Keine Angst vor Fake News! – Warum Desinformation real ist aber Information trotzdem gewinnen wird

Zum Glück ist das Publikum nicht so dumm, wie manch ein Politiker denkt. Mehr als 50 Regierungschefs und Staatspräsidenten hätten innerhalb von fünf Jahren den Begriff „Fake News“ genutzt, um Pressefreiheit einzuschränken, hatte der Herausgeber der New York Times, A.G. Sulzberger, 2019 in einer Rede vor Studierenden gewettert. Die Medien lügen, behaupten jene Regierenden, nur: Die Bürgerinnen und Bürger glauben ihnen nicht. 40 Prozent der Befragten im Digital News Report von 2020, der weltweit größten fortlaufenden Studie zum Medienkonsum, gaben stattdessen ihre Einschätzung zu Protokoll, dass Politiker den meisten Unsinn erzählen. Nur etwa jeder zehnte denkt das über Journalisten. Zu einem ähnlichen Schluss kommt eine Studie der Misinformation Review der Harvard Kennedy School. In Europa befragte Teilnehmer nennen darin Politiker und Wirtschaftsgrößen als wichtigste Urheber von falschen Behauptungen, nicht etwa Troll-Farmen, Privatleute oder eben Medien. In Deutschland bescheinigte die Universität Mainz den Medien für das erste Corona-Jahr sogar den höchsten Vertrauenswert seit langem.

All dies offenbart: Seitdem Ex-US-Präsident Donald Trump und Konsorten „Fake News“ zum Kampfbegriff gemacht haben, enthält die Debatte darüber zuweilen mehr Sprengkraft als das Phänomen an sich. Einige Forscher warnen sogar vor „moralischer Panikmache“. Die Verbreitung falscher Behauptungen sei kein Massenphänomen. Wenige Akteure streuten viel davon, die Lügen hätten begrenzte Reichweite. Misinformation sei real, aber nicht so gefährlich für Demokratien, wie dies oft suggeriert werde, so Andreas Jungherr und Ralph Schroeder in einem Artikel für die Fachzeitschrift „Social Media + Society“.

Ein Grund zur Entwarnung ist dies nicht. Immerhin bieten die sozialen Netzwerke gewaltige Möglichkeiten, Lügen, verzerrte oder aus dem Zusammenhang gerissene Inhalte, falsche Behauptungen oder gefälschte Bild- und Ton-Dokumente zu skalieren. Außerdem reicht es, wenn sich eine kleine Minderheit um falsche Behauptungen herum radikalisiert oder ihnen folgt, wie beim Sturm auf das US-Parlament im Januar 2021 oder allerlei Anweisungen zum Umgang mit Covid 19. „Fake News“ können sehr reale und gefährliche Folgen haben. Die Angriffe auf Journalisten nehmen trotz guter Vertrauenswerte auch in Deutschland zu.

Traditionelle Medien sind allerdings nicht nur Opfer dieser Entwicklung, sie beteiligen sich auch daran. Gerne greifen sie besonders skurrile Inhalte auf und geben ihnen so Auftrieb, selbst wenn sie sie kritisieren oder richtigstellen. Eine Studie des Berkman Klein Centers für Internet und Gesellschaft in Harvard hat diesen Effekt eindrucksvoll belegt. Dabei haben Qualitätsmedien besondere Macht, denn die Algorithmen der Plattform-Konzerne priorisieren ihre Beiträge. Die richtige Balance zwischen Berichten und Weglassen zu finden, verlangt Redaktionen einiges ab.

Journalistinnen und Journalisten waren schon immer Fact Checker. Zu recherchieren, ob das, was Menschen und Institutionen mit Macht und Einfluss von sich geben, auch den Realitätstest besteht, gehört zu ihrem Handwerk wie die Suche nach der zweiten Quelle oder der Anruf bei beiden Parteien in einem Konflikt. Wittern Reporter PR oder Propaganda, machten sie sich vor Ort ein Bild, oft sprichwörtlich an der Front. Die Kamera kann ein gnadenloser Fakten-Kontrolleur sein.

Dank neuer Technik und Künstlicher Intelligenz haben viele Redaktionen beim Überprüfen ordentlich zugelegt. Nicht nur die Manipulatoren rüsten auf, auch die Kontrolleure. Medien tun das nicht nur für die eigenen Kunden. Selbst Konzerne wie Facebook oder Google sind angewiesen auf ihre Arbeit. Es gilt, Lügen so schnell wie möglich zu entlarven, um sie per Algorithmus zu dimmen, zu kennzeichnen oder bei Gefahr für Leib und Leben ganz zu sperren.       

Wissenschaftler debattiere allerdings darüber, ob Menschen ihre Annahmen ändern, wenn Lügen als solche ausgewiesen werden. Studien beobachten sogar einen „backfire effect“, bei dem Teilnehmer sich erst recht hinter ihren Positionen verschanzen, konfrontiert man sie mit gegenteiligen Aussagen. Forscher wie Brendan Nyhan widersprechen dem. Faktenchecks beeinflussten Menschen durchaus, aber der Effekt halte nicht lange, argumentiert er in einem Artikel für die US Akademie der Wissenschaften. Eine wirkungsvolle Strategie müsse deshalb bei den Eliten ansetzen, die Falschinformationen verbreiten.

Fakten zu checken war und ist eine zentrale Aufgabe des Journalismus, und die Vielzahl der Quellen und Verbreitungswege macht die Arbeit anspruchsvoller denn je. Aber es wäre ein Fehler, würden Redaktionen, ihre gesamte Energie in das Überprüfen von Inhalten anderer stecken. Ihre wichtigste Aufgabe ist es, mit guten Recherchen zu relevanten Themen selbst die Agenda zu setzen, statt sich von Lügnern in abseitige Debatten treiben zu lassen. Sie machen diese damit nur größer, als es ihnen gebührt.

Dieser Text erschien in leicht verkürzter Form als Editorial eines Whitepapers der Deutschen Presse-Agentur dpa am 6. Juli 2021. 

Von wegen „Digital Natives“ – Gerade beim jungen Publikum klafft die Medienkompetenz weit auseinander

Es ist eine bequeme Annahme, dass sich manche Probleme mit dem Generationenwechsel von selbst lösen werden. Leider fällt sie immer wieder durch den Wirklichkeitstest. Dies trifft auch auf die Fähigkeit zu, mit dem Digitalen im Allgemeinen und digitalen Medien im Besonderen kompetent umzugehen. Belegt wird das von einer großen Studie für Deutschland, die in dieser Woche von der Stiftung Neue Verantwortung veröffentlicht wurde und Pflichtlektüre für alle sein sollte, die etwas mit Journalismus zu tun haben. Denn unter den vielen interessanten Einzelergebnissen fällt eins besonders ins Auge: Gebildete junge Menschen erreichen in dem Test im Durchschnitt die besten Werte aller Altersgruppen, während ihre Altersgenossen mit niedriger Schulbildung schlechter abschneiden als ältere Jahrgänge mit ähnlichem Ausbildungsniveau. Kurz gesagt: Der Begriff „Digital Natives“ beschreibt kaum mehr als eine Wunschvorstellung. Vielmehr wird der digitale Graben tiefer.

Es lohnt sich, die Studie genauer zu lesen, denn etliche Aussagen sollten Redaktionen schwer zu denken geben. Nicht nur ist das Niveau der Medienbildung insgesamt mau: Im Durchschnitt erreichten die Befragten nicht einmal die Hälfte der möglichen Punktzahl, nur jede*r Fünfte qualifizierte sich in den Kategorien hohe oder sehr hohe Medienkompetenz. Aber einige Erkenntnisse rufen direkt nach Taten.

