­tung von Lügen und ver­dreh­ten Fakten. Das gilt zumin­dest für die hiesige poli­ti­sche Welt. Dies belegen Studien, unter anderem der Digital News Report des Reuters Insti­tute for the Study of Jour­na­lism. Zwar macht sich ein großer Teil des Publi­kums wegen des Themas Sorgen. Iro­ni­scher­weise tragen die Medien-Berichte über Troll-Fabri­ken und Infor­ma­ti­ons­ma­ni­pu­la­tion nicht unwe­sent­lich dazu bei. Aber nur ein kleiner Teil der Online-Nutzer bekommt tat­säch­lich erfun­dene Inhalte zu Gesicht, und ein noch klei­ne­rer ver­brei­tet sie weiter.

Junge Nutzer denken kri­tisch

Zwei­tens, die junge Genera­tion geht ver­ant­wor­tungs­be­wuss­ter mit dem Netz um als die ältere. Auch das belegen Studien. Während viele in der ana­lo­gen Welt sozia­li­sierte Online-Nutzer krude Dinge nicht hin­ter­fra­gen, weil diese schwarz auf weiß daher­kom­men, navi­gie­ren die Jungen mit gesun­der Skepsis durchs Netz. Die Pro­gramme zur Medi­en­bil­dung an den Schulen schei­nen zu wirken – dumm nur, dass es zu wenig sys­te­ma­ti­sche Auf­klä­rung für ältere Genera­tio­nen gibt.

Bürger sind lernfähig

Drit­tens, es emp­fiehlt sich, die Bürger nicht zu unter­schät­zen. Das Publi­kum ist lern­fä­hig. Viele online Nutzer haben sich bereits von Face­book abge­wandt, weil ihnen Kako­pho­nie, Unglaub­wür­dig­keit und Ver­wick­lung in Skan­dale wie Cam­bridge Ana­ly­tica zu viel gewor­den sind. Das gilt sowohl für Jugend­li­che im glo­ba­len Norden als auch für viele Nutzer in Ländern Afrikas und Süd­ost­asi­ens, bei denen Face­book als „Fake News Kanal“ gilt. Das heißt natür­lich nicht, dass der Face­book-Konzern an Macht ver­liert. Immer­hin gehören auch Insta­gram und Whats­app zum Impe­rium von Mark Zucker­berg.

Print-Zei­tun­gen machen Twitter groß

Vier­tens, Donald Trump regiert nicht über Twitter. Ent­ge­gen all­ge­mei­ner Annah­men infor­mie­ren sich die Anhän­ger von Popu­lis­ten deut­lich stärker über das Fern­se­hen als über soziale Medien, auch das belegt der Digital News Report. Im Netz hin­ge­gen suchen eher die­je­ni­gen nach Aus­kunft, die sich dif­fe­ren­zier­ter mit der Welt aus­ein­an­der­set­zen. Dennoch besitzt Twitter Durch­schlags­kraft. Vor allem, weil tra­di­tio­nelle Medien oder Sender wie Fox News die Reich­weite dras­ti­scher Tweets und Posts massiv erhöhen. Jour­na­lis­ten können also sehr viel für eine kon­struk­tive Debatte tun, wenn sie die Empö­rungs-Maschi­ne­rie nicht anhei­zen.

Ein bes­se­res Inter­net ist möglich

Fünf­tens, die digi­tale Welt ist nicht wie das Wetter, das man hin­neh­men muss. Sie lässt sich gestal­ten. Zum Glück wird dieser Tage in vielen natio­na­len und inter­na­tio­na­len Gremien bis hin zur UNESCO darüber debat­tiert, wie man mit den Ver­stär­ker-Effek­ten des Inter­nets umgehen soll. Dass die Algo­rith­men der Platt­for­men von mäch­ti­gen kom­mer­zi­el­len und staat­li­chen Inter­es­sen getrie­ben werden, macht es nicht leich­ter. Aber die Zusam­men­hänge sind vielen Akteu­ren klarer als vor zehn Jahren, und unter Demo­kra­ten ist der Wunsch groß, das Netz zu nutzen, um Mit­spra­che und Teil­habe zu ver­bes­sern. Die EU ist eine Bastion gewor­den, wenn es darum geht, die Bürger der Mit­glied­staa­ten gegen den Miss­brauch ihrer digi­ta­len Spuren zu ver­tei­di­gen. Und selbst Face­book inves­tiert in die unab­hän­gige Erfor­schung ethi­scher Fragen von künst­li­cher Intel­li­genz, auch wenn manch einer das kri­tisch sehen mag. Der Konzern aus dem Silicon Valley steckt 6,5 Mil­lio­nen Euro in ein ent­spre­chen­des Insti­tut an der TU München.

Natür­lich bleibt die Lage ernst. Vor allem dort, wo Popu­lis­ten sich des Netzes bedie­nen, brau­chen Kon­troll­in­stan­zen wie Gerichte und unab­hän­gige Medien Stär­kung, die Opfer von Atta­cken Schutz. Das ist dort ungleich schwie­ri­ger, wo Popu­lis­ten regie­ren. Aber eine starke Demo­kra­tie ist immer noch die beste Ver­si­che­rung gegen Miss­brauch im Netz. Und man sollte sich nicht beirren lassen: Die Anstän­di­gen, die fried­lich mit ihren Nach­barn zusam­men­le­ben wollen, sind bei genaue­rem Hin­se­hen meist in der Mehr­heit. Auch wenn sie von den Krach­ma­chern über­tönt werden.