Da ist zum einen der Vorwurf einer „von oben“ gesteuerten Presse. Etwa ein Viertel der Befragten nimmt nach eigenem Bekunden an, Politik und Journalist*innen arbeiten Hand in Hand und täuschen die Bevölkerung, „Lügenpresse“ lässt grüßen. Woran die Menschen das festmachen, ergibt sich nicht. Aber eine Unterrichtseinheit in der Schule reicht vermutlich nicht, um das Gegenteil zu beweisen. Hier rächt sich eine Politik-Berichterstattung, die sich nach wie vor zu sehr auf Statements von Funktionsträger*innen und zu wenig auf die Recherche von Themen fokussiert. Wer Politiker*innen und Journalist*innen ständig gemeinsam in Bild und Gespräch wahrnimmt, wird womöglich auch bei kritischen Interviewfragen den Eindruck nicht los, hier werde über die Köpfe der Bürger*innen hinweg verhandelt. Dazu passt, dass der Lokaljournalismus in den meisten Studien auch international die höchsten Vertrauenswerte genießt. Er ist eben näher dran.

Besonders schwer taten sich die Teilnehmer*innen der Untersuchung damit, Journalismus von Werbung zu unterscheiden oder Kommentare von Nachrichten. Wer seine Informationen überwiegend aus den sozialen Netzwerken bezieht, verirrt sich der Studie zufolge besonders häufig im Überangebot und Nebeneinander von unabhängiger, überprüfter auf der einen und interessengeleiteter Information auf der anderen Seite. Nutzer*innen, die sich direkt in Nachrichten-Apps schlau machen, schneiden dagegen deutlich besser ab. Das ist bedenklich, da der weit überwiegende Teil der Medienkonsument*innen über die Plattformen Dritter auf Journalismus zugreift, Tendenz steigend. Bei den jungen Leuten nutzen laut aktuellem Digital News Report 84 Prozent den Seiteneinstieg, nur ein geringer Teil geht also direkt auf Website oder App.

In der Branche wird immer wieder die Notwendigkeit diskutiert, Beiträge nach Kategorien zu kennzeichnen. Aber ein schlichtes „Kommentar“ in der Dachzeile reicht möglicherweise nicht aus. In der Studie konnte zum Beispiel kaum jemand ein Advertorial identifizieren, selbst wenn es als Anzeige gekennzeichnet war. Auch das Label „Kolumne“ wurde als wenig hilfreich empfunden. Die Wirkung von Kennzeichnungen ist offenbar auch bei Falschinformationen begrenzt. Selbst wenn soziale Netzwerke Lügen eindeutig als solche ausweisen, ist das offenbar nicht für alle ein Grund dafür, sie als solche zu behandeln.

Wenn es nur noch gut ausgebildete Menschen schaffen, sich einigermaßen sicher in der digitalen Medienwelt zu bewegen, sind das schlechte Nachrichten für die Demokratie. Die Gefahr steigt, falsch oder gar nicht informiert zu sein und deshalb schlechte Entscheidungen zu treffen. Die Ergebnisse der Studie unterstreichen, was die Forschung schon länger nahelegt: dass das Internet den Zugang zu Information und Wissen nicht etwa egalitärer, sondern ungleicher gemacht hat. Antonis Kalogeropoulos hatte dies 2018 in einer Studie für Großbritannien belegt. Demnach kamen in der alten Welt von Print und linearem Fernsehen Menschen mit niedrigem Bildungsgrad häufiger mit Journalismus in Kontakt als heute, wo jeder zwar ständig an seinem Smartphone herumfingert, darauf aber eher chattet und spielt, statt nach Information zu fahnden. In der Zeit vor Netflix und Spotify griffen auch weniger Bildungsbeflissene schon mal aus Langeweile zur herumliegenden Zeitung oder ließen die Nachrichten an sich vorbeirauschen, schnappten dabei das eine oder andere auf. Exzellent ausgebildete Nutzer*innen sind dagegen heute in der Lage, sich deutlich besser und vielfältiger zu informieren als je zuvor.

Was also tun, damit Journalismus nicht zum Klassen-Privileg wird? Medienbildung erreicht Menschen kaum noch, sobald sie die Schule verlassen haben. Gerade die ältere Generation ist besonders anfällig für „Fake News“, ebenso die Jüngeren, die sich Informationen bewusst oder unbewusst entziehen. Schon jede*r Dritte gilt laut Digital News Report als Nachrichten-Verweiger*in.

Redaktionen stehen in besonderer Verantwortung. Medientrainings in Schulen sollten Standard werden, aber nicht als „wir erklären euch mal was“ von oben herab. Junge Leute können fantastische Reporter*innen sein, man muss sie nur ermutigen. Journalismus und die Aufklärung gehören zudem auf die Plattformen, auf denen sich die Nutzer*innen bewegen. Die Tagesschau mit ihren vielfältigen digitalen Angeboten macht vor, wie so etwas gehen kann – in der Studie der Stiftung Neue Verantwortung schneidet sie vergleichsweise gut ab. Idealerweise begeistern Medien das Publikum so, dass es den direkten Weg auf die Nachrichten-App findet und keine Verwechselungsgefahr besteht. Aber dazu muss auch der Journalismus besser werden: weniger fixiert auf Institutionen, dafür mehr auf Menschen und Themen, stärker im Austausch mit den Nutzer*innen, transparenter, was die eigene Arbeitsweise angeht.

Die Medien können die Aufgabe allerdings nicht alleine stemmen. Öffentliche Institutionen und Privatwirtschaft müssen nicht nur besser aufklären. Aus jedem Plattform-Design muss klar hervorgehen, was die Konsument*innen von Inhalten erwarten können: Ist das nur Werbung oder Bla Bla, oder ist da echter Journalismus drin? Was Zeitungen einigermaßen gelungen ist, muss auch im Digitalen möglich sein.

Diese Kolumne erschien im Newsletter des Digital Journalism Fellowship an der Hamburg Media School am 26. März 2021.

„Er hat’s doch gesagt!“ Auch Zitate sind Fakten, aber wie damit umgehen?

Es war ein Moment zum Luftanhalten, als sich US-Präsident Donald Trump im November 2020 inmitten der Wahl vor laufenden Kameras zum Sieger erklärte. „Frankly, we did win this election“, sagte er in einer Ansprache im Weißen Haus, die vor falschen Behauptungen nur so strotzte. Wer freie, gleiche und geheime Wahlen als vornehmste Disziplin der Demokratie wertschätzt, kann das Video der Rede nur mit Mühe ertragen. Klar ist, in so einem Fall müssen Journalist*innen berichten. Das ist ein Zitat für die Geschichtsbücher, gerade weil es das bestätigt, was man schon seit etwa vier Jahren weiß, nämlich dass sich Trumps Respekt für den demokratischen Prozess nur wenig über der Nulllinie bewegt. Hat es aber deshalb eine Eilmeldung verdient? Nicht wirklich, denn in der Hitze der Nacht könnte so manch einer die ohne Kontext auf dem Sperrbildschirm zitierte Behauptung als Tatsache gelesen haben.

Immerhin waren die großen amerikanischen Sender dieses Mal vorbereitet und auf der Hut. Sie unterbrachen ihre Live-Schalten und klärten ihr Publikum darüber auf, dass die Wahl keinesfalls schon entschieden sei. „Lassen Sie uns offen sein: Das ist das Theater autoritärer Regimes“, sagte ABC-Reporter Terry Moran. Und selbst der dem Präsidenten nahestehende Sender Fox News rückte seine Behauptungen gerade. Der Präsident habe hier ein Streichholz in eine leicht entflammbare Situation geworfen, sagte deren Moderator Chris Wallace. Die vielfach gescholtenen sozialen Netzwerke Twitter und Facebook versahen entsprechende Tweets mit dem Hinweis, hier sei noch alles offen.

Journalist*innen lernen dazu, aber es fällt ihnen immer noch schwer, mit einem Präsidenten umzugehen, der mit den Medien zu spielen versucht wie auf einem Klavier. Seine Taktik ist so durchschaubar wie schwer zu fassen: Erstens diskreditiert er die Branche als Ganzes, um das Vertrauen in die vierte Gewalt als Institution zu untergraben. Zweitens produziert er Berge an Inhalten, die es über die Reizschwelle der Aufmerksamkeits-Ökonomie schaffen und setzt damit die Agenda. Redaktionen verwenden eine Menge Ressourcen darauf, über entsprechende Tweets zu berichten und Behauptungen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Drittens geht es ihm um Dauerpräsenz in den Medien. Schon im Wahlkampf 2016 war es Trump gelungen, um ein Mehrfaches so häufig in Bild, Text und Tonspur zu erscheinen, wie seine Mitbewerberin Hillary Clinton. Als Amtsinhaber flog ihm das Interesse naturgemäß zu.

Mit dieser Taktik suggeriert Trump seinen Anhängern Aktivität, Virilität und Kampfgeist – all das, was sie an ihm schätzen. Dazu gehört sein Hang zum Bruch mit Regeln und Konventionen. Klar ist, dass 2020 mehr Menschen für Trump gestimmt haben als vor vier Jahren, nicht trotz sondern wegen seiner Rhetorik und Strategie. In der Aufmerksamkeits-Ökonomie ist Reichweite die wichtigste Währung.

Wie sollen Medien also mit Behauptungen umgehen, die ungeheuerlich sind, aber aus dem Mund, der Feder oder Tastatur von Entscheidern kommen? Journalist*innen werden oft zu Lautsprechern von Politiker*innen. „Er hat gesagt, … sie hat gesagt“ ist nicht nur die ständige Begleitmusik von politischer Berichterstattung, sondern oft auch ihr Kern. „Er hat’s doch gesagt!“ ist die Rechtfertigung dafür. Dahinter steckt die Idee, dass man das politische Personal an seinen Worten messen und in größtmöglicher Transparenz zeigen möchte, mit wem es die Wähler zu tun haben. In dem Fall betrachten Reporter*innen Aussagen als Fakten, die man in ihrem Kontext verstehen muss: Jemand Bedeutendes hat etwas geäußert, das sagt etwas über ihn oder sie aus. Womöglich trägt es zur Entzauberung bei. Reporter*innen haben dabei oft ein gutes Gefühl. Kommen sie doch damit ihrer Verpflichtung nach, möglichst neutral zu berichten.

Kritisch ist aber, dass solche Aussagen nicht neutral nebeneinander stehen bleiben wie Flaschen in einem Regal, aus dem sich jeder nach seinem Geschmack bedienen kann. Denn je lauter und reichweitenstärker sie verbreitet werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie das Geschehen an sich beeinflussen. Siegestrunkenes Gebrabbel nach Schließung der Wahllokale mag keine Wählerstimme mehr wenden, aber möglicherweise ein paar Menschen dazu motivieren, sich den proklamierten Sieg auch „zu holen“, notfalls mit Gewalt. Je öfter eine Kandidatin im Bild erscheint, desto „normaler“ und wählbarer wird sie, auch wenn sie kein Programm hat. Und je mehr Falsches ein Kandidat auf der Tonspur verbreitet, umso größer ist der Abstumpfungseffekt. Redet jemand viel Blödsinn, werden womöglich noch jene Aussagen hervorgehoben, in denen „er jetzt wirklich mal Recht hat“.

Es ist deshalb sehr wohl entscheidend, darüber zu reflektieren, wann man wem welche Aufmerksamkeit zuteilwerden lässt. Schließlich werden Falschbehauptungen von Politiker*innen üblicherweise erst von traditionellen Medien in der Fläche verbreitet, auch wenn sie dort dann richtiggestellt werden. Anders als oft angenommen, beeinflussen sie den Diskurs in der Breite noch immer deutlich stärker als soziale Netzwerke. Redaktionen sollten deshalb deutlich mehr darüber berichten, was tatsächlich geschehen ist, als darüber, was jemand gesagt oder angekündigt hat. Jedes journalistische Ressort tut gut daran zu überprüfen, ob in seinen Produkten die entsprechende Balance stimmt. Das ist selten der Fall, denn Zitate aufzulesen ist billig, Recherche ist teuer. Aber Lautsprecher findet das Publikum meist auch anderswo, Recherchen seltener.

Dieser Text erschien im Newsletter des Digital Journalism Fellowship an der Hamburg Media School am 6. November 2020.

Von wegen Troll-Farmen – „Fake News” sind ein Problem, aber anders, als viele denken

Gefälschte Videos, fingierte Posts, Lügengeschichten und das alles massenhaft verbreitet von Bots über soziale Netzwerke: „Fake News“ werden häufig als ähnlich ansteckend beschrieben wie das Corona-Virus. So hatte die Weltgesundheitsorganisation die „Infodemic“ lange vor der Pandemie ausgerufen. Am 2. Februar war das, weltweit gab es damals noch nicht einmal 15.000 bestätigte Fälle von Covid-19. Allerdings verhält es sich mit dem Begriff „Fake News“ eher wie mit einigen anderen, wenn man sie unter das Vergrößerungsglas der Forschung legt: Die Fakten dazu unterscheiden sich nicht unwesentlich von dem, was gemeinhin darunter verstanden wird.

In der öffentlichen Debatte, wie sie auch von besorgten Politiker*innen geführt wird, insinuiert das Schlagwort in erster Linie die Manipulation von Bild, Ton und Text. Oft spielen darin feindliche politische Kräfte, geldgierige Hacker*innen oder zumindest Spaßvögel eine Rolle, die ihr gefälschtes Material über Facebook und Co. auf nichtsahnende Bürger*innen abwerfen. Eine ganze Fact-Checking-Industrie ist um diese Annahmen herum entstanden.

Nun ist es wichtig, Informationen zu verifizieren – es gehört zum Beispiel zur Job-Beschreibung von Journalist*innen. Allerdings tragen genau diese eine ordentliche Portion Mitschuld am Dilemma. Dies hat jetzt eine großangelegte Studie des Berkman Klein Center for Internet and Society an der Universität Harvard bestätigt, acht Autor*innen waren daran beteiligt. Anders als oft angenommen tragen der Untersuchung zufolge falsche Aussagen von Politiker*innen, die dann von traditionellen Medien wiedergegeben werden, am stärksten zur Verbreitung von Fehlinformation bei. Soziale Netzwerke hingegen spielten eine untergeordnete Rolle.