Diese Kolumne erschien bei Zentrum Liberale Moderne am 29. Oktober 2019

Eine Frage der Macht – Was die Digitalisierung Frauen bringt

Es ist einfach, die Digitalisierung als Erfolgsgeschichte zu erzählen. Hält sie doch all dies bereit: unendliche Möglichkeiten, sich mit Menschen zu verbinden, sich die Welt zu erschließen, Probleme per Datenauswertung zu lösen, sich vielfältiger Mühen des Alltags zu entledigen und sich damit eine nie da gewesene Bequemlichkeit leisten zu können. Es ist ebenso einfach, die Digitalisierung als Geschichte der Bedrohung zu erzählen. Ermöglicht sie doch all das: allumfassende Überwachung, Fremdbestimmung durch Algorithmen, Ökonomisierung aller Lebensbereiche und damit einen nie da gewesenen Druck.

Ob die Digitalisierung einer Gruppe nutzt oder schadet, zum Beispiel Frauen, lässt sich deshalb kaum beantworten. Entscheidend ist, wie wir sie gestalten. Allerdings prägen ein paar Mechanismen die digitale Welt, die sich auf Männer und Frauen tatsächlich unterschiedlich auswirken. Zunächst ist da die komplette Ökonomisierung des Lebens. Was in der westlichen Digital-Debatte als Hyper-Kapitalismus kritisiert wird, kann für Menschen, die bislang nichts haben, ein Segen sein. Denn theoretisch kann sich jeder Bürger, der ein Smartphone besitzt, in den weltweiten Wirtschaftskreislauf einklinken, dort lernen, Waren und Dienstleistungen anbieten, verhandeln, Teams koordinieren, Geschäfte abwickeln.

 

In den Mittelschichten der entwickelten Länder fallen die Vorteile für Frauen geringer aus. Der sichere Arbeitsplatz verschwindet zunehmend zugunsten einer On-Demand-Wirtschaft, in der Leistung auf Abruf bestellt und pro Einheit bezahlt wird. Die Digitalisierung führt dazu, dass die Einkommen aus Arbeit sinken und die aus Kapital steigen. Frauen haben oft das Nachsehen, weil sie davon weniger besitzen und deutlich seltener Firmen gründen. Während viele stolz darauf sind, wie effizient sie als Arbeitsbienen der digitalen Welt Job und Familie vereinbaren, machen diejenigen das Geschäft, die als Unternehmer erfolgreich sind – überwiegend Männer.

Allerdings setzt der ebenfalls bestehende Zwang zur Individualisierung gerade Frauen unter Druck. Die Leistungs- und Vergleichskultur, die vor allem in den sozialen Medien gepflegt wird, macht speziell Mädchen zu schaffen. Einer neuen Studie zufolge leiden sie deshalb besonders häufig unter Depressionen.

Auch die Transparenz, die in den digitalen Netzwerken herrscht, nützt Frauen nicht nur. Klar, sie können sich gegenseitig stärken, Gleichgesinnte finden und ihr Netzwerk ausbauen. Manchmal kann eine Kampagne, die digital angestoßen wird, die Welt verändern. Aber in den digitalen Räumen herrscht eine Ellbogenkultur, die den Lautesten belohnt. Algorithmen setzen jene Beiträge in der Rangfolge an die Spitze, die besonders viele Klicks versprechen. Die also besonders kontrovers, witzig, gewalttätig oder auf andere Weise marktschreierisch sind – die Hingucker eben. Digitale Geschäftsmodelle belohnen Reichweite.

Auf Frauen prasseln in den sozialen Netzwerken außerdem deutlich häufiger Hasstiraden nieder als auf Männer. Die Öffentlichkeit macht sie verletzlich, und sie geraten leicht in die klassische Opferrolle.

Viele haben gehofft, dass Algorithmen zu mehr Gerechtigkeit in zahlreichen Sphären führen. Diese Rechenoperationen, so die Theorie, könnten zum Beispiel wichtige Prozesse wie Bewerbungsverfahren objektiver machen. Wenn eine Software Lebensläufe vorsortiert und nicht ein vorurteilsbeladener Manager, hätten es Bewerber, die nicht seinem Ideal entsprechen, erheblich leichter, in die Endrunde zu gelangen. Was dabei häufig vergessen wird: Algorithmen sind kondensierte Vergangenheit. Sie errechnen aus den verfügbaren Daten das ideale Ergebnis – wenn man sie nicht anders programmiert. Haben sich also bislang vor allem Männer auf einer bestimmten Position bewährt, wird die Software keine Frau vorschlagen. Es kommt darauf an, wie man den Algorithmus füttert.

Und hier liegt der Kern des Problems: Die digitale Welt wird weitgehend von Männern gestaltet. Sie bauen die Geschäftsmodelle der „Winner takes all“-Wirtschaft, die deshalb so genannt wird, weil sie wenige massiv belohnt. Sie programmieren Algorithmen, die von der Job- über die Immobilien- bis hin zur Partnersuche immer stärker die Lebenswege vieler Menschen bestimmen. Frauen hingegen kämpfen um Positionen in der Tech-Branche. Sie fühlen sich oft nicht gewollt, nicht ernst genommen. Die Zahl der Informatikerinnen war in den vergangenen Jahrzehnten zum Teil sogar rückläufig, weil es für Frauen schwierig ist, sich zwischen Nerds und Hipstern zu etablieren. Risikokapitalgeber bevorzugen männliche Firmengründer. Der Kreislauf setzt sich fort.

Die digitale Welt suggeriert nur allzu oft, dass es für alles einen bequemen Weg gibt. Ein paar Klicks, und schon ist man dabei. Ein paar Herzchen, Sternchen, Smileys, und alle sind wunschlos glücklich. Tatsächlich aber stellen sich knallharte Machtfragen. Und Macht wird bekanntlich selten frei Haus geliefert. Man muss sie sich erstreiten und dann auch nutzen, um damit zu gestalten.

Dieser Text ist erschienen in brand eins, Ausgabe 03/2019