Das Problem werde von Eliten verursacht und von den Massenmedien getrieben, so die Harvard-Studie. Politiker*innen beuteten dabei gnadenlos drei Standard-Praktiken des klassischen Journalismus aus: den Fokus auf Institutionen und Eliten (wenn es der Präsident sagt, ist es eine Nachricht), die Suche nach der Schlagzeile (je krawalliger, desto besser) und das Streben nach Neutralität (nur nicht so wirken, als würde man sich auf eine Seite schlagen). Zwar haben die Wissenschaftler*innen dies nur für die USA untersucht, aber die Dynamiken sind überall ähnlich.

Neu ist diese Erkenntnis nicht. Auch andere Forscher*innen haben schon belegt, dass die Reichweite traditioneller Medien einen großen Einfluss auf die Verbreitung von Fehlinformationen hat. Und selbst die Bürger*innen wissen es besser. Sie betrachten Falschaussagen von Politiker*innen als mit Abstand wichtigste Quelle von „Fake News“, rund 40 Prozent der Befragten äußerten sich entsprechend im diesjährigen Digital News Report. Nur zwischen 10 und 14 Prozent dagegen schoben die Verantwortung ausländischen Geheimdiensten, gewöhnlichen Bürger*innen, den Medien (13 Prozent) oder Aktivist*innen zu. Auch schon in früheren Ausgaben der Groß-Studie, zum Beispiel 2018, dachten die Befragten bei „Fake News“ nicht zuallererst an Lügengeschichten. Viel eher kam ihnen schlechter, fehlerhafter oder tendenziöser Journalismus in den Sinn.

Was folgt daraus? Zunächst einmal ist das eine gute Nachricht für die Medien. Sie haben es in der Hand. Sie können abwägen, zum Beispiel welchen präsidentiellen Narrativ sie wiedergeben, wie sie eine Aussage einordnen oder ob sie ein Zitat mit Märchenstunden-Charakter womöglich am besten gleich weglassen. Sie können den Verbreiter*innen von Falschinformationen damit die von ihnen so begehrte Bühne verweigern. Um in der Corona-Virus-Begrifflichkeit zu bleiben: Superspreader von „Fake News“ kann man nur mit Quarantäne unschädlich machen. Auch gegen schlechten Journalismus oder politische Schlagseite in der Einordnung können Redaktionen deutlich leichter vorgehen als gegen Troll-Farmen in fernen Ländern oder russische „information operations“. Und dass viele Bürger*innen dies so klarsehen, sollte die ganze Sache erleichtern.

Einfach ist dies dennoch nicht. Denn der Reflex des klassischen Journalismus sitzt tief, Amtsträger*innen damit zu entzaubern, dass man sie beim Wort nimmt. Und die Wähler*innen haben natürlich ein Recht darauf zu erfahren, was für einen Blödsinn manch ein von ihnen gewählter Repräsentant zumindest verbal verzapft. Gefährlich wird es allerdings, wenn der Faktencheck allzu viel Energien absorbiert. Redaktionen, die einen Großteil ihrer Zeit damit verbringen, die Aussagen von Politiker*innen zu überprüfen, werden nicht mehr genügend Ressourcen für eigene Recherchen haben. Statt selbst die Agenda zu setzen und Institutionen in Zugzwang zu setzen, sind sie Gejagte des nie versiegenden Zitate-Betriebs. Selbstbewusstes Weglassen kann also durchaus eine Strategie sein, um sich die Hoheit über die Tagesordnung zurückzuerobern.

Was all das nicht heißt: Facebook und andere soziale Netzwerke aus der Verantwortung zu entlassen. So wie auch die traditionellen Medien haben es die Plattformen in der Hand, schädliche Inhalte nicht oder zumindest nur mit geringer Priorität weiterzuverbreiten. Im Fall von Covid-19 gehören dazu zum Beispiel von Politiker*innen proklamierte Therapien, die womöglich lebensgefährlich sind. Der Fakten-Check sollte bei den Plattform-Konzernen zum Standard-Repertoire gehören. Und mit der Hoheit über Algorithmen haben sie einen kraftvollen Hebel in der Hand, der Redaktionen so nicht zur Verfügung steht.

Bürger*innen sind mehr denn je aufgerufen, nicht alles zu glauben, skurrile Aussagen selbst zu überprüfen. Eine solche generell skeptischere Grundhaltung tut der Gesellschaft nicht immer gut, auch die Medien leiden unter dem gestiegenen Misstrauen Institutionen gegenüber. Aber es gehört zum Erwachsensein, Verantwortung dafür zu übernehmen, welchen Informationen man folgt. In dem Fall hat die junge Generation der älteren übrigens etwas voraus. Junge Leute sitzen Studien zufolge deutlich seltener Falschinformationen auf als ihre Eltern und Großeltern, weil sie im Zweifel eher mal googeln. Auch das sollte in der Debatte Hoffnung machen.

Dieser Text erschien im Newsletter des Digital Journalism Fellowship der Hamburg Media School am 9. Oktober 2020

„Fake News“ und die Corona-Krise: Das Problem sind die „Real News“

Es war am 2. Februar 2020. Weltweit hatten Behörden gerade einmal knapp 15 000 an Covid-19 erkrankte Patienten registriert. Noch schlummerten die Karnevalskostüme in den Schränken, die Skier für die Ferien in Wolkenstein oder Ischgl warteten auf ihren Schliff. Für Reisen empfahl die Weltgesundheitsorganisation keine besonderen Vorkehrungen. Auch von einer Pandemie sprachen die WHO-Experten zu jenem Zeitpunkt nicht, den man jetzt getrost mit „damals“ bezeichnen darf. Allerdings fürchteten sie eine massive “Infodemic“. Eine Flut an Informationen mache es den Menschen schwer, richtig und vertrauenswürdig von falsch und manipuliert zu unterscheiden und sich entsprechend zu verhalten, hieß es in der entsprechenden Präsentation.

Nun regiert die Pandemie, und die Menge an Falschmeldungen dürfte mindestens proportional zu den Fallzahlen gewachsen sein. Aber wie schlimm ist das Problem der „Fake News“ im Zusammenhang mit Covid-19 wirklich? Und muss man es ebenso fürchten wie das Virus? Oder verhält es sich damit wie mit dem gesamten Komplex der „Misinformation“: dass die Berichterstattung darüber oft massiver ist als das Problem selbst?

Forscher des Reuters Institute for the Study of Journalism und des Internet Institute an der Universität Oxford haben die Lage kürzlich in einem Kurzreport beleuchtet. Er basiert auf einer Analyse von 225 Stücken an englischsprachigen Falschinformationen, die zwischen Januar und März publiziert und von der Fact-Checking-Organisation First Draft untersucht wurden. Die Stichprobe hat den Nachteil, dass sie keine Meldungen aus privater Kommunikation wie WhatsApp oder anderen Messenger-Diensten erfasst und sich nur auf den englischen Sprachraum konzentriert. Dennoch untermauert das Ergebnis einige Erkenntnisse, die auch frühere Studien zum Komplex „Fake News“ zutage gefördert haben.

Die wichtigsten: Bei den meisten als falsch klassifizierten Nachrichten handelt es sich nicht um komplett erfundene Inhalte, sondern um Informationen, die verfälscht oder in einem anderen Zusammenhang weiterverbreitet wurden (59 Prozent). Berücksichtigt man die Masse der Interaktionen, hat dieser Typus der Falschinformation sogar einen Anteil von 87 Prozent. „Deep Fakes“, also Inhalte, die mit aufwändigen technischen Mitteln manipuliert wurden, fanden die Forscher überhaupt nicht. Schon frühere Forschung hatte ergeben, dass es beim Problem „Fake News“ überwiegend nicht um jene Troll-Fabriken geht, die eigens gebastelte Inhalte massenhaft um die Welt verbreiten. Viel häufiger handelt es sich um Informations-Schnipsel, die nach dem Prinzip „Stille Post“ bewusst oder unbewusst falsch wiedergegeben werden.

Zudem fanden die Forscher Bestätigung dafür, dass Misinformation häufig „von oben“ kommt, insbesondere, was ihre Verbreitung angeht. Wurden falsche Inhalte wie in einem Fünftel der untersuchten Fälle von Prominenten geteilt, also zum Beispiel von Spitzenpolitikern oder Schauspielern, hatten sie eine weit höhere Durchschlagkraft (69 Prozent) als Posts von Menschen ohne Funktion und Bekanntheit. Als US-Präsident Donald Trump beispielsweise das Malaria-Mittel Hydroxychloroquine im Zusammenhang mit Covid-19 erwähnte, waren die Leidtragenden nicht etwa nur Fox-News-hörige Amerikaner. Nein, Kranke in Nigeria erlitten Vergiftungen. Die Falschmeldung, die das Mittel als vermeintlich wirksam gegen Covid-19 erwähnt hatte, war übrigens zunächst mit dem Absender Stanford University in der Tech-Szene des Silicon Valley zirkuliert und unter anderem von Elon Musk weiterverbreitet worden, wie Joan Donovan für das Wissenschaftsmagazin Nature nachzeichnete. Sie sieht die Verantwortung, gegen Falschinformationen vorzugehen, vor allem bei den Tech-Unternehmen. „Social media companies must flatten the curve of misinformation“, schreibt sie. Falschmeldungen gehörten früh „in Quarantäne“, und dafür sollten die Social Media Unternehmen mit Wissenschaftlern zusammenarbeiten. Seien „Fake News“ erst einmal großflächig verbreitet, könne man sie kaum zurückholen.       

Felix Simon war einer der an dem Oxford-Report beteiligten Forscher des Internet Institute. Er sagt: „Was mich am meisten beeindruckt hat, ist die schiere Vielfalt an Misinformation rund um das Corona-Virus und die Pandemie. Von Verschwörungstheorien bis hin zur Behauptung, die Simpsons hätten die Pandemie vorhergesagt, ist so ziemlich alles dabei.“ Die wichtige Botschaft ist aber: An der Menschheit zweifeln muss man deshalb nicht. „Vorhandensein bedeutet nicht Effekt“, so Simon, „die Mehrheit der Menschen scheint sich vernünftig zu verhalten und diesen Dingen nicht auf den Leim zu gehen“.

Ein weiterer, aktuellerer Report des Reuters Institute legt nahe, dass in der Corona-Krise zwar viele Falschinformationen kursieren und gesehen werden, dies aber vor allem an der Vertrauenswürdigkeit der Plattform-Unternehmen kratzt. Die Krise hat offenbar dazu geführt, dass sich viele Bürger wieder den traditionellen Medien oder Wissenschaftlern und Behörden direkt zuwenden, wenn sie verlässliche Informationen suchen. Das, was Bekannte und Verwandte über Facebook teilen, wird offenbar nicht so ernst genommen.    

Tatsächlich ist das Phänomen „Fake News“ meist weniger dramatisch, als es die Berichterstattung darüber suggeriert, dies hatten auch schon frühere Ausgaben des Digital News Report ergeben. Generell kann man sagen, dass gewöhnlich nur ein kleiner Teil der Bevölkerung damit in Berührung kommt und ein noch kleinerer Teil anfällig dafür ist und sie weiterverbreitet, darunter überdurchschnittlich viele ältere Menschen. Für die Medienbranche heißt das: Es ist zwar wichtig, Lügen zu entlarven. Nur sollten Redaktionen ihre Energien nicht gänzlich darauf verschwenden. Weitaus wichtiger ist es, Fakten zu recherchieren und entsprechende Erkenntnisse zu verbreiten. Und gerade das ist die Herausforderung in der Corona-Krise. Es gibt wenige gesicherte Fakten und Zusammenhänge. Forscher sind in einem ständigen Dialog und versuchen, sich der Wahrheit anzunähern, studieren und verwerfen wieder. So geht Wissenschaft.

Für Journalisten und Politiker ist genau das eine Herausforderung. Politiker müssen jetzt entscheiden, Journalisten müssen jetzt Empfehlungen geben und die Seriosität ihrer Politiker bewerten. Es bleibt keine Zeit, auf die Ergebnisse aller Studien zu warten. So manch eine Infografik erweist sich da als Design-Friedhof, so manch eine Empfehlung als überholt. Galt zum Beispiel vor ein paar Wochen noch die Ansage, Maskenpflicht für Gesunde im öffentlichen Raum sei Unsinn, wird sie in manchen Ländern jetzt umgesetzt.

In einem Artikel für das US-Portal Recode hat sich Peter Kafka mit der Berichterstattung amerikanischer Medien über das Virus beschäftig: „What went wrong with the media’s coronavirus coverage?“, fragt er darin und schlussfolgert, aktueller Journalismus sei sehr schlecht darin, Risiken angemessen zu kommunizieren. Das gilt zumal dann, wenn Risiken so schwer abzuschätzen sind wie im Fall Corona, weil es noch keine Vergangenheit gibt, die man ordentlich ausmessen kann. Eine Münchner Regional-Zeitung, die auf der Titelseite mit dem „großen Corona-Faktencheck“ wirbt, mag man deshalb zwar für ihre erzieherischen Verdienste loben. Doch wer weiß schon, ob morgen noch gilt, was heute als „richtig“ angekreuzt wurde? Den Medien bleibt deshalb nur das, was den besseren Journalismus schon immer ausgezeichnet hat: dranbleiben. Denn selbst die WHO kann sich irren.

Dieser Text entstand für den Newsletter des Digital Journalism Fellowship der Hamburg Media School im April 2020  

Echt jetzt? In einer Welt, die aus Daten gebaut wird, ist die Realität angezählt

In der digitalen Welt sind „Fake News“ nur ein Symptom für ein Phänomen: Was Realität ist und was nicht, wird zunehmend verschwimmen. Das kann Gutes bewirken. Aber es gibt auch einige Risiken.

Erinnert sich noch jemand an „Second Life“? Als das kalifornische Linden Lab das Online-Spiel 2003 auf den Markt brachte, sah das irgendwie nach Zukunft aus. Wer seinem eigentlichen Leben nicht viel abgewinnen konnte, baute sich eben virtuell ein zweites auf, in dem er klüger, schöner und definitiv erfolgreicher war. Um Second Life ist es still geworden, denn heute braucht niemand mehr einen Avatar, um der Wirklichkeit ein wenig Glanz abzutrotzen. Für den Hausgebrauch reichen ein paar Social Media Profile. Das erste und das zweite Leben verschmelzen zu einem.

Die Realität ist angezählt, und das in vielen Lebensbereichen. Schließlich versprechen ihre virtuelle oder erweiterte Variante – oft als XR oder extended reality zusammengefasst – effektiveres Arbeiten, intensivere Erlebnisse, bessere Information und ohnehin mehr Spaß als die dröge Wirklichkeit. Virtuelle Realität macht das Lernen anschaulicher. Intelligente, mit Daten gespickte Brillen werden der Chirurgin und dem Mechaniker gleichermaßen dabei helfen, alle Handgriffe perfekt zu platzieren. Die Unternehmensberatung Accenture prognostiziert in einem zukunftsweisenden wie kritischen Report, dass in vielen Berufsfeldern bis zu einem Drittel der Arbeitszeit von XR-Anwendungen ergänzt werden wird.  

Aber damit entstehen neue Fragen. Was in dieser Welt ist echt, authentisch und real, und was ist manipuliert, inszeniert, geschönt oder schlichtweg erlogen? Die vielzitierten „Fake News“ – von Journalismus-Verächtern gerne als Kampfbegriff missbraucht –, sind nur eine Facette dieses Phänomens. Von aufwändigen XR-Anwendungen bis hin zu Filtern, Photoshop oder Apps, die einen zum Spaß wie eine Greisin oder eine Witzfigur aussehen lassen, bedient allerlei Software ein tiefes menschliches Bedürfnis: sich die Welt schöner oder zumindest anders zu machen, als sie sich darstellt. Und die Möglichkeiten, mit der Realität zu spielen, nehmen zu. Ist das verwerflich, oder kann das ein Segen sein?

Wahr ist: Die Realität steht nicht bei allen und nicht zu jeder Zeit hoch im Kurs. Schließlich hat die Erde ihren Bewohnern schon immer einiges abverlangt. Die Natur ist unberechenbar, der Mensch voller Makel, und die Wirklichkeit kann grau, düster oder sogar grausam sein. Religionen und Kulte haben es deshalb schon immer verstanden, Menschen in andere Welten zu entführen, wenn es im irdischen Leben allzu anstrengend wurde. Laut biblischer Erzählung ist das Paradies die Benchmark für eine erstrebenswerte Realität. Rauschmittel wurden von jeher dazu genutzt, dem komplizierten Hier und Jetzt zu entfliehen. Von den Römern stammt der Slogan: „Brot und Spiele“. Letztere dienten wie heute einerseits der Ablenkung, andererseits als Trainingscamp für die herrschenden Machtverhältnisse. Jedes neue Medium lieferte gleich ein ganzes Portfolio an virtuellen Fluchtwegen aus dem Alltag mit. Jeder, der seine Kindheit bevorzugt im Schein einer funzeligen Leselampe auf dem Bett verbracht hat, weiß, mit welchem Sog Literatur einen in Parallelwelten transportieren kann. Gleiches vermochten der Film, das Radio, Fernsehen sowieso.

Nicht immer diente all das dem Fortschritt. Denn der entsteht nicht aus dem Bedürfnis, der Realität zu entfliehen. Er verlangt, dass man sie verändern will. Dies beginnt zwar oft mit Träumen. Aber für das, was der überstrapazierte Begriff Innovation beschreibt, ist es zwingend, irgendwann daraus aufzuwachen und zur Tat zu schreiten. Mit der Aufklärung kam deshalb ein neues Mantra in die Welt. „Du musst den Tatsachen ins Auge sehen!“, sagt man, oder auf Englisch: „Face it“ und get real!“. Realitätssinn gilt als Qualität in einer aufgeklärten Gesellschaft.

Ganze Berufsstände wie Wissenschaftler und Journalisten tragen tagein tagaus Fakten wie kleine Puzzleteile zusammen, um ein möglichst realitätsgetreues Bild davon zu erschaffen, wie die Welt aussieht und funktioniert. Die Logik dahinter ist klar: Nur, wer die Welt versteht, kann sie verbessern oder zumindest Gefahren aus dem Weg gehen. Und auch die Psychologie folgt diesem Diktum: Allein wer sich selbst kennt, Abgründe inklusive, kann sich weiterentwickeln und fällt nicht immer wieder auf die gleichen Muster herein. Der Weg zur Zufriedenheit führt demnach durch die Mühen der Ebene.

Jegliche menschliche Kulturleistung ließe sich als einen Versuch betrachten, die Realität zu überwinden und zu gestalten, sie Hoffnungen und Wünschen anzupassen. Ob man Paläste oder Kirchen in die Landschaft setzt, Maschinenparks baut oder Landstriche mit Straßen durchpflügt, ob man sich in festliche Trachten wirft oder hinter Schichten von Makeup verbirgt: alles entspringt dem Versuch, der Realität ein anderes, gerne auch freundlicheres Gesicht zu geben.

Haben Kreationen oder Kosmetik eine andere Qualität, wenn sie aus Daten und Software bestehen anstatt aus Steinen, Metall, Stoff und Farbe? Das Ziel ist schließlich das gleiche. Es geht darum, die Welt zu gestalten, idealerweise besser zu machen. Aber ein paar Dinge funktionieren anders, wenn Veränderungen statt in der „realen“ Welt im Datenraum stattfinden.

Zunächst einmal ist da die Geschwindigkeit und Wucht, mit der virtuelle Realitäten die Konsumenten in ihren Bann ziehen. In der physischen Welt wachsen Veränderungen langsam. Menschen haben gewöhnlich Zeit, sich darauf vorzubereiten und sich daran zu gewöhnen. Haben sie das nicht, zum Beispiel bei Unglücken, Naturkatastrophen oder einer schlimmen medizinischen Diagnose, kann das traumatisieren. Mit der virtuellen Welt verhält sich das ähnlich. Wer sich per VR-Brille binnen Sekunden in eine gänzlich andere Welt transportieren lässt, dessen Gehirn kommt nur mit Mühe hinterher. Denn unsere Sinnesorgane sind nicht trainiert darauf, mit solchen rasanten Wechseln der Szenerie umzugehen. Sie sind in der physischen Welt ausgebildet worden, in jahrelanger Erfahrung haben wir gelernt, Geschwindigkeiten einzuschätzen, Gesichter zu interpretieren und uns wegzuducken, wenn Gefahr droht. Das andere Tempo virtueller Applikationen bei dem gleichzeitigen Gefühl, dies sei ja „nicht real“ stiftet Verwirrung, die bis in Alltagssituationen reichen kann.

Es gibt bislang keine Beweise dafür, dass zum Beispiel Killer-Spiele die Gewaltschwelle in der physischen Welt herabsetzen. Manch einer argumentiert sogar, virtuelle Realität könne eingesetzt werden, um Empathie zu üben. Die Fotografin und Filmemacherin Julia Leeb glaubt deshalb an die Kraft von 360 Grad Journalismus. Könnten sich Zuschauer zum Beispiel per VR-Brille in das Leben in einem Kriegsgebiet einfühlen, werde das ihre Haltung beeinflussen, sagt sie. Klar ist aber: Man kann in virtuellen Welten gezielt trainieren, Hemmschwellen herabzusetzen oder Ängste zu bewältigen. Piloten üben zum Beispiel im Flugsimulator regelmäßig, wie sie mit gefährlichen Situationen umgehen sollen, damit sie im Ernstfall weniger schockiert als besonnen reagieren. Was in diesem Fall Gutes bewirkt, nämlich eine gewisse Abstumpfung, kann in anderen Situationen das Mitgefühl herabsetzen.   

Das bedeutet nicht, dass das so bleiben muss. Schneller Wechsel ist Übungssache. Menschen haben schließlich auch gelernt, ans andere Ende der Welt zu fliegen und damit einigermaßen gelassen umzugehen. Vor 100 Jahren wäre dieses Tempo für die meisten eine verstörende Erfahrung gewesen – so wie das auch einst Telefon, Radio oder Kino waren. Aber es ist noch nicht klar, ob unser Steuerungsapparat auf die nächste Stufe aufgerüstet werden kann, ob also das entsprechende Update für unsere Gefühlswelt und Sensorik vorhanden ist.

In einer datengetriebenen Welt mit ständig wachsenden Rechnerkapazitäten und einem entsprechenden Feuerwerk an Neuem fehlt dem Gehirn die Zeit, ein Gefühl von Sicherheit und Vertrauen zu entwickeln. Beides bildet sich durch gute Erfahrungen. Wenn wir etwas oft getan haben, einen Menschen besser kennen und eine Situation einschätzen können, glauben wir, die Lage im Griff zu haben. Bei Unbekanntem wittern wir Gefahr. Das hat sich seit Jahrtausenden kaum verändert.

Entscheidend ist die Balance. Allzu viel Sicherheit kann unaufmerksam und behäbig machen, zu viel Fremdes hingegen löst Angst aus. Der Reiz von Thrillern oder Horrorfilmen liegt genau darin, uns ab und an einigermaßen kontrolliert aus dieser Komfortzone zu holen und womöglich neue Energien freizusetzen. Aber wir sitzen dennoch im vertrauten Wohnzimmer oder zu Popcorn-Geruch im Kinosessel, und danach begeben wir uns wieder in die Sicherheit unseres Alltags. Der Einsatz von virtueller Realität muss also wohlüberlegt sein, die Anwendung kontrolliert. Und es muss auf jeden Fall intensiv erforscht werden, wie sich die Konfrontation mit künstlichen, digital konstruierten Erlebniswelten auf Wahrnehmung und Gesundheit auswirkt.

Vom Schulunterricht bis hin zur Psychotherapie gibt es reichlich Anwendungsfelder, in denen virtuelle Realität Nutzen stiften kann. Patienten können zum Beispiel in angstbehaftete Situationen hineinversetzt werden und dabei lernen, sie souverän zu meistern. Geschichtsunterricht wird lebendiger. Aber die Folgen sollten einigermaßen überschaubar sein, bevor man zum Beispiel Schüler per VR in den Ersten Weltkrieg transportiert.

Eine der wichtigsten Fragen im Zusammenhang mit virtueller Realität betrifft die Definitionsmacht und die Besitzverhältnisse: Wer kontrolliert die Daten und Fakten und damit die Inhalte, also das, was als „Realität“ wahrgenommen wird? In der analogen Welt sind und waren das bei der Wissensvermittlung überwiegend staatliche Institutionen. Behörden definieren, was in Schulbüchern und auf dem Lehrplan steht. Realität ist auch da ein dehnbarer Begriff, denn natürlich spiegeln sich Ideologie, Stereotype und Rollenbilder ganz offensichtlich in Lehrmaterialien. Ein Deutsch-Buch desselben Jahrgangs aus der Bundesrepublik und der DDR hat zwei sehr unterschiedliche Versionen der Wirklichkeit präsentiert. Aber immerhin werden solche Inhalte idealerweise in einem demokratischen Prozess verhandelt. 

Virtuelle Welten dagegen werden von Unternehmen aus der Privatwirtschaft erstellt, die damit Profit erzielen wollen. Sie bestehen aus Daten, die vorher von Konzernen gesammelt wurden, die Öffentlichkeit hat keinen Zugang dazu und noch weniger Einfluss darauf. Kommerzielle Interessen definieren also die Realität. Sie haben weder an Mitsprache noch an Teilhabe Interesse, sofern das über das bereitwillige Liefern von Daten hinausgeht. Und diese Daten liegen in den Händen von sehr wenigen mächtigen Konzernen.             

Ein weiteres großes Risiko ist der Datenmissbrauch. Während wir uns in virtuellen Welten bewegen, in denen uns vermeintlich nichts passieren kann, ziehen die Applikationen massenhaft Daten über sehr reale Verhaltensweisen und Gefühle ab. Dadurch lassen sich Gesundheits- und Verhaltensprofile erstellen. Zum Beispiel gibt es bestimmte Bewegungsmuster, die auf eine spätere Demenz hindeuten. Für Versicherungen könnte dies eine interessante Information sein. Das World Economic Forum mahnt deshalb einen strengen Datenschutz an.

Entscheidend ist jedoch: Wie wird VR unser Verhalten prägen? Stillen virtuelle Reisen das Bedürfnis, die entlegensten Winkel der Welt zu erforschen, und dienen damit womöglich sogar dem Klimaschutz? Oder wecken sie erst recht die Sehnsucht, all das Gesehene auch zu riechen, zu fühlen, zu spüren und zu schmecken? Wird die analoge Realität ein lästiger Rest oder ein kostbares Gut? Und werden wir in all dem schönen Schein noch die Kraft finden, sie zu verändern? Fortschritt entsteht immerhin aus Unzufriedenheit. Und Träume sollten ein Anfang, kein Ende sein.      

Dieser Text erschien in gekürzter Form in ada – Heute das Morgen verstehen, Ausgabe 01/2020 vom 28. Februar 2020. 

Wir brauchen digital mündige Bürger!

Das Phä­no­men der Fake News wird sich in Zukunft noch ver­stär­ken. Ändern lässt sich das kaum. Deshalb sind Kam­pa­gnen zur digi­ta­len Mün­dig­keit min­des­tens so not­wen­dig wie einst jene zur Alpha­be­ti­sie­rung.

Für die­je­ni­gen, die mit der rasan­ten Ver­brei­tung von „Fake News“ das Ende der Demo­kra­tie her­an­na­hen sehen, dürfte 2020 ein beun­ru­hi­gen­des Jahr werden. Die Wahlen in den USA und ein Amts­ent­he­bungs­ver­fah­ren gegen den amtie­ren­den Prä­si­den­ten Donald Trump stehen an, beides wird das Land weiter pola­ri­sie­ren und die Bürger eher emp­fäng­li­cher für Lügen und aller­lei Ver­schwö­rungs­theo­rien machen. Erfah­rungs­ge­mäß schwap­pen die Debat­ten darüber unge­bremst über den Atlan­tik. In Groß­bri­tan­nien wurde schon gewählt, und wenn­gleich selbst hart­ge­sot­tene Digital-Pes­si­mis­ten sich schwer damit tun sollten, das klare Votum für Premier Boris Johnson und gegen Labour-Her­aus­for­de­rer Jeremy Corbyn der Akti­vi­tät von Troll­fa­bri­ken oder ähn­li­chem zuzu­schrei­ben, gehör­ten Falsch­in­for­ma­tio­nen und die Debatte darum im Wahl­kampf zum per­ma­nen­ten Grund­rau­schen. Wie sehr müssen wir uns also fürch­ten?

Man könnte sagen: sehr. Und genau darin liegt eine Chance. Die Ver­brei­tung von „Fake News“ und die Debatte darüber müssen ein Anlass dafür sein, Bürger im großen Stil fit für die neue Kom­mu­ni­ka­ti­ons-Welt zu machen. Kam­pa­gnen zur digi­ta­len Mün­dig­keit sind min­des­tens so not­wen­dig wie einst jene zur Alpha­be­ti­sie­rung, die die Men­schen fit für die Welt des gedruck­ten Wortes und die Demo­kra­ti­sie­rung möglich gemacht haben.

Gleich vorweg: Das Phä­no­men der Falsch­in­for­ma­tion als solches wird nicht nur bleiben, es wird sich ver­stär­ken. Künst­li­che Intel­li­genz ermög­licht es schon jetzt selbst Laien, für wenig Geld soge­nannte deep fakes zu kre­ieren, also zum Bei­spiel täu­schend echt wir­kende Videos von Poli­ti­kern mit ent­spre­chen­den Ton­spu­ren zu basteln. Und die tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten dafür ver­bes­sern sich schnel­ler als die Werk­zeuge, um den Ver­ur­sa­chern das Hand­werk zu legen. Hacker und Geheim­dienste in aller Welt werden dies aus ver­schie­dens­ten Motiven heraus zu nutzen wissen. Die Pro­duk­ti­ons­seite lässt sich also kaum in den Griff bekom­men.

Algo­rith­men anpas­sen

Etwas besser stehen die Chancen dafür, das Übel auf Seiten der Ver­tei­ler zu bekämp­fen. Die Platt­form-Kon­zerne haben die Infor­ma­tio­nen bislang weit­ge­hend unge­prüft und nur nach kom­mer­zi­el­len Kri­te­rien gewich­tet in die Welt gebla­sen. Sie könnten eben diese Gewich­tung ändern, sprich, ihre Algo­rith­men anpas­sen und Nach­rich­ten von ver­trau­ens­wür­di­gen Quellen höher bewer­ten als jene von unbe­kann­ten oder gar erwie­se­ner­ma­ßen zwei­fel­haf­ten. Der Müll würde so zwar nicht aus dem Netz ver­schwin­den aber weniger sicht­bar und damit auch sel­te­ner geteilt werden.

Die Jour­na­lism Trust Initia­tive, initi­iert und getra­gen von der Orga­ni­sa­tion Repor­ter ohne Grenzen, der European Broad­cas­ting Union und anderen nam­haf­ten Medien-Insti­tu­tio­nen, hat hier wich­tige Vor­ar­beit geleis­tet. Nun müssen die Kon­zerne das Übel auch anpa­cken wollen, not­falls unter mehr oder weniger sanftem Druck von Regu­lie­rung­be­hör­den. Hier liegt zuge­ge­ben ein Risiko, denn Regu­lie­rer könnten sich auf diese Weise auch dem Ein­fluss kri­ti­scher Stimmen ent­le­di­gen. Man möchte weder einem Donald Trump noch einem Viktor Orban das Pri­vi­leg zubil­li­gen, über die Qua­li­tät von Jour­na­lis­mus zu urtei­len. Dies sollte Gremien über­las­sen bleiben, die sich der Neu­tra­li­tät und Fak­ten­treue ver­schrie­ben haben.

Am wich­tigs­ten ist es aller­dings, bei den Emp­fän­gern anzu­set­zen. Bislang wissen nur die wenigs­ten Bürger, nach welchen Kri­te­rien Inhalte im Netz ver­teilt werden und an ihre Adres­sa­ten gelan­gen, wer Zugang zu diesen Kanälen hat und wie leicht sich erlo­gene aber täu­schend echt wir­kende Infor­ma­tio­nen erstel­len lassen. Auch über die Besitz­ver­hält­nisse der digi­ta­len Infra­struk­tur sind eher nur die Fach­leute infor­miert. Zumin­dest kann nicht vor­aus­ge­setzt werden, dass jedem Nutzer klar ist, dass hinter der Kurz­vi­deo-Platt­form TikTok ein chi­ne­si­scher Konzern steckt. Davon abge­se­hen, dass auch die­je­ni­gen, die es wissen, mit TikTok arbei­ten oder es nutzen – aus Spaß, oder weil man damit eben viele Kunden erreicht.

„Finn­land ist winning the war“

Noch am ehesten kann vor­aus­ge­setzt werden, dass das Publi­kum zumin­dest Grund­kennt­nisse darüber hat, wie Jour­na­lis­mus funk­tio­niert. Dass sich Repor­ter und Redak­teure im Nor­mal­fall an ethi­sche und hand­werk­li­che Regeln gebun­den fühlen – Bei­spiele sind das Vier-Augen-Prinzip und das Ein­ho­len meh­re­rer Quellen – haben viele Bürger schon gehört, auch wenn sie es nicht immer glauben. Und ein Groß­teil der Bevöl­ke­rung ver­lässt sich eher auf eta­blierte Marken wie die „Tages­schau“, Sender wie die BBC oder auf ihre Lokal­zei­tung als auf zwei­fel­hafte „Exper­ten“, die manch ein Face­book-Beitrag nach oben schwemmt. Das lässt sich aus Medi­en­kon­sum-Studien wie dem Digital News Report ablesen.

Aber all das ist keine Selbst­ver­ständ­lich­keit. Auf­klä­rung tut also Not. Bislang funk­tio­niert das am besten in der jungen Genera­tion. Junge Leute betrach­ten „Fake News“ eher als Beläs­ti­gung denn als echte Gefahr. Viele von ihnen haben gelernt, sich durch die Abgründe des Inter­nets zu navi­gie­ren – um den Preis, dass sie allen Infor­ma­tio­nen mit grö­ße­rer Skepsis begeg­nen als die älteren Genera­tio­nen, inklu­sive dem Qua­li­täts­jour­na­lis­mus. Sie bringen sich das gegen­sei­tig bei oder lernen es in der Schule, wo es natür­lich die beste Infra­struk­tur für digi­tale Bildung gibt.

Anders geht es den Älteren. Sie sind einer­seits anfäl­li­ger für Falsch­mel­dun­gen, weil sie weniger über die Online-Welt wissen, ande­rer­seits aber auch ver­letz­li­cher, weil sie gezielt von Algo­rith­men als mut­maß­lich leichte Beute ange­steu­ert werden. Es ist erwie­sen, dass Senio­ren sehr viel häu­fi­ger Falsch­mel­dun­gen bekom­men und teilen als ihre Enkel. Bil­dungs­pro­gramme für die­je­ni­gen, die Schule und Uni­ver­si­tät bereits ver­las­sen haben, sind also exis­ten­ti­ell, wenn einem der auf­ge­klärte Umgang der Bevöl­ke­rung mit der Kom­mu­ni­ka­ti­ons- und Infor­ma­ti­ons­in­fra­struk­tur am Herzen liegt. Dies sollte und muss in allen Demo­kra­tien der Fall sein. Am Bei­spiel Finn­land lässt sich ablesen, dass das recht ordent­lich funk­tio­nie­ren kann. Eine 2014 begon­nene Auf­klä­rungs­kam­pa­gne über „Fake News“ war so erfolg­reich, dass CNN in einem Feature bereits tri­um­phierte: „Finn­land is winning the war on fake news“. Selbst aus Sin­ga­pur seien Regie­rungs­ver­tre­ter ange­reist, um das Erfolgs­re­zept zu kopie­ren. Aber auch anderswo gibt es gute Initia­ti­ven für genera­tio­nen­über­grei­fende digi­tale Bildung, zum Bei­spiel in Tsche­chien.

Dort, wo diese Auf­klä­rung nicht exis­tiert, ist die Wahr­schein­lich­keit groß, dass Regie­run­gen gar kein Inter­esse an der digi­ta­len Mün­dig­keit ihrer Bürger haben. Eine ver­wirrte Öffent­lich­keit ist anfäl­li­ger für ein­fa­che, popu­lis­ti­sche Inter­pre­ta­tio­nen der Lage, eine kri­ti­sche Presse und unan­ge­nehme Fakten stören so manch einen Amts­trä­ger nur. Digi­tale Bildung darf deshalb nicht nur in der öffent­li­chen Hand liegen. Wer dazu bei­trägt, dient der Demo­kra­tie. Unab­hän­gige Medien zum Bei­spiel können gar nicht genug dafür tun.

Diese Kolumne erschien am 20. Dezember 2020 bei Zentrum Liberale Moderne